Die Riesengleiter (Dermoptera), auch bekannt als (Riesen-)Gleitflieger, Pelzflatterer, Flattermakis oder Colugos, sind eine zur Gruppe der Euarchontoglires zählende Ordnung der Höheren Säugetiere. Die Ordnung umfasst eine einzige lebende Familie (Cynocephalidae) mit zwei Arten in zwei monotypischen Gattungen, dem Philippinen-Gleitflieger (Cynocephalus volans) und dem Malaien-Gleitflieger (Galeopterus variegatus, synonym auch Cynocephalus variegatus). Beide Arten leben in Südostasien und ernähren sich fast ausschließlich pflanzlich. Sie sind etwa katzengroß und können mit ihrer charakteristischen Flughaut, die eine Spannweite von 70–120 cm aufweist, weite Gleitflüge unternehmen.
Die Ordnung der Riesengleiter wurde 1811 von Johann Karl Wilhelm Illiger aufgestellt.
Körperbau Allgemeines Riesengleiter sind etwa katzengroß, jedoch deutlich leichter gebaut. Je nach Art beträgt die Gesamtlänge 56 bis 69 Zentimeter bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 34 bis 42 Zentimetern und einer Schwanzlänge von 22 bis 27 Zentimetern. Das Gewicht liegt üblicherweise bei 1 bis 1,75 Kilogramm. Die Spannweite beträgt meist 70 Zentimeter, maximal 120 Zentimeter. Im Mittel ist der Malaien-Gleitflieger größer als der Philippinen-Gleitflieger, die Unterschiede sind allerdings minimal.
Das weitgehend rindenfarbene Fell der Riesengleiter hat auf grauem bis braunem Grund eine variable Zeichnung mit weißen, braunen und schwarzen Flecken. Vorder- und Hintergliedmaßen weisen ungefähr die gleiche Länge auf und sind sehr lang und dünn. Die Krallen der Finger sind lang und kräftig, der kurze Daumen kann den anderen Fingern nicht gegenübergestellt werden. Der windhundartig spitze Kopf war für den wissenschaftlichen Namen der rezenten Gattung (Cynocephalus = „Hundskopf“) namensgebend. Die großen Augen haben etwa die gleiche Größe wie die relativ kleinen Ohren.
Flughaut mini|Pelzflatterer aus Brehms Thierleben, 1883 Charakteristisch für die Riesengleiter ist die Flughaut (Patagium), mit deren Hilfe sie zu Gleitflügen bis zu 70 MeternHans Petzsch: Urania-Tierreich. Säugetiere. Verlag Harri Deutsch, Frankfurt/Main und Zürich 1969, S. 66. befähigt sind. Sie besteht aus einer Hautmembran, die zwischen Hals- und Vordergliedmaßen (Halsflughaut, Propatagium), Vorder- und Hintergliedmaßen (Flankenflughaut, Plagiopatagium) sowie zwischen Schwanz und Hintergliedmaßen (Schwanzflughaut, Uropatagium) gespannt ist. Die Gliedmaßen und der Schwanz werden vollständig in die Flughaut einbezogen, nur die Krallen der Finger und der Zehen ragen darüber hinaus. Die Flughautabschnitte zwischen den Fingern und Zehen werden dabei als Chiropatagium bezeichnet.
Die Flughaut ist behaart und auf der Oberseite grau oder braun gefärbt und hell gefleckt, die Unterseite ist heller beige bis leuchtend orange und fleckenlos. Die Fläche der Flughaut ist sehr viel größer als die anderer gleitfähiger Säugetiere wie der Gleitbeutler und der Gleithörnchen.
Schädel und Gebiss Der Schädel der Riesengleiter weist außer der Bezahnung kaum Besonderheiten gegenüber dem typischen Säugerschädel auf. Die Schnauzenregion ist flach und breit ausgebildet, ein Scheitelkamm ist nicht vorhanden. Die Augenhöhle ist nicht vollständig geschlossen, der Ring zwischen Jochbein und Stirnbein ist hinter dem Auge unterbrochen. Der Hirnschädel ist für die Körpergröße der Tiere relativ klein. Als Besonderheit des Gehörs ist das Trommelfell horizontal ausgebildet.
Die 34 Zähne der Gleitflieger sind klein, die Zahnformel lautet 2/3–1/1–2/2–3/3. Das hochspezialisierte Gebiss der Riesengleitflieger gleicht keinem eines anderen Säugetiers und ist speziell an seine Nahrung angepasst.
Ähnlich wie bei verschiedenen Arten von Wiederkäuern befinden sich im vorderen Oberkiefer keine Zähne, die beiden Schneidezähne, von denen der erste vergleichsweise klein ist, stehen an der Seite des Kieferbogens vor den Eckzähnen. Der zweite obere Schneidezahn weist zwei Zahnwurzeln auf; dies ist unter den Säugetieren einzigartig. Auch die Schneidezähne des Unterkiefers und die Eckzähne sind zweiwurzelig. Die unteren Schneidezähne bilden einen Zahnkamm, ein Merkmal, das sich in ähnlicher Form auch bei den Feuchtnasenaffen findet. Die Zahnspitzen sind entsprechend in bis zu 20 zinkenähnliche Gebilde pro Zahn unterteilt. Die Funktion dieser Zähne ist noch unbekannt, vermutlich dienen sie zum Filtern von Baumsäften oder zu einer verbesserten Reinigung des Fells. Die Backenzähne sind dreieckig geformt und mit fünf Höckern ausgestattet.
Weichteilanatomie Der Magen der Riesengleiter ist langgestreckt und sackförmig sowie im hinteren Bereich mit zusätzlichen Divertikeln versehen. Er kann große Mengen von pflanzlicher Nahrung recht schnell verdauen und an den anschließenden, relativ kurzen Dünndarm weiterführen. Um die schwer verdauliche Zellulose weitestgehend zu verwerten, haben Riesengleiter einen langen Blinddarm (Caecum) entwickelt und der vordere Bereich des Dickdarms ist mit zusätzlichen Aussackungen ausgestattet. Diese beherbergen Mikroorganismen, welche schwer verdauliche Teile nutzbar machen. Insgesamt ist der Darm der Tiere bis zu neun Meter lang und damit etwa neunmal so lang wie die Tiere selbst (Kopf-Rumpf-Länge).
Die Weibchen sind mit einer zweiteiligen Gebärmutter versehen, einem sogenannten Uterus duplex. Die Hoden der Männchen liegen meistens außerhalb der Bauchhöhle im Hodensack (Skrotum), können aber auch in der Leistenregion eingebettet sein.
Die Muskulatur an den Gliedmaßen ist sehr kräftig, da verschiedene Aktionen im Zusammenhang mit dem Gleitflug, unter anderem die Ausspannung der Flughaut, sehr viel Kraft erfordern. Die Strecker überwiegen gegenüber den Beugern. Die Beuger setzen am Knochen sehr weit von den Gelenken entfernt an; diese günstige Anordnung spart Kraft und ermöglicht erst, dass der gesamte Körper von der Flughaut umspannt wird.
Verbreitung und Lebensraum mini|300px|Verbreitungsgebiet der Riesengleiter. Rot: Malaien-Gleitflieger (Galeopterus variegatus) Grün: Philippinen-Gleitflieger (C. volans). Riesengleiter leben in Südostasien. Das Verbreitungsgebiet des Malaien-Gleitfliegers umfasst das südliche Indochina, Thailand, Malaysia und das westliche Indonesien bis Borneo und Java, während der Philippinen-Gleitflieger nur auf den südlichen Philippinen vorkommt.
Die beiden heute lebenden Arten bewohnen in ihrem Verbreitungsgebiet tropische Wälder. Vor allem der Malaien-Gleitflieger ist zudem in den Kokosplantagen der Region anzutreffen.
Lebensweise Allgemeines Riesengleiter sind vorwiegend nachtaktive Baumbewohner und kommen nur selten auf den Boden. Den Tag verbringen sie in Baumhöhlen oder an Ästen und Baumstämmen hängend in Höhen von 25 bis 50 Metern. Sie bevorzugen dabei vor allem hohe und hohle Bäume an abschüssigen Hängen, von denen sie schnell abspringen und weit gleiten können. Durch Klopfen an den Bäumen oder andere laute Geräusche sind sie sehr leicht zu verscheuchen, bei Waldbränden bleiben sie jedoch im Regelfall an ihrem Baum und verbrennenCharles H. Wharton: Notes on the Life History of the Flying Lemur. Journal of Mammalogy, Bd. 31 (3) 1950, S. 269–273.
Die Nachtaktivität schützt die Tiere vor Feinden, da viele große Beutegreifer wie der Affenadler tagaktiv sind. Wenn sie an Stämmen oder Ästen hängen, ist die Flughaut meist wie ein Mantel ausgebreitet; in Kokosplantagen rollen sich Riesengleiter zwischen Palmwedeln oft kugelähnlich zusammen. Beim Auftauchen eines Greifvogels spannen sie das Patagium und fliehen gleitend.
In der Nacht gehen sie auf Nahrungssuche, wobei sie oft zu bereits bekannten Bäumen gleiten. Riesengleiter sind prinzipiell Einzelgänger, doch oft ernähren sich mehrere Riesengleiter gleichzeitig an einem Baum. Die Reviergröße beträgt rund 6 bis 13 Hektar, die Territorien überlappen sich jedoch großflächig. Sie sind langsame und ungeschickte Kletterer, doch mit den faultierähnlich ausgerichteten Krallen können sie sich ähnlich diesen sehr gut kopfüber an waagerechten Ästen bewegen.
Die Lautäußerungen von Riesengleitern sind bis jetzt nicht sehr gut erforscht, doch geringe Erkenntnisse liegen vor: Die entenähnlichen Schreie werden vor allem von Jungtieren ausgestoßen, die Lautäußerungen der Alttiere sind sehr ähnlich, werden jedoch nur selten ausgestoßen.
Der Gleitflug Wenn ein Riesengleiter von einem Baum zu einem anderen wechselt, breitet er seine Gleitmembran aus und springt vom Baum ab. Mit Hilfe des stereoskopischen Sehens können Riesengleiter vor einem Flug den Landepunkt einschätzen. Die Gleitflüge erfolgen im Normalfall über Strecken von 50 bis 70 Metern, es wurden jedoch auch schon Gleitflüge von 100 Metern und mehr beobachtet. Bei einem Rekordgleitflug von 136 Meter Weite betrug der Höhenverlust 12 Meter. Eventuell sind weitere Gleitflüge möglich, doch diese Weite wurde als bisher größte verzeichnet. Allerdings ist das Tier bei dieser Fortbewegungsweise kaum fähig, die Flugbahn zu beeinflussen. Sobald es am anvisierten Baum gelandet ist, klettert es wieder nach oben, um den Höhenverlust auszugleichen. Eine Landung auf dem Boden wird stets vermieden.
Ernährung Riesengleiter ernähren sich vor allem von Blättern, daneben werden auch Früchte, Blütenknospen, Flechten und Ameisen verzehrt. Die Pflanzennahrung wird meist mit den Vorderpfoten vor das Maul gezogen, wo dann mit Hilfe der kräftigen Zunge und der unteren Schneidezahnreihe die Nahrung abgezupft wird. Ähnlich wie andere Baumbewohner beziehen sie die Flüssigkeit, die sie zum Überleben brauchen, aus ihrer Nahrung (vor allem bei nassen Blättern ist eine maximale Feuchtigkeitsaufnahme gewährleistet) und dem Niederschlag.
Die Entleerung des Darmes erfolgt senkrecht hängend mit weit zurückgeschlagener Schwanzflughaut, da sich die Tiere aufgrund der ventral vor dem Schwanzansatz liegenden Afteröffnung sonst selbst beschmutzen würden.
Natürliche Feinde Die langsame Fortbewegung im Kronenraum und die langen Gleitflüge mit niedriger Geschwindigkeit machen Riesengleiter zu einer leichten Beute für Greifvögel. Ein besonders intensiver Riesengleiterjäger ist der Affenadler (Pithecophaga jefferyi). Philippinen-Gleitflieger zählen zu seiner HauptbeuteJames Ferguson-Lees und David A. Christie: Raptors of the World Helm, London 2001, ISBN 0-7136-8026-1, S. 721–722.. Schätzungen zufolge sind 90 % seiner Beute Riesengleiter.Aus: Kathy MacKinnon: Riesengleiter. In: David W. Macdonald (Hrsg.): Die große Enzyklopädie der Säugetiere. Könemann Verlag, Königswinter 2004, ISBN 3-8331-1006-6, S. 432. (deutsche Übersetzung der Originalausgabe von 2001)
Fortpflanzung und Entwicklung Die Geschlechtsunterschiede bei Riesengleitern sind nicht auffällig. Während die Weibchen eher graue Felltöne vorweisen, sind die Männchen eher rötlich-bräunlich. Überdies sind Weibchen ein wenig größer.
Nach rund 60-tägiger Tragzeit kommen meist ein, selten zwei Jungtiere zur Welt. Diese sind bei der Geburt rund 35 Gramm schwer und auffallend unterentwickelt – sie befinden sich auf einem Entwicklungsniveau, das beinahe dem neugeborener Beuteltiere entspricht. Sie werden von der Mutter in der gefalteten Gleitmembran geborgen und bis zur Entwöhnung, die nicht vor dem 6. Lebensmonat stattfindet, getragen. Obwohl das Weibchen in dieser Zeit seltener gleitet, ist dies möglich, da das Uropatagium zwischen Hintergliedmaßen und Schwanz eine beutelähnliche Tasche bildet, in der das Junge transportiert werden kann. Das Jungtier klammert sich zudem mit den Krallen an der Flughaut sowie mit den Zähnen an einer der zwei Zitzen der Mutter fest. Zum Schlafen hängt sich das Muttertier faultierähnlich an einen Ast; das Jungtier nutzt seine Mutter dann ähnlich einer Hängematte als Schlafplatz.