Nieder-Weisel ist ein Stadtteil von Butzbach im hessischen Wetteraukreis, am nordöstlichen Übergang des Taunus zur Wetterau.
Geographische Lage Nieder-Weisel (179 m ü. NN) liegt südlich von Butzbach in der Wetterau in Hessen. Westlich liegt der Stadtteil Hoch-Weisel mit 252 m ü. NN erheblich höher. Im Osten wird es durch die Autobahn A5 von Frankfurt am Main Richtung Kassel begrenzt. Nach Süden liegt Ober-Mörlen. Zu Nieder-Weisel gehört die Waldsiedlung, die geographisch direkt an das Stadtgebiet Butzbachs grenzt.
Geschichte mini|hochkant|Turm der Dorfkirche in Nieder-Weisel
Ortsgeschichte Nieder-Weisel ist seit der Bandkeramik fast ununterbrochen Siedlungsgebiet. Der heutige Ort entstand etwa im 6. und 7. Jahrhundert. Vermutlich wurde Nieder-Weisel erstmals 772 unter dem Namen „Wizele“ urkundlich erwähnt. Eine Trennung zwischen Nieder- und Hoch-Weisel fand damals noch nicht statt. Im 12. Jahrhundert kam Nieder-Weisel zum Besitztum der Herren von Arnsburg-Münzenberg. Reichskämmerer Kuno I. von Münzenberg stattete den Johanniterorden nach 1185 großzügig mit Gütern in und um Nieder-Weisel aus. Dies führte zur Gründung der Kommende in Nieder-Weisel.
Aus dem 12. Jahrhundert stammt der Turm der Dorfkirche. Diese hat einen, noch heute erkennbaren, wehrhaften Charakter. Das heutige Kirchenschiff wurde im 17. Jahrhundert fertiggestellt. mini|links|Komturkirche in Butzbach Nieder-Weisel aus dem 12. oder 13. Jahrhundert Ungefähr ab 1195 wurde in Nieder-Weisel die romanische Komturkirche des Johanniterordens errichtet. Die Kirche findet sich 1245 erstmals in schriftlichen Urkunden über die Errichtung der Kommende. Die Kommende wurde endgültig ab 1557 evangelisch. Im Mittelalter wurde das Obergeschoss der zweigeschossigen Kirche nie fertiggestellt, vermutlich weil der Förderer der Kommende, Kuno I., verstarb. Um 1550 stockte der Johanniterorden das Obergeschoss aus eigenen Mitteln auf. Der Bau wurde erst im 19. Jahrhundert nach der Rückgabe an den Johanniterorden restauriert und vollendet. Die Übergänge vom alten Bauabschnitt zum neuen sind deutlich erkennbar, da die Fertigstellung mit Bruchsteinen erfolgte, während das Untergeschoss aus behauenen Steinen mit Steinmetzarbeiten ausgeführt wurde.
Nieder-Weisel lag an dem mittelalterlichen Handelsweg Weinstraße (Wagenstraße) von Frankfurt-Höchst nach Bremen bzw. Lübeck. Die Weinstraße teilte sich zwischen Höchst und Butzbach den Verlauf mit der durch die langen Hessen genannten Handelsstraße von Frankfurt nach Eisenach.
Am 6. Mai 1761 wurden 54 Häuser, 74 Scheunen und 75 größere Ställe Opfer eines Brandes entlang der Straße aus Butzbach. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden.
Bis 1806 blieb der Malteserorden Eigentümer der Kommende, zu der auch die Komturkirche und landwirtschaftliche Nutzflächen bis nach Lich und Wetzlar gehörten. Mit der Rheinbundakte fielen die Besitzungen an das Großherzogtum Hessen.L. Ewald: Beiträge zur Landeskunde. In: Grossherzogliche Centralstelle für die Landes-Statistik (Hrsg.): Beiträge zur Statistik des Grossherzogthums Hessen. Jonghaus, Darmstadt 1862, S. 56, Buchstabe Q. Das Gut und die Kirche wurden 1811 von Freiherr von Wiesenhütten gekauft, das Erdgeschoss der Kirche nutzte er als Kuhstall. Die Enteignung der Johanniter hatte erhebliche wirtschaftliche Folgen für die Nieder-Weiseler Bauern, bewirtschafteten sie doch bis dahin die Güter des Ordens als Pächter. Der Freiherr ließ nun sein Gut selbst bewirtschaften, und dies führte zu einer großen Auswanderungswelle. Die Einwohnerzahl sank von ca. 2300 im Jahr 1849 bis auf ca. 1300 im Jahr 1893.
1864 sollte die Kirche abgerissen werden. Der evangelische Pfarrer in Nieder-Weisel, Wilhelm Kayser, konnte den Abriss 1866 gerade noch verhindern. mini|Ehem. Krankenhaus des Johanniterordens
Die hessische Genossenschaft des Ordens erhielt die Kirche 1867 vom hessischen Fiskus geschenkt. Ab 1868 restaurierte Hugo von Ritgen sie im Auftrag des Ordens. Dieser kaufte 1869 auch das ehemalige Gutshaus zurück. Es wurde von 1870 bis 1973 als Krankenhaus genutzt. Heute ist es das Ordenshaus der hessischen Genossenschaft.
In den Jahren 1851 bis etwa 1875 wanderten über 300 Familien oder Personen aus Nieder-Weisel nach Victoria in Australien aus, um nach dem dort ausgebrochenen Goldrausch Arbeit und Einkommen zu finden. Zur Erinnerung an die Auswanderer wurde im Jahr 2010 eine mit Spenden finanzierte Gedenktafel im Kirchhof der Pfarrkirche enthüllt.
Am 18. Juni 1893 brannte es verheerend in der Hintergasse; bei diesem Brand wurde auch die Pfarrkirche beschädigt. In der Folge wurde die noch heute aktive Freiwillige Feuerwehr Nieder-Weisel mit Unterstützung der Gemeindeverwaltung am 28. Dezember 1893 gegründet.
Die 1835 erbaute Synagoge wurde während der Novemberpogrome 1938 geschändet und geplündert. Die Ruine wurde abgerissen und mit einem Wohnhaus überbaut.Die Synagoge in Nieder-Weisel bei Alemannia Judaica
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Heimatvertriebene in Nieder-Weisel angesiedelt und die Waldsiedlung als eigener, jedoch von der Ortsmitte Nieder-Weisels mehrere Straßenkilometer entfernter Ortsteil gegründet. Die Siedlung grenzt mittlerweile unmittelbar an die Kernstadt Butzbach.
Im Jahr 1961 wurde in der Komturkirche in Nieder-Weisel die Allianz der Orden vom Hl. Johannes gegründet. Mitglieder der Allianz sind die Balley Brandenburg (Deutschland), The Most Venerable Order of St. John (Großbritannien), Johanniter Orde in Nederland (Niederlande) und Johanniterorden i Sverige (Schweden).
Hessische Gebietsreform (1970–1977) Zum 31. Dezember 1970 erfolgte im Zuge der Gebietsreform in Hessen auf freiwilliger Basis die Eingemeindung der bis dahin selbständige Gemeinde Nieder-Weisels als Stadtteil nach Butzbach. Für Nieder-Weisel wurde, wie für alle Stadtteile von Butzbach, ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher gebildet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Nieder-Weisel angehört(e):
vor 1718: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Hohensolms, Amt Nieder-Weisel ab 1718: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Solms-Hohensolms-Lich, Amt Nieder-Weisel ab 1806: Großherzogtum Hessen (Souveränitätslande),Mediatisierung infolge der Rheinbundakte. Fürstentum Oberhessen, Amt Nieder-Weisel (des Grafen Solms-Hohensolms-Lich) ab 1815: Provinz Oberhessen (Souveränitätslande), Amt Nieder-Weisel (des Grafen Solms-Hohensolms-Lich) ab 1820: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Nieder-WeiselPatrimonialgericht: Standesherrliches Amt Nieder-Weisel des Grafen Solms-Hohensolms-Lich. ab 1822: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk HungenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Lich; 1822 gingen die Rechte des „standesherrlichen Amts Nieder-Weisel“ an das Landgericht über, wo sie im Namen der Standesherren ausgeübt wurden) und Verwaltung. ab 1837: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Friedberg ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Friedberg ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Friedberg ab 1867: Norddeutscher BundDer Norddeutsche Bund war der erste deutsche Bundesstaat unter der Führung Preußens. Er war die geschichtliche Vorstufe des Deutschen Reichs. Infolge des Deutschen Krieges wurde die Provinz Oberhessen dort zwangsweise Mitglied. Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Friedberg ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Friedberg ab 1918: Deutsches Reich (Weimarer Republik), Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Friedberg ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Landkreis FriedbergIm Zuge der Gebietsreform 1938 wurde die Provinz Oberhessen aufgelöst. ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone,Infolge des Zweiten Weltkriegs. Groß-Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Friedberg ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Friedberg ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Friedberg ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Landkreis Friedberg, Stadt Butzbach ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Darmstadt, Wetteraukreis, Stadt Butzbach
Gerichte seit 1803 In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für das Fürstentum Oberhessen (ab 1815 Provinz Oberhessen) wurde das „Hofgericht Gießen“ eingerichtet. Es war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen und somit war für Nieder-Weisel ab 1806 das „Patrimonialgericht der Grafen Solms-Hohensolms-Lich“ in Nieder-Weisel zuständig. Nach der Gründung des Großherzogtums Hessen 1806 wurden die Aufgaben der ersten Instanz 1821–1822 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Land- bzw. Stadtgerichte übertragen. Ab 1822 ließen die Grafen Solms-Hohensolms-Lich ihre Rechte am Gericht durch das Großherzogtum Hessen in ihrem Namen ausüben. „Landgericht Lich“ war daher die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht, das für Nieder-Weisel zuständig war. Auch auf sein Recht auf die zweite Instanz, die durch die Justizkanzlei in Hungen ausgeübt wurde verzichtete der Graf 1823. Erst infolge der Märzrevolution 1848 wurden mit dem „Gesetz über die Verhältnisse der Standesherren und adeligen Gerichtsherren“ vom 15. April 1848 die standesherrlichen Sonderrechte endgültig aufgehoben. Zu Beginn des Jahres 1837 wurde Nieder-Weisel mit Hausen-Oes dem Landgericht Friedberg zugeteilt.Bekanntmachung, die Zutheilung der Orte Södel und Niederweisel mit Hausen und Oes zu dem Kreise und dem Landgericht Friedberg betr. vom 30. November 1836 () Nieder-Weisel mit Hausen-Oes wurde zum 1. Juli 1840 vom Landgericht Friedberg abgetrennt und bildeten mit weiteren Gemeinden den Bezirk des neu errichteten Landgerichts Butzbach.Bekanntmachung, die Errichtung eines neuen Landgerichts zu Butzbach betreffend vom 1. Juni 1840 (Hess. Reg.Bl. S. 195–196)
Anlässlich der Einführung des Gerichtsverfassungsgesetzes mit Wirkung vom 1. Oktober 1879, infolge derer die bisherigen großherzoglichen Landgerichte durch Amtsgerichte an gleicher Stelle ersetzt wurden, während die neu geschaffenen Landgerichte nun als Obergerichte fungierten, kam es zur Umbenennung in „Amtsgericht Butzbach“ und Zuteilung zum Bezirk des Landgerichts Gießen. 2004 wurde das Amtsgericht Butzbach aufgelöst und in das Amtsgericht Friedberg integriert.
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011
Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Nieder-Weisel 2394 Einwohner. Darunter waren 141 (5,9 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 450 Einwohner unter 18 Jahren, 1053 zwischen 18 und 49, 483 zwischen 50 und 64 und 408 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 1011 Haushalten. Davon waren 315 Singlehaushalte, 273 Paare ohne Kinder und 315 Paare mit Kindern, sowie 81 Alleinerziehende und 27 Wohngemeinschaften. In 186 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 787 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung
Religion
1961 wurden 1906 evangelische (= 78,63 %) und 460 katholische (= 18,98 %) Einwohner gezählt.
Bis 1938 gab es in Nieder-Weisel neben der evangelischen Gemeinde eine jüdische, deren Synagoge sich ab 1835 in der Weingartenstraße 1 befand. Die jüdische Bevölkerung machte bis zu 6 % aus. Heute erinnern daran der jüdische Friedhof sowie 13 Stolpersteine in Nieder-Weisel.Stolpersteine in Nieder-Weisel