mini|hochkant=1|Ausbreitung der Pest in Europa zwischen 1347 und 1351

Als Schwarzer Tod wird das pandemische Auftreten der Pest im Europa des Spätmittelalters bezeichnet; dieser Seuche fielen zwischen 1346 und 1353 schätzungsweise 25 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer, was in etwa 33 bis 60 Prozent der damals auf dem Kontinent lebenden Bevölkerung entsprach. Als Krankheitserreger dieser Infektionskrankheit gilt das Bakterium Yersinia pestis.Johannes Krause, Verena Schünemann: Bakterium „Yersinia pestis“ zweifelsfrei als Erreger des Schwarzen Todes belegt (PDF; 167 kB); Information der Universität Tübingen vom 30. August 2011.Verena J. Schuenemann, Kirsten I. Bos, S. DeWitte u. a.: Targeted enrichment of ancient pathogens yielding the pPCP1 plasmid of Yersinia pestis from victims of the Black Death. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. (PNAS), 20. September 2011, Band 108, Nr. 38, S. E746-E752, doi:10.1073/pnas.1105107108.Kirsten I. Bos, Verena J. Schuenemann, G. Brian Golding u. a.: A draft genome of „Yersinia pestis“ from victims of the Black Death. In: Nature, Band 478, 27. Oktober 2011, S. 506–510, doi:10.1038/nature10549, Online vom 12. Oktober 2011. Einige Autoren erweiterten den Begriff „Schwarzer Tod“ auch auf Ausbrüche der Pest, die nach dem Spätmittelalter auftraten, weil sich bei genetischen Untersuchungen von Yersinia pestis herausgestellt hatte, dass die meisten Subtypen des Bakteriums in einen einzigen phylogenetischen Baum integriert werden können.

Die Pandemie trat nach heutigem Wissensstand zuerst in Zentralasien auf und gelangte über die Handelsrouten (unter anderem über die Seidenstraße) nach Europa. Aus dem östlichen Mittelmeerraum verbreitete sich die Krankheit wahrscheinlich über Rattenflöhe in das restliche Europa, jedoch blieben einige Landstriche relativ verschont. Für das Gebiet des heutigen Deutschland wird geschätzt, dass jeder zehnte Einwohner während dieser Pandemie starb. Bremen, Hamburg, Köln und Nürnberg zählten dabei zu den Städten, in denen ein sehr hoher Bevölkerungsanteil starb. Sehr viel geringer war dagegen die Letalität im östlichen Gebiet des heutigen Deutschland.

Die sozialen Auswirkungen des Schwarzen Todes reichten sehr weit. Den Juden wurde vorgeworfen, durch Giftmischerei und Brunnenvergiftung die Pandemie verursacht zu haben. Dies führte in vielen Teilen Europas zu Judenpogromen und der Auslöschung jüdischer Gemeinden.

Erreger Seit der Entdeckung des Bakteriums Yersinia pestis gegen Ende des 19. Jahrhunderts war herrschende Meinung, dass es als Erreger für die als Schwarzer Tod bekannte Pandemie verantwortlich sei. Dafür sprechen die Eigenschaften von Yersinia pestis, zu denen ein extrem hohes Ansteckungspotential gehört, die mit der Infektion verbundenen Symptome sowie der Nachweis von Yersinia-DNA in Zahnmark bzw. Skeletten von Menschen des 8. und des 14. Jahrhunderts.Beispielsweise:

Neuere Forschungsergebnisse haben diese herrschende Meinung bestätigt. 2010 berichtete eine internationale Forschergruppe, dass sie aus mittelalterlichen Gräbern in Europa und Asien mehrere verschiedene genetische Varianten von Yersinia pestis isolieren konnte. Die Forscher zogen den Schluss, dass verschiedene Genvarianten des Bakteriums für den Schwarzen Tod verantwortlich waren. Die Ausbreitung sei von China über das Rote Meer nach Europa erfolgt.Stephanie Haensch, Raffaella Bianucci, Michel Signoli, Minoarisoa Rajerison, Michael Schultz u. a.: Distinct Clones of Yersinia pestis Caused the Black Death. In: PLoS Pathog. Band 6, Nr. 10, e1001134. 2010, Volltext verfügbar im Format html, PMID 20949072Verena J. Schuenemann u. a.: Targeted enrichment of ancient pathogens yielding the pPCP1 plasmid of Yersinia pestis from victims of the Black Death. In: PNAS, veröffentlicht online vor Druck, 29. August 2011, doi:10.1073/pnas.1105107108 Im Oktober 2011 publizierte eine internationale Forschergruppe aus den USA, Großbritannien, Kanada und Deutschland in der Zeitschrift Nature, dass es nunmehr gelungen sei, das Erbgut des Pesterregers vollständig zu entziffern, der als Schwarzer Tod um das Jahr 1350 in Europa wütete. Das aus Skeletten auf einem Londoner Friedhof isolierte Bakterium Yersinia pestis sei zweifelsfrei als Erreger der Pestepidemie im 14. Jahrhundert ausgemacht. Die Forscher widersprachen damit anderen Experten, die bisher annahmen, auch andere Krankheitserreger könnten für den Schwarzen Tod verantwortlich gewesen sein. Das nächstverwandte heute existierende Pestbakterium unterscheidet sich nach Angaben der Wissenschaftler in seinem Aufbau nur an zwölf Stellen von der Form aus dem 14. Jahrhundert und ist dieser somit sehr ähnlich.Nina Weber: Pest-Genom entziffert: Am Anfang war der Schwarze Tod; Spiegel Online vom 12. Oktober 2011. (abgerufen am 12. Oktober 2011).

Im Vorfeld zu diesen Erkenntnissen waren von einzelnen Wissenschaftlern immer wieder andere Auslöser für diese Pandemie diskutiert worden: Erwogen wurden unter anderem Pocken, Fleckfieber, Cholera, Typhus, Milzbrand oder ein hämorrhagisches Fieber. Begründet wurde dies unter anderem damit, dass einzelne überlieferte Merkmale nicht mit der von Yersinia pestis hervorgerufenen Krankheit übereinzustimmen schienen. Dazu gehörten die hohe Letalität und Ausbreitungsgeschwindigkeit. Bereits vor den Forschungsergebnissen von 2010 und 2011 galt vieles jedoch nicht mehr als stichhaltig. Eine Gruppe von Forschern an der Universität Marseille um Didier Raoult, Chef der Abteilung Klinische Mikrobiologie, vertritt die Ansicht, die Kleiderlaus (Pediculus humanis corporis), die Pestbakterien fast zwei Wochen in ihrem Blut behält und den Erreger so lange mit ihrem Kot ausscheidet, sei ein entscheidender Faktor der Übertragung gewesen. Bereits 1665 bewies der holländische Arzt Isbrand van Diemerbroeck, dass die Seuche durch infizierte Kleidung übertragen werden könne. Nicht allein Ratten und die von ihnen zum Menschen notgedrungen wechselnden Flöhe, sondern auch Personen, die mit pestverseuchten Kleiderläusen in ihrer Kleidung reisten, hätten auf diesem Übertragungsweg andere Menschen in bislang nicht von der Pest heimgesuchten Regionen anstecken können. Die geringe Ausbreitungsgeschwindigkeit bei einer Übertragung von Ratte zu Ratte ist demnach nicht mehr als begrenzender Faktor anzusehen, sondern die damalige Reisegeschwindigkeit von Menschen. Hierdurch erklärt sich auch die Überwindung einer Entfernung von mehr als 3200 km (Luftlinie) von Neapel bis Tromsø innerhalb von drei Jahren während der letzten großen Epidemie des Mittelalters.

Ein weiteres Argument gegen Yersinia pestis lieferte eine Mutation des Gens CCR5 beim Menschen, bei der 32 Basenpaare nicht vorhanden sind. Diese Mutation mit dem Namen CCR5Δ32 (CCR5-Delta32) wird bei etwa zehn Prozent der europäischen Bevölkerung gefunden, nicht aber in Asien oder Ostafrika.Stephen O’Brien u. a.: The Case for Selection at CCR5-Δ32. In: PLoS Biology. Band 3, Nr. 11, November 2005, S. e378, doi:10.1371/journal.pbio.0030378. Mathematische Modelle zur Verbreitung dieser Mutation lassen auf einen großen Selektionsdruck vor etwa 700 Jahren schließen, dem Zeitpunkt des Schwarzen Todes in Europa. Neuere Untersuchungen deuten jedoch auf ein wesentlich höheres Alter für die ursprüngliche Mutation und den Selektionseffekt. Eine Aussage über den Selektionsfaktor wird damit nahezu unmöglich. Diese Mutation könnte ein genetischer Überlebensvorteil gegenüber dem Erreger gewesen sein, allerdings bietet sie keinen Schutz gegen Yersinia pestis. Als wahrscheinlichster damaliger Selektionsfaktor gelten heute die Pocken.

Begriff „Schwarzer Tod“ mini|Ausschnitt aus dem Holzschnitt „Totentanz“ (Hans Holbein der Jüngere). Holbein verdeutlichte, dass der Tod nicht nach Stand unterscheidet. Genau genommen handelt es sich bei dem berühmten Ausdruck „Schwarzer Tod“ als Bezeichnung für die mittelalterliche Pestepidemie um einen Anachronismus, der erst lange nach deren Ende in den Quellen nachweisbar ist und sicher „mindestens 100 Jahre später nicht in Umlauf war“.Karl Lechner: Das große Sterben in Deutschland in den Jahren 1348 bis 1351. Wagner, Innsbruck 1884, S. 9. Er „dürfte sich von dem lateinischen atra mors ableiten, dem 'unglückbringendem Sterben.'“Klaus Bergdolt: Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes. 3. Auflage. Beck, München 2017, S. 41. Von wem und wann die Bezeichnung „Schwarzer Tod“ zuerst verwendet wurde, ist für Lechner „leider nicht zu eruieren“. Auch Justus HeckerJ[ustus] F[riedrich] C[arl] Hecker: Der schwarze Tod im vierzehnten Jahrhundert. In: Die großen Volkskrankheiten des Mittelalters. Historisch-pathologische Untersuchungen. Gesammelt und in erweiterter Form herausgegeben von August Hirsch. Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1865. Olms, Hildesheim 1964, S. 23. führte in keiner europäischen Sprache eine Quelle vor dem 17. Jahrhundert an. Die gebildeten Zeitgenossen sprachen vielmehr von mortalitas magna („großes Sterben“), pestis magna („große Seuche“) oder pestilencia maxima („riesengroße Pestilenz“).

Die Metapher des „schwarzen“ Todes stammt ursprünglich aus dem Homerischen Griechisch.Vassilka Nikolova: Art as Resistance to Death. In: Alan Bleakley, Larry Lynch, Gregg Whelan (Hrsg.): Risk and Regulation at the Interface of Medicine and the Arts. Scholars Publishing, Cambridge 2017, S. 135. Das Maul der Skylla soll „Zahnreihen voll des schwarzen Todes“ enthalten haben. Der Gedanke wurde dann von römischen Dichtern als atra mors / mors atra übernommen. Atra, das ursprünglich „dunkel; schwarz, farblos“ bedeutete, stand hierbei für ein „poetisches Bild des Todes als dunkel und grausam“ („it was a poetic image of death as dark and terrible“). „Die übertragene Bedeutung von ater spielt bei den Römern eine viel größere Rolle als bei uns die des Wortes schwarz.“Hugo Blümner: Farbenbezeichnungen bei den römischen Dichtern. S. Calvary, Berlin 1892, S. 52. So verwendet auch der Dichter Tibull (55–18/19 v. Chr.) das Wort in seinen Elegien: „Was für ein Wahnsinn ist es, den düsteren Tod durch Kriege herbeizuholen!“Tibull, Elegien, 1, 10, 33: „Quis furor est atram bellis arcessere Mortem!“ (übers. v. Niklas Holzberg). „Hieltest du nur fern deine gierigen Hände, schwarzer Tod (Mors nigra), hieltest du sie nur fern, dunkler Tod (Mors atra)!“Tibull, Elegien, 1, 3, 4–5: „Abstineas avidas Mors modo nigra manus, / abstineas, Mors atra, precor! […]“ (übers. v. Niklas Holzberg). „Die atra mors, auch mitunter personificirt gedacht als ‚atra Mors‘, hat natürlich mit dem, was bei uns Schwarzer Tod heißt, nichts zu tun, […], vielmehr soll durch 'atra' nur das Furchtbare des Sterbens überhaupt, das Unheimliche, das für den Lebenslustigen der Gedanke an den Tod hat, bezeichnet werden.Hugo Blümner: Farbenbezeichnungen bei den römischen Dichtern. S. Calvary, Berlin 1892, S. 52.“

Ebenfalls in metaphorischer Bedeutung verwendet lange nach Tibull der belgische Kanoniker Simon de Couvin, der als Arzt tätig war und sich mit Astrologie beschäftigte, 1350 den sinnverwandten Ausdruck nigra mors (der „schwarze“ Tod = der „unheilvolle“ Tod) in einem Traktat über die Konjunktion der Planeten Saturn und Jupiter, der er die Schuld für die Pandemie gab.