mini|Illustration, Ende 19. Jahrhundert mini|Illustration, Ende 19. Jahrhundert Brüderchen und Schwesterchen ist ein Märchen (ATU 450). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 11 (KHM 11).

Inhalt mini|Illustration von Ludwig Emil Grimm zu Brüderchen und Schwesterchen als Frontispiz zum Ersten Band der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen in der zweiten Ausgabe von 1819 mini|Illustration von Ludwig Emil Grimm Die Geschwister Brüderchen und Schwesterchen haben seit dem Tod ihrer leiblichen Mutter eine schwere Zeit. Sie werden von ihrer Stiefmutter tagtäglich geschlagen und auch zu essen gibt es nichts als harte Brotkrusten. Schließlich fliehen sie. Als sie nachts in einem großen Wald ankommen, setzen sie sich in einen hohlen Baum, um zu schlafen. Am nächsten Tag hören sie in der Nähe des Baumes eine Quelle aus den Felsen fließen und Brüderchen bekommt daraufhin Durst, doch die böse Stiefmutter – eine Hexe – ist den Kindern nachgegangen und hat die Quellen verhext. Eine sagt, „wer aus mir trinkt, wird ein Tiger“, die zweite „ein Wolf“. Schwesterchen hört es und hält Brüderchen zurück. Bei der dritten aber, die sagt „ein Reh“, trinkt Brüderchen und wird ein Reh. Schwesterchen legt ihm ihr goldenes Strumpfband um den Hals, daran ein Seil aus Binsen. Sie leben in einem Haus im Wald. Als der König jagen lässt, will das Reh unbedingt dabei sein. Abends muss es an der Tür sagen „mein Schwesterlein, laß mich herein“, dass sie es einlässt. Am zweiten Tag wird es etwas am Fuß verletzt, ein Jäger folgt ihm, hört den Spruch und sagt es dem König. Schwesterchen erschrickt über die Wunde, doch sie heilt schnell. Das Reh wird wieder gejagt, abends kommt der König, sagt den Spruch und nimmt das Mädchen zur Frau auf sein Schloss, das Reh dazu. Als sie ein Kind kriegt, kommt die Stiefmutter als Dienerin, erstickt die Königin im Bad und legt ihre eigene, einäugige Tochter ins Bett. Der König merkt nichts. Nur die Kinderfrau sieht mitternachts die Königin ihr Kind und Reh versorgen. Als der Geist gar spricht, meldet sie es dem König. Er hört, wie sie die Verse in der nächsten und der folgenden Nacht wiederholt. Da redet er sie an und sie lebt wieder. Stiefmutter und Stiefschwester werden gerichtet, daraufhin ist das Reh auch erlöst.

Stil mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 Der Text beginnt recht unvermittelt: „Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach ‚seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr; die Stiefmutter schlägt uns alle Tage … Daß Gott erbarm‘ (vgl. KHM 135), ‚wenn das unsere Mutter wüßte!‘ (vgl. KHM 89).“ Die so gläubig geschilderten Kinder wollen „in die weite Welt gehen“, ein hohler Baum ist Zuflucht (vgl. KHM 3, 123). Dass Hexen heimlich schleichen, wussten die Brüder Grimm aus KHM 69 Jorinde und Joringel. Schwesterchen will das Reh „nimmermehr verlassen“, wie in KHM 51 Fundevogel. Ein Haus im Wald gibt es oft (KHM 9, 13, 22, 31, 40, 53, 68, 93, 116, 123, 125, 127, 163, 169), auch den König auf Hirschjagd (KHM 113). Es häufen sich dreimalige Wiederholungen bei Quelle, Jagd und Vers der Königin. Die Handlung ist zweigeteilt, auf die Heirat folgt der Anschlag mit untergeschobener Braut wie in KHM 13 Die drei Männlein im Walde, KHM 89 Die Gänsemagd, KHM 135 Die weiße und die schwarze Braut. Die böse Tochter „ward in Wald geführt.“

Dass die böse Tochter „häßlich war wie die Nacht“, ist volkspoetisch (in KHM 135: „schwarz werden wie die Nacht, und hässlich wie die Sünde“), dass ihre Mutter „wenns Zeit ist … schon bei der Hand sein“ will, eine auch literarisch verbreitete Redensart.Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 49–50. Hexerei und Verwandlung weisen den Text als Zaubermärchen aus. Eine Sage würde Schuld als Verwandlungsursache ernst nehmen, Erlösung misslingt dann meist, eine zurückgekehrte Tote wäre Spuk.Lutz Röhrich: Märchen und Wirklichkeit. 3. Auflage. Steiner, Wiesbaden 1974, ISBN 3-515-01901-4, S. 22, 101.

Der Text der 1. Auflage war kürzer, Brüderchen trinkt gleich aus dem Brunnen, den die Stiefmutter bei dem Baum aus dem Felsen springen ließ. Schwesterchen weint drei Tage und führt das Reh, ohne Goldband in eine Höhle. Der König hebt das Mädchen einfach auf sein Pferd. Die falsche Braut ist nicht einäugig. Zur 2. Auflage erhielt das Märchen seine längere, seitdem unveränderte Handlung und Schilderung, auch mehr wörtliche Reden. Zur 6. Auflage erschien Schwesterchens dramatische Rede: „nun werden sie dich tödten, und ich bin hier allein im Wald und bin verlassen von aller Welt: ich laß dich nicht hinaus.“ Es erschrickt, als „ein Mann herein kam“ (vgl. KHM 12). Die Hexe hat den Mord „vollbracht“, zuletzt verbrennt sie „zu Asche“.

Herkunft mini|Illustration von Arthur Rackham, 1917 mini|Schwesterchen Aljonuschka weint um ihr Brüderchen Iwanuschka, Gemälde von Wiktor Michailowitsch Wasnezow, 1881. Grimms Anmerkung vermerkt: „Nach zwei Erzählungen aus den Maingegenden“, die Jagd fehle in einer. Sie vergleichen noch eine von „H. R. v. Schröter“ mit Versen, wobei Brüderchen als Reh gejagt, Schwesterchen in eine Ente verwandelt wird und als Tote ihr Kind pflegt, wie in KHM 13 Die drei Männlein im Walde, „so auch in dem altdänischen Volkslied (Danske viser 1, 206–208, Altd. Blätter 1, 186)“, einem „Volksbuch“ von der Melusine, ferner „das serbische Lied von der eingemauerten Mutter die ihr Kind stillt“, „Souvestre le foyer breton S. 3. 4“, Aulnoys la biche au bois.

Grimms Anmerkung zur 1. Auflage gab ein Textfragment wieder, wobei der Bruder vom Trinken ein goldener Hirsch, die Schwester ein großes, schönes Mädchen wird, der König fängt den Hirsch und heiratet sie. Dies entspricht Jacob Grimms handschriftlicher Urfassung Goldner Hirsch von 1810, die den Fortgang stichpunktartig andeutet.Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975 (Fondation Martin Bodmer, Printed in Switzerland), S. 188–189, 370. Schon sie stammte von Familie Hassenpflug. Die Fassung der 1. Auflage (1812) wurde am 10. März 1811 von Marie Hassenpflug erzählt. Ab der 2. Auflage (1819) ist ein von ihr brieflich am 8. März 1813 mitgeteilter Text beigemischt, so auch im Vorabdruck in Friedrich Wilhelm Gubitz’ Gesellschafter 1817, wozu Wilhelm Grimm das Manuskript an Achim von Arnim schickte.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 22–26.

Dass zu beiden Quellen „aus den Maingegenden“ vermerkt ist, weist darauf hin, dass es sich um Kindheitserinnerungen Marie Hassenpflugs handelt.Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 446. Heinz Rölleke erscheint ihre Erzählung sentimental ausgemalt, auch modernisiert und fromm gemacht, indem die Heldin kein Tier, sondern Geist und durch „Gnade Gottes“ erlöst wird. Die untergeschobene Braut gibt es schon im Mittelalter bei Tristan und Isolde. Hingegen sei das alte Motiv der Tierverwandlung der Hauptperson und Rückverwandlung durch Tötung des Tiers wohl nicht mehr verstanden oder zu grausam gefunden worden.Heinz Rölleke, Albert Schindehütte: Es war einmal … . Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte. Eichborn, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8218-6247-7, S. 258–259.

Brüderchen und Schwesterchen erschien später auch in der kindgerechten kleinen Ausgabe der Sammlung und wurde ein beliebtes Märchen. Besonders ähnlich ist Grimms KHM 141 Das Lämmchen und Fischchen, KHM 15 Hänsel und Gretel, mit falscher Braut KHM 13 Die drei Männlein im Walde, KHM 135 Die weiße und die schwarze Braut, KHM 89 Die Gänsemagd, ferner KHM 9 Die zwölf Brüder, KHM 49 Die sechs Schwäne, Tiecks Der blonde Eckbert, mit dem Goldkettchen vielleicht auch Bechsteins Der goldne Rehbock, Die sieben Schwanen, Basiles Die beiden kleinen Kuchen.

Märchentyp AaTh 450 Brüderchen und Schwesterchen kommt in Europa und im Nahen Osten vor und ist scheinbar unabhängig von literarischer Überlieferung, die Herkunft unbekannt. Die Verse stimmen oft erstaunlich überein (siehe auch KHM 141 Das Lämmchen und Fischchen). Der erste Teil kann ergänzt sein mit Aussetzung im Wald, Heimfinden durch ausgestreute Schalen oder Verbrennen der Hexe im Ofen (AaTh 327 A, KHM 15 Hänsel und Gretel), oder gute und böse Schwester werden belohnt bzw. bestraft (AaTh 480, KHM 24 Frau Holle), oder die tote Mutter oder Kuh hilft (AaTh 511, KHM 130 Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein). In bulgarischen, griechischen und türkischen Varianten wollen die Eltern die Kinder schlachten (vgl. KHM 47 Von dem Machandelboom), es folgt eine magische Flucht (vgl. KHM 51 Fundevogel). In mehreren griechischen wird Tier-Brüderchen geschlachtet, aus den Knochen wächst ein Apfel- oder Orangenbaum, in einer klettert Schwesterchen daran empor, sie werden zwei neue Sterne. In einigen russischen Varianten kommt die Verwandlung von Lecken an Ziegensalz. In einer usbekischen und einer turkmenischen wird die jüngere Schwester verwandelt. Ein estnischer und ein serbischer Text erklären so die Herkunft von Gämse und Hirsch. Dass der Prinz das Mädchen vom Baum lockt, begegnet um den Balkan und die Türkei. Der zweite Teil um die untergeschobene Braut ähnelt AaTh 403 (KHM 13 Die drei Männlein im Walde, KHM 135 Die weiße und die schwarze Braut), ferner AaTh 408 (Die drei Zitronen), AaTh 451 (KHM 9 Die zwölf Brüder, KHM 25 Die sieben Raben, KHM 49 Die sechs Schwäne) und AaTh 533 (KHM 89 Die Gänsemagd). An schriftlichen Belegen gibt es vor Grimm nur Ninnillo und Nennella in Basiles Pentameron und ein Gedicht Metamorphoseos puellae et parvuli liber unus in dem Buch Variorum epigrammatum ad St. Rozimontanum libellus von Christopher Kobylienśki, Krakau 1558. Forscher verglichen Phrixos und Helle in der Argonautensage.Ines Köhler: Brüderchen und Schwesterchen. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 2. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1979, S. 919–925.

Walter Scherf findet es urtümlicher, wenn Brüderchen aus Trittspuren von Tieren trinken will (Schwesterchen Alenuška und Brüderchen Ivanuška in Aleksandr Afanas‘evs Narodnye russkie skazki). Wo Grimms Text im zweiten Teil sehr KHM 13 Die drei Männlein im Walde ähnelt, seien andere Erzähler uneinig, wie die Helden getötet werden. Überhaupt seien Aufzeichnungen mündlicher Versionen nicht so niedlich, er nennt Gyula Ortutays Das Rehbrüderchen in Ungarische Volksmärchen (1966), Georgios Anastasiu Megas’ Pulia und der Morgenstern in Märchen griechischer Inseln (Die Märchen der Weltliteratur, 1979), Heikki Paasonens Nimm eine Stiefmutter! in Mordwinische Volksdichtung (1941), Leo Frobenius’ Die Stiefkinder in Volksmärchen der Kabylen (1921), Johann Wilhelm Wolfs Das goldne Königreich in Deutsche Hausmärchen, KHM 113 De beiden Künigeskinner, KHM 169 Das Waldhaus, Pawoł Nedos Kosmatej in Sorbische Volksmärchen. Zur häufigen Zuflucht bei einem Tier passe auch Bechsteins Der goldne Rehbock. Marie-Catherine d’Aulnoy schrieb La biche au bois.Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1. C. H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8, S. 128–132.