Das Danelag (englisch Danelaw, -lage oder -lagh, mittelenglisch Denelage, altenglisch Dena lagu bzw. dänisch Danelagen, „dänisches Recht“) war ein Gebiet im frühmittelalterlichen England, das zwischen 865 und 878 vom dänischen Großen Heer, einer Wikingerarmee, erobert wurde. Das Danelag lag im Nordosten Englands und umfasste Teile der angelsächsischen Königreiche Northumbria, das 867 besiegt wurde, East Anglia, das 869 besiegt wurde, und Mercia, das 874 den Dänen in die Hände fiel.

Im Danelag fand eine Besiedlung durch Skandinavier statt.Logan: Wikinger. S. 190 f.Christian Uebach: Die Landnahmen der Angelsachsen, der Wikinger und der Normannen in England. Eine vergleichende Analyse. Tectum Verlag, Marburg 2003, ISBN 3-8288-8559-4, S. 83 ff.Alexander Bugge: The Norse Settlements in the British Islands. In: Transactions of the Royal Historical Society IV, 1921, S. 173–210, S. 184. Wie umfassend diese skandinavische Besiedlung des Danelags tatsächlich war, ist nicht abschließend geklärt. Die fünf befestigten Ortschaften Leicester, Lincoln, Nottingham, Stamford und Derby bildeten die militärischen, administrativen und wirtschaftlichen Zentren des Danelags. Diese fünf Orte sind unter der Bezeichnung Fünf Städte oder Fünf Burgen bekannt („Five Boroughs“). Der Begriff Danelag für dieses Gebiet wurde erst ab Mitte des 11. Jahrhunderts verwendet,Horst Zettel: Das Bild der Normannen und der Normanneneinfälle in westfränkischen, ostfränkischen und angelsächsischen Quellen des 8. bis 11. Jahrhunderts. Wilhelm Fink, München 1977, ISBN 3-7705-1327-4, S. 289.F. Donald Logan: Die Wikinger in der Geschichte. Philipp Reclam jun., Stuttgart 1987, ISBN 3-15-010342-8, S. 191. um die Regionen Englands zu beschreiben, die sich sozial und rechtlich von den angelsächsisch dominierten unterschieden. Es steht im Gegensatz zum Engla lage, dem englischen oder sächsischen Gesetz.

Nur König Alfred von Wessex gelang es, dem großen dänischen Heer auf Dauer zu trotzen. Er schloss 878 mit dem Wikingerführer Guthrum einen Friedensvertrag, in dem er die dänische Herrschaft im Nordosten anerkannte. Im Gegenzug wurde Guthrum nach christlichem Ritus getauft und konnte so unangefochten weiter über seine englischen Gebiete herrschen. Die bis 954 abgeschlossene Eroberung des Danelags durch das Königreich Wessex führte zur Entstehung Englands. Für die Entwicklung der englischen Gesellschaft lieferten Kultur, Sprache, Rechtsnormen und Organisationsformen der skandinavischen Siedler wichtige Impulse.

Entstehung

865 bis 878: Das Große Heer

mini|250px|Das Große Heer von 865 bis 878 in England Nach diversen kleineren Plünderungszügen der Wikinger auf den britischen Inseln in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts nahmen die Angriffe ab 850 eine neue Dimension an. Während die Überfälle bis dahin eine periodische Erscheinung waren – im Sommer plünderten die Flotten, um im Winter wieder nach Skandinavien zurückzukehren – überwinterte in jenem Jahr erstmals ein Wikingerheer auf der Insel Thanet vor der Themsemündung. Von blitzartig ausgeführten Raubzügen kleiner Beutegemeinschaften hatten sich die Überfälle zu mit regelrechten Armeen geführten Feldzügen ausgewachsen. Den Höhepunkt in dieser Entwicklung markierte die Ankunft des Großen Heeres im Jahr 865Die Datierung ist nicht einheitlich. Während zwei Versionen der angelsächsischen Chronik den Aufenthalt des Heeres in East Anglia auf 867 setzen, ist in allen anderen Versionen 866 als Jahr angegeben. Verschiedene Autoren nehmen jedoch an, dass es in diesem Jahr von East Anglia mit Pferden versorgt weiterzog und schon im Jahr zuvor gelandet war. Das Jahr 865 findet sich beispielsweise bei: Clare Downham: Viking Kings of Britain and Ireland. The Dynasty of Ívarr to A.D. 1014. Dunedin Academic Press, Edinburgh 2007, ISBN 978-1-903765-89-0, S. 63, bei Logan: Wikinger. S. 163, sowie bei Uebach: Landnahmen. S. 76. in East Anglia.

mini|links|Seite der Version D der Angelsächsischen Chronik mit Einträgen der Ereignisse des Jahres 871: Das Große Heer in Reading und die Schlacht von Ashdown. Unter seinen Anführern, dem Brüderpaar Ivar und Halvdan,The Chronicle of Æthelweard, IV, 2, 3. zog das Wikingerheer noch im selben Jahr nördlich über den Humber in das von Thronstreitigkeiten zerrissene Northumbria und nahm am 1. November dessen Hauptstadt York ein.Logan: Wikinger. S. 164. Die Thronrivalen Osberht und Ælle vereinigten daraufhin ihre Streitkräfte, wurden jedoch am 21. März 867 mitsamt ihren Heeren von den Wikingern besiegt und getötet. Northumbria mit seiner Hauptstadt York wurde in der Folgezeit zu einem skandinavisch dominierten Königreich und diente als Ausgangsbasis für Angriffe auf das restliche England. Nach der Einsetzung eines tributpflichtigen Marionettenkönigs namens Ecgberht I. durch die WikingerFlores Historiarum: Rogeri de Wendover, Chronica sive flores historiarum, S. 298–9. ed. H. Coxe, Rolls Series, 84 (4 vols, 1841–42). verließ das Große Heer Northumbria, um in Mercia einzufallen. Den Winter 867/868 verbrachte es in einem befestigten Lager in dem von ihnen eroberten Nottingham, belagert vom mercischen König Burgred, der sich trotz militärischer Hilfe seines Schwagers König Æthelred von Wessex nur durch Zahlung eines Lösegeldes der Wikinger entledigen konnte. Das Große Heer zog im folgenden Jahr wieder nach York ab. Im Jahr 869 setzten die Dänen ihre Invasion mit der Besetzung East Anglias (Winterquartier in Thetford) fort, schlugen im November 869 König Edmund von East Anglia bei Hoxne und gliederten damit dessen Reich in ihre Besitzungen ein.Haywood, John. The Penguin Historical Atlas of the Vikings, S. 62. Penguin Books. ©1995. Edmund wurde bald darauf als Märtyrer verehrt. Um Wessex zu erobern, besetzte das Heer unter Guthrum im folgenden Jahr das strategisch günstig an der Themse gelegene Reading und lieferte sich mit den Westsachsen zwischen 870 und 871 mehrere Kämpfe mit wechselndem Ausgang, so bei Englefield, bei Reading selbst, bei Ashdown, Basing und Merantūn (Ort unbekannt, vielleicht Marton). Eine neu angekommene Flotte, die 871 in die Themse einfuhr, verstärkte das Große Heer in Reading. König Alfred, der die Regentschaft über Wessex von seinem 871 verstorbenen Bruder Æthelred übernommen hatte, konnte trotz neun weiterer Schlachten (unter anderem bei Wilton) keinen entscheidenden Vorteil erlangen, und die erschöpften Gegner schlossen einen Waffenstillstand.Neil S. Price: Die Ausbreitung der Wikinger. In: James Graham-Campbell (Hrsg.): Die Wikinger. Bechtermünz Verlag im Weltbild Verlag, Augsburg 1997, ISBN 3-86047-789-7 (Reihe: Bildatlas der Weltkulturen). S. 130. Die Wikinger zogen sich daraufhin bis nach London zurück.

Zwischen 871 und 874 richtete das Große Heer seinen Fokus auf Mercia. Die Winterlager in London (871/872), Torksey (872/73)Daniel Weiss: The Viking Great Army, A tale of conflict and adaptation played out in northern England In: archaeology.org, März/April 2018, abgerufen am 27. Januar 2021. und schließlich Repton (873/874) in Derbyshire, Sitz und Begräbnisstätte der mercischen Könige, bildeten die Eckpunkte der Route des Heeres durch Mercia. In Repton konnte durch umfangreiche Ausgrabungen das Lager des Großen Heeres rekonstruiert werden. So wurde unter anderem ein Massengrab mit den Gebeinen von mindestens 249 Angehörigen des Wikingerheeres entdeckt. Nach drei Jahren war Mercia gefallen. König Burgred zog 874 das Exil in Kontinentaleuropa vor (er starb bald darauf in Rom) und die Wikinger setzten an seiner Stelle den Schattenkönig Ceolwulf ein.Logan: Wikinger. S. 167. Im selben Jahr teilte sich das Heer in Repton. Der Anführer des Heeres, Halvdan, zog mit einem Teil seiner Armee nach Northumbria. Nachdem er dort am nördlichen Grenzfluss Tyne in Kämpfen gegen Pikten und die Britonen von Strathclyde die Grenzen gesichert hatte, teilte er im Jahr 876 das Land unter seine Gefolgsleute auf. In nur zehn Jahren waren East Anglia, Northumbria und Mercia in dänische Hände gefallen, einzig Wessex leistete noch Widerstand.Carr, Michael. Alfred the Great Strikes Back, S. 65. Military History Journal. June 2001.

Das Hauptheer zog 874 nach Cambridge. Von dort aus wurde 875 erneut ein Versuch unternommen, das letzte freie angelsächsische Königreich zu unterwerfen. Ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, gelangte das Heer bis nach Wareham an der Kanalküste, wo es den folgenden Winter verbrachte. 876 fiel es in Exeter ein. Nach Verhandlungen zog das Heer 877 wieder nach Gloucester in Mercia ab. Die Wikinger teilten das Land in ein englisches Westmercia und ein dänisches Ostmercia auf. Letzteres gaben sie zur Neubesiedlung frei und verringerten damit die Stärke ihrer Armee ein zweites Mal. 878 drangen sie erneut in Wessex ein, benutzten dabei Chippenham als Stützpunkt und brachten weite Teile von Wessex unter ihre Kontrolle. König Alfred zog sich in das unwegsame Sumpfland von Somerset zurück, wo er von der befestigten Insel Athelney aus Angriffe auf die Wikinger durchführen ließ. Im Frühjahr 878 schlug Alfred mit seinem neu gesammelten Heer die Wikinger bei Edington so nachhaltig, dass sie nach der darauf folgenden Belagerung ihres Hauptquartiers Chippenham in Verhandlungen einwilligten, die in den Vertrag von Wedmore mündeten. Der Anführer der Wikinger, Guthrum, ließ sich mit dreißig seiner Gefolgsleute taufen, stellte Geiseln und zog im Laufe des Jahres aus Wessex nach Cirencester in Mercia ab.Asser, The Life of King Alfred. 879 zog das Heer dann endgültig nach East Anglia, um das Land unter sich aufzuteilen. 880 verließ Guthrum mit einem Teil seiner Männer England, um auf dem Kontinent im Karolingerreich zu plündern.

Angriffe zwischen 892 und 896

mini|250px|Wikingerüberfälle zwischen 892 und 896 Bis 884 herrschte in Wessex relative Ruhe. In jenem Jahr landete Guthrum bei Rochester in Kent, wo sein Heer durch Wikinger aus East Anglia verstärkt wurde. König Alfred, der in den vorangegangenen Jahren Zeit zum Aufbau einer effektiven Verteidigung gehabt hatte, konnte den Angriff jedoch bis 886 abwehren und außerdem London erobern. Der Vertrag von Wedmore wurde erneuert und eine Grenzziehung vereinbart: die Themse hinauf, und sodann den River Lea hinauf, und den River Lea entlang bis zu seiner Quelle, dann in gerader Linie nach Bedford, dann die Great Ouse hinauf bis zur Watling Street.Felix Liebermann: Die Gesetze der Angelsachsen. 3 Bände. Niemeyer, Halle 1903–1916. Bd. I S. 126 f.

Größere Angriffe fanden erst wieder ab 892 statt, als das Große Heer, das sich 879 auf dem Kontinent gebildet und seitdem fränkische Gebiete an Rhein, Maas, Schelde, Somme und Seine geplündert hatte, in zwei Heeresgruppen nach England segelte und Lager in Kent (Milten Regis, Appledore) errichtete. Nach seiner Wiedervereinigung zog das Heer 893 bis nach Buttington im Westen Mercias, um von dort aus Mercia und Wales zu plündern. Die Wikingerarmee wurde jedoch von einem walisisch-englischen Heer bedrängt und wich in die Ruinen des verlassenen Legionslagers Chester im Norden Mercias aus, wo sie Unterstützung durch Landsleute aus dem Danelag bekam. Gleichzeitig wurde Exeter von einer weiteren Wikingergruppe angegriffen. Nachdem im folgenden Jahr Wales geplündert worden war, zog sich das Heer von Chester bis nach Mersea in Essex zurück. Ein Lager auf einer Insel im River Lea belagerte Alfred 894 erfolgreich. Auch ein weiterer Vorstoß der Wikinger 895 nach Bridgnorth am Severn blieb erfolglos, so dass sich das Heer 896 wieder auflöste. Teile davon siedelten sich im Danelag an. Wer nicht genug besaß, um sich dort Land zu erwerben, zog weiter ins Frankenreich, um an der Seine mit weiteren Plünderungen zu Reichtum zu gelangen.Anglo Saxon Chronicle (A, Parker Chronicle), Eintrag für das Jahr 896.