mini|Il Guercino: Allegorie des Disegno und der Malerei, um 1640; Getty Center Disegno (ital., von lat. designare bezeichnen, zeichnen, im Umriss darstellen) ist ein grundlegender Begriff der Kunsttheorie der Renaissance, der sowohl die Zeichnung als Abbild der künstlerischen Idee als auch den Entwurf des geistigen Konzepts im religiösen Sinne umfasst.
Begriffsklärung Giorgio Vasari führte für die drei Künste des disegno – Malerei, Bildhauerei und Architektur − den Begriff arti del disegno ein. Durch die Zeichnung des disegno lässt sich erstens „die Inspiration des Künstlers in diesem Medium mit der Inspiration des Dichters vergleichen“, zweitens ist eine Form der Werkstattorganisation möglich, was heißt, viele Arbeitskräfte können „an einem gemeinsamen Werk auf der Grundlage einer Zeichnung ihres Meisters arbeiten“, drittens eignet sich der disegno „als Mittel der Kommunikation mit den Auftraggebern, den Kardinälen und Fürsten.“Matteo Burioni (Hrsg.): Giorgio Vasari. Einführung in die Künste der Architektur, Bildhauerei und Malerei. Die künstlerischen Techniken der Renaissance als Medien des disegno. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin o. J., S. 7.
Der disegno ist ein zentraler Begriff der Kunsttheorie der Renaissance in Italien und des Neoklassizismus, der es erlaubt, die bildenden Künste von den Handwerken abzuheben. Er entwickelt sich zwischen Anfang des 15. bis Ende des 16. Jahrhunderts zu einer eigenständigen Kategorie.
Er wird mit dem heutigen Begriff der Zeichnung nicht sinnvoll übersetzt, da sich dieser auch ableiten lässt von Zeichen, wie ihn Roland Barthes in L’Empire des signes definierte: Zeichnung – Zeichen – Strich, also eine Manifestation, ein performativer Akt des Körpers. Der in der Renaissance geprägte Begriff des disegno bezeichnet kein beliebiges Zeichnen oder Entwerfen. Vielmehr verstand man darunter eine Form gewordene Idee, die durch Imagination und durch eine lineare Zeichnung zu Papier gebracht wurde.Jan Hoet: Disegno. In: Robert Kudielka, Michael Schoenholtz, Inge Zimmermann (Vorw.): aus. gezeichnet. zeichnen. Eine Ausstellung der Sektion Bildende Kunst. Akademie der Künste, 25. April bis 14. Juni 2009, S. 69.
Erst Federico Zuccari unterschied zwischen disegno interno, der Idee des Kunstwerks, und disegno externo, der Realisierung durch den Künstler. Die maßgebliche Kunsttheorie der Zeit sieht im disegno das herausragende Mittel, in dem sich die Idee Gottes konkretisieren soll. Insbesondere der Einfluss der Säkularisation und der Kunstakademie im 19. Jahrhundert reduziert den ursprünglich halb religiösen, halb wissenschaftlichen Renaissancebegriff des disegno auf die Qualität eines Hilfsmittels im Sinne eines Vorstudiums zu wirklichen Werken.
Geleitet von dieser Vorstellung gründete man 1563 in Florenz die Accademia delle Arti del Disegno, die bis heute fortbesteht.
Zitate
Literatur Erwin Panofsky: Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der älteren Kunsttheorie. . 3. Aufl. Berlin 1976, ISBN 3-7769-0144-6. Wolfgang Kemp: Disegno. Beiträge zur Geschichte des Begriffs zwischen 1547 und 1607. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, Band 19 (1974), S. 219–240. (online) Robert Kudielka, Michael Schoenholtz, Inge Zimmermann (Vorw.): aus. gezeichnet. zeichnen. Eine Ausstellung der Sektion Bildende Kunst. Akademie der Künste, 25. April bis 14. Juni 2009, ISBN 978-3-88331-127-2. Karl Möseneder: Michelangelos „Jüngstes Gericht“. Über die Schwierigkeit des Disegno und die Freiheit der Kunst. In: Ders., Hrsg.: Streit um Bilder. Von Byzanz bis Duchamp. Dietrich Reimer, Berlin 1997, ISBN 3-496-01169-6, S. 95–118.
Weblinks Albert Boesten: Über den Zusammenhang von Stil und Bedeutung in der Malerei Giorgiones. (PDF; 2,2 MB) Dissertation Freiburg 1987, S. 11, 57, 60. Steffi Roettgen: Venedig oder Rom – Disegno e Colore. Ein Topos der Kunstkritik und seine Folgen. (PDF; 277 kB) S. 8. Giorgione, Tizian. Prado
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte der Bildenden Kunst Kategorie:Kunsttheorie Kategorie:Italienische Renaissance Kategorie:Neoklassizismus