Die Geschichte Haitis umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Haiti von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Der Karibikstaat Haiti umfasst heute die Westhälfte der Insel Hispaniola. Haiti war das erste Land Lateinamerikas, das sich aus dem Status einer Kolonie, in diesem Falle Frankreichs, befreite und 1804 die Unabhängigkeit erlangte. Nach den USA war Haiti zudem der zweite Staat des amerikanischen Kontinents, dem dies aus eigener Kraft – durch die Haitianische Revolution – gelang. Zur Geschichte des Landes gehören weiterhin über 200 Jahre spanischer Kolonialherrschaft (1492–1697), die das Land mit der Dominikanischen Republik auf der Osthälfte der Insel teilt, sowie 300 Jahre Sklaverei für die Mehrheit der Bevölkerung, die nach Ausrottung der indigenen Bevölkerung überwiegend aus zwangsweise aus Afrika verschleppten Menschen bzw. deren Nachkommen bestand. Erst im 17. Jahrhundert begann der Einfluss Frankreichs auf dem Gebiet des heutigen Haiti die spanische Herrschaft zu verdrängen und schließlich zu ersetzen. Ab diesem Zeitpunkt trennten sich auch die Entwicklungslinien des östlichen (spanisch geprägten) und des westlichen (haitianischen) Teils der Insel Hispaniola, womit die Geschichte Haitis im engeren Sinn beginnt. mini|hochkant=2|Gebietsentwicklung von Haiti
Die indigene Urbevölkerung Zur Geschichte der Taino siehe Abschnitt Die Geschichte der Taíno auf Hispaniola im Artikel Taino mini|Hölzerner Stuhl der Tainos von Hispaniola, etwa 1000–1500 n. Chr. Die Größe der indigenen Urbevölkerung der Insel Hispaniola zum Zeitpunkt der Ankunft der ersten Europäer unter dem Kommando von Christoph Columbus 1492 wird auf 300.000 bis zu einer Million Menschen geschätzt. Die meisten dieser Indianer gehörten zum Volk der Taíno, die zu den Arawak gerechnet werden. Im später haitianischen Teil lebte zudem eine kleine Gruppe der Ciboney, die bekannteren Kariben siedelten im später dominikanischen Teil.
Die Vorfahren der Taino waren um 250 nach Hispaniola eingewandert und beherrschten die Insel bei Ankunft der Europäer aufgeteilt in fünf Häuptlingstümer, von denen Guacanagari und Behechio sich auf dem haitianischen Teil befanden.Nicholas J. Saunders: The Peoples of the Carribbean: An Encyclopedia of Archaeology and Traditional Culture. ABC-CLIO, 2005: xi, xv. ISBN 978-1-57607-701-6 s. hier.
Die von den spanischen Eroberern eingeschleppten Seuchen, insbesondere die Pocken, führten zu einem Massensterben der indianischen Urbevölkerung, das 1503 eingeführte System der Zwangsarbeit („Encomienda“) beschleunigte die „Ausrottung“ der Taino. 1519 bis 1533 erhoben sich die angeblich nur noch 4000 Überlebenden unter ihrem von den Spaniern Enriquillo genannten Anführer gegen die spanische Herrschaft. Sie konnten einen Vertrag mit den Spaniern durchsetzen, der die De-facto-Versklavung der Taino beendete. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten dennoch nur noch wenige hundert Taino und seit Ende des 16. Jahrhunderts galten sie als völlig vernichtet.
Von der spanischen zur französischen Kolonialherrschaft Zur Geschichte des Gebiets vor der Eigenstaatlichkeit Haitis siehe den
Die militärische Eroberung der Insel durch die Spanier war wenige Jahre nach der Ankunft von Columbus abgeschlossen und im Jahr 1501 führten sie den Zuckerrohranbau, durch Zwangsarbeit und Sklaverei betrieben, auf der Insel ein. Ab 1503/1505 wurden Afrikaner als Sklaven nach Hispaniola verschleppt, 1542 lebten daher neben 200 Indios und 5000 Spaniern 30.000 schwarze Sklaven auf der Insel.Howard W. French: Afrika und die Entstehung der modernen Welt: Eine Globalgeschichte, Klett-Cotta, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-608-98667-9, S. 394
Hatte Columbus die erste Siedlung in der Karibik, La Navidad, noch im später haitianischen Teil Hispaniolas errichtet, fanden die nächsten Gründungen im Ostteil der Insel statt. Bald wurde die im Osten liegende Stadt Santo Domingo zur Hauptstadt der Insel und der Schwerpunkt spanischen kolonialen Interesses verlagerte sich dorthin. Das Auftauchen französischer, niederländischer und britischer Freibeuter vor den Küsten Hispaniolas bewog die Spanier dazu, sich in den größeren Siedlungen des Ostens und Südens der Insel zu konzentrieren.
mini|Karte des französischen Saint Domingue von 1789 Ab 1625 setzten sich daher französische und englische Seeräuber (Bukanier oder Filibustier genannt) auf der zum heutigen Haiti gehörenden Insel Île de la Tortue (englisch Isle of Tortuga, „Schildkröteninsel“) und den verlassenen Küsten des Westens fest. Sie lebten dort von Überfällen auf spanische Schiffe und der Jagd auf die Tiere der Insel. Zwar zerstörten die Spanier mehrere Male ihre Siedlungen dort, sie kehrten jedoch immer wieder zurück. 1659 schließlich erkannte der französische König Ludwig XIV. erstmals eine Siedlung auf Tortuga offiziell an. Etwa zeitgleich hatten französische Hugenotten begonnen, auf dem Nordteil der Insel zu siedeln. 1670 wurde mit Cap François (später Cap Français, heute Cap-Haïtien) auf der Hauptinsel die erste größere französische Siedlung gegründet.Richard A. Haggerty: Haiti, A Country Study: French Settlement and Sovereignty. US Library of Congress, 1989 countrystudies.us Abgerufen am 18. Januar 2009. Diese erste französische Kolonie wurde zwar 1686 durch die Spanier zerstört, aber bereits 1691 neu gegründet. 1697 schließlich erkannte Spanien im Frieden von Rijswijk die französische Herrschaft über den nun Saint Domingue genannten Westteil Hispaniolas an.Walter Adolphe Roberts: The French in the West Indies. Bobbs-Merrill, Indianapolis 1942, S. 125. 1776 wurde die Grenze zwischen dem spanischen und dem französischen Hispaniola festgelegt, die im Wesentlichen der heutigen Grenze zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik entspricht. Im Frieden von Basel 1795 überließ Spanien auch den östlichen Teil der Insel („Santo Domingo“) Frankreich, das dort jedoch seine Autorität nie tatsächlich ausübte.
Herren, Sklaven, Maroons und Mulatten im französischen Saint Domingue mini|hochkant|Der Code noir Saint Domingue / Haiti erlebte vom späten 17. Jahrhundert bis zum Beginn der Haitianischen Revolution 1790 eine außerordentliche wirtschaftliche Blütezeit, die auf der Ausbeutung von Sklaven für den Plantagenanbau von Zuckerrohr und Kaffee beruhte. In den 1780er Jahren kamen etwa 40 % des Zuckers und 60 % des Kaffees, der in Europa konsumiert wurde, aus Haiti. Zur Aufrechterhaltung der Zuckerproduktion, die Saint Domingue zeitweise zur reichsten Kolonie Frankreichs machte, wurden in großem Maße Menschen aus Afrika in die Sklaverei nach Haiti verschleppt. Am Vorabend der Haitianischen Revolution waren etwa 90 % der Bevölkerung von Saint Domingue schwarze Sklaven. Zeitweise wurden jährlich 40.000 Sklaven „importiert“.C. L. R. James: The Black Jacobins. Vintage Books, New York 1963, Pg. 55, Quellenangabe laut :en:History of Haiti. Die Mehrheit der Sklaven war in Afrika geboren, ihre Lebensumstände waren so schlecht, dass sich ihre Zahl nicht über die natürliche Geburtenrate nennenswert erhöhen konnte.
Um die Sklavenhaltung gesetzlich zu regeln, hatte Ludwig XIV. 1685 den Code Noir erlassen, durch den den Sklaven rudimentäre Menschenrechte zugestanden wurden und die weißen „Herren“ einerseits gewisse Verpflichtungen bezüglich der Versorgung der Sklaven erhielten und andererseits das Recht auf deren körperliche Bestrafung, wobei die üblichen Bestrafungen von Sklaven häufig von ungeheurer Grausamkeit waren. mini|Mackandal auf einer haitianischen Münze Pro Jahr entflohen durchschnittlich etwa 0,5 % der Sklaven (also Tausende im Lauf der Zeit) in die schwer zugänglichen Berge und lebten dort in Gemeinschaften sogenannter Maroons oder Cimarrones.Jason Daniels: Recovering the Fugitive History of Marronage in Saint-Domingue, 1770–1791. In: The Journal of Caribbean History, Jg. 46 (2012), S. 121–153, hier S. 130. Gelegentlich überfielen sie isolierte Plantagen. Es kam mehrfach zu örtlichen Sklavenaufständen. Der bekannteste Anführer eines solchen Aufstandes war ein gewisser François Mackandal, der nach sechs Jahren, die Tausende von Toten forderten, gefasst und in Cap-Francais öffentlich verbrannt wurde. Heute wird er in Haiti als Freiheitskämpfer geehrt. Die afrikanischen Sklaven brachten ihre Religion und Kultur mit nach Haiti. Das bekannteste Element der haitianischen Volkskultur, das dabei entstand, ist der Voodoo-Glaube, der sich aus dem westafrikanischen Vodun-Kult entwickelte.
1788 lebten in Haiti etwa 455.000 Menschen, von denen mehr als 400.000 Schwarze waren, 27.000 Weiße und knapp 22.000 Mulatten, also Menschen, die sowohl schwarze als auch weiße Vorfahren hatten. Mulatten der ersten Generation waren zumeist Kinder, die weiße Sklavenhalter mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten. Sie wurden üblicherweise in die Freiheit entlassen und bildeten bald eine gesellschaftliche Schicht zwischen weißen Herren und schwarzen Sklaven. Obwohl diese „gens de couleur“ gewissen Restriktionen unterlagen – u. a. durften sie keine Weißen heiraten, keine europäische Kleidung oder Waffen tragen, bestimmte Berufe waren ihnen verboten –, konnten sie Land erwerben und Sklaven halten. 1798 waren Mulatten und die kleine Gruppe freier Schwarzer Eigentümer von einem Drittel aller Plantagen und einem Viertel aller Sklaven Saint Domingues.
1789 kam fast die Hälfte des weltweit produzierten Zuckers aus der französischen Kolonie, die auch in der Produktion von Kaffee, Baumwolle und Indigo Weltmarktführer war.Andrian Kreye: Napoleons Schmach. Die Wurzeln des Elends liegen in der Vergangenheit. Haiti bezahlt immer noch für seine Befreiung vor 200 Jahren. Auch damals nahmen die Wichtigen der Welt den Insel-Staat nicht ernst. In: Süddeutsche Zeitung, 19. Januar 2010.
Die Haitianische Revolution
mini|hochkant|L'Ouverture auf einem 20 Gourdes Geldschein abgebildet mini|hochkant|Zeitgenössische Darstellung der Erklärung der Menschenrechte 1789 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Die Ideale der 1789 ausbrechenden Französischen Revolution mussten in einem Land, in dem fast 90 % der Bevölkerung als Sklaven die rudimentären Menschenrechte und weiteren 5 % (den Mulatten) die Gleichberechtigung mit der weißen Oberschicht verweigert wurden, eine besondere Sprengkraft haben. Die Mulatten probten als Erste den Aufstand im Namen der Menschenrechte, ohne allerdings für die Freiheit ihrer eigenen Sklaven einzutreten. Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer hingerichtet.
Der Aufstand der Sklaven begann am 22. August 1791Howard W. French: Afrika und die Entstehung der modernen Welt: Eine Globalgeschichte, Klett-Cotta, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-608-98667-9, S. 582 – ausgehend von der Region Plaine-du-NordAlejo Carpentier: The Kingdom of this World, Michigan State University, 14. Oktober 2013 unter der Führung des später als Nationalheld gefeierten François-Dominique Toussaint L’Ouverture – und ergriff bald die gesamte Kolonie; er gilt als Beginn der Haitianischen Revolution. Im Verlauf dieser Revolution kam es zu Massakern an der weißen Bevölkerung, zur Abschaffung, Wiedereinführung und erneuten Abschaffung der Sklaverei, zur französischen Invasion der Insel, zur Vertreibung der französischen Truppen durch die schwarzen Generäle, zum Bürgerkrieg zwischen Schwarzen und Mulatten sowie zur Besetzung und späteren Räumung des spanischen Teiles der Insel. An ihrem Ende stand die Proklamation des unabhängigen Staates Haiti („bergiges Land“ in der Sprache der Taíno) 1804., Duke University, 1. April 2010.
Haiti bis zur Unabhängigkeit der Dominikanischen Republik
mini|Die Citadelle La Ferrière, zu ihrer Zeit der größte Festungsbau außerhalb Europas
Am 1. Januar 1804 proklamierte Jean-Jacques Dessalines die Unabhängigkeit von Saint Domingue (gefeiert wird heute in Haiti der Tag der Verfassungsgebung, der 9. Mai 1801, als Unabhängigkeitstag). Am selben Tag besetzten französische Truppen Santo Domingo, wo die Sklaverei wieder eingeführt wurde. Praktisch wurde damit nur der Westteil Hispaniolas unabhängig.