(624) Hektor ist ein Asteroid aus der Gruppe der dem Jupiter vorauseilenden Trojaner, der am 10. Februar 1907 vom deutschen Astronomen August Kopff an der Großherzoglichen Bergsternwarte in Heidelberg bei einer Helligkeit von 13,0 mag entdeckt wurde. (624) Hektor ist der größte aller Trojaner und wird von einem Satelliten umkreist.

Der Asteroid ist benannt nach dem trojanischen Helden Hektor, einem Sohn des Priamos und Ehemann der Andromache, der von Achilleus getötet wurde. Die Benennung erfolgte 1907 durch den Entdecker auf Anregung des österreichischen Astronomen Johann Palisa. Die ursprüngliche Schreibweise war „Hector“.M. Wolf, A. Kopff: Benennung von kleinen Planeten. In: Astronomische Nachrichten. Band 175, Nr. 4187, 1907, Sp. 191–192, doi:10.1002/asna.19071751112 (PDF; 163 kB).

(624) Hektor war nach (588) Achilles und (617) Patroclus der dritte einer damals neu entdeckten Gruppe von Asteroiden, die sich in einer ähnlichen Entfernung wie der Planet Jupiter um die Sonne bewegen. Für Asteroiden, die sich in einer 1:1-Bahnresonanz mit Jupiter befinden, gibt es im Dreikörperproblem Sonne–Jupiter–Asteroid mit den Lagrange-Punkten L4 und L5 zwei mögliche dynamisch stabile Aufenthaltsorte. (624) Hektor gehört zu der Gruppe, die sich in der Nähe des Librationspunkts L4 in 60° Winkelabstand vor Jupiter her bewegt. Nach der Benennung dieser drei Asteroiden wurden Asteroiden in einer 1:1-Bahnresonanz mit Jupiter als „Trojaner“ bezeichnet. Da zunächst noch nicht auf eine solche Unterscheidung geachtet wurde, befindet sich (624) Hektor unter den Asteroiden, die später das „Lager der Griechen“ um den Librationspunkt L4 bildeten.

Wissenschaftliche Auswertung Photometrische Messungen des Asteroiden fanden erstmals statt vom 28. April bis 1. Juni 1957 am Radcliffe Observatory in Südafrika, am 4. Februar 1965 am Kitt-Peak-Nationalobservatorium und am 7. März 1967 an der Catalina Station, beide in Arizona, sowie vom 29. April bis 1. Mai 1968 am Cerro Tololo Inter-American Observatory (CTIO) in Chile. Die Auswertung der aufgezeichneten Lichtkurven deutete laut einer Untersuchung von 1969 darauf hin, dass die Gestalt von (624) Hektor stark gestreckt ist und seine Rotationsachse nahe zur Ebene der Ekliptik liegt. Die Form entspräche vermutlich einem Zylinder mit abgerundeten Enden und einem Längen/Durchmesserverhältnis von 2,7:1, wobei eine gleichmäßige Verteilung von Albedo und Färbung über die gesamte Oberfläche angenommen wurde. Die Rotationsrichtung wurde als prograd mit einer Periode von 6,92253 h bestimmt.J. L. Dunlap, T. Gehrels: Minor Planets. III. Lightcurves of a Trojan Asteroid. In: The Astronomical Journal. Band 74, Nr. 6, 1969, S. 796–803, (PDF; 741 kB).

Mit Daten radiometrischer Beobachtungen im mittleren Infrarot am Mauna-Kea-Observatorium auf Hawaiʻi vom 18. bis 21. September 1972 wurden für (624) Hektor erstmals Werte für den mittleren Durchmesser und die Albedo von 220 ± 40 km und 0,03 abgeleitet. Zu dieser Zeit war mit (324) Bamberga nur ein Asteroid mit einer ähnlich geringen Albedo bekannt.D. P. Cruikshank: Radii and Albedos of four Trojan asteroids and Jovian satellites 6 and 7. In: Icarus. Band 30, Nr. 1, 1977, S. 224–230, doi:10.1016/0019-1035(77)90136-1. Eine Neuberechnung unter Verwendung zusätzlicher Daten ergab für den Durchmesser und die Albedo geänderte Werte von 179 km und 0,04.D. Morrison: Asteroid sizes and albedos. In: Icarus. Band 31, Nr. 2, 1977, S. 185–220 doi:10.1016/0019-1035(77)90034-3.

mini|links|Berechnetes 3D-Modell von (624) Hektor. In Abweichung zu diesem konvexen Modell ist der Asteroid wahrscheinlich in der Mitte eingeschnürt Neue Beobachtungen im Visuellen und mittleren Infrarot erfolgten vom 11. bis 14. Februar 1978 am Mauna-Kea-Observatorium. Zu dieser Zeit zeigte nahezu die gegenüberliegende Polseite des Asteroiden zur Erde als 5 ½ Jahre zuvor. Es wurden nun Werte für den mittleren Durchmesser und die Albedo von 216 km und 0,02 abgeleitet. Mit dem Rotationsmodell aus der Untersuchung von 1969 hätte dies einem Zylinder mit einer Gesamtlänge von etwa 325 km und einem Durchmesser von etwa 122 km entsprochen. Es wurden auch Überlegungen über alternative Formen von (624) Hektor angestellt. Eine Gestalt in der Art von zwei sich berührenden oder in sehr engem Abstand umkreisenden sphärischen Objekten, wie in einer Untersuchung von 1971 postuliert,A. F. Cook: 624 Hektor: a Binary Asteroid? In: T. Gehrels (Hrsg.): Physical Studies of Minor Planets. Proceedings of IAU Colloq. 12, Tucson, AZ, NASA SP-267, 1971, S. 155–163, (PDF; 117 kB). wurde aufgrund der Lichtkurven ausgeschlossen. Dagegen erschien aber auch eine hantelförmige Gestalt möglich, die durch einen Zusammenstoß von zwei Asteroiden mit sehr geringer Geschwindigkeit entstanden sein könnte, bei dem es nicht zu einer kompletten Zerstörung, sondern einer teilweisen Verschmelzung kam. Ein solcher Körper könnte dann Abmessungen von etwa (300 × 150) km besitzen und auch Albedovariationen auf der Oberfläche aufweisen.W. K. Hartmann, D. P. Cruikshank: The Nature of Trojan Asteroid 624 Hektor. In: Icarus. Band 36, Nr. 3, 1978, S. 353–366, doi:10.1016/0019-1035(78)90114-8. Dagegen erklärte eine Untersuchung von 1980 die Lichtkurve von (624) Hektor mit zwei sich eng umkreisenden, gleich großen Ellipsoiden.S. J. Weidenschilling: Hektor: Nature and Origin of a Binary Asteroid. In: Icarus. Band 44, Nr. 3, 1980, S. 807–809, doi:10.1016/0019-1035(80)90147-5.

In den 1980er und 1990er Jahren gab es darüber hinaus zahlreiche weitere Untersuchungen, die aus den archivierten Lichtkurven ab 1957 Berechnungen mit unterschiedlichen Methoden zur Bestimmung meist von zwei alternativen Lösungen für die Position der Rotationsachse (immer nahe zur Ebene der Ekliptik, meistens mit retrograder Rotation), der Rotationsperiode und der Achsenverhältnisse von dreiachsig-ellipsoidischen Gestaltmodellen durchführten.P. Magnusson: Determination of spin axis orientation for asteroids 44 Nysa, 216 Kleopatra and 624 Hektor. In: Asteroids, comets, meteors. Proceedings, Uppsala 1983, S. 77–85, (PDF; 690 kB).V. Zappalà, Z. Knežević: Rotation axes of asteroids: Results for 14 objects. In: Icarus. Band 59, Nr. 3, 1984, S. 436–455, doi:10.1016/0019-1035(84)90112-X.A. Pospieszalska-Surdej, J. Surdej: Determination of the pole orientation of an asteroid. The amplitude-aspect relation revisited. In: Astronomy & Astrophysics. Band 149, Nr. 1, 1985, S. 186–194, (PDF; 203 kB).P. Magnusson: Distribution of spin axes and senses of rotation for 20 large asteroids. In: Icarus. Band 68, Nr. 1, 1986, S. 1–39, doi:10.1016/0019-1035(86)90072-2.K. Uchida, J. D. Goguen: A new Method for Determining Asteroid Shapes and Rotation Poles from Lightcurves and Its Application to 624 Hektor. In: Bulletin of the American Astronomical Society. Band 19, 1987, S. 842, (PDF; 100 kB).T. Michałowski: Photometric astrometry applied to asteroids 6, 15, 43, and 624. In: Acta Astronomica. Band 38, Nr. 4, 1988, S. 455–468, (PDF; 233 kB).G. De Angelis: New asteroid pole determinations. In: A. Brahic, J.-C. Gérard, J. Surdej (Hrsg.): Observations and Physical Properties of Small Solar System Bodies. Université de Liège, Institut d’Astrophysique, Liège 1992, S. 195–201, (PDF; 104 kB).G. De Angelis: Asteroid spin, pole and shape determinations. In: Planetary and Space Science. Band 43, Nr. 5, 1995, S. 649–682, doi:10.1016/0032-0633(94)00151-G.Gy. Szabó, K. Sárneczky, L. L. Kiss: The O-C diagrams of minor planets – a new approach to modelling the rotation. In: Evolution and source regions of asteroids and comets. Proceedings of the 173rd colloquium of the IAU, Tatranská Lomnica 1999, S. 185–188, (PDF; 87 kB). Dabei gab es gelegentlich auch neue photometrische Beobachtungen, die zu weiteren Lichtkurven ausgewertet wurden, wie am 3. und 5. Oktober 1985 sowie am 14. und 18. April 1991 am La-Silla-Observatorium in Chile (abgeleitete Rotationsperiode 6,92051 h)A. Detal, O. Hainaut, A. Pospieszalska-Surdej, P. Schils, H. J. Schober, J. Surdej: Pole, albedo and shape of the minor planets 624 Hektor and 43 Ariadne: Two tests for comparing four different pole determination methods. In: Astronomy & Astrophysics. Band 281, Nr. 1, 1994, S. 269–280, (PDF; 342 kB).M.-C. Hainaut-Rouelle, O. R. Hainaut, A. Detal: Lightcurves of selected minor planets. In: Astronomy & Astrophysics Supplement Series. Band 112, 1995, S. 125–142, (PDF; 468 kB). oder am 15. und 16. März 1990 am Roque-de-los-Muchachos-Observatorium auf La Palma (abgeleitete Periode 6,921 h).M. Dahlgren, A. Fitzsimmons, C.-I. Lagerkvist, I. P. Williams: Differential CCD Photometry of Dubiago, Chiron and Hektor. In: Monthly Notices of the Royal Astronomical Society. Band 250, Nr. 1, 1991, S. 115–118, doi:10.1093/mnras/250.1.115 (PDF; 144 kB).

Spektroskopische Untersuchungen am 7. September 1984 mit der Infrared Telescope Facility (IRTF) und am 28. Oktober 1998 mit dem United Kingdom Infrared Telescope (UKIRT), beide am Mauna-Kea-Observatorium, lieferten Spektren im nahen Infrarot, aus denen für die Oberflächenschicht von (624) Hektor auf ein Vorkommen von Pyroxen mit einem maximalen Gehalt von 3 % an Wassereis und bis zu 40 % an Serpentin geschlossen wurde. Unter der Oberfläche könnten beliebige Anteile an Wassereis und anderen flüchtigen Substanzen vorliegen.D. P. Cruikshank, C. M. Dalle Ore, T. L. Roush, T. R. Geballe, T. C. Owen, C. de Bergh, M. D. Cash, W. K. Hartmann: Constraints on the Composition of Trojan Asteroid 624 Hektor. In: Icarus. Band 153, Nr. 2, 2001, S. 348–360 doi:10.1006/icar.2001.6703 (Preprint: PDF; 1,59 MB). Eine Aufnahme vom 13. Juni 1993 mit dem Hubble-Weltraumteleskop (HST) führte zur Ableitung einer Größe von (370 × 195) km für den Asteroiden, es konnte aber kein Begleiter gefunden werden.A. Storrs, B. Weiss, B. Zellner, W. Burleson, R. Sichitiu, E. Wells, C. Kowal, D. Tholen: Imaging Observations of Asteroids with Hubble Space Telescope. In: Icarus. Band 137, Nr. 2, 1999, S. 260–268, doi:10.1006/icar.1999.6047 (PDF; 522 kB).A. D. Storrs, C. Dunne, J.-M. Conan, L. Mugnier, B. P. Weiss, B. Zellner: A closer look at main belt asteroids 1: WF/PC images. In: Icarus. Band 173, Nr. 2, 2005, S. 409–416, doi:10.1016/j.icarus.2004.08.007 (PDF; 269 kB).

Beobachtungen am 7. November 2000 mit dem Teleskop II des Keck-Observatoriums auf Hawaiʻi im sichtbaren und im mittleren Infrarotbereich ergaben eine Albedo von 0,04–0,06 und einen Durchmesser von 203–239 km, abhängig von den angenommenen thermischen Modellparametern.Y. R. Fernández, S. S. Sheppard, D. C. Jewitt: The Albedo Distribution of Jovian Trojan Asteroids. In: The Astronomical Journal. Band 126, Nr. 3, 2003, S. 1–10, doi:10.1086/377015 (PDF; 255 kB). Eine Untersuchung von 2002 stellte noch einmal die wahrscheinlich locker gebundene binäre Struktur von (624) Hektor heraus, ohne allerdings aus den photometrischen Daten allein ein Gestaltmodell ableiten zu können.M. Kaasalainen, J. Torppa, J. Piironen: Binary structures among large asteroids. In: Astronomy & Astrophysics. Band 383, Nr. 3, 2002, S. L19–L22, doi:10.1051/0004-6361:20020015 (PDF; 185 kB). Spektroskopische Beobachtungen am 2. März 2004 im nahen und mittleren Infrarot mit dem Spitzer-Weltraumteleskop wurden zu einem mittleren Durchmesser und einer Albedo von 220 km bzw. 0,04 ausgewertet, außerdem wies das Spektrum auf das Vorhandensein von feinkörnigen Silicaten hin.J. P. Emery, D. P. Cruikshank, J. Van Cleve: Thermal emission spectroscopy (5.2–38 μm) of three Trojan asteroids with the Spitzer Space Telescope: Detection of fine-grained silicates. In: Icarus. Band 182, Nr. 2, 2006, S. 496–512 doi:10.1016/j.icarus.2006.01.011.

mini|rechts|Entdeckungsaufnahme von Skamandrios durch das Keck-Teleskop vom 16. Juli 2006