Jehuda ben Isaak Abravanel (auch Juda ben Isaak Abravanel, kurz Abravanel oder Abrabanel, lateinisch Leo Hebraeus, italienisch Leone Ebreo, hebräisch יהודה בן יצחק אברבנאל; * um 1460 in Lissabon; † nach 1521 in Neapel) war ein jüdischer Philosoph, Arzt und Dichter aus Portugal, der die zweite Hälfte seines Lebens in Italien verbrachte.
Den Namen Leo bzw. Leone („Löwe“), mit dem er in der modernen Literatur meist bezeichnet wird, legte er sich erst als Erwachsener zu. Es handelt sich um eine Anspielung auf seinen hebräischen Namen Jehuda bzw. Juda, da Juda, der Stammvater des hebräischen Stammes Juda, im Tanach mit einem Löwen verglichen wird.Genesis 49, 9.
Abravanel gehörte zu den prominenten Vertretern des Platonismus in der Renaissance. Er verfügte über eine hervorragende humanistische Bildung und kannte sich in der christlichen ebenso wie in der jüdischen und der islamischen philosophischen Tradition aus. Sein Hauptwerk, die Dialoghi d’amore („Dialoge über die Liebe“), knüpft an Platons Konzept des literarisch kunstvoll gestalteten philosophischen Dialogs an. Wie bei Platon und in der traditionellen belehrenden Dialogliteratur bemühen sich in den Dialoghi d’amore die Gesprächspartner gemeinsam um Erkenntnis. Abravanel wandelt jedoch das herkömmliche Konzept ab, indem er an die Stelle des üblichen Lehrer-Schüler-Verhältnisses der Dialogteilnehmer einen Gedankenaustausch und zugleich geistigen Kampf zweier ebenbürtiger Gesprächspartner setzt. Der erotische Aspekt des Verhältnisses zwischen den beiden Protagonisten, einem verliebten Mann und einer skeptischen, wissensdurstigen Frau, schafft einen lebensnahen Rahmen für die philosophische Auseinandersetzung mit der Theorie der Liebe.
Leben Herkunft und Jugend in Portugal
mini|Wappen der Familie Abravanel Jehuda Abravanel war der älteste Sohn des Philosophen und Staatsmanns Isaak Abravanel. Anscheinend wurde er um 1460 geboren.Zu den verschiedenen Datierungsansätzen und ihrer Wahrscheinlichkeit siehe João J. Vila-Chã: Amor Intellectualis? Leone Ebreo (Judah Abravanel) and the Intelligibility of Love, Braga 2006, S. 181–183. Seine Familie gehörte zu den angesehensten jüdischen Geschlechtern der Iberischen Halbinsel; schon sein Großvater Jehuda (Juda) und sein Urgroßvater Samuel Abravanel hatten im Dienst der portugiesischen Königsdynastie wichtige Funktionen ausgeübt. Sein Vater Isaak stand lange im Dienst des judenfreundlichen portugiesischen Königs Alfons V. († 1481), in dessen Finanzverwaltung er in leitender Position tätig war. Daher wuchs Jehuda in Lissabon auf, wo er eine solide philosophische und theologische Bildung erhielt; auch seine medizinische Ausbildung erfolgte dort, und 1483 war er bereits als Arzt tätig. Alfons’ Nachfolger Johann II. nahm jedoch gegenüber den Juden eine feindliche Haltung ein. Isaak, dem die Verhaftung drohte, da er zum Umkreis des hingerichteten Herzogs Ferdinand II. von Braganza gehörte und des Hochverrats verdächtigt wurde, floh im Mai 1483 nach Spanien; seine Frau und die Kinder folgten bald nach. In Portugal wurde er angeklagt und am 30. Mai 1485 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
Leben in Spanien
In Spanien nahmen König Ferdinand und Königin Isabella I. die Familie Abravanel, die sich in Sevilla niederließ, zunächst wohlwollend auf. Isaak übernahm die Leitung der Finanzverwaltung Isabellas. Jehuda wurde Leibarzt des Königspaars und blieb bis 1492 in dieser Stellung. In Spanien heiratete er; um 1491 wurde ihm ein Sohn geboren, den er Isaak nannte. Als jedoch das spanische Königspaar 1492 die Vertreibung der Juden anordnete, geriet auch die Familie Abravanel in eine prekäre Lage. Das Königspaar übte starken Druck auf Isaak und Jehuda aus, um sie zur Taufe zu zwingen; als Christen hätten sie bleiben und ihre Stellungen behalten können. Dies lehnten beide strikt ab. Als Jehuda erfuhr, dass man seinen etwa einjährigen Sohn entführen wollte, um ihn zu taufen und so vollendete Tatsachen zu schaffen, ließ er das Kind nach Portugal bringen. Die Familie Abravanel emigrierte im Herbst 1492 nach Italien. In Portugal ordnete König Manuel I. die Zwangstaufe jüdischer Kinder an. Daher wurde auch Jehudas Sohn Isaak, der dort zurückgeblieben war, getauft und einem Konvent der Dominikaner zur Erziehung übergeben. Unter dem Namen Henrique Fernandes blieb er in Portugal.
Leben in Italien
mini|König Ferdinand I. von Neapel In Neapel hieß König Ferdinand I. die Familie willkommen. Auch dort erlangte Isaak eine leitende Stellung in der königlichen Finanzverwaltung und konnte einen beträchtlichen Wohlstand aufbauen, und Jehuda wurde Leibarzt des Königs. Die kulturelle Atmosphäre war anregend, denn Neapel war damals ein bedeutendes Zentrum des Renaissance-Humanismus. Als jedoch im Februar 1495 der französische König Karl VIII. Neapel eroberte und anschließend Pogrome gegen die dortigen Juden stattfanden, musste die Familie Abravanel erneut fliehen. Jehuda übersiedelte mit seiner Frau nach Genua, wo er als Arzt willkommen war. Als aber 1501 auch die Republik Genua judenfeindliche Maßnahmen ergriff, sah er sich gezwungen, die Stadt zu verlassen.
Jehuda folgte nun einer Einladung König Friedrichs I. zur Rückkehr nach Neapel, doch wurde Friedrich noch im selben Jahr entmachtet. Im Januar 1504 wurde der spanische Feldherr Gonzalo Fernández de Córdoba y Aguilar zum Vizekönig von Neapel ernannt. Er schätzte Jehuda und machte ihn wahrscheinlich zu seinem Leibarzt. Doch schon 1507 wurde der Vizekönig abberufen, und die Lage der Juden verschlechterte sich, bis schließlich 1510 die Behörden die Vertreibung aller Juden anordneten. Jehuda war schon vorher nach Venedig ausgewichen. Später kehrte er ein drittes Mal nach Neapel zurück. Dort setzte sich der Vizekönig Ramón Folch de Cardona für ihn ein und bewog 1520 Kaiser Karl V. dazu, ein Dekret zugunsten der Juden zu erlassen, worin in einem besonderen Paragraphen Jehuda mit seiner Familie durch Befreiung von Abgaben privilegiert wurde. Offenbar wurde seine medizinische Kompetenz dringend benötigt; sie verschaffte ihm die Stellung des Leibarztes des Vizekönigs. Zu seinen prominenten Patienten gehörte der Kardinal Raffaele Riario, dessen Heilung nach schwerer Krankheit Aufsehen erregte. Auch Jehudas jüngerer Bruder Samuel und dessen Gattin Benvenida spielten in der jüdischen Gemeinde von Neapel eine prominente Rolle. 1521 ist Jehuda letztmals als lebend bezeugt; sein Todesjahr ist unbekannt, 1535 war er jedenfalls schon seit längerer Zeit nicht mehr am Leben.Zur Datierungsfrage siehe João J. Vila-Chã: Amor Intellectualis? Leone Ebreo (Judah Abravanel) and the Intelligibility of Love, Braga 2006, S. 220–222; Carl Gebhardt (Hrsg.): Leone Ebreo: Dialoghi d’Amore, Heidelberg 1929, S. 34. Die in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts auftauchende Behauptung, er sei schließlich doch noch Christ geworden, ist nicht glaubwürdig.João J. Vila-Chã: Amor Intellectualis? Leone Ebreo (Judah Abravanel) and the Intelligibility of Love, Braga 2006, S. 222; Carl Gebhardt (Hrsg.): Leone Ebreo: Dialoghi d’Amore, Heidelberg 1929, S. 33 f. Diese Ansicht ist herrschende Lehrmeinung; eine gegenteilige Auffassung vertritt jedoch Ulrich Köppen: Die „Dialoghi d’amore“ des Leone Ebreo in ihren französischen Übersetzungen, Bonn 1979, S. 9–13. Vgl. dazu Sergius Kodera: Filone und Sofia in Leone Ebreos Dialoghi d’amore, Frankfurt am Main 1995, S. 12 Anm. 47.
Werke
mini|hochkant|Dialoghi d’amore, Titelblatt des Druckes Venedig 1541 mit der unwahren Behauptung, der Autor sei zum Christentum übergetreten Jehuda Abravanels Hauptwerk Dialoghi d’amore („Dialoge über die Liebe“) besteht in der erhalten gebliebenen Fassung aus drei Büchern mit jeweils einem Dialog. Ein viertes Buch ist verloren.Siehe dazu Giacinto Manuppella (Hrsg.): Leão Hebreu (Iehudah Abrabanel): Dialoghi d’amore, Bd. 1, Lisboa 1983, S. 555–564; früher glaubte man, das vierte Buch sei nur geplant gewesen, aber nicht geschrieben worden. Die Dialoghi entstanden im Lauf mehrerer Jahre schon um die Jahrhundertwende, wurden aber erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht.Zur Datierung siehe Sergius Kodera: Filone und Sofia in Leone Ebreos Dialoghi d’amore, Frankfurt am Main 1995, S. 11; João J. Vila-Chã: Amor Intellectualis? Leone Ebreo (Judah Abravanel) and the Intelligibility of Love, Braga 2006, S. 203–205. Die Dialogpartner sind Sofia, die einerseits die Weisheit personifiziert, andererseits als unwissend erscheint, und Filone, der für die erotische Leidenschaft steht. Filone wirbt um Sofia, die abweisend reagiert. Das Gespräch kreist sowohl um das Verhältnis der beiden als auch um die philosophische Ergründung des Phänomens Liebe. Das erste Buch handelt von der Definition und vom Wesen der Liebe, vom Verhältnis zwischen Liebe und Begierde und den verschiedenen Liebesobjekten des Menschen, das zweite von der Universalität der Liebe und ihrer Rolle im Kosmos außerhalb des menschlichen Bereichs. Im dritten Dialog, der mehr als die Hälfte des Werks ausmacht, werden die metaphysischen Hauptthesen des Autors vorgetragen; zu den Themen gehören der Ursprung und das Ziel der Liebe und das Wesen der Schönheit. Im verlorenen vierten Dialog wurden die Wirkungen der Liebe erörtert.
Der Ausgangspunkt der Gespräche ist Filones Bekenntnis, dass er Sofia liebe und begehre. Damit geht er von der Annahme einer Zusammengehörigkeit von Liebe und Begehren aus. Dies begründet er damit, dass beide sich auf dasselbe Objekt richten, wobei vorausgesetzt wird, dass dieses existiert, bekannt ist und geschätzt wird. Sofia hält Liebe und Begehren für gegensätzlich und unvereinbar. Sie meint, man liebe, was man hat, und begehre, was man nicht hat; die Liebe beginne erst nachdem das Begehren an sein Ziel gelangt sei. Filones Einstellung zur Liebe entspricht ungefähr einer aristotelischen Betrachtungsweise, diejenige Sofias einer platonischen. Die sprechenden Namen der beiden (Filone, griechisch Philon, als Liebender, Sofia, griechisch Sophia, als Weisheit) lassen einen allegorischen Sinn erkennen (Filones auf Sofia gerichtetes Begehren als Suche des Philosophen nach der Weisheit). Im Lauf der Diskussion ergibt sich eine differenzierte Bestimmung der möglichen Objekte von Liebe und Begehren und des Verhältnisses der Liebenden bzw. Begehrenden zu ihnen. Dabei wird auch die Gottesliebe eingehend untersucht.
Stilistisch knüpfen die Dialoghi an die Dialoge Platons an, inhaltlich sind sie von der Philosophie des mittelalterlichen jüdischen Denkers Solomon ibn Gabirol beeinflusst, dessen philosophisches Hauptwerk ebenfalls in Dialogform gestaltet ist. Ein wesentlicher Unterschied zu diesen Vorbildern besteht darin, dass bei Abravanel nicht ein Lehrer einen Schüler belehrt, sondern zwei weitgehend ebenbürtige Gesprächspartner diskutieren, wobei beide ihre Stärken und Schwächen zeigen.Siehe hierzu Theodore Anthony Perry: Erotic Spirituality. The Integrative Tradition from Leone Ebreo to John Donne, Alabama 1980, S. 25–34. Sofia hält das Gespräch mit ihren Fragen und Einwänden in Gang und zwingt so den oft passiven und zögernden Filone, dessen Antrieb seine Verliebtheit ist, seine Positionen und Argumente zu überprüfen und sein Verständnis der aufgeworfenen Fragen zu vertiefen.