mini|hochkant=1.2|Ostfassade der Stiftskirche mit den charakteristischen Doppeltürmen mini|Innenansicht mit Kanzel, Altar- und Chorraum mini|Der neu gebaute Stiftsbezirk auf einer Darstellung von 1769 mini|Kämpfer mit Schilfblattmotiv (830er Jahre). Das Loch in der Mitte zeugt von der Wiederverwertung mini|Grundriss (mit dem inneren Klosterhof)

Die Stiftskirche und Kathedrale St. Gallen (eigentlich Stiftskirche St. Gallus und Otmar) ist ein römisch-katholischer Kirchenbau in der Stadt St. Gallen in der Schweiz und seit 1847 Kathedrale des Bistums St. Gallen und Pfarrkirche der Dompfarrei. Zuvor war sie die Stiftskirche des 1805 aufgehobenen Benediktinerklosters St. Gallen. Der zwischen 1755 und 1766 errichtete barocke Neubau wurde zusammen mit dem Stiftsbezirk 1983 als UNESCO-Welterbe in die Liste der schützenswerten Weltkulturgüter aufgenommen.

Baugeschichte Archäologische Funde von 1963 bis 1967 in der Stiftskirche St. Gallen brachten unter anderem 266 Bauskulpturen ans Licht, die teilweise im so genannten «Gewölbekeller» der Stiftsbibliothek ausgestellt sind. Ein kleiner allseitig bearbeiteter Sandsteinquader, der auf seiner gerahmten Schauseite ein Relief mit einem Blumenornament zeigt, zeugt von einem Bau vor der Regularisierung der koinobitischen Gemeinschaft rund um das Grab des Gallus.

Ungefähr ab dem Jahre 720 organisierte Abt Otmar die Zelle neu. Steinbauten mit bauplastischem Schmuck entstanden. Die Hauptkirche war dreischiffig und umfasste auch eine Krypta. Funde von Schranken, Pfosten, Platten, Säulchen, ein Kapitell und Balken, alle aus Sandstein, stammen aus dieser Zeit. Wiederverwendete Mosaikfragmente belegen, dass der Bau vor 830 mit Mosaiken geschmückt war.

Abt Gozbert ging ungefähr ab dem Jahr 820 das Projekt eines Neubaus der Klosterkirche an. In diesem Zusammenhang entstand der St. Galler Klosterplan. Dieser stellt die ideale Gestaltung einer Klosteranlage zur Karolingerzeit dar. In der europäischen Geschichte ist er das früheste Dokument, das einen eigenen Bau für eine Bibliothek und eine Schreibwerkstatt ausweist. Allerdings liess Abt Gozbert seine Neubauten nicht streng nach diesem Plan ausführen. Aus dieser Zeit stammen Werksteine, die bei den bereits erwähnten Ausgrabungen zwischen 1963 und 1966 gefunden wurden. Es sind Basen, Säulen- und Pfeilerkapitelle und Kämpfer. Wie petrografische Untersuchungen ergaben, handelt es sich um Molassesandstein, der in der Region abgebaut wurde. Diese Werksteine waren nie gefasst. Beschädigungen und historische Reparaturen zeigen, dass sie wiederverwendet wurden. Darauf weisen auch die in die Seiten geschlagenen Löcher bei Kämpfern und Kapitellen. Diese stammen von der Wiederverwendung der Stücke und dienten zum Einhaken der Zangen, mit denen die Steine gehoben und verschoben wurden. Die Wiederverwendung dieser Steine hängt mit dem Brand von 1418 und seinen Spätfolgen zusammen. Der beschädigte Chor wurde abgetragen und zwischen 1438 und 1483 durch einen gotischen ersetzt. Dabei wurden die frühmittelalterlichen Werksteine in den Fundamenten des neuen Chors wiederverwendet.

Die zwischen 1963 und 1967 im Klosterbezirk von St. Gallen archäologisch zu Tage geförderten Bauplastiken bilden laut Faccani und Schindler ein international herausragendes Ensemble, das Abt Gozbert für seine mächtige Klosterkirche schaffen liess. Nirgends nördlich der Alpen seien mit den Kapitellen vergleichbar grosse Werkstücke für die Zeit um 830 nachgewiesen. Gleiches gelte für die ausserordentliche und verblüffend grosse Formen- und Stilvielfalt, mit der die Steinhauer die Kapitelle und Kämpfer gestalteten.

Die Initiative zum Neubau der Stiftskirche geht ins 18. Jahrhundert zurück, als die alte Kirche des Klosters St. Gallen immer baufälliger wurde. Basierend auf den Plänen von Gabriel Loser und Johann Caspar Bagnato führte Peter Thumb zwischen 1755 und 1757 das Langhaus und die Rotunde aus. Der Abriss der alten Gebäude begann am 2. Mai 1755, die Grundsteinlegung für den Neubau fand am 29. August 1756 unter Abt Coelestin Gugger von Staudach im bereits teilweise fertigen Rohbau statt.

Die Innen- und Aussendekoration wurde von Johann Christian Wentzinger für 52.000 Gulden als Gesamtwerk ausgeführt, wobei er die meisten Arbeiten nicht persönlich ausführte, sondern sie nur entwarf, plante und konzipierte. Die Arbeiten am Kirchenschiff waren im Sommer 1760 im Wesentlichen abgeschlossen; die Kirchenweihe folgte am 15. November 1760. Der Neubau des Chors der Kirche wurde erst 1760 beschlossen. Bis dahin diente der alte gotische Chor als Notkirche. Die Bauleitung ging dafür von Peter Thumb auf Johann Michael Beer von Bildstein über. Weitere Nebengebäude und die Türme wie auch die Innenausstattung wurden in den folgenden Jahren ausgeführt. Die Türme wurden 1766 als letzte Teile des Bauwerks vollendet, im Inneren dauerten kleinere Arbeiten noch bis 1772.

Die kühne Kuppelkonstruktion im Langhaus war bautechnisch schlecht ausgeführt worden, so dass bereits 1773 erste Renovierungsarbeiten nötig wurden. Statikprobleme wurden mit nachträglichem Einbau eines Gerüsts behoben.

1805 wurde die Benediktiner-Abtei St. Gallen aufgehoben. Zwischen 1823 und 1847 war die ehemalige Stiftskirche Kathedrale des Doppelbistums Chur-St. Gallen und seit 1847 des eigenständigen Bistums St. Gallen sowie Pfarrkirche der Dompfarrei. Sie ist Eigentum des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen.

Architektur mini|Himmelfahrt Mariae – Hochaltarbild des italienischen Malers Giovanni Francesco Romanelli mini|Altarbereich (2013) unter der Rotunde; mit Kathedra des Bischofs, Zelebrationsaltar und Ambo mini|Deckenfresko von Joseph Wannenmacher in der Rotunde mini|Chorgestühl der Mönche des ehemaligen Benediktinerklosters im Chorraum der Kirche

Die Stiftskirche gilt als eine der letzten monumentalen Sakralbauten des Spätbarocks. Harmonisch gliedern sich der Rotunde nach Westen und Osten in symmetrischer Anlage Schiff und Chor an.

Ostfassade Die Ostfassade ist auf die Pfalzgebäude ausgerichtet. Die von zwei 68 m hohen Türmen flankierte Fassade wölbt sich in der Mitte vor. Die Türme wachsen ab dem zweiten Geschoss frei empor; dreifache Pilaster begleiten die abgeschrägten Kanten. Die Pilaster sind in Superposition unten ionisch, im Mittelgeschoss korinthisch und im dritten Geschoss komposit. Das zweite Turmgeschoss nimmt Ziffernblätter auf, das dritte doppelte Schallarkaden. Alle sonstigen Öffnungen sind als Blendöffnungen ausgeführt. In der Mitte trennen Halbsäulen die konvex gebogene Mitte und die konkaven Nebenachsen. Das pilastergegliederte Giebelgeschoss ist niedriger. In Verlängerung der Säulen stehen auf Postamenten Statuen der Heiligen Desiderius und Mauritius. Der Volutengiebel mit mehrfach geschwungenem Umriss zeigt die halbplastische Himmelfahrt und Krönung Mariens durch Christus und Gottvater. Eine zwiebelbekrönte Laterne schließt den Giebel ab. Die Fassade besitzt kein Portal.

Weiterer Aussenbau Die Langschiffwände präsentieren sich bis auf große Rundbogenfenster ungegliedert. Nur die sich vorwölbende Rotunde wird durch Figurennischen und Fenster zwischen Lisenen gegliedert. In den Nischen stehen die Figuren folgender Heiliger mit ihren Attributen: Gallus (oben links, Brot und Bär), Otmar von St. Gallen (oben rechts, Abtstab und Weinfass), Petrus (unten links, Schlüssel und Buch), Paulus (unten rechts, Schwert und Buch). Über dem Hauptgesims sitzt ein Volutengiebel mit dem bischöflichen Wappen. Das Portal zeigt toskanische Säulen und Gebälk sowie einen Giebel.

Innenraum Der Grundriss zeigt einen dreischiffigen Längsbau mit zentraler, segmentförmig vorwölbender Rotunde. Langhaus und Chor bestehen jeweils aus drei breitrechteckigen Jochen. Demgegenüber weisen die vier Vierungspfeiler ein Längsrechteck aus. Im Osten und Westen schließen Apsiden den Raum ab. Der große, hell beleuchtete Raum wird in seiner ganzen Länge von Nebenräumen oder Abseiten begleitet. In Langhaus und Chor sind diese durch hohe Durchgänge verbunden. So entsteht der Eindruck von Seitenschiffen. Im Gegensatz zu den Langhausabseiten sind die Abseiten im Bereich der Rotunde gekurvt, die Durchgänge sind niedrig. Die höheren Fenster der Zentralrotunde führen zu gestelzten Gewölbeansätzen. Gedeckt werden die Abseiten der Rotunde durch Flachkuppeln, sonst durch Quertonnen. Prägend für den Gesamteindruck sind die mit Pilastern besetzten Wandpfeiler. Deren Gebälk wird an den Pfeilerflanken bis zur Langhauswand geführt. Besonders herausgehoben sind die Vierungspfeiler. Sie wachsen auf mehreckigem Grundriss empor und werden von Doppelpilasterpaaren ummantelt. Im Westen befindet sich die mit einer geraden Brüstung versehenen Orgelempore. Toskanische Säulen tragen die Empore.

Die St. Gallener Stiftskirche St. Gallus und Otmar stellt ein Musterbeispiel für die Verbindung von Längsbau und Zentralbau dar. Ihre mittig angeordneten, gekurvten Querarme sind charakteristisch für die spätbarocke Sakralbaukunst: Ähnliche Lösungen finden sich in Neresheim (dort im Außenbau rechteckig ummantelt), Wiblingen bei Ulm oder bei der Wallfahrtskirche Birnau. Langhaus und Chor mit ihren Wandpfeilern stehen in der Tradition des Vorarlberger Münsterschemas. Der Verzicht auf Kurvungen in Langhaus und Chor weist auf den Klassizismus. Emporen fehlen.

Ausstattung Die malerische und plastische Ausstattung zwischen Rokoko und Klassizismus ist das Werk süddeutscher Meister. Die Stuckaturen stammen von den Gebrüdern Johann und Mathias Gigl, die Stuckreliefs von Johann Christian Wentzinger.

Die Deckengemälde sind das Werk Joseph Wannenmachers. Jene in der Flachkuppel der Rotunde zeigen die Ankunft Gottes in Gegenwart der Seligen, während in den Schiffskuppeln Gallus, Otmar, Magnus und Wiborada, die großen Gestalten der Geschichte des Klosters, dargestellt sind. Das Doppel-Chorgestühl mit Reliefs aus dem Leben des heiligen Benedikt sowie die acht Beichtstühle im Schiff gehen auf Joseph Anton Feuchtmayer zurück.

Die geschnitzten Bankdocken im Schiff sowie die vier Altäre in der Rotunde und ihre Figuren schuf Fidel Sporer. Die Kanzel fertigte Josef Anton Dirr 1786 nach einem Entwurf Feuchtmayers an. Josef Simon Moosbrugger baute 1808–1810 den Hochaltar und die Orgelempore in klassizistischen Formen.

Die Ostkrypta geht im Kern bis ins 9. Jahrhundert zurück. Hier befindet sich der Überlieferung zufolge das Grab des heiligen Gallus. Ein Stück seines Schädels wird noch hier in einem Reliquiar gezeigt. In dieser Krypta finden sich zudem die Gräber der drei letzten Fürstäbte des Klosters: Coelestin Gugger von Staudach, Beda Angehrn und Pankraz Vorster. In der Westkrypta befinden sich die Gruft des Heiligen Otmar und der Bischöfe von St. Gallen, die auch heute noch dort beigesetzt werden.

Nach der Aufhebung des Klosters St. Gallen 1805 wurden kleinere Änderungen im Inneren der Kirche vorgenommen. Der Thron des Abtes wurde etwas versetzt und der Hochaltar zum Gemeindealtar umfunktioniert. Bauschäden machten weitere Renovationen notwendig, in deren Zuge Antonio Moretto bis 1824 mehrere Deckengemälde neu ausführte. Weitere umfassende Renovationen wurden 1841 bis 1845 (Ostfassade), 1866/1867 (umfassende Innenrenovation) und 1928 bis 1938 (umfassende Aussenrenovation) durchgeführt. Die letzte umfassende Renovation wurde von 2000 bis 2003 vorgenommen. Im Inneren der Kirche sind heute noch einige wenige Kunstgegenstände des Domschatzes zu sehen.

Ein neuer Zelebrationsaltar mit Ambo wurde nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in etwa der Mitte der Kirche, vor dem durch ein Gitter getrennten Chorraum errichtet. Dieser sollte nur ein Provisorium sein, aber erst 2013 wurden Ambo, bischöfliche Kathedra und Sedilien und der Altar neugestaltet und geweiht.

Reliefs der Gallusvita mini|hochkant=1.25|Position der Gallusreliefs