Der Lamische Krieg () war eine militärische Auseinandersetzung im antiken Griechenland im späten 4. vorchristlichen Jahrhundert. Ein von Athen geführtes Bündnis griechischer Stadtstaaten erhob sich nach dem Tod Alexanders des Großen erfolglos gegen die Hegemonie Makedoniens.

Die Benennung dieses Krieges stammt aus der Biographie zu Phokion des kaiserzeitlichen Autors Plutarch, während er in mehreren zeitgenössischen Inschriften als „Krieg der Hellenen“ () bezeichnet wurde.Plutarch, Phokion 23, 1, vgl. aber Inscriptiones Graecae II² 448 (Zeile 43–44), II² 505 (Zeile 17), II² 506 (Zeile 9–10). Der politische Führer Athens, Hypereides, charakterisierte diesen Krieg als Kampf freier Griechen gegen makedonische Barbaren.Hypereides, Grabrede (6), 12.

Hintergrund

Seit dem Sieg König Philipps II. in der Schlacht bei Chaironeia im Jahr 338 v. Chr. übte Makedonien die Vorherrschaft über nahezu alle griechischen Poleis (hēgemonía tēs Hellados) mit Ausnahme Spartas aus, manifestiert in dem 337 v. Chr. gegründeten Hellenenbund von Korinth. In diesem Bund hatten die Griechen einen allgemeinen Frieden (koinē eirēnē) untereinander vereinbart und Philipp II. als ihren militärischen Führer für den beschlossenen Rachefeldzug gegen Persien anerkannt. Dennoch war für viele griechische Städte die makedonische Hegemonie nur schwer akzeptabel, vor allem für die „drei Häupter“ Athen, Theben und Sparta, die vor dem Aufstieg Makedoniens selbst eine Hegemonialstellung über Teile Griechenlands innegehabt hatten und deren Wiedererlangung anstrebten. Folglich sahen sie in jeder Schwächephase Makedoniens eine Chance zur Erhebung unter dem bereitwilligen Bruch des beeideten Friedens.

Die Ermordung Philipps II. 336 v. Chr. nutzte zuerst Theben zum Aufstand, der 335 v. Chr. allerdings mit der völligen Zerstörung der Stadt durch Alexander den Großen endete. Nachdem dieser 334 v. Chr. mit dem Gros der makedonischen Heeresmacht zu seinem berühmten Asienfeldzug aufgebrochen war, sahen die Spartaner die Gelegenheit zur Rückeroberung der Herrschaft auf der Peloponnes gekommen. Doch im sogenannten „Mäusekrieg“ wurden sie von Alexanders Stellvertreter in Europa, Antipatros, im Jahr 330 v. Chr. besiegt.

Mit beiden Erhebungen hatte Athen unter dem Einfluss antimakedonischer Politiker wie Demosthenes, Hypereides oder Lykurgos, unterstützt mit persischem Gold, sympathisiert, doch hatten Alexander und Antipatros jeweils von Strafmaßnahmen gegen die Stadt abgesehen, wenngleich die Korinthische Bundesverfassung solche Schritte durchaus legitimiert hätte. Zwischen den Jahren 330 und 324 v. Chr. blieb die Lage in Griechenland weitgehend ruhig, aber die Ablehnung der makedonischen Hegemonie blieb unterschwellig bestehen, genährt von gegenseitigen Vertragsbrüchen der Bündnispartner wie auch des Hegemons. So wurde noch vor dem Jahr 331 v. Chr. in Pellene auf Betreiben Makedoniens die demokratische Ordnung zugunsten einer Tyrannis beseitigt, was die klar umrissenen Kompetenzen des Hegemons verletzte, der sich nicht in die innere Verfassung der Städte einmischen durfte. Andererseits eroberten im folgenden Jahr die Aitoler unter Bruch des Landfriedens die Stadt Oiniadai und vertrieben deren Bevölkerung. Antipatros unternahm dagegen nichts, doch erklärte Alexander nach seiner Rückkehr aus Indien 324 v. Chr., sich dieser Sache anzunehmen und brachte damit die Aitoler gegen sich auf. Im selben Jahr nahm Athen unter Brüskierung Alexanders den geflohenen Schatzmeister Harpalos auf, der aus Dank für Getreidelieferungen einige Jahre zuvor zum Ehrenbürger gemacht worden warPython, TGrF 1, Nr. 91, F 1, 16 und deshalb auch Anspruch auf eine Aufnahme hatte.

Anlass

Den unmittelbaren Anlass zum Kriegsausbruch lieferte Alexander durch sein Verbanntendekret, das er während der Eröffnung der Olympischen Spiele von 324 v. Chr. durch den Neffen Aristoteles’, Nikanor, verkünden ließ.Zum Verbanntendekret siehe Michael Zahrnt: Versöhnen oder Spalten? Überlegungen zu Alexanders Verbanntendekret. In: Hermes. Band 131, 2003, S. 407–432. Zur Datierung siehe Marcus Niebuhr Tod: A Selection of Greek Historical Inscriptions. Band II (1948), Nr. 201 und 202. Die Spiele wurden am 4. August 324 v. Chr. eröffnet; siehe dazu Stephen G. Miller: The Date of Olympic Festivals. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. Band 90, 1975, S. 223 und 230. Demosthenes war der Leiter der attischen Delegation bei den Olympischen Spielen 324 v. Chr.; siehe Deinarchos, Gegen Demosthenes (1), 81–82. Darin sprach er in erneuter Übertretung seiner Kompetenzen eine Amnestie aller in Verbannung lebender Griechen aus und räumte ihnen ein Rückkehrrecht in ihre Heimatstädte, einschließlich einer Besitzrestitution, ein. Damit stürzte er Griechenland sehenden Auges ins Chaos und stieß jene Hellenen, die ihn unterstützt hatten, vor den Kopf, denn bei den Verbannten, die nun zurückkehren sollten, handelte es sich in der Regel um ihre Feinde. Vor allem die ökonomischen Implikationen waren enorm, denn das einstige Eigentum der Verbannten hatte bereits vor Jahren den Besitzer gewechselt. Dies betraf nicht nur die Rückführung der Oiniadaier, sondern auch der im karischen Exil lebenden Samier auf ihre Heimatinsel Samos, die 365 v. Chr. von Athen erobert und mit eigenen Kolonisten (Kleruchen) besiedelt worden war. Athen aber wollte Samos unter keinen Umständen aufgeben und war dafür zum Krieg mit Alexander entschlossen.

Kriegsvorbereitungen

In einer Geheimsitzung der Ekklesia im Herbst 324 v. Chr. ermächtigten die Stadtoberen von Athen ihren strategos Leosthenes mit der Anwerbung von Söldnern für fünfzig Talente, gleichzeitig sollte er Kontakt zu den Aitolern aufnehmen und deren Bündnisbereitschaft für einen gemeinsamen Kampf gegen Alexander zu sondieren.Diodor 17, 111, 3. Dieser befand sich zu dieser Zeit noch im fernen Asien auf dem Marsch von Susa nach Ekbatana, was die kampfwilligen Athener optimistisch stimmte. Deren innenpolitische Situation war aber zugleich vom Machtkampf der Antimakedonen (Demosthenes, Hypereides) mit den Promakedonen (Demades, Phokion) und von der Bestechungsaffäre um Harpalos gekennzeichnet, in der die antimakedonische Fraktion untereinander zerstritten war. Hypereides erhob dabei Anklage gegen Demosthenes wegen Bestechung, verdrängte diesen so von der Fraktionsführung und nötigte ihn im Frühjahr 323 v. Chr. zur Flucht.Hypereides, Gegen Demosthenes (5). Unterdessen zog Leosthenes auf den Peloponnes, um in Tainaron 8.000 Söldner anzuwerben, von denen die meisten zuvor mit Alexander in Asien gekämpft hatten (siehe Söldnerdekret), und um Bündnisverhandlungen mit den dortigen Städten zu führen. Diese Aktivitäten nahmen etwa ein Jahr in Anspruch. Inwiefern Alexander oder Antipatros davon Kenntnis erhielten, ist unklar.

Die Sache der Griechen erhielt einen unerwarteten Aufwind, als am 10. Juni 323 v. Chr. Alexander überraschend in Babylon ohne geregelte Nachfolge starb. Die Nachricht von seinem Tod hatte zur Folge, dass sich in vielen Städten die Feinde des Königs durchsetzten und rasch eine Abfallbewegung von der makedonischen Hegemonie einsetzte, zumal diese nur auf einer vertraglichen Vereinbarung zwischen den Bündnern und dem makedonischen König fußte, die durch seinen Tod gegenstandslos geworden war. In Athen konnte nun die von Hypereides geführte antimakedonische Fraktion die Mehrheit des Demos damit für den Krieg gewinnen. Unter seiner Führung stellte sich die Stadt an die Spitze eines neuen gegen Makedonien gerichteten Bundes, dem eine große Anzahl kriegswilliger Städte beitraten. In bewusster Distanzierung zur makedonischen Herrscherpraxis gab sich der neue Bund keine hegemoniale Organisationsform; das Verhältnis der Mitglieder zueinander sollte auf politischer Gleichberechtigung basieren, faktisch aber hatte Athen die militärische und politische Führung inne.Der athenische strategos Leosthenes hatte den militärischen Oberbefehl über das vereinte Bundesheer (Pausanias, 1, 25, 5) und auch sein Nachfolger Antiphilos stammte aus Athen. Auch fußte der Bund nicht auf einer für alle gleich geltenden Verfassungsregelung, sondern auf bilateralen Verträgen der Mitglieder untereinander. Als gemeinsames Beschlussgremium war ein Bundesrat (koinon synhēdriōn) im Heer präsent.Diodor 18, 17, 7.Eine attische Inschrift aus dem Jahr 306/5 v. Chr. dokumentiert eine Ehrung für einen Timosthenes von Karystos für seine Dienste als Delegierter des Bundesrats (synedros) während des Lamischen Krieges. Siehe dazu Wilhelm Dittenberger: Sylloge Inscriptionum Graecarum, 3. Ausgabe, 1915–1924, Nr. 327 = Inscriptiones Graecae II² 467.

Die Mitglieder des Bundes waren nach Diodor:Diodor 18, 11, 1–2. Alliierte Bemerkung Alliierte BemerkungAthendie Doloperalledie Aitoleralledie Athamaneralledie Thessalermit Ausnahme von Pelinnadie Leukaderalledie Oitaiermit Ausnahme von Herakleiadie Molossernur jene die Aryptaios (wohl Arybbas) unterstanden; später gingen sie zu den Makedonen überdie Malermit Ausnahme von LamiaKarystosdie Achaier von Phthiotismit Ausnahme von ThebenArgosdie DoreralleSikyondie LokreralleElisdie Phokeralledie Messeneralledie Ainianeralledie Bewohner von Akté (Athos-Halbinsel)Alyzeia

Einzig die Boioter blieben der Allianz fern und bekannten sich zum Bund mit Makedonien, von dem sie in der Vergangenheit am meisten profitiert hatten. Auffallend ist auch die Erhebung der Thessaler, die von allen am längsten (seit den 350er Jahren v. Chr.) der makedonischen Herrschaft unterstanden hatten.

Kriegsverlauf

Leosthenes marschierte zum Zeitpunkt von Alexanders Tod gerade mit seinen auf dem Peloponnes angeheuerten Söldnern in das Land der Aitoler, die sein Heer mit 7.000 ihrer Krieger verstärkten.Diodor 18, 9, 5. Athen reaktivierte derweil seine aus 40 Quadriremen und 200 Triremen bestehende Flotte und berief sein Bürgerheer ein, wobei die Aufgebote von drei Phylen die Stadtverteidigung übernehmen und die der sieben anderen für den Einsatz jenseits Attikas bereitstehen sollten.Diodor 18, 10, 2–3. Im Herbst 323 v. Chr. marschierte Leosthenes von Aitolien nach Boiotien, wo sich das athenische Heer aus 5.000 Infanteristen, 500 Kavalleristen und 2.000 weiteren Söldnern mit seinen Kräften vereinte. In der Nähe von Plataiai stellten sich ihm die Boioter zum Kampf, die er schnell besiegte. Anschließend besetzte er die strategisch bedeutsamen Thermopylen.Diodor 18, 11, 3–5.

In Makedonien hatte Antipatros inzwischen auf die Nachricht von Alexanders Tod umgehend Boten nach Kleinasien entsandt, um die dort lagernden Feldherren Leonnatos und Krateros zur dringenden Heimkehr zu ermahnen. Eigentlich hätte er nach Alexanders Willen von seinem Stellvertreterposten abberufen werden sollen, doch der Tod des Königs hatte diesen Beschluss hinfällig werden lassen. Außerdem wusste Antipatros vor allem den Krateros, unter dessen Kommando die Veteranen des Asienzuges standen, durch das Angebot einer Ehe mit seiner Tochter an sich zu binden. Als aber die Griechen den Kampf in Boiotien begannen, befanden sich die makedonischen Feldherren noch in Kleinasien. Um deren Zug nach Europa zu verhindern, beorderte Athen seine Flotte in den Hellespont, um den wichtigsten Übergang von Asien nach Europa abzuriegeln. Nach der Niederlage der Boioter nahm Antipatros mit der ihm zur Verfügung stehenden makedonischen Heeresmacht aus 13.000 Infanteristen und 600 Kavalleristen den Marsch zu den Thermopylen auf. Dafür musste er Thessalien durchziehen, dessen Städte er loyal auf seiner Seite glaubte. Erst als er schon tief in Thessalien stand, bekannten sich deren Bewohner zur Sache der Griechen und verschlossen ihm ihre Tore. Darauf sah Antipatros von einem Weitermarsch ab und zog sich mit seinen Truppen in die Stadt Lamia zurück, der einzigen thessalischen Stadt, die sich zu Makedonien bekannte. Dort verschanzte er sich im Winter 323 auf 322 v. Chr., um die Ankunft von Leonnatos und Krateros abzuwarten.Diodor 18, 12, 2–4.