Die Spätromantik bezeichnet chronologisch die letzte Phase der Romantik als kunsthistorischer und literarischer Epoche zwischen etwa 1820 und 1850. In der Malerei dauerte die Spätromantik bis Ende des 19. Jahrhunderts, in der Musik bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts (Gustav Mahler, Richard Strauss). Zentren der literarischen Spätromantik waren Wien, München und zeitweise Dresden und Berlin.

Zum Begriff Spätromantik und Zusammenhänge zur Frühromantik Die ältere Literaturwissenschaft nimmt noch eine Einteilung vornehmlich der deutschen Romantik in Früh-, Hoch- und Spätromantik vor. Die neuere Forschung betrachtet diese Unterteilung der Romantik in vermeintlich streng abgrenzbare Phasen teilweise kritisch, denn Tendenzen und Ideen aus der Frühromantik sind auch noch in den späteren Phasen erkennbar. Dennoch findet man die Unterteilung der Romantik in Früh-, Hoch- und Spätromantik noch in Übersichts- und Einführungsliteratur, allerdings mit dem Hinweis, dass die Romantik sich zwar in Phasen entwickelte, aber sowohl durch Kontinuität wie durch Brüche gekennzeichnet sei.Detlef Kremer, Andreas B. Kilcher: Romantik. 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02597-5, S. 45–46.Harro Segeberg: Phasen der Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 36–37.

In älterer literaturwissenschaftlicher Forschung wird häufig auch zwischen einer progressiven Frühromantik und einer restaurativen Spätromantik unterschieden. Grundgedanke hinter dieser Unterscheidung war die Vorstellung, dass die Frühromantiker, insbesondere Friedrich Schlegel mit seinen programmatischen Schriften, sich der Rationalität und den philosophischen Ideen der Aufklärung und des Deutschen Idealismus verpflichtet sahen. Die Einstellungen der Spätromantiker hingegen, so die Argumentation der älteren Literaturwissenschaft, verschoben sich zugunsten der Beschäftigung mit der menschlichen Irrationalität, zur Befürwortung der politischen Restauration und der katholischen Kirche. Die Unterteilung in Früh-, Hoch- und Spätromantik entsprach auch einem Modell der Romantik, deren Entwicklung durch „Ausbreitung, Blütezeit und Verfall“ gekennzeichnet war.So z. B. in: Ricarda Huch: Die Romantik: Ausbreitung, Blütezeit und Verfall, 5. Auflage. Rainer Wunderlich Verlag/Hermann Leins, Tübingen 1951, ISBN 3-8052-0092-7.Detlef Kremer, Andreas B. Kilcher: Romantik. 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02597-5, S. 45–47.

In der heutigen Literaturwissenschaft wird diese einseitige Sicht der Spätromantik versucht zu vermeiden und es wird sich um eine differenziertere Sicht der Spätromantik bemüht. So wird argumentiert, dass einerseits die Frühromantik zwar stärker durch die Auswirkungen der Französischen Revolution geprägt ist, während die Spätromantik in eine Phase der Napoleonischen Kriege und der Metternichschen Restauration fällt. Andererseits gibt es auch eine Kontinuität, denn die Ideen, Formen und Motive der Frühromantik werden in der Spätromantik weiter entwickelt und zur Vollendung geführt.Lothar Pikulik: Frühromantik. Epoche, Werke, Wirkung. 2. Auflage. Beck, München 2000, ISBN 3-406-47030-0, S. 9. Eine verbindende Figur zwischen Früh- und Spätromantik ist Ludwig Tieck, dessen Werk die gesamte Periode der Romantik umfasst.Detlef Kremer, Andreas B. Kilcher: Romantik. 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02597-5, S. 49.

Literatur Die Phase der Spätromantik in der (deutschen) Literatur wird etwa zwischen 1820 und 1850 angesetzt.Harro Segeberg: Phasen der Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 31–78, hier S. 65. In dieser Phase lassen sich folgende Tendenzen beobachten: Zum einen wandten sich Autoren wie Ludwig Tieck, Clemens Brentano, Achim von Arnim und später auch E. T. A. Hoffmann und Joseph von Eichendorff stärker der „Nachtseite“ des rationalen Diskurses zu, d. h. sie machen Angst, Grauen, Übernatürliches und Wahnsinn zu Motiven ihrer Literatur. War die frühe Romantik noch durch eine Vielfalt an Weltanschauungen gekennzeichnet, verengt sich das Feld der Spätromantiker zunehmend auf Autoren, die sich der christlichen, vor allem der katholischen Kirche zuwandten und die Romantik zum Teil als katholisches Projekt interpretierten, weshalb in der literaturwissenschaftlichen Forschung auch von „katholischer Spätromantik“ gesprochen wird. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang Brentano, der 1817 zum Katholizismus konvertierte und sich ab den 1820er Jahren neben vereinzelter Lyrik vor allem auf tendenziell religiöse Schriften konzentrierte und deshalb von Heinrich Heine auch als „korrespondierendes Mitglied der katholischen Propaganda“ verspottet wurde.Detlef Kremer, Andreas B. Kilcher: Romantik. 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02597-5, S. 46, 49.

Auch politisch verengte sich die Weltanschauung der Spätromantiker: Friedrich Schlegel etwa arbeitete während des Wiener Kongresses als Hofsekretär Metternichs; in dieser Zeit setzte er sich für die Stärkung der durch Napoleons Säkularisation geschwächten katholischen Kirche ein und befürwortete eine politische Neuordnung Europas unter Führung von Habsburg-Österreich.Harro Segeberg: Phasen der Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 31–78, hier S. 67.

Wichtige Zentren der Spätromantik waren Wien, wo Friedrich Schlegel hauptsächlich bis zu seinem Tod 1829 lebte und arbeitete und einen kleinen Kreis an romantischen Autoren um sich scharte, und München. In München waren der Literaturwissenschaftler Joseph Görres, der Philosoph Franz von Baader und Friedrich Schelling als Professoren an der Münchner Universität tätig und machten München zu einem Zentrum für eine katholische, konservative Kulturpolitik. Clemens Brentano zog 1833 ebenfalls nach München, wo ihm Joseph Görres noch aus seinen Heidelberger Tagen bekannt war. In der Zeit entstand auch das Hauptwerk Görres’, Christliche Mystik, an dem Brentano mitarbeitete. Neben diesen ausgewiesen konservativ-katholischen Zentren der Spätromantik bilden sich noch weitere Gruppen, die der Spätromantik zuzurechnen sind: So scharte Ludwig Tieck ab 1819 eine Gruppe Romantiker in Dresden um sich. Als Tieck 1841 einem Ruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. folgte, entstand unter seiner Führung ein weiteres Zentrum der konservativen Spätromantik in Berlin. Schließlich ist noch die Schwäbische Dichterschule (oder „Schwäbische Schule“) um Ludwig Uhland und Justinus Kerner zu nennen.Detlef Kremer, Andreas B. Kilcher: Romantik. 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02597-5, S. 49–50.Harro Segeberg: Phasen der Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 31–78, hier S. 66.

Im Gegensatz zu den politischen und ideologischen Einstellungen der Spätromantiker in Richtung Konservativismus steht die Freude einiger Autoren an künstlerischen Experimenten und an der Weiterentwicklung literarischer Formen. Besonders hervorzuheben ist hier der Katholik Joseph von Eichendorff, der neben seiner Arbeit an politischen und religiösen Themen sich weiterhin der Lyrik widmete. Er trug so zur Schaffung der neuen Gattung eines romantischen „Kunstvolkslieds“ bei; gemeinsam mit den Gedichten der sogenannten Rheinromantik und der romantischen Schwäbischen Schule wird das Genre des „echten“ romantischen Volksliedes auch durch die Vertonung durch Robert Schumann und Felix Mendelssohn Bartholdy populär.Harro Segeberg: Phasen der Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 31–78, hier S. 72–73.

Brentano widmet einen großen Teil seiner Arbeit während der Spätromantik religiös geprägten Schriften wie etwa die Mitarbeit an Görres’ Christliche Mystik, aber es sind die „nebenher“ entstandenen Volks- und Kunstmärchen wie (Gockel und Hinkel), die seinen späteren literarischen Ruhm ausmachen.Harro Segeberg: Phasen der Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 31–78, hier S. 72–73. Brentano führt damit die Tradition der romantischen Kunstmärchen fort, die bereits in der frühen Romantik etwa durch Tieck oder Hoffmann begründet wurde.

Weitere bevorzugte Genres der Spätromantik sind Romane und Erzählungen, ebenfalls zwei Genres, die bereits von den Frühromantikern gepflegt wurden. Beispiele spätromantischer Romane sind Eichendorffs Dichter und ihre Gesellen (1834) und E. T. A. Hoffmanns ironischer Bildungsroman Lebens-Ansichten des Katers Murr (1819/1821). In das Genre des historischen Romans bzw. der Erzählung der Spätromantik fallen Tiecks Aufruhr in den Cevennen (1826), der den Aufstand protestantischer Kamisarden gegen die Zwangskatholisierung Anfang des 18. Jahrhunderts thematisiert, und Wilhelm Hauffs Roman Lichtenstein (1826), der auf einer württembergischen Sage basiert. Bedeutend sind ferner die phantastischen Erzählungen E. T. A. Hoffmanns, die auch einen Einfluss auf die europäische Romantik außerhalb Deutschlands hatten und die Schwarze Romantik prägten. Bekannt sind ferner Joseph von Eichendorffs Erzählungen, insbesondere Aus dem Leben eines Taugenichts, die 1841 schon gegen Ende der Spätromantik im Übergang zum Biedermeier entstand.Detlef Kremer, Andreas B. Kilcher: Romantik. 4. Auflage. J. B. Metzler, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-476-02597-5, S. 141, 145, 154, 155, 184–185.

Musik

Von den anderen Künsten ist die Romantik in der Musik zeitlich und inhaltlich abzugrenzen. Eine enge Definition des Begriffes „Romantik“ in der Musikgeschichte sieht hier nur eine Epoche von ca. 1830–1850. Der Begriff „romantisch“ ist in der Musikgeschichte jedoch oft sehr weit gefasst, so werden Musikströmungen bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch als „romantisch“ bezeichnet. Die zeitlich spätere Musik, die bis ins 20. Jahrhundert reicht, wird auch als „spätromantisch“ oder „neuromantisch“ bezeichnet. Dass die Musik in Deutschland bis Anfang des 20. Jahrhunderts als romantisch gesehen wird, ist vor allem dem Komponisten Richard Wagner geschuldet, dessen Werk, insbesondere seine Bühnenschauspiele, das Postulat der Frühromantik nach der Vereinigung aller Künste einzulösen scheint.Heinz-Georg Held: Schnellkurs Romantik. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-8321-7601-2, S. 98–99.Walter Dimter: Musikalische Romantik. In: Helmut Schanze (Hrsg.): Romantik-Handbuch. 2. Auflage. Kröner, Stuttgart 2003, ISBN 3-520-36302-X, S. 408–428, hier S. 425.

Wenn man heutzutage von spätromantischer Musik spricht, meint man Werke, die etwa zwischen 1860 und 1910 entstanden sind. Besonders um die Jahrhundertwende gibt es aber bereits Schnittpunkte mit den ersten aufkommenden Experimenten von Expressionismus und Zwölftonmusik. Für spätromantische Musik gibt es verschiedene Merkmale: deutliche Vergrößerung des Orchesters bis hin zur riesenhaften Besetzung (Gipfelpunkt: Gustav Mahlers 8. Sinfonie, 1910) Abwendung von der Salon- und Hausmusik hin zur institutionalisierten Konzertmusik (Gründung von Konzertgesellschaften und Philharmonien) deutliche Bevorzugung von Programmmusik (Gustav Holst) und vom Komponisten subjektiv geprägtem Drama (Richard Wagner)

Innerhalb der Spätromantik gibt es verschiedene Strömungen, zum Beispiel Werke, die dem Symbolismus zuzurechnen sind, der später in den Impressionismus mündet (Gabriel Fauré, Alexander Skrjabin), oder auch den italienischen Verismo (Giacomo Puccini), in welchem die Hinwendung zur Moderne sich darin äußert, dass zum Beispiel eine Katharsis beziehungsweise (Er-)Lösung der Handlung nicht mehr stattfindet, sondern Werke tragisch enden.