Systemische Therapie (teils auch Systemische Psychiatrie, Systemische Familientherapie oder Systemische PsychotherapieKirsten von Sydow, Stefan Beher, Rüdiger Retzlaff: Systemische Psychotherapie. In: Deutsches Ärzteblatt, 121. Jahrgang, Heft 23 vom 15. November 2024, S. 783–792.) ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Schwerpunkt auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen, insbesondere auf Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie und deren sozialer Umwelt liegt.Hans-Ulrich Wittchen und Jürgen Hoyer (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie, 2. Auflage, Berlin und Heidelberg 2011, S. 462.Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie, 14. Dezember 2008: (PDF), S. 1. In Abgrenzung zur Psychoanalyse betonen manche Vertreter dieser Therapierichtung die Bedeutung impliziter Normen des Zusammenlebens für das Zustandekommen und die Überwindung psychischer Störungen (Familienregeln).Christian Reimer, Jochen Eckert, Martin Hautzinger, Eberhard Wilke: Psychotherapie, 3. Auflage, Heidelberg 2007, S. 293. Allerdings berücksichtigen auch andere Therapieformen wie zum Beispiel die Kognitive Kurzzeittherapie den 'systemischen' Aspekt.Luc Isebaert, Kurzzeittherapie, Stuttgart 2005, S. 21. Die Systemische Therapie unterscheidet sich nach Angaben ihrer Vertreter unter anderem dadurch, dass weitere Mitglieder des für den Patienten relevanten sozialen Umfeldes in die Behandlung einbezogen werden.Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie, 14. Dezember 2008: (PDF), S. 2. Seit Ende 2018 ist die Systemische Therapie in Deutschland für Erwachsene im Leistungskatalog der gesetzlichen KrankenkasseSystemische Therapie für Erwachsene wird Kassenleistung!, Meldung auf der Homepage der Systemischen Gesellschaft (abgerufen am 27. Oktober 2019), seit Januar 2024 auch für Kinder und Jugendliche.

Theoriegeschichte Familientherapeutisches Denken entwickelte sich ab 1950 durch Nathan Ackerman.Alan S. Gurman, David P. Kniskern: Handbook Of Family Therapy. New York 1991, p. 23.Ackerman, Sobel (1950): Family diagnosis. An approach to the preschool child. Ackerman begann, wenn eine Störung bei einem Kind vorlag, die gesamte Familie einzubeziehen.Personenlexikon der Psychotherapie (Hg. Stumm, Pritz, Gumhalter, Nemeskeri, Voracek). Wien und New York 2005, S. 3. Als Schüler von Ackerman entwickelte Salvador Minuchin die strukturelle Familientherapie. In der strukturellen Familientherapie erhält die Unterscheidung familiärer Subsysteme (wie Eltern-, Kind-Systeme) hohen Stellenwert. Als Schüler von Minuchin mitentwickelte Jay Haley die strategische Familientherapie. Jay Haley beschrieb mit dem perversen DreieckJay Haley: The perverse triangle. In: J. Zuk & I. Nagy (Eds.), Family therapy and disturbed families. Palo Alto 1967, CA, Science and Behavior Books. eine in Familien häufig grundlegend dysfunktionale (Kommunikations-)Struktur, was als (dysfunktionale) Triade in die Familientherapie Einzug fand und noch heute als relevantes Störungsmuster Beachtung findet.

In den 1950er Jahren arbeitete Virginia Satir bereits mit Familienskulpturen. 1956 wurde in einem Forschungsbericht die Wirkung von Doppelbotschaften als paradoxes Kommunikationsmuster in zwischenmenschlichen Beziehungen und die wissenschaftsgeschichtlich prominente „Doppelbindungstheorie“ (engl. „double bind theory“) veröffentlicht. Eine wichtige Voraussetzung dieser Entwicklungen waren die Vorarbeiten zum Themenkomplex Kybernetik durch Norbert Wiener. Auf dieser Basis entwickelte sich dann das neue Konzept der Familientherapie. Der problemlösende Ansatz der systemischen Therapie wurde in den fünfziger Jahren am Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto (Kalifornien) von Don D. Jackson, Gregory Bateson, John Weakland und Richard Fisch entwickelt. Es entstand die Palo-Alto-Gruppe, aus der viele wichtige Familientherapeuten inspiriert wurden.

Die systemische Familientherapie entstand mit Mara Selvini Palazzoli und ihrer Mailänder GruppeA. Schindler, U.J. Küstner, P.-M. Sack, R. Thomasius: Systemische Therapie. In: Familie und Sucht. Grundlagen, Therapiepraxis, Prävention. (Hg. Thomasius, Küstner). Stuttgart 2005, S. 156. ab 1971. 1973 veröffentlichte Iván Böszörményi-Nagy seine Invisible loyalties. Reciprocity in intergenerational family therapyDeutsch: Unsichtbare Bindungen, Die Dynamik familiärer Systeme., was als frühes Grundlagenwerk der Familientherapie gilt. Iván Böszörményi-Nagy gilt als wesentlich für die Mehrgenerationen-Perspektive.Eric Lippmann: Drogenabhängigkeit. Familientherapie und Prävention. Berlin und Heidelberg 1990, S. 94. Von ihm stammen die Begrifflichkeiten Loyalität, Parentifizierung, Ausgleich (der Beziehungskonten bzw. Gerechtigkeit) und Ordnung in familientherapeutischen Kontexten.G. Reich: Mehrgenerationen-Familientherapie. In: Paar- und Familientherapie (Hg. Wirsching, Scheib). Berlin und Heidelberg 2002, S. 252.

Die anfängliche Gleichsetzung von Familie und System war zwar prägend in der Gründungsphase der Systemischen Therapie,Wörterbuch der Psychotherapie (Hg. Gerhard Stumm, Alfred Pritz). Wien und New York 2009, S. 195: „In Folge dieser konstruktivistischen Wende wird der Begriff Familientherapie zunehmend durch Systemische Therapie abgelöst [...].“ rückte aber ab den 1980ern in den Hintergrund (konstruktivistische Wende)Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Das Grundlagenwissen. Göttingen 2016, S. 95.. Im Laufe der Zeit haben sich methodisches Vorgehen und zugrundeliegende Prämissen differenziert, so dass sich heute mehrere Schulen voneinander abgrenzen: strukturelle und strategische Familientherapie, aber auch Familientherapie mit mehreren Generationen (Mailänder Modell und Heidelberger Schule), narrative Ansätze (nach Michael White oder Harold A. Goolishian), Familienskulpturen nach Virginia Satir, die lösungsorientierten Ansätze der Schule von Milwaukee.

Gegenwärtig orientiert sich die Systemische Therapie an drei übergeordneten Theoriesträngen: SelbstorganisationSelbstorganisation in sozialen Systemen funktioniert häufig nicht, wenn soziale Hierarchien zu flach verlaufen (siehe auch Politisierungsdilemma) – vgl. Stefan Kühl, 2001: (PDF). In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 53, Heft 3, 2001, S. 485 f. Die Systemiker unterliegen diesbezüglich einem blinden Fleck – vgl. Stefan Kühl, 2009: (PDF) Autopoiesis (Luhmann 1984) Narrativer AnsatzArist von Schlippe spielt in seinen Angaben (S. 95) auf die Politische Korrektheit („Genderkorrektheit“) dieses Ansatzes innerhalb der systemischen Therapie an: „Eher ‚quer‘ zu den beiden Richtungen, weil zwar mit den konstruktivistischen Vorannahmen der systemischen Therapie verbunden aber nicht auf den Systembegriff bezogen, ist die narrative Theorie zu nennen [...].“

Das Mailänder Modell Einen wesentlichen theoriegeschichtlichen, aber auch praktischen Ansatz in der (systemischen) Familientherapie stellt das Mailänder Modell der Gruppe um Mara Selvini Palazzoli, Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata dar. Sie wurden kontinuierlich unterstützt von Paul Watzlawick, der regelmäßig nach Mailand reiste und die Ergebnisse des dortigen Zentrums für Familientherapie mit den Therapeuten diskutierte. Die Mailänder Gruppe erzielte in kurzer Zeit Erfolge bei schizophrenen Familienmitgliedern und bei Essstörungen.

Eine prägende Methodik und Vorläufer des reflektierenden Teams war die Zwei-Kammer-Methode, bei der Therapeut und Klienten in einem Raum saßen und räumlich getrennt von den Co-Therapeuten beobachtet wurden. Diese verfolgen die Therapie durch Einwegscheibe oder Videoübertragung. Behandelnde und beobachtende Therapeuten besprechen das Konzept der Therapiesitzung (Hypothesendiskussion). Das Gespräch führt der eigentliche Therapeut. Gegebenenfalls halten Therapeut und Co-Therapeut(en) während kurzer Unterbrechungen Rücksprache. Nach Ende des Gesprächs berät sich das Therapeutenteam, um eine optimale Abschlussintervention (z. B. eine Hausaufgabe oder eine Symptomdeutung) zu finden, die den Klienten direkt im Anschluss mitgeteilt wird. Sinn dieser Intervention ist, das System (aus Familienmitgliedern und wichtigen anderen Personen) in ihren Interaktionsmustern zu verstören und sekundär die beklagte Symptomatik zu verändern.

Reflecting Team Vom norwegischen Sozialpsychiater Tom Andersen wurde das therapeutische Setting um das so genannte Reflecting Team erweitert. Dabei tauschen (in der Regel) am Ende einer Therapiesitzung Therapeut und Klient(en) mit dem Co-Therapeuten-Team die Plätze. Therapeut und Klient(en) beobachten nun, wie das Co-Therapeuten-Team das bisherige Geschehen aus ihrer Sicht in einer hilfreichen und unterstützenden Art und Weise reflektiert. Der erhöhte Aufwand (mehrere Therapeuten) bringt eine höhere Vielfalt der Perspektiven, vermindere Therapiefehler und Einseitigkeiten und werde mit hoher Effektivität belohnt.

Virginia Satir Virginia Satir gilt als Mutter der systemischen Therapie. Sie hat das systemische Repertoire und die Methodik erweitert und weiterentwickelt – durch Familienskulptur, Familienrekonstruktion, Parts Party. Dadurch können biographische Muster und generationsübergreifende Problemstellungen entdeckt und bearbeitet werden, bzw. bei der Parts Party eigene Persönlichkeitsanteile sichtbar gemacht und integriert werden. Satirs Arbeit gilt als Vorläuferin der systemischen Aufstellungsarbeit. Die Amerikanerin Virginia Satir gab viele Seminare in Europa und beeinflusste nicht nur die systemische Psychotherapie, sondern war neben Fritz Perls (Gestalttherapie) und Milton H. Erickson (Hypnotherapie) Vorbild für das Neuro-Linguistische Programmieren (NLP).

Inneres Team Die Arbeit von Virginia Satir gab auch Inspiration für das „Innere Team“ (1998), ein Modell des Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun, um Persönlichkeitsanteile und deren Eigenschaften bewusst zu machen. Schulz von Thun spricht von der „Pluralität des menschlichen Innenlebens“. Das Modell vom Inneren Team wurde in den Jahren ab 1998 zunehmend für Psychotherapie und Coaching benutzt, um Persönlichkeitsanteile oder Symptome systemisch aufzustellen (Werner A. Messerig). Als Setting werden häufig bezeichnende Platzhalter als Bodenanker benutzt, es eignet sich aber ebenso das Systembrett.

Heidelberger Schule Die Heidelberger Schule hat sich in den 1980er Jahren an der Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg in fachlicher Zusammenarbeit mit der Palo-Alto-Gruppe Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto/Kalifornien und der Gruppe um Mara Selvini Palazzoli (Centro per lo Studio e Terapia della famiglia) in Mailand entwickelt. Ihre Mitbegründer waren neben dem deutschen Psychoanalytiker und Pionier der FamilientherapieStumm, Pritz: Personenlexikon der Psychotherapie, Wien, New York 2005, 458. Helm Stierlin u. a. Gunthard Weber, Fritz B. Simon, Gunther Schmidt und Jochen Schweitzer. Zu Stierlins Mitarbeitern zählten auch Arnold Retzer, Hans Rudi Fischer und Ingeborg Rücker-Embden-Jonasch.

Narrativer Ansatz