Die Phänomenologie (von und lógos, ‚Rede‘, ‚Lehre‘) ist eine philosophische Strömung, deren Vertreter den Ursprung der Erkenntnisgewinnung in unmittelbar gegebenen Erscheinungen, den Phänomenen, sehen.
Die verschiedenen phänomenologischen Ansätze in der Literatur, der Philosophie oder der Naturwissenschaft unterscheiden sich in der Art, wie sie mit Phänomenen umgehen. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, Phänomene als Erscheinungen eines unmittelbar Gegebenen zu beschreiben. Die Phänomenologie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich von Edmund Husserl geprägt.
Begriffsgeschichte Das Wort „Phänomen“ beschreibt schon im Altgriechischen eine Erscheinung (siehe hierzu die Etymologie von Phänomen), womit ein mit den Sinnen wahrnehmbares einzelnes Ereignis gemeint ist. Die Bedeutung solcher Phänomene ist durch die Schule der Skeptiker vorbereitet worden, die sich als Rückschlag auf den metaphysischen Dogmatismus der vorhergehenden philosophischen Schulen wie etwa der des Parmenides von Elea versteht.Georgi Schischkoff (Hrsg.): Philosophisches Wörterbuch. 14. Auflage. Alfred-Kröner, Stuttgart 1982, ISBN 3-520-01321-5, Lexikon-Stw. Skeptizismus. S. 641 f. Der Begriff „Phänomenologie“ oder „phänomenologisch“ geht auf das 18. Jahrhundert zurück und findet sich bei Friedrich Christoph Oetinger (Philosophie der Alten), sowie bei Johann Heinrich Lambert (Über die Methode, die Metaphysik, Theologie und Moral richtiger zu beweisen, 1762). Dies als Begriff einer Phaenomenologia oder optica transcendentalis. In Lamberts Schrift Neues Organon oder Gedanken über die Erforschung und Bezeichnung des Wahren und dessen Unterscheidung von Irrtum und Schein, Teil 4: Phänomenologie oder Lehre vom Schein (1764) wird die Notwendigkeit einer Lehre vom Schein oder Anschein nebst einer Lehre von den Denkgesetzen und einer solchen von den Zeichen als Instrumente der Wahrheitssuche postuliert.
Kant gebraucht den Begriff ebenfalls zur Benennung einer Lehre von den Grenzen der Rezeptivität. Daraus entstand unter anderem seine Kritik der reinen Vernunft.Siehe zur Geschichte des Terminus „Phänomenologie“: Niels W. Bokhove: Phänomenologie. Ursprung und Entwicklung des Terminus im 18. Jahrhundert (Quaestiones infinitae, 1; Diss. Utrecht, 1991) (Aalen: Scientia [jetzt: Amsterdam: Kloof], 1991). Enthält Vorgeschichte des Terminus, Oetinger (schon 1736!), Lambert, Kant, John Robison und einen Vorausblick auf das 19. Jahrhundert. Zusammenfassung in: Hans Burkhardt, Barry Smith (Hrsg.): Handbook of Metaphysics and Ontology. Vol. 2: L–Z. (Munich usw.: Philosophia Verlag, 1991), S. 698–700.
Des Weiteren steht der Begriff im Werk Hegels, besonders in der Phänomenologie des Geistes, für das werdende Wissen, d. h. die Formen, in denen Gegenstände überhaupt im Bewusstsein erscheinen können, mithin die Gesamtheit der Erscheinungen des Geistes in Bewusstsein, Geschichte und Denken.Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage. Springer, Berlin 1973 (unveränd. Nachdruck der 4. Auflage von 1946, Stand 1942) ISBN 3-540-03340-8, S. 47, Fußnote 1. So charakterisiert Jaspers den Gebrauch des Begriffs Phänomenologie im Sinne Hegels, bevor er seine eigene Phänomenologie referiert. Die Phänomenologie des Geistes versteht sich als Wissenschaft der Erfahrung des Bewusstseins, welches zunächst noch absolute Unmittelbarkeit (bloße sinnliche Anschauung einer vom Subjekt abgespaltenen Wirklichkeit) ist, später zum absoluten Wissen zurückkehrt (in dem das tätige Subjekt und das Objekt zusammenfallen). Hegel zielt damit gegen die naive Annahme der vorkritischen Philosophie, dass der Gegenstand die Erkenntnis bestimmt, aber ebenso auf die Beseitigung der von Kant postulierten Kluft zwischen dem Subjekt der Erkenntnis und ihrem Gegenstand, dem Ding an sich, das von Kant als unerkennbar angesehen und der bloßen Erscheinungswelt zugeordnet wird. Eine wichtige Rolle in diesem Vermittlungsprozess zwischen Subjekt und Objekt spielt – anders als der neuere Begriff der Phänomenologie suggeriert – die konkrete Tätigkeit des Menschen.
Franz Brentano verwendete alternativ den Begriff phänomenologische oder deskriptive Psychologie.Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkt, Band 2, O. Kraus (Hrsg.), Meiner, Hamburg 1955, 27 und 124. Eigenständige philosophische Methode wird die Phänomenologie erst durch Edmund Husserl Anfang des 20. Jahrhunderts.
Phänomenologie Husserls Ziel Husserls ist es, die Philosophie als „erste Wissenschaft“ (Prima philosophia) zu rehabilitieren. Nach Husserl kann nur eine phänomenologische Philosophie den Vorbedingungen einer wahrlich strengen Wissenschaft genügen, weil eine naturalistische oder experimentelle Philosophie auf Vorurteilen und Existenzannahmen basiert, also sich nicht an den „Sachen selbst“ orientiert.„Wir wollen auf die 'Sachen selbst' zurückgehen“, Edmund Husserl: Logische Untersuchungen, Zweiter Teil. Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis, Max Niemayer, Halle a. S., 1901, Einleitung, § 2, S. 7. Diese Orientierung charakterisiert die gesamte Strömung der Phänomenologie. Sie soll sicherstellen, dass sich die Wissenschaften nur von Evidenzen leiten lassen, die dem unmittelbaren Bewusstseinserleben entstammen.
Husserl stellt diesen Zusammenhang in einem Artikel in der Encyclopædia Britannica 1927 folgendermaßen dar:
In diesem Artikel werden drei wesentliche Aspekte der Phänomenologie Husserls genannt: Deskription als Methode Apriorität der Phänomenologie (wissenschaftlicher Anspruch) Fundament für alle anderen Wissenschaften
Diese drei Aspekte sind für alle folgenden Phänomenologen verbindliche Strukturmerkmale der Phänomenologie – auch wenn sie in der Weiterentwicklung der Phänomenologie und der Wandlung der phänomenologischen Forschungsgemeinde deutlicher Kritik unterzogen wurden.
Wurzel der Phänomenologie mini|hochkant|links|Franz BrentanoHusserls Phänomenologie ist stark beeinflusst von Franz Brentanos deskriptiver Psychologie, die ebenfalls psychische Phänomene unabhängig von den sie erzeugenden physischen Reizen beschreibt. In Abgrenzung zu einer empirischen Psychologie hatte Brentano den Begriff des intentionalen Bewusstseins gebildet. Dies ist Ausdruck der Überzeugung, dass Bewusstsein niemals ohne Bezug auf etwas ist: Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas.
Diese trivial anmutende Entdeckung ebnet den Weg zu einem der grundlegenden philosophischen Probleme – der Spaltung der Welt in Subjekt und Objekt. Auf Grundlage des intentionalen Charakters des Bewusstseins konnte dieses Problem aus einer neuen Perspektive bearbeitet werden.
Auch Brentano ging davon aus, dass sich die Grundlagen der Logik nicht in einer naturalistischen Psychologie begründen lassen. Husserl greift diesen Aspekt auf und weitet diesen Gedanken der deskriptiven Psychologie Brentanos aus zu einer transzendentalen Phänomenologie, welche die Möglichkeiten von Bewusstseinsakten überhaupt erklären will.
Die Psychologismuskritik Die philosophische Ausgangslage Husserls war die zu seiner Zeit herrschende Annahme, dass Wahrheiten relativ betrachtet werden müssen und sich nur in ihrer jeweiligen historischen Form zeigen (Historismus) oder aber Produkt einer naturalistisch gedachten Psyche sind (Psychologismus). Philosophie wäre dann keine Form der Erkenntnisgewinnung mehr und hätte diese Aufgabe an die Psychologie abzugeben. Dieser Auffassung setzte Husserl seine Kritik des Psychologismus entgegen. Nach Husserl ist die These des Psychologismus, die Logik sei ein Teil der Psychologie, da diese sich als Wissenschaft der Psyche auch mit den Denkgesetzen beschäftige, falsch. Demnach wäre Logik die Lehre vom Denken, Schlussfolgern und Urteilen und ein Spezialfall der psychischen Fähigkeiten. Husserl widerspricht dieser Auffassung in doppelter Hinsicht. Zunächst zeigt er auf, dass die Konsequenz des Psychologismus eine bloße Relativität logischer Gesetze zur Folge hätte. So würde der Satz vom Widerspruch zu einer bloßen Wahrscheinlichkeit werden, da empirische Regeln keine Allgemeingültigkeit beanspruchen können.
Ein weiteres Problem betrifft die Denkakte und deren Richtigkeit. Wenn die Gesetze der Logik rein empirischer Natur wären, abgeleitet aus den Denkgesetzen, sei damit noch nicht geklärt, dass diese auch richtig wären. So gibt es durchaus logisch falsche Urteile, die ebenfalls dem Denken entspringen. Somit kann das Kriterium der Richtigkeit nicht im Denken selbst liegen, es sei denn, falsche Urteile würden einer anderen Denkabfolge unterliegen, wobei dann wiederum die Frage bliebe, was denn nun das Kriterium für richtige oder falsche Denkabfolgen sei. Husserl ist der Überzeugung, dass der Psychologismus letztlich die Denkinhalte, z. B. das Urteil, nicht vom Denkverlauf, dem Urteilen selbst unterscheidet. Damit ist das Urteilen selbst real, während der Urteilsinhalt ideal ist. Diese Unterscheidung zwischen Inhalt und Denkakt, zwischen „Genesis“ und „Geltung“, wird in der Folge der Phänomenologie konstitutiv bleiben.
Freie Variation Methodisch am weitesten verbreitet ist die freie Variation, die dem deskriptiven Vorgehen der Phänomenologie am nächsten ist. Durch freie Variation in der Phantasie können unterschiedliche, aber einander gleichende Sachen vorgestellt werden. Jede dieser Sachen wird nur vom logisch Möglichen begrenzt, nicht von ihrer Existenzmöglichkeit (Beispiel: Goethes Konzept der Urpflanze). In dieser freien Variation können dann Konstanten entdeckt werden, in denen sich die unterschiedlichen Varianten „decken“, z. B. sind Scharlach und Bordeaux zwar unterschiedliche Farbtöne, beide aber doch rot. Es ist diese Deckung, diese Identität in der eidetischen Variation, welche diejenige Allgemeinheit ergibt, die Husserl mit dem Begriff „Idee“ bezeichnet. Das Husserlsche eidos ist ohne seine Metaphysik eine platonische Idee. Es ist das Wesen, eine Allgemeinheit, die anschaulich, intuitiv gegeben ist. Wichtig dabei ist der Unterschied zwischen empirischer Generalisation und dieser Ideation: Empirische Anschauung ist immer begrenzt, während reine eidetische Variation unendlich ist, da sie nicht nur das aktuell Existierende schaut, sondern alle logischen Möglichkeiten in Anspruch nimmt. Wenn nach Husserl die Philosophie strenge Wissenschaft sein soll, so benötigt sie diese Universalität und die durch sie gegebene Möglichkeit einer letzten Begründung, welche die Phänomenologie ist.
Intentionalität des Bewusstseins Intentionalität ist der zentrale Begriff der Phänomenologie Husserls überhaupt. Er greift die in der Psychologismuskritik schon angedeutete Problematik von Subjekt und Objekt wieder auf. Mit Intentionalität ist die Tatsache gemeint, dass unser Bewusstsein immer auf etwas gerichtet ist, also ein Bewusstsein „von etwas“ ist. Diese Bezeichnung lässt sich in der Betrachtung eines Phänomens verdeutlichen: Alltägliche Wahrnehmungen, wie das Wahrnehmen von Personen oder Gegenständen, vollziehen sich in einer nicht reflektierten Einstellung, die nicht die Sinnhaftigkeit der Person oder Sache in Frage stellt. Husserl geht nun davon aus, dass diese Sinnhaftigkeit etwas ist, das wir den Sachen beilegen. Ein Beispiel dafür ist die so genannte Täuschung. Schauen wir uns eine Schaufensterpuppe in einem Schaufenster an, vor dem wir stehen, so kann es geschehen, dass wir überrascht bemerken, dass es sich nicht um eine Puppe, sondern um einen Menschen gehandelt hat. In diesem Augenblick – und dies ist der Zeitpunkt, in dem die Täuschung umschlägt – verändert sich der Sinn dieser Figur. So verhalte ich mich z. B. nicht mehr so, als sei ich unbeobachtet.
mini|Vexierbild eines Totenkopfs, 19. Jahrhundert