Xankəndi oder deutsch Chankändi ist eine Stadt in Aserbaidschan. Unter dem Namen (, ) war sie bis 2023 Hauptstadt der Republik Arzach, eines nicht anerkannten De-facto-Staates im Kleinen Kaukasus, und zuvor in der Sowjetzeit Hauptstadt der Autonomen Oblast Bergkarabach. Die Stadt im Tal des Karkar (Qarqarçay) hatte 2015 etwa 55.000 Einwohner. Nach der Eroberung durch Aserbaidschan flohen fast alle Bewohner.

Name Im Mittelalter hieß die Stadt nach armenischen Quellen Wararakn (), woran noch der Name einer kleinen Kirche erinnert.Naira Hayrumyan: . Armenia Now, 7. März 2013. 1847 wurde sie in Xankəndi (andere Umschriften Xankändi, Khankendi, Chankendi, Chankändi oder Hankendi) umbenannt.Robert H. Hewsen: Armenia: A Historical Atlas. University of Chicago Press, Chicago 2001. S. 265. ISBN 0226332284, ISBN 9780226332284 Die aserbaidschanische Bezeichnung Xankəndi setzt sich aus alttürkischen Wortbestandteilen zusammen. In der aserbaidschanischen/türkischen Sprache bedeutet xan „Khan“ und kənd bedeutet „Dorf“. Der Begriff lässt sich somit als „Dorf des Khans“ deuten und ist im Zusammenhang mit dem Khanat Karabach zu sehen.Johannes Rau: Der Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan. Verlag Dr. Köster, 2007, ISBN 978-3-89574-629-1, S. 34. Mit der planmäßigen Gründung als Gebietshauptstadt 1923 in sowjetischer Zeit erhielt der Ort nach Stepan Schahumjan den Namen Stepanakert.

Geschichte mini|links|Blick von Süden über die Stadt (2017)

Das Gebiet der Stadt teilt die wechselhafte Geschichte der Region Bergkarabach, die lange Teil armenischer Staaten war, oft unter Fremdherrschaft diverser Reiche und seit dem Mittelalter zunehmend auch von muslimischen Aserbaidschanern bevölkert wurde. So war die Siedlung auch Teil des in diesem Gebiet bestehenden Khanat Karabach mit Hauptstadt im nahen Schuschi, ehe sie mit diesem im 19. Jahrhundert Teil des Russischen Reiches wurde. In diesem war es ab 1868 Teil des Ujesd Schuschi, bis das Reich in der Oktoberrevolution 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg unterging.

Nach der weitgehenden Zerstörung von Schuschi, bis dahin größte Stadt Bergkarabachs, in Folge des Schuscha-Pogroms durch türkische und aserbaidschanische Truppen im März 1920 wurde von der bald darauf folgenden Sowjetmacht entschieden, an der Stelle des vorherigen Dorfes Xankəndi eine neue Stadt als Hauptstadt der innerhalb der Aserbaidschanischen SSR neu zu errichtenden Autonomen Oblast Bergkarabach zu gründen. Diese erhielt 1923 den Namen Stepanakert nach dem armenischen Kommunisten Stepan Schahumjan, der 1918 im russischen Bürgerkrieg von Sozialrevolutionären in Krasnowodsk hingerichtet worden war. Der Ort wuchs vor allem durch die Zuwanderung von Armeniern aus den umliegenden Dörfern schnell und erhielt 1940 die Stadtrechte.Johannes Rau: Der Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan. Verlag Dr. Köster, 2007, ISBN 978-3-89574-629-1, S. 17–18.

mini|Platz der Wiedergeburt mit dem Gebäude der Nationalversammlung (2014) mini|Straße der Befreier (Prospekt Azatamartikneri), 2017 mini|Innenstadt Stepanakert (2015) mini|Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale des armenisch-apostolischen Bistums Arzach (2019) mini|hochkant|Surp Hakob (Jakobskirche)

Im Zuge des ab 1988 eskalierenden Bergkarabachkonflikts proklamierte der Nationalrat von Bergkarabach im September 1991 die Unabhängigkeit der Republik Bergkarabach mit Stepanakert als Hauptstadt. Am 26. November entzog Aserbaidschan Bergkarabach den Autonomiestatus und begann mit dem Raketenbeschuss Stepanakerts.Eva-Maria Auch: Berg Karabach – Krieg um den „schwarzen Garten“. In: Marie-Carin von Gumppenberg, Udo Steinbach (Hrsg.): Der Kaukasus – Geschichte-Kultur-Politik. Verlag C.H. Beck, München 2010 (2. Auflage). Durch die Einnahme von Schuschi am 9. Mai 1992 wurde der aserbaidschanische Beschuss der Stadt beendet. Der mittlerweile in Republik Arzach umbenannte Staat konnte sich im bis 1994 anhaltenden Krieg zwar behaupten, erlangte aber außerhalb von einigen US-Bundesstaaten in der UN mehrheitlich keine völkerrechtliche Anerkennung und wird von Aserbaidschan weiterhin als eigenes Territorium beansprucht. Für die Gebietshauptstadt wird von der aserbaidschanischen Seite statt Stepanakert der Name Xankəndi verwendet.

Umbau der Stadt nach der Übernahme durch Aserbaidschan Nach der Offensive Aserbaidschans gegen Arzach am 19. und 20. September 2023 und der daraus folgenden Kapitulation und Auflösung der Republik Arzach sind fast alle Armenier aus der Stadt geflohen. Am 29. September geriet die Stadt unter die Kontrolle Aserbaidschans.

Nach der Besetzung der nunmehr Xankəndi genannten Stadt und der Massenflucht ihrer Bevölkerung begannen die neuen aserbaidschanischen Behörden rasch mit Maßnahmen, das Gesicht der Stadt zu verändern und ihre armenischen Spuren zu tilgen. Bereits im August 2021Account Xankəndi şəhəri – Khankendi city: Post auf X, damals Twitter vom 1. August 2021. hatte Aserbaidschan eine Karte mit geplanten Straßennamen in Xankəndi veröffentlicht, die Anfang Oktober 2023 erneut vorgestellt wurde. Namensgeber sind großenteils aserbaidschanische Persönlichkeiten und im Fall einer großen Stadtstraße Enver Pascha, einer der Planer des Völkermordes an den Armeniern ab 1915.Faustine Vincent: Azerbaijan reissues Nagorno-Karabakh map with street named after Turkish leader of 1915 Armenian genocide. Le Monde, 4. Oktober 2023. Auf aktuellen Karten der aserbaidschanischen Regierung sind diese Straßennamen einschließlich der Enver-Pascha-Straße zu sehen.Gomap.az: Xankəndi, abgerufen am 11. Oktober 2024. Noch 2023 wurde die aus Sowjetzeiten stammende Statue für Stepan Schahumjan zerstört.Lilit Shahverdyan: Azerbaijan: Baku is bulldozing Armenian legacy in Karabakh. Some acts appear to contravene International Court of Justice order. Eurasianet, 30. Mai 2024. Im März 2024 wurden das Parlamentsgebäude der ehemaligen Nationalversammlung der Republik Arzach und das Gebäude der Veteranen des ersten Krieges um Bergkarabach am Platz der Wiedergeburt, nunmehr Platz des Sieges, vollständig abgebrochen.Susan Badalian: Azerbaijan Demolishing Key Building In Karabakh. Azatutyun (Radio Free Europe/Radio Liberty’s Armenian Service), 4. März 2024. Die regierungsnahe private Nachrichtenagentur Turan rechtfertigte dies damit, dass die Gebäude „ohne jede kulturelle oder historische Bedeutung“ seien und der Abriss einen maßgeblichen Schritt zur „Wiederherstellung der Integrität der Stadt“ darstelle.Urban Renewal in Khankendi: Demolition of Separatist "Parliament". Turan Information Agency (Turan İnformasiya Agentliyi), 5. März 2024. Im September 2024 berichtete das Portal Bellingcat, dass aus Satellitenaufnahmen deutlich werde, dass Wohnungen in ganzen Stadt leergeräumt wurden. Satellitenbilder vom April 2024 zeigten über das ganze Stadtgebiet verteilt auf den Straßen der Stadt Haufen von Wohnungsinventar, das offenbar nach draußen geworfen worden war. Im Mai 2024 wurde ein ganzes Wohnviertel vollständig abgerissen, um Neubauten für die neu gegründete Karabach-Universität Platz zu machen. Bellingcat wies in diesem Zusammenhang auf die aus der Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs (ICJ) hervorgehende Verpflichtung Aserbaidschans hin, „Personen, die nach dem 19. September 2023 Bergkarabach verlassen haben und zurückkehren wollen, dies in sicherer, ungehinderter und rascher Weise zu ermöglichen“. Auf eine Anfrage Bellingcats antworteten die aserbaidschanischen Behörden nicht.Ella Chakarian, Bence X. Szechenyi: Nagorno-Karabakh: Satellite Imagery Shows City-Wide Ransacking. Bellingcat, 27. September 2024.Regarding the Azerbaijani “reconstruction” of Stepanakert. Monument Watch, 10. Juli 2024.International Court of Justice (ICJ): Order of 17 November 2023, Document Number 180-20231117-ORD-01-00-EN.

Einrichtungen In Stepanakert befanden sich die Nationalversammlung, die Sitze des Präsidenten und der Regierung der Republik Arzach. Die Stadt war Sitz mehrerer Universitäten, darunter der Staatlichen Universität Arzach. Der bis 2011 sanierte Flughafen Stepanakert, auf dem jedoch kein Flugverkehr stattfand, liegt acht Kilometer nordöstlich der Stadt.

Bevölkerungsentwicklung Während der Zeit des russischen Reiches war der Ort der einzige mit fast ausschließlich russischer Bevölkerung im Kreis. Nachdem die aserbaidschanische Minderheit im Krieg Anfang der 1990er Jahre floh, lebten in der Stadt fast ausschließlich Armenier.

JahrArmenierAzeris/TatarenRussenGesamt 188620,7 %10,4 %27698,9 %279 1921M. Karapetjan: Ètnicheskaya struktura naseleniya Nagornogo Karabakha v 1921 g. Jerewan 1991, S. 11.98171,1 %39828,9 %00 %1.379 1926Volkszählung der Sowjetunion 1926 (AO NAGORNOGO KARABAKHA 1926 g.)2.72485,4 %34310,8 %591,9 %3.189 1939Volkszählung der Sowjetunion 1939 (NAGORNO-KARABAKHSKAYA AO 1939 g.)9.07986,8 %6726,4 %5635,4 %10.459 1959Volkszählung der Sowjetunion 1959 (NAGORNO-KARABAKHSKAYA AO 1959 g.)17.64089,5 %1.1435,8 %6983,5 %19.703 1970Volkszählung der Sowjetunion 1970 (NAGORNO-KARABAKHSKAYA AO 1970 g.)26.68488,1 %2.7629,1 %6072,0 %30.293 1979Volkszählung der Sowjetunion 1979 (NAGORNO-KARABAKHSKAYA AO 1979 g.)33.89887,0 %4.30311,0 %5491,4 %38.9481992: Vertreibung der aserbaidschanischen Bevölkerung 2005De facto and De Jure Population by Administrative Territorial Distribution and Sex Census in NKR, 2005. The National Statistical Service of Nagorno-Karabakh Republic~100%49.848 2009~100%52.900 2015~100%55.2002023: Vertreibung der armenischen Bevölkerung

Kirchen Obwohl ein Großteil der Einwohner Stepanakerts auch zu Sowjetzeiten der Armenischen Apostolischen Kirche angehörte, gab es bis 2007 keine Kirche, denn die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete Georgskirche (Surp Kevork) wurde unter Josef Stalin in den 1930er Jahren abgerissen, um dem Stepanakerter Theaterbau Platz zu machen.

Am nördlichen Rand der Stadt nahe dem Soldatenfriedhof gibt es auf einem Stück Privatland eine kleine mittelalterliche Kirche mit dem Namen Vararakn (, deutsch „schnell fließender Strom“), die seit langer Zeit nicht mehr genutzt wird. Sie trägt denselben Namen wie das alte armenische Dorf, an dessen Stelle die sowjetische Stadt Stepanakert gegründet wurde.

Am 9. Mai 2007, dem 15. Jahrestag der Einnahme Schuschis, wurde die Jakobskirche (Surp Hakob) eröffnet. Der Bau wurde vom Mäzen Nerses Yepremian aus Los Angeles ermöglicht.Laura Grigorian: Armtown, 4. April 2012.

Mit dem Bau der Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale wurde am 19. Juli 2006 begonnen. Finanziert wurde der anfangs auf 2 Millionen US-Dollar projektierte Bau von seinem Architekten, Gagik Yeranosyan.. Die Kathedrale wurde im Jahr 2019 geweiht und eröffnet.

Im April 2026 wurden die Jakobskirche und die Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kathedrale kurz vor dem Gedenktag für den Völkermord an den Armeniern abgerissen.

Verkehr Der Bahnhof der Stadt lag an der Bahnstrecke Yevlax–Stepanakert, die abschnittweise von Yevlax kommend hierhin eröffnet wurde und die Stadt 1978 erreichte. Der Abschnitt zwischen Ağdam und Stepanakert wurde 1990 der russischen Armee unterstellt und mit dem Beginn kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan der Verkehr im März 1992 eingestellt.Neil Robinson: World Rail Atlas. Bd. 8: The Middle East and Caucasus. 2006. ISBN 954-12-0128-8, S. 8, 10, Anm. 1. Seitdem ist die Stadt wieder ohne Eisenbahnanschluss.

Söhne und Töchter der Stadt Bachschi Galandarli (Bəxşi Qələndərli) (1903–1985), sowjetaserbaidschanischer Schauspieler und Theaterdirektor Armen Abaghjan (1933–2005), sowjetischer, später russischer Nuklearphysiker Zori Balajan (1935–2026), Schriftsteller, Journalist und Sportarzt Şirin Mirzəyev (1947–1992), Oberstleutnant; "Nationalheld Aserbaidschans" Don Askarian (1949–2018), sowjetisch-deutscher Filmproduzent, Regisseur und Drehbuchautor