Der Begriff Dissoziation (dissoziative Störungen;Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 269. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 402. auch umfassend Konversionsstörung und dissoziative Bewusstseinsstörung) bezeichnet das (teilweise bis vollständige) Auseinanderfallen von psychischen Funktionen, die normalerweise zusammenhängen. Der aktuelle Medizin-Duden unterscheidet den medizinischen Begriff als Störung des geordneten Zusammenspiels von Muskeln, Organteilen oder Empfindungen vom psychologischen Begriff als „Auflösung einer geordneten Vorstellungsverbindung oder eines normalerweise vorhandenen Bewusstseinszusammenhangs“.Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 242.
Beschrieben werden ein Zerfall, zum Beispiel von Bewusstseinszusammenhängen oder von persönlichkeitsformenden Kräften,Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 5. Band, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1988, ISBN 3-7653-1105-7, S. 549. oder „das Zerfallen von assoziativen Vorstellungsverbindungen unter dem Einfluss neuer Eindrücke“Friedrich Dorsch, Hartmut O. Häcker, Kurt-Hermann Stapf (Hrsg.): Dorsch – Psychologisches Wörterbuch. 11. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart / Toronto 1987, Nachdruck 1992, ISBN 3-456-81614-6, S. 146. mit der Sonderform Dissoziation von Empfindungen (Empfindungsdissoziation).
Betroffen von dissoziativer Abspaltung sind meist die Bereiche Wahrnehmung, Bewusstsein, Gedächtnis, Identität und Motorik, aber manchmal auch Körperempfindungen (etwa Schmerz und Hunger).Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 267. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2017, ISBN 978-3-11-049497-6 (Stichwort Dissoziation).
Dissoziative Phänomene existieren auf einem Kontinuum: Es erstreckt sich von leichten Symptomen, von denen nahezu jeder Mensch im Laufe des Lebens mindestens einmal betroffen sein kann, bis hin zu schweren Symptomen, die zu Beeinträchtigungen und Leiden führen. Letztere werden daher als dissoziative Störungen bezeichnet.
Vergleicht man eine Gruppe von Menschen mit dissoziativen Störungen mit Nichtbetroffenen, sind funktionelle und anatomische Abweichungen im Gehirn feststellbar. Bezüglich der Ursachen besteht weitgehende Einigkeit, dass man von einem Zusammenwirken bestimmter persönlicher Voraussetzungen und – in der Regel – traumatischer Erlebnisse ausgehen sollte. Vorübergehende dissoziative Zustände können jedoch auch durch einige chemische Substanzen hervorgerufen werden.
Verbreitung Die Lebenszeitprävalenz schwerwiegender dissoziativer Symptome liegt in der Allgemeinbevölkerung bei 2 bis 4 %, bei ambulanten psychiatrischen Patienten bei ca. 15 % und bei stationären psychiatrischen Patienten bei bis zu 30 %. Leichte Symptome hat mindestens einmal im Leben dagegen nahezu jeder. Generell nimmt die Häufigkeit der Symptome mit zunehmendem Alter ab.Kathlen Priebe, Christian Schmahl, Christian Stiglmayr: Dissoziation: Theorie und Therapie, Springer-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-642-35066-5, S. 34 f.
Abzugrenzen ist die dissoziative Lähmung oder dissoziative Parese. Hierbei handelt es sich um einen kompletten oder teilweisen Verlust der Bewegungsfähigkeit im Rahmen einer dissoziativen Bewegungsstörung (siehe unten). Von der dissoziativen Lähmung sind sowohl einzelne Körperglieder als auch der ganze Körper betroffen. Störungen der Koordinationsfähigkeit treten vor allem an den unteren Extremitäten, zum Beispiel als Ataxie, auf. Es lässt sich keine körperliche Erkrankung nachweisen.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 402.
Auch wird in der Neurologie die Aufhebung koordinierter Bewegungen zum Beispiel der Augen als Dissoziation bezeichnet.Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 431. Otto Dornblüth erwähnte diese „Dissoziation der Augenmuskelbewegungen [als] Lockerung der normalen Assoziation beider Augen beim Sehen“ erstmals 1907 in der dritten Auflage und zusätzlich die „Dissoziation der Empfindungen [als] Empfindungslähmung“ erstmals 1911 in der vierten Auflage seines Klinisches Wörterbuches.Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, Verlag von Veit & Comp. in Leipzig, 3. Auflage 1907 und 4. Auflage 1911, S. 58 beziehungsweise S. 69.
Formen dissoziativer Störungen
Im ICD-10 werden unterschiedliche Arten dissoziativer Störungen beschrieben. Ein gemeinsames Merkmal ist, dass keine körperliche Krankheit nachgewiesen werden kann, welche die Symptome erklärt.
Dissoziative Amnesie Nach den Kategorien von ICD-11 6B61 und ICD-10 F44.0 fehlen bei der dissoziativen Amnesie der betreffenden Person ganz oder teilweise Erinnerungen an ihre Vergangenheit, v. a. an belastende oder traumatische Ereignisse. Die Amnesie gehe weit über das Maß der normalen Vergesslichkeit hinaus, d. h. dauere länger an oder sei stärker ausgeprägt. Das Ausmaß der Amnesie könne jedoch im Verlauf schwanken.
Eine dissoziative Amnesie trete typischerweise nach kürzlich erlebten traumatischen oder stressigen Ereignissen auf.
Dissoziative Fugue Unter einer dissoziativen Fugue (F44.1) (auch psychogene Fugue) wird das unerwartete Weggehen von der gewohnten Umgebung (Zuhause, Arbeitsplatz) verstanden. Die Reise ist äußerlich normal organisiert, die Selbstversorgung bleibt weitgehend erhalten. Es besteht eine teilweise oder vollständige Amnesie für die gesamte Vergangenheit oder Teile davon (besonders für traumatische Ereignisse).
Nach DSM-IV wird als zusätzliches Kriterium eine Verwirrung über die eigene Identität oder die Annahme einer neuen Identität gefordert. Letzteres ist jedoch selten der Fall. Wenn doch, dann ist die neue Identität meist durch mehr Geselligkeit und weniger Zurückhaltung gekennzeichnet. Die Dauer kann einige Stunden bis hin zu mehreren Monaten betragen.
Dissoziativer Stupor Beim dissoziativen Stupor (F44.2) sind willkürliche Bewegungen, Sprache sowie die normale Reaktion auf Licht, Geräusche und Berührung vermindert oder fehlen ganz.
Trance- und Besessenheitszustände Pathologische Trance- und Besessenheitszustände werden im ICD-10 unter F44.3 kodiert.
Bei dissoziativen Trancezuständen handelt es sich um eine vorübergehende Bewusstseinsveränderung mit dem Verlust des Gefühls der persönlichen Identität, einer Einengung des Bewusstseins auf die unmittelbare Umgebung oder bestimmte Umgebungsreize. Bewegungen, Haltungen und Gesprochenes beschränken sich auf eine Wiederholung der immer selben wenigen Dinge oder Handlungen.
Bei einer dissoziativen Besessenheitstrance wird über einen begrenzten Zeitabschnitt eine neue Identität anstelle der gewohnten Identität angenommen, welche einem Geist oder einer Gottheit zugeschrieben wird. Pathologische Trance und Besessenheit kommen in unterschiedlichen Kulturen vor, und auch Kulturen mit religiösen Tranceriten kennen Trancezustände, die von normaler Trance abweichen und somit als krankhafte Störung beurteilt werden.
Dissoziative Bewegungsstörungen Bei dissoziativen (auch: psychogenen) Bewegungsstörungen (F44.4) kommt es entweder zu einem Verlust oder einer Einschränkung der Bewegungsfähigkeit (Willkürmotorik, Sprache) oder zu Koordinationsstörungen, Ataxie oder der Unfähigkeit, ohne Hilfe zu stehen. Dissoziative Bewegungsstörungen machen 2,6 bis 25 % der Bewegungsstörungen in neurologischen Abteilungen aus.J. M. Miyasaki, D. S. Sa, N. Galvez-Jimenez, A. E. Lang: Psychogenic movement disorders. In: The Canadian journal of neurological sciences. Le journal canadien des sciences neurologiques. Band 30 Suppl 1, März 2003, S. S94–100, PMID 12691482 (Review). Davon wiederum fallen 32,8 % auf den psychogenen Tremor, 25 % auf die psychogene Dystonie, 25 % auf psychogene Myoklonie, 6,1 % auf den psychogenen Parkinsonismus und 10,9 % auf die psychogene Gangstörung.
Dissoziative Krampfanfälle Bei dissoziativen Krampfanfällen (F44.5) kommt es zu plötzlichen und unerwarteten krampfartigen Bewegungen, die einem epileptischen Anfall ähnlich sein können. Es kommt allerdings nicht zum Bewusstseinsverlust. Stattdessen ist jedoch ein stupor- oder tranceähnlicher Zustand möglich. Nur selten kommt es dabei zu einem Zungenbiss, schweren Hämatomen, Verletzungen aufgrund eines Sturzes oder zur Urininkontinenz.
Zu den dissoziativen Krampfanfällen gehört der klassische Arc de cercle.
Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen Bei der dissoziativen Sensibilitätsstörung und bei der dissoziativen EmpfindungsstörungWillibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 402. (F44.6) liegt ein Verlust (teilweise oder vollständig) entweder der normalen Hautempfindungen (ein Körperteil oder am ganzen Körper) oder des Seh-, Hör- oder Riechvermögens vor.
Eine Verwandtschaft mit der dissoziierten Sensibilitätsstörung, einem neurologischen Symptom,Frieder Láhoda (Hrsg.): Wörterbuch der Neurologie. Einhorn-Presse Verlag, 3. Auflage, Reinbek 1990, ISBN 3-88756-209-7, S. 74. besteht nicht.
Sonstige dissoziative Störungen Hierzu gehören z. B. das Ganser-Syndrom (auch Vorbeiantworten, Pseudodebilität, F44.80) und die dissoziative Identitätsstörung (ICD-11 6B64; ICD-10 F44.81 multiple Persönlichkeit(sstörung)). Zwei oder mehr wesentlich unterschiedliche Persönlichkeitszustände bestimmen im Wechsel das Verhalten desselben Menschen.
Weitere dissoziative Erscheinungen, die jedoch unter ICD-10 F48.1 gelistet und erst ab DSM-5 ausdrücklich den Dissoziationen zugerechnet werden, sind: Depersonalisation: Hierbei handelt es sich um eine Veränderung der Selbstwahrnehmung: die Person fühlt sich fremd im eigenen Körper – sie beobachtet sich von außen. Dabei reagieren die Personen völlig angemessen auf ihre Umwelt. Allerdings können Sinneswahrnehmungen oder auch Körpergefühle wie Hunger und Durst gestört sein. Autoskopie: Erlebnis einer Sicht (ohne Spiegel oder Kamera) auf den eigenen Körper wie von außen oder als gedoppelten Körper. Auch beschrieben als außerkörperliche Erfahrung oder Nahtoderfahrung.Olaf Blanke, Nathan Faivre, Sebastian Dieguez: Leaving Body and Life Behind: Out-of-Body and Near-Death Experience. In: Steven Laureys, Olivia Gosseries, Giulio Tononi: The Neurology of Consciousness: Cognitive Neuroscience and Neuropathology, 2. Auflage, Academic Press, Amsterdam 2015, ISBN 978-0-12-801175-1, S. 323–347 (englisch). (abgerufen am 15. Juli 2016). Derealisation: Dabei wird durch ein Gefühl der Unwirklichkeit die Umwelt als fremd oder verändert wahrgenommen. Sowohl Depersonalisation als auch Derealisation sind selten isoliert. Meist treten sie als ein Symptom anderer Störungen auf, z. B. im Zusammenhang von Panikattacken.
Früher wurden noch eine tabische Dissoziation beim Tabes dorsalis und eine syringomyelitische Dissoziation bei einer Unterbrechung des Tractus spinothalamicus abgegrenzt.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1966, 2. Ordner (Carg–Ez), ISBN 3-541-84000-5, S. D 183.
Diagnostische Instrumente Es gibt verschiedene Instrumente zur Diagnostik von Dissoziation. Diese lassen sich unterteilen in Fragebögen zur Selbst- und zur Fremdbeurteilung:
Selbstbeurteilung: Dissociative Experience Scale (DES) / Fragebogen zu dissoziativen Symptomen (FDS) Impact of Event Scale (IES) – Misst Intrusion, erhöhtes Arousal und Vermeidungsverhalten nach Trauma Cambridge Depersonalization Scale (CDS) – 30 Fragen und kostenlos für Forschungszwecke. Dissoziations-Spannungs-Skala (DSS)- 21 Fragen.
Fremdbeurteilung: Strukturiertes Klinisches Interview für DSM-5-Störungen – Klinische Version (SCID-5-CV) AMDP-Modul zu Dissoziation und Konversion (AMDP-DK) Dissociative Disorders Interview Schedule (DDIS) Heidelberger Dissoziationsinventar (HDI)