mini|hochkant=1.3|Die Kapelle Carl Weber bei ihrer Nordamerikareise 1882/83 Das Westpfälzer Wandermusikantentum war ein Wandergewerbe, das sich etwa ab 1830 in einem Teilgebiet der Westpfalz, das heute Musikantenland genannt wird, entwickelte. Die Blütezeit lag zwischen 1850 und dem Ersten Weltkrieg. In dieser Zeit zogen mehrere tausend Musikanten durch die gesamte Welt und verdienten den Lebensunterhalt für sich und ihre Familien.
Geschichte Entstehung Die Westpfalz gehörte von jeher zu den landwirtschaftlich benachteiligten Regionen, Verkehrsanbindungen zu den Industriezentren waren im beginnenden 19. Jahrhundert nicht vorhanden, Missernten wie die von 1816/17 oder 1831 lösten regelmäßig Hungersnöte aus. Negativ für die Region wirkte sich auch der Rückgang des Bergbaus an Königsberg und Potzberg aus. Ausweg aus dieser Not war für viele Familien, entweder auszuwandern oder sich als Wanderarbeiter in den besser gestellten Regionen Europas zu verdingen. Der wirtschaftliche Aufschwung in Frankreich während der Herrschaft Napoleons zog zum Beispiel viele Deutsche nach Südfrankreich, wo sie Arbeit in den Häfen fanden. Gleichzeitig entwickelten sich Wandergewerbe verschiedener Berufszweige, die in Heimarbeit hergestellte Produkte auswärts verkauften, zum Beispiel Bürsten und Besen aus Ramberg oder Schuhe aus der Pirmasenser Gegend.
Die Gründe, warum sich die Bewohner des späteren Musikantenlandes zwischen Kusel, Kaiserslautern, Rockenhausen und Meisenheim ausgerechnet der Darbietung von Musik widmeten, sind nicht genau bekannt. Man nimmt an, dass die Bedeutung des kurpfälzischen Hofes in Mannheim als Musikzentrum Europas im 18. Jahrhundert in diese Entwicklung hineinspielte. Auch Bergleute, die für den Abbau der Bodenschätze an Königsberg und Potzberg aus Sachsen, Thüringen oder dem Elsass angeworben worden waren und die in ihrer Freizeit die Volksmusik ihrer Heimat spielten, sollen zur Musikalität der Bewohner des Musikantenlandes beigetragen haben. Die Namen der Musikanten, die als erste musizierend umherwanderten und dadurch als Vorbilder gelten könnten, oder der Zeitpunkt ihrer ersten Reise sind unbekannt. Der während der Franzosenzeit eingeführte Code civil, der unter anderem die Gewerbefreiheit brachte, führte dazu, dass ab 1800 immer öfter die zusätzliche Berufsbezeichnung „Musikant“ zu finden ist.
In den Anfangszeiten spielten die ersten Musikanten noch auf Kirchweihen oder anderen Festen in der Umgebung oder im benachbarten Ausland. Nachdem es sich wirtschaftlich offensichtlich lohnte, schlossen sich ab etwa 1830 immer mehr Kapellen zusammen, sodass auch das Reisegebiet ausgedehnt werden musste. Man bereiste anfangs vor allem die Gegenden, in denen viele Deutsche als Auswanderer oder Wanderarbeiter lebten, und kam bis Südfrankreich oder Spanien.
Die Zahl der Pässe, die für die Auslandsreisen ausgestellt wurden, stieg von Jahr zu Jahr. Auch die Bayerische Landesregierung – die Pfalz gehörte seit dem Wiener Kongress zum Königreich Bayern – wurde auf die wachsende Zahl der Musikanten aufmerksam. Da jedoch die wirtschaftliche Not in der Westpfalz gelindert wurde, beschloss man, nicht dagegen vorzugehen. Einzig schulpflichtigen Kindern, die immer öfter ihre Väter oder Verwandten begleiteten, wurde das Reisen verboten.
Die „größten“ MusikantendörferWestpfälzer Musikantenmuseum Mackenbach Ort Anzahl derMusikanten Jettenbach 532 Mackenbach 427 Eßweiler 284 Wolfstein 227 Rothselberg 226
Die Blütezeit Ab 1850 waren es zunehmend ausgebildete Musiker, die in den Kapellen spielten. Die Kapellen bereisten nun das gesamte europäische Ausland und zogen auch nach Übersee – Asien, Australien, Afrika und vor allem Amerika waren lohnende Ziele. Überall waren sie als „Mackenbacher“ bekannt, auch wenn sie aus anderen Orten stammten: Mackenbach war jedoch ein typisches Musikantendorf, in dem zeitweise ein Viertel der Bevölkerung musikalisch tätig war. Die Zahl der Musiker und Kapellen stieg stetig an. Allein im Jahr 1909 wurden für den Bezirk Kusel anhand der Passanträge 1043 reisende Musikanten ermittelt. Da zu dieser Zeit in einige Länder auch ohne Reisepass gereist werden konnte – in England waren lediglich 100 Goldmark und ein gültiger Arbeitsvertrag vorzuzeigen –, wird angenommen, dass um die Jahrhundertwende jedes Jahr um die 2500 Musikanten unterwegs waren.
Mit der Zeit wurden die Musiker professioneller und ihre Ausbildung besser. In den englischen Seebädern verbrachten wohlhabende Bürger die Sommermonate. Die westpfälzischen Musikanten waren dort willkommen, sofern sie sich den gestiegenen Ansprüchen des Publikums anpassten. Um in den Bädern und Kurorten engagiert zu werden, waren die gewöhnliche Straßenkleidung gegen Uniformen zu tauschen und die aktuellen Stücke bekannter Komponisten ins Repertoire aufzunehmen. Zur Verständigung mit Arbeitgebern und Amtspersonen musste zumindest der Kapellmeister Fremdsprachen beherrschen. Hubertus Kilian sprach beispielsweise Englisch und Französisch und verstand Italienisch und Spanisch. Es gab auch weiterhin Kapellen, die zu Fuß von Ort zu Ort durch die Auswanderergegenden zogen und auf Plätzen musizierten; die Erlöse allein aus den Straßenauftritten waren jedoch geringer. Wer sich nicht verständigen konnte und bloß pfälzische Volksmusik im Programm hatte, konnte nicht auf feste Anstellungen hoffen. Ein anderes, krisensicheres Betätigungsfeld war der Zirkus, der auch nach dem Ersten Weltkrieg für einige Musiker noch Arbeitsmöglichkeiten bot. Im 19. Jahrhundert entwickelten sich große Zirkusbetriebe, die manchmal mehrere Kapellen unterhielten. Der Bedarf an Musikern war groß, und viele Pfälzer, vor allem aus Mackenbach, fanden bei Hagenbeck, Sarrasani oder Busch gut bezahlte Anstellungen.
In den Heimatorten entwickelte sich der Instrumentenbau als florierender Industriezweig, die Geschäfte der Tuchmacher, Färber und Schneidereien blühten. Die Musik brachte der einst verarmten Region Wohlstand, viele Musiker kehrten, teilweise nach jahrelanger Abwesenheit, als wohlhabende Männer zurück.
Das Ende mini|Die Kapelle von Hubertus Kilian in China (1863/64) Mit Beginn des Ersten Weltkriegs begann das Ende für das Wandermusikantentum, das gerade seinen absoluten Höhepunkt erreicht hatte. Viele Männer mussten in den Krieg ziehen, die meisten Arbeitsmöglichkeiten für Musiker fielen weg, die Grenzen zum Ausland waren versperrt. Musiker, die während einer Auslandsreise vom Kriegsbeginn überrascht wurden, wurden an der Heimreise gehindert. Rudolf Mersy aus Aschbach wurde bis 1920 in Lagern in Australien und Neuseeland interniert, Otto Schwarz aus Hinzweiler und seine Kapelle, die zuvor mehrere Jahre in England lebten, auf der Isle of Man.
Nach dem Krieg war Deutschen die Einreise in nahezu alle Länder zunächst verboten; eine Ausnahme bildeten die Niederlande. Nachdem die Not der Nachkriegszeit überstanden war und das kulturelle Leben wieder aufblühte, bekamen die Wandermusiker zunehmend Konkurrenz durch Schallplatte, Radio und Tonfilm; das Gewerbe konnte nie mehr an seine Blütezeit anknüpfen. Allenfalls als Zirkusmusiker konnten einige Wandermusiker ihren Beruf noch eine Zeit lang fortführen. Manche Musiker blieben auch im Ausland, vor allem in den USA, und machten dort weiterhin Musik. Bill Henry, eigentlich Heinrich Jacob aus Mackenbach, engagierte 1932 für seine Kapelle den damals am Anfang seiner Karriere stehenden Frank Sinatra.
1935 wurden die verbleibenden hauptberuflich tätigen Wandermusikanten der Pfalz in die Reichsmusikkammer aufgenommen. Voraussetzung einer beruflichen Wandertätigkeit war, dass die Kapellen aus mindestens sieben Mitgliedern bestand. Sie mussten Prüfungen ablegen und benötigten einen verantwortlichen Leiter, dem durch den Landesleiter Saar-Pfalz der Reichsmusikkammer ein Gruppenausweis ausgestellt wurde. 1938 fanden in Mackenbach und Lauterecken musikalische Leistungsprüfungen statt, bei denen insgesamt 30 Kapellen geprüft wurden. Mit Wirkung zum 1. April 1939 wurde der Erlass über die Mitgliedschaft der Wandermusikanten durch die Reichsmusikkammer aufgehoben, da ihre Tätigkeiten „nicht als Verbreitung musikalischen Kulturgutes angesehen“ wurden. Damit endete das Wandermusikantentum in der Westpfalz.
Im Jahr 2023 wurde zur Erinnerung in Mackenbach der Osterbubenweg, ein Wanderweg mit insgesamt 8,2 Kilometer rund um die Mackenbacher Gemarkung eröffnet.
Die Musiker Ausbildung der Musiker Das Repertoire der Kapellen verlangte vom einzelnen Musiker, dass er mehrere Instrumente spielen konnte; in der Regel musste man neben einem Blasinstrument auch ein Streichinstrument beherrschen. Es gab in der Pfalz keine Musikschulen, der Jettenbacher Pfarrer Schowalter versuchte vor dem Ersten Weltkrieg vergebens, eine solche Einrichtung politisch durchzusetzen. Die Ausbildung erfolgte darum ähnlich wie im Handwerk: Der Lehrling ging mehrere Jahre bei einem Meister, einem erfahrenen Wandermusikanten, in die Lehre. Die bekanntesten Lehrmeister waren Ludwig Christmann aus Kaulbach, Jakob und August Rech aus Etschberg sowie Ludwig Jacob aus Mackenbach, der auch „Gorlhauser Lui“ genannt wurde, da er in Godelhausen aufgewachsen war. mini|Die Kapelle von Michael Schröck aus Jettenbach in Russland, um 1895 Die Ausbildung begann noch während der Schulzeit, der Schüler musste mehrmals in der Woche zum Musikunterricht. Die erste Reise der jungen Musikanten – „Osterbuben“ genannt, weil sie zu Ostern gerade aus der Schule entlassen worden waren – erfolgte oft mit dem Vater oder einem nahen Verwandten. Damit wurde dem Heimweh vorgebeugt, andererseits aber auch verhindert, dass die jungen Menschen in die Hände gewissenloser Kapellmeister fielen, die sie ausbeuteten.
Mit der ersten Reise begann die eigentliche Ausbildungszeit der Musiker. Zwei bis drei Jahre lang durften die jungen Musiker meist ausschließlich Begleitstimmen spielen, man nannte das „abstoßen“ oder „abknuppen“. Dabei entschied sich, ob jemand begabt genug war, um Solist zu werden, oder ob er weiterhin als Begleitmusiker im Hintergrund bleiben musste. Viele Musikanten gaben die Musik denn auch schnell auf, wenn sie einen für sich geeigneteren Arbeitsplatz fanden, und machten bloß wenige Reisen mit. Die begabtesten Musikanten nahmen bei jeder sich bietenden Gelegenheit bei guten Lehrern ihres Instrumentes, oftmals im Ausland, weiteren Unterricht.
Eine weitere Ausbildungsmöglichkeit bot sich mit der Militärzeit. Ein Regimentsmusiker konnte nicht nur die Beherrschung seines Instrumentes verbessern, er erhielt auch Einblick in ein breiteres Musikspektrum und in die Möglichkeiten zu dessen Arrangement. Dies erwies sich für die spätere Zeit als Wandermusikant als nützlich bei der Auswahl und Interpretation der Stücke.Paul Engel: Das westpfälzer Wandermusikantentum im Lichte wissenschaftlicher Untersuchung. In: Erich Weingart, Paul Kaps: Zum Beispiel – Der Landkreis Kusel. Pfälzische Verlagsanstalt, 1985, S. 157–176. Eine solche Ausbildung erhielt zum Beispiel Hubertus Kilian aus Eßweiler, als er seine Militärzeit 1852 bei einem Infanteriebataillon in Kaiserslautern ableistete.
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