mini|hochkant=1.5| mini|hochkant=1.5|Luftbild des Klosters Wiblingen

Das Kloster Wiblingen ist eine ehemalige Benediktinerabtei, die 1093 gegründet wurde und bis zur Säkularisation im Jahre 1806 bestand. Danach wurden Teile der Klosteranlage zunächst als Schloss und Kaserne genutzt, im 21. Jahrhundert beherbergt sie Abteilungen des Universitätsklinikums Ulm und eine Akademie für ärztliche Fortbildung. Die Klosteranlage steht im Dreieck zwischen Iller und Donau südlich von Ulm in Baden-Württemberg. Der Ort Wiblingen ist heute ein Stadtteil von Ulm und liegt an der Oberschwäbischen Barockstraße, am Main-Donau-Bodensee-Weg, am Oberschwaben-Allgäu-Radweg und am Iller-Radweg.

Gründung Das Kloster Wiblingen verdankt seine Gründung den beiden Grafen Hartmann und Otto von Kirchberg.Der Stammsitz der Grafen befand sich im heutigen Oberkirchberg. Im Jahre 1093 beschlossen sie, zu ihrem Seelenheil ein Kloster auf ihrem Land zu stiften.Max Huber, Hans Eugen Specker: Ulm. In: Handbuch der historischen Stätten Baden-Württemberg. Stuttgart 1965, S. 808–819, hier S. 818. Derartige Stiftungen waren im Hochmittelalter durchaus üblich, sie entsprachen den Frömmigkeitsvorstellungen der damaligen Zeit. Die Mönche hatten als Gegenleistung die Verpflichtung, für das Seelenheil der adligen Stifter zu beten.

Das neue Kloster derer von Kirchberg sollte zu Ehren des Heiligen Martin von Tours errichtet und auf die Regel des Heiligen Benedikt von Nursia verpflichtet werden. Daher ersuchten die Grafen den Abt der Benediktinerabtei St. Blasien, Otto, um die Gründung einer „Kolonie“. Otto entsandte eine Abordnung von Mönchen aus seinem Kloster nach Wiblingen, um dem Wunsch der Grafen zu entsprechen. Im September 1093 wurde das Kloster an dem Ort, wo die Donau und die Iller zusammenkommen, wie der zeitgenössische Geschichtsschreiber Bernold von St. Blasien in seiner Chronik berichtet, vom Konstanzer Bischof Gebhard III. von Zähringen eingeweiht. Der Vorsteher des Sanblasianer Gründungskonvents Werner von Ellerbach wurde zum ersten Abt des neuen Klosters ernannt.

Die Grafen von Kirchberg stifteten dem Kloster Holzpartikel, die angeblich vom Kreuz Christi stammten und die seitdem in der Klosterkirche in Wiblingen in einem Schrein aufbewahrt und verehrt werden.

1098 wird das Kloster als Guibelinga in einer Urkunde des Reformpapstes Urban II. erstmals namentlich genannt. In seinem Schreiben verlieh Urban dem Kloster gegen alljährliche Bezahlung folgende Privilegien: den besonderen Schutz durch den Apostolischen Stuhl, die Bestätigung des bisherigen klösterlichen Besitzstandes, das Zugeständnis der freien Abtswahl und die Exemtion vom Konstanzer Diözesanbischof. Damit bestätigte der Papst dem jungen Kloster für alle Zukunft die Freiheit von weltlicher oder kirchlicher Einflussnahme von außen.

Das Kloster in Mittelalter und früher Neuzeit Im Jahre 1271 zerstörte ein Brand das Kloster, jedoch konnte bereits 1275 die neuerbaute Kirche, eine dreischiffige romanische Basilika mit östlichem Querhaus und Vierungsturm, eingeweiht werden.

Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts erlebte das Kloster eine Zeit der ökonomischen und geistigen Blüte. Exemplarisch hierfür steht der intensive gelehrte Austausch des Wiblinger Mönches Walther von Biberach (gest. 1356) mit dem Ulmer Mystiker Heinrich Seuse.

Anfang des 15. Jahrhunderts erlebte das Kloster einen inneren Niedergang. Entgegen der Benediktsregel häuften die Mönche Privateigentum an und bereicherten sich am Klostergut, vernachlässigten das Chorgebet und verletzten das Klausurgebot.

Angestoßen von der Melker Reform gelang es dem reformeifrigen Abt Ulrich IV. Hablüzel (Abt 1432–1473), das monastische Leben in Wiblingen wieder an der Benediktsregel zu orientieren. Neben der Förderung der Frömmigkeit widmete sich Ulrich der Pflege der Wissenschaft durch Erweiterung des Bücherbestandes der Bibliothek. Dank Ulrichs Reformen erlangte Wiblingen überregional den Ruf eines mustergültigen Klosters. Acht Wiblinger Patres wurden während Ulrichs Ägide als Äbte in verschiedene Klöster berufen, um dort den Geist der Reform weiterzuverbreiten. Ulrich selbst wurde im Auftrag der süddeutschen Benediktiner mit der Visitation zahlreicher Klöster betraut.

Unter Ulrichs Nachfolgern blühte der Reformgeist weiter. Als Auszeichnung für die strenge Regelobservanz verlieh Papst Innozenz VIII. dem Wiblinger Abt Konrad II. Ruhe (Abt 1484–1504) und seinen Nachfolgern das Recht der Inful. Das bedeutete, dass die Wiblinger Äbte fortan die bischöflichen Würdezeichen Stab und Mitra tragen durften.

Im Jahr 1504 fielen die Grafschaft Kirchberg, auf deren Territorium die Benediktinerabtei Wiblingen lag sowie die Vogtei über das Kloster an das Haus Österreich, das 1507 die Grafschaft mit der Vogtei an die Fugger verpfändete.

Im Dreißigjährigen Krieg kam es in den Klostergebäuden zu Raub und Plünderungen, Soldaten wurden einquartiert. Überdies brach infolge des Krieges in Wiblingen die Pest aus, die viele Mönche und auch den Abt hinwegraffte. Nicht zuletzt durch den bedeutenden Abt Benedikt Rauh (Amtszeit 1635–1663), der auch Feldbischof der bayerischen Armee war, konnte das Kloster die schweren Kriegszeiten glimpflich überstehen und nach Kriegsende einen erneuten Aufschwung nehmen.

Im späten 17. Jahrhundert strengte das politisch und wirtschaftlich erstarkte Kloster einen kostspieligen und langwierigen Separationsprozess bei der vorderösterreichischen Regierung in Innsbruck an, um die Fugger loszuwerden. 1701 kam es schließlich zur endgültigen Lösung von der fuggerischen Vogtei. Wiblingen wurde in den vorderösterreichischen Mediatstand erhoben und erhielt Sitz und Stimme auf den Landtagen in Ehingen. Bei der Mediatisierung fiel Wiblingen 1806 zunächst kurzzeitig an Bayern und wurde dann in der Rheinbundakte dem Königreich Württemberg zugeschlagen.

Klosterneubau im 18. Jahrhundert mini|Klosterkirche mit den unvollendeten Türmen und Südflügel des Klosters mini|Klostertor mini|Inneres der Klosterkirche mini|links|Kanzel von Fidel Sporer Der Status der Abtei als selbstständiges vorderösterreichisches Territorium war wahrscheinlich der Auslöser für den Klosterneubau, der 1714 begann und weitgehend vom Spätbarock geprägt ist. Das Kirchengebäude stellt dagegen ein Hauptbeispiel des Frühklassizismus in Süddeutschland dar. Der mittelalterliche Klosterbau mit seiner romanischen Kirche hatte eine unregelmäßige Struktur und war durch die Jahrhunderte bis ins späte 17. Jahrhundert hinein immer wieder erweitert und umgebaut worden.

Anfang des 18. Jahrhunderts begann – nach dem Vorbild des Escorial in Spanien – eine umfassende Neuplanung mit einer Kirche im Zentrum, die von einem symmetrisch angelegten Geviert und Vorhöfen umgeben ist. Den Plan dazu lieferte, so der Klosterchronist Michael Braig, der Elchinger Baumeister Christian Wiedenmann. Nach diesem von dem Moosbrugger-Projekt in Einsiedeln beeinflussten Plan wurde der Bau der Vorhöfe begonnen. Um 1730 erfolgte eine erste Planänderung (Erweiterung), die dazu führte, dass Torhaus und Kirche sich nun nicht mehr auf einer Achse befanden.Vgl. Bölz (siehe Literatur), Baugeschichte, 1922. Weitere Planänderungen folgten: Der ursprünglich vorgesehene Zentralbau wurde durch einen Längsbau ersetzt (überliefert in einem Stich von Gottfried Bernhard Göz), wohl nach dem Vorbild von Weingarten und unter Einbeziehung bestimmter Einflüsse von Kirchenbauentwürfen Caspar Moosbruggers.Vgl. Purrmann (siehe Literatur), Wiblingen und Schussenried, 2003. Der Südtrakt des Klostergevierts blieb unausgeführt, bis die württembergische Heeresverwaltung – angeblich nach alten Plänen – das Geviert im Jahre 1917 schloss.

mini|Bibliothekssaal mini|Bücherschrank und Statue im Bibliothekssaal

Nach dem Plan Wiedenmanns wurde im Nordtrakt des Klosters der später berühmt gewordene, 1744 vollendete Bibliothekssaal errichtet. Die Bauleitung hatte nach dem 1739 erfolgten Tod Wiedenmanns dessen Sohn Johann Wiedenmann inne, der am Klosterbau zuvor als Parlier gearbeitet hatte.Vgl. Ohngemach/Aubele (siehe Literatur), Familie Wiedemann, 2001. 1750 wurde die Bauleitung dem Münchner Baumeister Johann Michael Fischers übertragen. Dieser überarbeitete Wiedenmanns Pläne (die sich am besten am Holzmodell für das Kloster Schussenried ablesen lassen, das als weitgehende Kopie der Wiblinger Planungen gelten kann). Fischers Leistung für Wiblingen besteht vor allem in dem neugestalteten Osttrakt, dem er einen markanten Risalit gab und damit den Kapitelsaal als Zentrum der klösterlichen Organisation sowie des Selbstverständnisses einer Territorialherrschaft ausübenden Abtei auszeichnete. Vorbild dieser Fassade war das Gebäude der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien – ein bewusstes Zitat der vorderösterreichen Abtei, um ihre Verbundenheit mit dem Kaiserhaus darzustellen.

Bibliothekssaal Im Inneren des Bibliothekssaals, der im Stil des Rokoko gehalten ist, befindet sich ein großflächiges Deckenfresko, das religiöse Szenen von Adam und Eva im Paradies bis hin zu Klosterszenen darstellt, gemalt 1744 von Franz Martin Kuen (1719–1778). Das Deckenfresko gilt als dessen Hauptwerk. Matthias Kunze: Franz Martin Kuen. Maler zwischen schwäbischer Frömmigkeit und venezianischer Pracht. In: Ulrich Hoffmann/Matthias Kunze (Hg.): Franz Martin Kuen. 1719–1771. Ein Maler zwischen schwäbischer Frömmigkeit und venezianischer Pracht. Weißenhorn 2020, S. 15–110, hier S. 42.51. Die Fresken an der Unterseite der Galerien hat Kuen erst 1750 geschaffen. Vor den Bücherregalen stehen an beiden Stirn- und beiden Längsseiten Figuren, die vier christliche und vier weltliche Allegorien darstellen. Die lebensgroßen Figuren schnitzte der Bildhauer Dominikus Hermenegild Herberger. Sie sind weiß lackiert und poliert, ihre Requisiten sind vergoldet. Die vorzüglichen Kompositkapitelle der Säulen sind vergoldet. Sie zeigen unter anderem die Christenlehre, die Askese, die Naturwissenschaften, Justitia und die Zeit (Gott Chronos). Die Bücherschränke, nach Sachgebieten geordnet (über den Regalen finden sich entsprechende Hinweise), beherbergten zu Klosterzeiten mehrere Tausend Schriften, darunter wertvolle Handschriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Johann Nepomuk Hauntinger beschreibt, da er nur kurz vorbeischaute, lediglich eine Fust-Schöffer-Bibel von 1462 und wohl eine Abschrift nach Thomas von Kempen. Heute stehen dort vergleichsweise banale Bände der Oberamtsbibliothek aus dem 19. Jahrhundert.

mini|Fresko der Kreuzauffindung durch Kaiserin Helena

Kirchenbau Erst Abt Roman Fehr (1768–1798) legte den Grundstein zur neuen Kirche. Als Baumeister fungierte Johann Georg Specht, der aus der späten Auer Zunft hervorgegangen war und die Kirchenbauten von St. Gallen sowie der Birnau genau kannte. Nach deren Vorbild entwarf er seinen Bau, der trotz mancher Vereinfachungen noch recht spätbarock ausgefallen wäre. Allerdings wurde Specht ab 1778 vom Freskanten Januarius Zick verdrängt. Zick hatte, neben seiner Ausbildung als Maler, beim Bau des Klosters Schussenried vom dortigen Baumeister Jakob Emele eine entsprechende Ausbildung erhalten. In Wiblingen vollendete er nach der Verdrängung Spechts als selbsternannter Bau- und Verzierungsdirektor den Kirchenbau im griechischen Stil, d. h. im französischen Zopfstil. Im Inneren gelang das, und es ergab sich ein stimmiges Raumbild des frühen Klassizismus mit barocken Reminiszenzen.

Am 28. September 1783 weihte Leopold Wilhelm von Baden, Weihbischof des Bistums Konstanz, dem die Abtei Wiblingen zugehörte, die Klosterkirche feierlich ein. Die Kirchenfassade mit über Eck gestellten Türmen (vgl. die Planungen für St. Gallen) blieb unvollendet, obwohl der letzte Abt Ulrich Keck noch während der Franzoseneinfälle in den 1790er Jahren vergeblich versucht hatte, sie zu vollenden.