Das Tessin [], (Kürzel TI; , ,Lessico dialettale della Svizzera italiana, Band 5, S. 495. , ), amtlich italienisch (Republik und Kanton Tessin), ist ein Kanton in der Südschweiz. Der Hauptort ist Bellinzona, die bevölkerungsreichste Stadt Lugano. Bei Chiasso befindet sich der südlichste Punkt der Schweiz. Der südliche Teil des Kantons zählt zur grenzüberschreitenden schweizerisch-italienischen Metropolregion Tessin.
Im Tessin wird Italienisch und Lombardisch (Ticinese im Sopraceneri und Comasco-Lecchese im Sottoceneri) gesprochen; in der Gemeinde Bosco/Gurin ist Deutsch (Walserdeutsch) die altherkommene Sprache. Das Tessin ist – neben Graubünden – einer der beiden Schweizer Kantone mit Italienisch als Amtssprache.
Geographie Höchste Erhebung ist mit das Rheinwaldhorn (italienisch Adula); der tiefste Punkt liegt mit am Lago Maggiore und ist zugleich der tiefste Punkt der Schweiz.
Zusammen mit den vier Bündner Südtälern Bergell (Val Bregaglia), Calancatal (Val Calanca), Misox (Valle Mesolcina) und Puschlav (Valposchiavo) bildet es die italienisch(sprachig)e Schweiz (Svizzera italiana).
Das Tessin macht den grössten Teil der italienischen Schweiz aus. Es liegt auf der Alpensüdseite und ist weitgehend von Italien umgeben; im Norden und Nordosten grenzt es an die Schweizer Kantone Wallis, Uri und Graubünden. Campione d’Italia bildet eine Enklave. Die Fläche beträgt 2812 Quadratkilometer, was 7 % der Gesamtfläche der Schweiz entspricht. Etwa ein Viertel des Gebiets gilt als unproduktiv, und ein Drittel ist bewaldet. Wichtige Akzente setzen die beiden grossen Seen Langensee (Lago Maggiore oder Verbano) und Luganersee (Lago di Lugano oder Ceresio).
Gewässer Seinen Namen hat der Kanton vom Fluss Tessin (Ticino), der auf der Südseite des Gotthardmassivs am Nufenenpass entspringt, das Bedrettotal (Val Bedretto) und die Leventina (Valle Leventina) in Richtung Südost durchfliesst, um dann, ab der Kantonshauptstadt Bellinzona nach Westen durch die Magadinoebene fliessend, in den Langensee zu münden.
mini|links|Lago Maggiore, von der Berghütte Al Legn oberhalb Brissago aus gesehen
Hauptzuflüsse auf diesem Weg sind der Brenno aus dem Bleniotal (Valle di Blenio) und die Moesa aus dem bündnerischen Misox. Auch der übrige Teil des nördlich des Monte Ceneri gelegenen Kantonsteils (Sopraceneri) wird in den Lago Maggiore entwässert, nämlich durch die Flüsse Maggia und Verzasca. Der südliche Kantonsteil (Sottoceneri) entwässert grösstenteils in den Luganersee und von dort über die Tresa ebenfalls in den Langensee, dessen Abfluss – wiederum «Ticino» genannt – wenig unterhalb der Stadt Pavia in den Po mündet.
Teile des südlichsten «Zipfels» der Schweiz, des Mendrisiotto, entwässern zwar ebenfalls letztlich in den Po, aber nicht über den Tessin. Aus dem Muggiotal kommend durchfliesst die Breggia den Talkessel von Chiasso und vereinigt sich im Comersee mit dem Wasser der Adda. Das westliche Mendrisiotto wird vom Flüsschen Gaggiolo durchflossen, das unter dem Namen «Rio Ranza» (auch «Rio Ranzo» oder «Rio Lanza») bei Malnate in der italienischen Provinz Varese in die Olona mündet, ebenfalls ein Nebenfluss des Po.
Nur zwei kleine Flüsse ganz im Norden des Kantonsgebiets entwässern nicht in die Adria, sondern in die Nordsee: Die Gotthardreuss (Lago di Lucendro) via Reuss und der Rein da Medel (Val Cadlimo) via Rhein.
Vegetation mini|links|Uferpromenade in Locarno Unter der reichhaltigen Flora erwähnenswert sind die ausgedehnten Wälder von Edelkastanien. Sie gibt es sonst nur noch in wenigen Weltgegenden in dieser Reinheit und Fläche. Zudem gedeihen im Tessin Palmen, Zypressen und andere Mittelmeerpflanzen. Daher wird der Kanton als «Sonnenstube der Schweiz» bezeichnet.
Auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona wächst grüner Tee. Dank des milden Klimas am Lago Maggiore gedeihen die Teepflanzen der Art Camellia sinensis hervorragend.
Bevölkerung Per betrug die Einwohnerzahl des Kantons Tessin . Die Bevölkerungsdichte liegt mit Einwohnern pro Quadratkilometer unter dem Schweizer Durchschnitt ( Einwohner pro Quadratkilometer). Der Ausländeranteil (gemeldete Einwohner ohne Schweizer Bürgerrecht) bezifferte sich am auf Prozent, während landesweit Prozent Ausländer registriert waren. Per betrug die Arbeitslosenquote Prozent gegenüber Prozent auf eidgenössischer Ebene. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 85,2 Jahren im Jahre 2018 gegenüber einem Schweizer Durchschnitt von 83,8 war das Tessin die Region mit der europaweit zweithöchsten Lebenserwartung.
Sprachen Im Tessin ist Italienisch die Amtssprache. 87,7 Prozent haben Italienisch als Hauptsprache, 10,8 Prozent Deutsch, 5,1 Prozent Französisch (Mehrfachangabe war möglich). Im Weiteren war Englisch mit 3,1 Prozent vertreten.
Ein grosser, allerdings im Abnehmen begriffenerMartin Schuler, Thérèse Huissoud, Christophe Jemelin, Suzanne Stofer: Strukturatlas der Schweiz. Hrsg. vom Bundesamt für Statistik. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1997, S. 220 f. Teil der Bevölkerung spricht lokale Dialekte, die zum Lombardischen gehören («Ticinés»). Nach der Volkszählung von 2000 sprachen im Tessiner Alltag 14 Prozent ausschliesslich Lombardisch und 40 Prozent sowohl Lombardisch als auch Standarditalienisch.Zitiert nach: Repertorio toponomastico ticinese. I nomi di luogo dei comune del Cantone Ticino: Ronco sopra Ascona. Hrsg. vom Staatsarchiv des Kantons Tessins, Bellinzona 2007, S. 167. Da die norditalienischen Dialekte der Lombardei (inklusive italienischsprachiger Schweiz), des Piemonts, Liguriens und der Emilia-Romagna einen galloitalischen Hintergrund besitzen, ergeben sich Parallelen zum Französischen wie Apokope sowie palatale «ö» und «ü». Im Tessiner Dialekt heisst es zum Beispiel:
mini|Die Kathedrale San Lorenzo in Lugano, Bischofskirche des Bistums Lugano, das den Kanton Tessin umfasst
un om al gheva dü fiöö , auf Standarditalienisch würde man sagen: «un uomo aveva due figli» (ein Mann hatte zwei Söhne). «Herz» heisst im Dialekt cör , ähnlich wie das französische «cœur» und nicht wie standarditalienisch «cuore» . Und «500 Schweine» (cinquecento maiali) heisst auf Tessinerisch cinc-cent ciügn .
Der dialektale Wortschatz und die Volkskultur des Tessins und Südbündens werden vom Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana dokumentiert.
Eine Besonderheit stellt die Walsergemeinde Bosco/Gurin dar, in der Deutsch die herkömmliche (aber nicht amtliche) Sprache ist.
Im Kanton Tessin wird die Tessiner Gebärdensprache verwendet, die Lingua dei segni della Svizzera italiana (LIS-SI). Sie ist ein Dialekt der Lingua dei Segni Italiana (LIS). LIS-SI gehört wie die Deutschschweizer Gebärdensprache und die Westschweizer Gebärdensprache zur Familie der französischen Gebärdensprachen. Die Tessiner Gebärdensprache kennt zwei Varietäten (Bellinzona und Lugano).
Religionen – Konfessionen Das Tessin ist stark katholisch geprägt. Die Mehrheit der Tessiner Bevölkerung ist Mitglied der römisch-katholischen Kirche (70,0 Prozent der Wohnbevölkerung 2019), die im Bistum Lugano organisiert ist.
Gemäss einer schweizweiten Umfrage des Bundesamtes für Statistik (BFS) bei 200'000 Personen ab 15 JahrenSeit 2010 basieren die Daten des BFS zu den Religionsgemeinschaften in der Schweiz auf einer Stichprobenerhebung, für die jeweils 200'000 Personen ab dem Alter von 15 Jahren befragt werden. Folglich können die Daten der Volkszählungen vor 2010, die alle in der Schweiz wohnhaften Personen jeden Alters erfassten, und die offiziellen Kirchenmitgliederzahlen nicht eins zu eins mit den Daten der Strukturerhebung verglichen werden. Siehe hierzu Volkszählung in der Schweiz#Strukturerhebung. gaben 2012 69,6 Prozent der Befragten im Tessin an, römisch-katholisch zu sein, 4,4 Prozent waren evangelisch-reformiert, und 5,3 Prozent gehörten anderen christlichen Kirchen an. Weitere 2,0 Prozent bekannten sich zu einer islamischen Gemeinschaft, 0,1 Prozent zum Judentum und 0,5 Prozent zu weiteren Religionsgemeinschaften. 16,2 Prozent bezeichneten sich als konfessionslos. Seit 1980 hat das Tessin eine Syrisch-Orthodoxe Gemeinde, ihre Zahl beziffert sich auf ca. 420 Familien. Hierbei handelt es sich um Assyrer, die bis heute Aramäisch als Muttersprache pflegen. Diese orientalischen Christen stammen hauptsächlich aus dem Tur-Abdin (Südosttürkei) sowie aus Syrien und dem Libanon.
Entvölkerung der Bergtäler Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war das Tessin ein ländlich geprägter Kanton. Mitte des 19. Jahrhunderts lebte ein Drittel der Bevölkerung in Dörfern über 600 m, heute sind es 7 Prozent.
Verfassung und Politik Die aktuelle Kantonsverfassung datiert vom 14. Dezember 1997 (mit seitherigen Änderungen).
Legislative Grosser Rat
mini|Der Sitz der Kantonsregierung in Bellinzona
Gesetzgebendes Organ (Legislative) ist der Grosse Rat (), wie das Kantonsparlament im Tessin heisst. Er umfasst 90 Mitglieder, die alle vier Jahre in einem einzigen Wahlkreis nach dem Proporzwahlrecht (Verhältniswahl) gewählt werden.
Seit der Wahl vom 2. April 2023 verteilen sich die Sitze im Kantonsparlament wie folgt:
Partei (italienische Bezeichnung) Partei (deutsche Bezeichnung) Sitze 2023 Sitzverteilung 2023 Partito liberale radicale ticinese (PLRT) FDP.Die Liberalen (FDP) 21 il Centro + GdC Die Mitte 16 Lega dei Ticinesi (Lega) Liga der Tessiner (Lega) 14 Partito socialista svizzero (PS) Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) 12 Unione democratica di centro (UDC) Schweizerische Volkspartei (SVP) 9 I Verdi Ticinesi (VERDI) Grüne Tessin 5 Avanti con Ticino & Lavoro (ATL) Vorwärts Tessin & Arbeit 3 HelvEthica Ticino (HET) HelvEthica Tessin 2 Più Donne (Più Donne) Mehr Frauen 2 Partito Comunista (PC) – Partei der Arbeit (POP) Kommunistische Partei – Partei der Arbeit 2 Movimento per il socialismo (MPS) Bewegung für den Sozialismus 2 PVL e GVL Grünliberale Partei (GLP) und Junge Grünliberale (JGLP) 2
Direkte Demokratie Verfassungsänderungen unterliegen dem obligatorischen Referendum und sind damit zwingend der Volksabstimmung zu unterbreiten (Art. 82 Kantonsverfassung (KV)). Dem fakultativen Referendum unterliegen Gesetzeserlasse bzw. -änderungen, rechtsetzende Dekrete mit allgemeinverbindlichem Charakter, Ausgabenbeschlüsse über einmalige Ausgaben von mehr als einer Million Franken bzw. jährlich wiederkehrenden Ausgaben von mehr als 250'000 Franken sowie rechtsetzende Staatsverträge, wenn dies innert 60 Tagen nach der Veröffentlichung des Begehrens im Amtsblatt von mindestens 7000 Stimmberechtigten oder von einem Fünftel der Gemeinden verlangt wird (Art. 42 ff. KV).
Das Volk kann in Form einer Gesetzesinitiative selbst Gesetze und Gesetzesänderungen vorschlagen, wenn 7000 Stimmberechtigte innert 100 Tagen nach Veröffentlichung des Begehrens im Amtsblatt einen dahingehenden Vorschlag unterstützen (Art. 37 ff. KV). Initiativen auf Verfassungsänderungen bedürfen der Unterstützung von 10'000 Stimmberechtigten; auch hierzu müssen die Unterschriften innert 100 Tagen nach Veröffentlichung des Initiativbegehrens im Amtsblatt gesammelt werden (Art. 82 ff. KV).
Exekutive
Oberstes vollziehendes bzw. ausführendes Organ (Exekutive) ist der Staatsrat (), wie die Kantonsregierung im Tessin heisst. Er besteht aus fünf Mitgliedern, die alle vier Jahre in einem einzigen Wahlkreis vom Volk direkt nach dem Proporzwahlrecht gewählt werden. Aus ihren Reihen wählen die Mitglieder des Staatsrates jeweils für ein Jahr den Präsidenten.
15'000 Stimmberechtigte können verlangen, dass eine Volksabstimmung über die Absetzung des Staatsrats stattfindet. Der Grosse Rat kann ein Mitglied des Staatsrates mit der absoluten Mehrheit seiner Stimmen abberufen.