mini|Siedlungsgebiet des Stammesverbandes der AbodritenKarte nach Michael Müller-Wille: Zwischen Starigard/Oldenburg und Novgorod. Beiträge zur Archäologie west- und ostslawischer Gebiete im frühen Mittelalter. (= Studien zur Siedlungsgeschichte und Archäologie der Ostseegebiete. Bd. 10), Wachholtz, Neumünster 2011, ISBN 978-3-529-01399-7. S. 46 ff. Die Abodriten oder Obodriten (auch Abotriten, Obotriten oder Bodrizen) waren ein elbslawischer Stammesverband, der vom 8. bis zum 12. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg und des östlichen Holstein siedelte. Der Name leitet sich vom Stamm der Abodriten ab, der um Wismar und Schwerin ansässig war und innerhalb des Verbandes eine Führungsrolle einnahm.
Ende des 7. Jahrhunderts wanderten Slawen in das Gebiet zwischen Elbe und Oder ein, aus denen sich im Nordwesten der abodritische Stammesverband bildete. Ihm gehörten zu unterschiedlichen Zeiten die Wagrier, Travnjanen, Polaben, Kessiner, Warnower, Zirzipanen, Smeldinger, Bethenzer und Linonen an. Trotz seiner exponierten geopolitischen Lage behauptete der Stammesverband der Abodriten seine politische, kulturelle und religiöse Eigenständigkeit gegenüber Franken, Sachsen und Dänen. Unter dem christlichen Fürstengeschlecht der Nakoniden erstreckte sich das Herrschaftsgebiet der Abodriten bis an Oder und Havel. Nach dem Tod des letzten Samtherrschers Knud Lavard begann das Abodritenreich Anfang des 12. Jahrhunderts zu zerfallen. Den westlichen Teil mit Wagrien und Polabien gliederte Heinrich der Löwe ab 1138/39 in sein Herrschaftsgebiet ein. Im östlichen Landesteil etablierten sich nach 1160 die Nachkommen des abodritischen Fürsten Niklot dauerhaft als Herren von Mecklenburg.
Die mecklenburgischen Fürsten förderten über Jahrhunderte eine phantasievolle Geschichtsschreibung der slawischen Vergangenheit, um ihre Abstammung von abodritischen Königen nachzuweisen. Mit seiner 1860 veröffentlichten Quellensammlung zu den westslawischen Stämmen legte der Schweriner Archivar Friedrich Wigger das Fundament für wissenschaftliche Untersuchungen zur abodritischen Geschichte. Darin gelangten die Abodriten zunächst jedoch nur selten über das Stadium des auf germanische Eroberungs- und Christianisierungsbemühungen reagierenden Objektes hinaus. Erst die Habilitationsschrift Wolfgang H. Fritzes über die abodritische Verfassungsgeschichte aus dem Jahr 1960 ebnete der Forschung den Weg, die Abodriten als interagierendes völkerrechtliches Subjekt des Mittelalters wahrzunehmen. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind die Ethnogenese und die gescheiterte Nationenbildung.
Name Der Name der Abodriten begegnet erstmals für das Jahr 789 in den zeitgenössischenHartmut Hoffmann: Untersuchungen zur karolingischen Annalistik (= Bonner historische Forschungen. Bd. 10, ). Röhrscheid, Bonn 1958, S. 138 ff.: Aufzeichnungen ab den neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts. Reichsannalen als Abotriti. Einhard berichtet in der Vita Karoli Magni von Abodriti. Die Schreibweise Obodritos findet sich ab Mitte des 9. Jahrhunderts, zunächst in einem Brief des fränkischen Kaisers Lothar aus dem Jahr 851. Die Chronisten Adam von Bremen (Obodriti) und Helmold von Bosau (Obotriti) gebrauchten im 11. und 12. Jahrhundert dann durchgängig die Bezeichnung Obodriten. Eine Eigenbenennung ist nicht überliefert. Heute werden beide Schreibweisen verwendet. Demgegenüber konnte sich die Benennung als Bodrizen nicht durchsetzen. Dabei handelte es sich um das Ergebnis einer sprachwissenschaftlichen Ableitung des 19. Jahrhunderts.Kritisch zu dieser Herleitung schon Friedrich Wigger: Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen. Hildebrand, Schwerin 1860, S. 105.
Eine allgemein anerkannte Bestimmung von Herkunft und Bedeutung des Namens existiert bislang nicht. Die Meinungen reichen von slavischFriedrich Wigger: Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen. Hildebrand, Schwerin 1860, S. 105. bis völlig unslavischHeinrich Kunstmann: Die Slaven. Ihr Name, ihre Wanderung nach Europa und die Anfänge der russischen Geschichte in historisch-onomastischer Sicht. Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06816-3, S. 51; auch Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, hier S. 150 Anm. 68, hat den Eindruck, dass es sich von Hause aus um einen Namen nichtslawischer Herkunft handelt. Offen gelassen bei Joachim Herrmann (Hrsg.): Die Slawen in Deutschland. Geschichte und Kultur der slawischen Stämme westlich von Oder und Neiße vom 6. bis 12. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Alte Geschichte und Archäologie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Bd. 14). Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 13.. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Deutungen aus: Es wird vermutet, der Name verweise auf eine Herkunft aus dem Odergebiet (ob-odriti), sei von einem nicht überlieferten Stammeshäuptling Bodr abgeleitet, entspreche dem russischen obodrat für GrenzräuberÜbersicht bei Friedrich Wigger: Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen. Hildebrand, Schwerin 1860, S. 105. oder er habe seine Wurzel im griechischen ἀπάτριδες, was sinngemäß mit Die Heimatlosen zu übersetzen sei.Heinrich Kunstmann: Die Slaven. Ihr Name, ihre Wanderung nach Europa und die Anfänge der russischen Geschichte in historisch-onomastischer Sicht. Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06816-3, S. 51.; ältere Deutungen bei Paul Kühnel: Die slavischen Ortsnamen in Meklenburg. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 46, 1881, , S. 3–168, hier S. 101, wonach sich der Name von bŭdrŭ für wachsam, tapfer oder auch von odry für Pfahlwerk, also für die am Gewässer wohnen ableiten könnte. Der Name Rereger, den Adam von Bremen in seiner Hamburger Kirchengeschichte verwendet,Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum II,21: Deinde secuntur Obodriti, qui nunc Reregi vocantur. bezeichnet die Abodriten als Stamm.Friedrich Wigger: Mecklenburgische Annalen bis zum Jahre 1066. Eine chronologisch geordnete Quellensammlung mit Anmerkungen und Abhandlungen. Hildebrand, Schwerin 1860, S. 106. ('Rereger' ist offenbar vom Namen des obodritischen Handelsplatzes Reric abgeleitet.)
Siedlungsgebiet Ende des 8. Jahrhunderts siedelten die Abodriten in zwei räumlich voneinander getrennten Gebieten: Das westliche Siedlungsgebiet, bestehend aus dem nördlichen Lauenburg mit Hauptburg in Hammer, dem Lübecker Becken mit Hauptburg in Pöppendorf und Ostholstein mit Hauptburg in Starigard grenzte im Norden an das Herrschaftsgebiet der Dänen, im Westen an das sächsische Nordalbingien und im Süden an das ebenfalls sächsische Ostfalen. Benachbart zum östlichen Siedlungsgebiet zwischen Wismar und Schwerin mit den Hauptburgen in Dorf Mecklenburg und Ilow befand sich das Stammesgebiet der Wilzen. Zwischen den beiden abodritischen Siedlungsgebieten erstreckte sich ein dünn besiedelter Streifen von der Ostsee über Grevesmühlen, Gadebusch und Wittenburg bis zur Elbe westlich von Boizenburg. Das Grenzgebiet zwischen Abodriten und Wilzen verlief vom Darß entlang der Recknitz über die Mecklenburgische Schweiz bis in das Müritzgebiet.Fred Ruchhöft: Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei. Die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter (= Archäologie und Geschichte im Ostseeraum. Bd. 4). Leidorf, Rahden (Westfalen) 2008, ISBN 978-3-89646-464-4, S. 65–75.
In den folgenden Jahrhunderten kam es zu keinen nennenswerten Veränderungen des Siedlungsgebietes. Zunehmender Flächenbedarf durch die langsam, aber stetig anwachsende Bevölkerung wurde durch eine Verdichtung des Siedlungsnetzes befriedigt; nur in Ausnahmefällen ist Landesausbau durch Rodung zu verzeichnen.Fred Ruchhöft: Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei. Die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter (= Archäologie und Geschichte im Ostseeraum. Bd. 4). Leidorf, Rahden (Westfalen) 2008, ISBN 978-3-89646-464-4, S. 65.
Geschichte Nach der Landnahme durch einwandernde Slawen entstand der abodritische Stammesverband, dessen Geschichte sich bis zu seinem Untergang im 12. Jahrhundert in die Hauptperioden des Kleinstämmestaates, des Teilstämmestaates und des Großstammstaates unterteilen lässt.Zuerst Wolfgang H. Fritze: Probleme der abodritischen Stammes- und Reichsverfassung und ihrer Entwicklung vom Stammesstaat zum Herrschaftsstaat. In: Herbert Ludat (Hrsg.): Siedlung und Verfassung der Slawen zwischen Elbe, Saale und Oder. W. Schmitz, Gießen 1960, S. 141–219, insbesondere S. 201 ff. ihm folgend Klaus Zernack: Abodriten. In: Herbert Jankuhn, Heinrich Beck u. a. (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 1: Aachen – Bajuwaren. 2., völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. de Gruyter, Berlin u. a. 1974, ISBN 3-11-004897-3, S. 13–15, hier S. 13; abweichend die Dreiteilung bei Fred Ruchhöft: Vom slawischen Stammesgebiet zur deutschen Vogtei. Die Entwicklung der Territorien in Ostholstein, Lauenburg, Mecklenburg und Vorpommern im Mittelalter (= Archäologie und Geschichte im Ostseeraum. Bd. 4). Leidorf, Rahden (Westfalen) 2008, ISBN 978-3-89646-464-4, S. 80 ff., 113 ff., 155 ff.
Landnahme