Die Wirecard AG war bis zur Insolvenz ein börsennotierter deutscher Zahlungsdienstleister und Finanzdienstleister.
Wirecard bot Lösungen für elektronischen Zahlungsverkehr, Risikomanagement sowie Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten an. Das Unternehmen war von September 2018 bis Juni 2020 im DAX gelistet. Die Tochtergesellschaft Wirecard Bank AG verfügte bis zum 9. Dezember 2021 über eine deutsche Banklizenz.
Am 25. Juni 2020 meldete Wirecard Insolvenz an, nachdem bekannt geworden war, dass die Saldenbestätigungen für Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gefälscht waren, und das Testat für den Jahresabschluss 2019 verweigert wurde. Der langjährige Vorstandsvorsitzende Markus Braun trat zurück und wurde später verhaftet. COO Jan Marsalek verlor seine Stellung, tauchte ab und wird seit Ende Juni 2020 von der deutschen Polizei mit einem internationalen Haftbefehl wegen Betrugs gesucht.
Wirecards Insolvenz führte bundesweit zu einem politischen Skandal und löste Kritik an der Struktur der deutschen Finanzmarktaufsicht aus. Die BaFin sah sich Vorwürfen der Inkompetenz und unmäßiger Nähe zu Wirecard-Führungskräften ausgesetzt. Infolge des Skandals kündigte die Bundesregierung Anfang 2021 Reformen der zuständigen Aufsichtsbehörden an. BaFin-Präsident Hufeld wurde infolge der Reorganisation abberufen. Der 19. Deutsche Bundestag setzte den Wirecard-Untersuchungsausschuss ein.
Geschichte Gründung und erste Insolvenz alt=|mini|Sitz von Wirecard in Aschheim (2019)
Der Mitgründer Detlev Hoppenrath stellte seinem Partner Peter Herold, dem Geschäftsführer der Securitas Internet Systems GmbH, 1998 seine Geschäftsidee von der Ausgliederung des elektronischen Zahlungsverkehrs vor, als der Onlinehandel noch in den Anfängen steckte. In dem Unternehmen wurde daraufhin ein eigener Geschäftsbereich für die Entwicklung des Produkts Wire Card gebildet, das bis Oktober 1998 in Kooperation mit der Online-Agentur Plan.Net fertig entwickelt wurde.
Das Start-up Wire Card entstand 1999 in München-Lehel durch Ausgliederung des Geschäftsbereichs und erhielt in einer ersten Finanzierungsrunde 4 Mio. Deutsche Mark vom Münchner Wagniskapitalgeber Technologieholding (im Jahr 2000 übernommen von 3i). Erster Vorstandsvorsitzender des Unternehmens war Hoppenrath, Herold übernahm den Aufsichtsratsvorsitz und gab diesen im Folgejahr ab. Der Unternehmensname spielte auf die Verbindung zwischen Kreditkarte und Internet an. Die vom Unternehmen entwickelte Software stellte eine Schnittstelle zwischen Kreditkartenunternehmen, Onlinehändlern und deren Kunden her. Sie leitete die Zahlungsdaten des Kunden an den Händler und an Kreditkartenorganisationen weiter und analysierte in kurzer Zeit, ob der Kunde vertrauenswürdig ist. Wire Card war daher ein früher Payment-Service-Provider. Für das Acquiring wurde eine Partnerschaft mit der Citibank geschlossen, nachdem andere Banken eine Partnerschaft abgelehnt hatten. Erste Kunden waren CTS Eventim und Spar.
Im Jahr 2000 erhielt Wire Card einen zweistelligen Millionen-DM-Betrag vom Wagniskapitalgeber Kappa IT Ventures. Im selben Jahr stellte Hoppenrath Jan Marsalek als „Director Technology“ ein, da dieser sich mit dem Wireless Application Protocol auskannte und bei seinem bisherigen Arbeitgeber Onlineshops und eine Anwendung zur Zahlung über Mobiltelefone entwickelt hatte. Im Anschluss scheiterte ein intern als Wirecard 2.0 bezeichnetes Projekt, in dem die gesamte Plattform neu programmiert werden sollte, nachdem Marsalek den Vorstand nicht über Probleme unterrichtet hatte, was Kosten von 2 Mio. DM verursacht haben soll und die Existenz des Unternehmens bedrohte. Hoppenrath degradierte Marsalek daraufhin. Wire Card holte sich Hilfe bei der Wirtschaftsberatung KPMG, die im Oktober 2000 ihren Berater Markus Braun zum Unternehmen schickte. Kurz darauf wurde dieser als „Chief Technology Officer“ von Wire Card eingestellt. Hoppenrath wechselte im Mai 2001 in den Aufsichtsrat, nachdem das Unternehmen seinen Sitz nach Aschheim verlegt hatte.
Im Oktober 2001 erklärte der Münchner Unternehmer Paul Bauer-Schlichtegroll gegenüber Braun, an einer Beteiligung oder Übernahme von Wire Card interessiert zu sein. Sein Unternehmen EBS electronic billing systems AG (EBS), gegründet 1998 als EPM AG Entertainment Print Media, betrieb kostenpflichtige Porno-Websites, deren Zugang über selbstentwickelte Dialer abgerechnet wurde. Im November 2001 verschwanden bei einem angeblichen Einbruch in die Geschäftsräume von Wire Card die Laptops von Braun und Marsalek. Die Verhandlungen mit EBS scheiterten, und Wire Card musste Insolvenz anmelden. Da Gründer Detlev Hoppenrath Insider hinter dem Diebstahl vermutete, erstattete er im Januar 2002 Strafanzeige gegen den Vorstand wegen des Verdachts, dass die Insolvenz für die Überführung von Wire Card in die EBS missbraucht werden solle. Die Staatsanwaltschaft München stellte die Ermittlungen ergebnislos ein, und Hoppenrath verließ den Aufsichtsrat im Oktober 2001.
Übernahme durch EBS und Börsennotierung EBS konnte Wire Card im Januar 2002 übernehmen. Die EBS electronic billing systems firmierte um in ebs Holding AG und fungierte als Holdinggesellschaft.Handelsregistereintrag Amtsgericht München HRB 122026 Im Mai 2002 wurden die EBS-Tochterunternehmen umgruppiert und Wire Card sollte mit seiner Corporate Clearing Center genannten Plattform zur Abwicklung von Finanzprozessen für Großunternehmen und dem Risikomanagementsystem Corporate Trust Center zum Schutz vor Zahlungsausfällen im elektronischen Handel am Markt auftreten. Nach der Übernahme von Wire Card betrug der Umsatz der EBS-Gruppe im Jahr 2002 ca. 72 Millionen Euro, der Gewinn vor Steuern 9 Millionen Euro.
Die Vorgängergesellschaft von Wirecard bezüglich des Börsengangs war die InfoGenie Europe AG mit Sitz in Berlin, deren Aktien seit Oktober 2000 im Börsensegment Neuer Markt gelistet waren. Sie bot als Dienstleister telefonische Ratgeber-Hotlines zu unterschiedlichen Themen an. Im März 2002 erwarb das EBS-Tochterunternehmen EBS Mobil mehr als 25 % der Unternehmensanteile. Als die Aktie nach Kursverlusten ein Pennystock wurde, wollte der Börsenbetreiber Deutsche Börse sie vom Neuen Markt ausschließen, was ihm aber im April 2002 gerichtlich untersagt wurde. Mitte Dezember 2004 beschloss eine außerordentliche Hauptversammlung von InfoGenie, die nicht börsennotierte Wire Card AG durch eine Kapitalerhöhung gegen Sacheinlage zum 1. Januar 2005 in InfoGenie einzubringen und InfoGenie in Wire Card umzubenennen.
So wurde die Wire Card AG durch ein Reverse-IPO eine im Börsensegment Prime Standard gelistete Aktiengesellschaft. Paul Bauer-Schlichtegroll zog in den Aufsichtsrat ein und Markus Braun wurde Vorstandsvorsitzender. Im Juni 2006 wurde Wire Card in Wirecard umbenannt. Ebenfalls 2006 wurde Wirecard in den TecDAX aufgenommen und im September 2018 in den DAX.
Internationales Wachstum 2007 wurde Wirecard Asia Pacific in Singapur gegründet. 2008 führte Wirecard virtuelle Prepaid-Kreditkarten für Online-Zahlungen ein und im folgenden Jahr zur Betrugserkennung eine Fraud Prevention Suite, die auch KI und maschinelles Lernen nutzt. 2014 expandierte Wirecard nach Neuseeland, Australien, Südafrika und in die Türkei.
Durch den Kauf der Prepaid Card Services von der Citigroup war Wirecard seit 2016 auch in Nordamerika vertreten. Im gleichen Jahr übernahm das Unternehmen einen südamerikanischen Internet-Zahlungsdienstleister in Brasilien.
2019 beteiligte sich Softbank an Wirecard. Durch den Kauf der AllScore Payment Services aus Peking war Wirecard seit November 2019 auch in China vertreten. Kanzlerin Merkel hatte bei ihrer China-Reise im September 2019 dafür geworben – unter Vermittlung von Karl-Theodor zu Guttenberg, eines Lobbyisten des Konzerns.
Bilanzskandal und Insolvenzantrag Kritik an Wirecard und Manipulationsvorwürfe Im Mai 2008 veröffentlichte ein unter Pseudonym schreibender Benutzer in einem Internetforum eine kritische Analyse zur Wirecard-Aktie. Er bemängelte intransparentes Reporting, hinterfragte die hohe Profitabilität und vermutete wegen der dennoch regelmäßig erfolgten Kapitalerhöhungen „systematische Ausplünderung der Erlöse aus den Kapitalerhöhungen“. Da die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) Wirecard im Sommer 2008 falsche bzw. irreführende Bilanzierung vorwarf, beauftragte Wirecard die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young mit einem Sondergutachten für das Geschäftsjahr 2007. Später wurde bekannt, dass SdK-Mitglieder, animiert durch den Forumsbeitrag, über Differenzkontrakte auf fallende Kurse vor Bekanntmachung der Bilanzdefizite spekulierten. Auch Fondsmanager der Privatbank Sal. Oppenheim setzten auf fallende Kurse und wiesen institutionelle Anleger zugleich vor Bekanntwerden der Vorwürfe auf Bilanzfehler hin, was als Kursmanipulation gelten kann.
Da die Aktie um fast 70 % fiel, erstattete Wirecard Ende Juni 2008 Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen Fondsmanager von Sal. Oppenheim, die einen Mitarbeiter freistellte, und Funktionäre der SdK. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München wurden zwei SdK-Vertreter in Untersuchungshaft genommen, die später gegen sie verhängten Haftstrafen erhielten sie jedoch nur wegen anderer, ähnlicher Fälle. Der Verfasser des Forumsbeitrags wurde von der Polizei vernommen, die Ermittlungen gegen ihn wurden jedoch eingestellt. Wirecard galt im Vorgehen gegen kritische Journalisten, Anleger und Konkurrenten als aggressiv; die Anwälte des Konzerns meldeten sich schon bei Kleinigkeiten; manche kritischen Beobachter sollen beschattet worden sein.
Da die Wirecard-Aktie durch eine Falschmeldung des Nachrichtendienstes Goldman, Morgenstern & Partners (GoMoPa) im April 2010 um mehr als 30 Prozent fiel, leitete die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine Ermittlung ein. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München I gegen GoMoPa wurde mangels Nachweis im Oktober 2012 eingestellt.Pressemeldung der GoMoPa. 26. Oktober 2012, abgerufen am 29. April 2013.
Im Februar 2016 fiel der Kurswert aufgrund eines Berichts des auch unter erfahrenen Analysten zuvor unbekannten Analyse-Unternehmens Zatarra Research & Investigation erneut ab. Darin warfen anonyme Analysten Wirecard Betrug und Geldwäsche vor. Die Staatsanwaltschaft München beantragte im Dezember 2018 nach Abschluss ihrer Ermittlungen einen Strafbefehl wegen Marktmanipulation gegen den Herausgeber des Berichts, Fraser Perring, einen bekannten Leerverkäufer. Im Mai 2020 wurde das Verfahren mit der Auflage der Zahlung eines niedrigen fünfstelligen Betrags an gemeinnützige Einrichtungen eingestellt.
Auch im Februar 2017 berichtete das Manager Magazin über intransparente Bilanzierungen.Heinz-Roger Dohms: Das 250-Millionen-Euro-Rätsel des Börsenwunders Wirecard. In: Manager Magazin (online), 22. Februar 2017, abgerufen am 23. Februar 2017. Wirecard wies diese Vorwürfe als unbegründet zurück.Wirecard-Aktie: „Ominöse Forderungsposition“ – Papier fällt nach Medienbericht ans TecDax-Ende. In: Börse Online, 23. Februar 2017, abgerufen am 23. Februar 2017.
Fahmi Quadir, Gründerin des New Yorker Hedgefonds Safkhet Capital, erkannte 2018 kriminelle Machenschaften von Wirecard. Sie bezeichnete das Unternehmen als gigantische Geldwaschmaschine. Ihre Informationen, die sie im Frühjahr 2019 an die BaFin weiterleitete, wurden nach ihren Aussagen von der Behörde nicht weiterverfolgt. Die BaFin hatte der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) im Februar 2019 wegen Ungereimtheiten in der Halbjahresbilanz von 2018 einen Prüfauftrag gegeben. Laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung war mit der 16 Monate andauernden komplexen Prüfung bei der DPR im Wesentlichen nur ein Mitarbeiter betraut.Carsten Hoefer, André Stahl: Bund kündigt Vertrag mit Bilanzprüfern, General-Anzeiger Bonn, 29. Juni 2020, S. 8 ()
Financial-Times-Bericht und weitere Zuspitzung der Lage