mini|hochkant=2|Plan des Unternehmens Seelöwe Das Unternehmen Seelöwe war der Deckname einer deutschen Militäroperation für die im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht vorbereitete, aber nicht verwirklichte Invasion Großbritanniens.
Vorgeschichte Erste Planungen Zum ersten Mal taucht eine Landung in England als Möglichkeit in den schriftlichen Dokumenten der Stäbe der Wehrmacht Anfang August 1939 auf, rund einen Monat bevor Großbritannien Deutschland als Reaktion auf den deutschen Überfall auf Polen den Krieg erklärte (3. September 1939). In einer „Studie für den Luftkrieg gegen England“ der Luftwaffe ist am 7. August 1939 als letzter Punkt der Liste „Zielsetzung der Luftkriegführung gegen England in der Endlösung“ vermerkt: „6. Die Drohung mit der Invasion und ihre Durchführung im Rahmen größerer kontinentaler Operationen der gesamten Wehrmacht, um die letzte Widerstandskraft des Gegners durch Besetzung größerer Landesteile zu brechen.“Carl-Axel Gemzell: Raeder, Hitler und Skandinavien. Der Kampf um einen maritimen Operationsplan. Verlag CWK Gleerup, Lund (Schweden) 1965, S. 181. Da es davor keinerlei Vorbereitungen für Amphibische Landungsoperationen an verteidigten Küsten gegeben hatte, begannen die Planungen bei Null. Armee und Marine hatten weder spezialisierte Landungsfahrzeuge noch Erfahrungen mit den kommunikativen und logistischen Herausforderungen eines derart komplexen Vorhabens.Richard Overy: Blood and Ruins – The Great Imperial War, 1931–1945. Allen Lane 2021, ISBN 978-0713-99562-6, S. 463.
Der Oberkommandierende der Kriegsmarine, Erich Raeder, befahl am 15. November 1939 eine „Überprüfung der unter bestimmten Voraussetzungen weiterer Kriegsentwicklung gegebenen Möglichkeiten einer Invasion Englands“, nachdem tags zuvor das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) die Einbeziehung des südlichen Hollands in den geplanten Westfeldzug beschlossen hatte; mit der Einnahme des Rheindeltas würden günstige Möglichkeiten zum Sammeln und Ausrüsten einer Landungsflotte in deutsche Hände fallen, die zudem deutlich weniger weit von England entfernt wären als die Deutsche Bucht. Eine Studie des Operationsoffiziers der Kriegsmarine, Korvettenkapitän Hansjürgen Reinicke, welche er im November 1939 verfasst hatte, stellte die vielfältigen Schwierigkeiten einer Landungsflotte für eine mögliche Invasion fest, wobei als Haupthindernisse die britische Flotte, zu der Zeit die stärkste der Welt, und die britische Luftwaffe angesehen wurden. Das Niederringen beider Streitkräfte, so die Schlussfolgerung, werde „höchstwahrscheinlich gleichzeitig das völlige Zusammenbrechen des Widerstandswillens dieses Landes im Gefolge haben, so dass eine Landung und Besetzung… kaum notwendig wird“. Trotzdem wäre laut dieser Studie „ein Landungsunternehmen im großen Stil über die Nordsee unter den vorerwähnten Voraussetzungen ein mögliches Mittel, die Friedensbereitschaft des Feindes zu erzwingen.“Egbert Kieser: Unternehmen Seelöwe. Die geplante Invasion in England 1940. Bechtle Verlag, Esslingen/München 1987, ISBN 3-7628-0457-5. S. 95. Reinicke überarbeitete später noch einmal seine Studie.
Im Heer begann Anfang Dezember 1939 die Planung für eine Invasion Englands. Am 6. Dezember forderte Generalstabschef Franz Halder Karten von England an. Am 13. Dezember lag eine Ausarbeitung des Heeres vor, die eine Landung an der südlichen Nordseeküste Englands (East Anglia) von der Deutschen Bucht aus vorsah. Der Entwurf wurde im Anschluss der Kriegsmarine und der Luftwaffe zur Beurteilung der Realisierbarkeit übersandt. Im Auftrag heißt es, durch den Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, sei „die Untersuchung der Möglichkeiten einer Landung in England angeordnet worden. Das Ergebnis soll in einer Studie ,Nordwest‘ niedergelegt werden.“ In ihrer Antwort vom 30. Dezember legten Kriegsmarine und Luftwaffe dar, dass zunächst die Royal Navy ausgeschaltet werden müsse, was gegenwärtig nicht möglich sei, und dass auf Grund der begrenzten Reichweite der eigenen Flugzeuge eine Luftunterstützung für eine Landung in England von Deutschland aus nicht möglich sei.Ronald Wheatley: Deutsche Landungspläne vor Mai 1940. In: Köhlers Flotten-Kalender 1965, 53. Jahrgang, Wilhelm Köhler Verlag, Minden 1964, S. 80–89.
Ernsthafte Vorbereitungen Mit dem erfolgreichen Verlauf des Westfeldzuges im Mai 1940 begann die Kriegsmarine wieder mit den Planungen für eine Invasion Englands. Am 27. Mai lag eine neue Studie vor, die sich auch auf die Studie „Nordwest“ des Heeres vom Dezember 1939 bezog, und nun alle Häfen von der französischen Kanalküste bis zum im April 1940 besetzten Dänemark als Basis für eine Invasionsflotte einbezog. Am 31. Mai begann die Kriegsmarine mit den Arbeiten für den Aufbau einer Landungsflotte. Hierfür wurden in den nächsten Wochen alle Seefahrzeuge erfasst, die für eine Landung in England brauchbar schienen. Bis zum 7. Juni war eine Studie erstellt, in der die navigatorischen Bedingungen in den britischen Küstengewässern, der Zustand jedes englischen Hafens im möglichen Landungsraum und die Abschnitte für Landemöglichkeiten an offener Küste dargestellt wurden.
Mit dem militärischen Zusammenbruch Frankreichs im Juni 1940 und dem folgenden Waffenstillstand, der am 25. Juni in Kraft trat, musste eine Entscheidung über den weiteren Kriegsverlauf mit Großbritannien als dem einzigen verbliebenen Gegner Deutschlands fallen.
Auch das Heer begann Anfang Juni wieder mit Planungen für eine Invasion Englands. In der Folge wurden verschiedene Arbeitsbesprechungen zur Thematik „Landung in England“ in den Führungsebenen der Wehrmacht abgehalten. Am 13. Juli hielt Halder in seiner Funktion als Generalstabschef des Heeres vor Adolf Hitler und in Anwesenheit des Oberkommandierenden des Heeres, von Brauchitsch, einen Vortrag über die Vorüberlegungen des Heeres für eine mögliche Invasion. Im Anschluss an den Vortrag befahl Hitler den beiden Generalen, unverzüglich mit den praktischen Vorbereitungen zu beginnen.
Unternehmen Seelöwe Vorbereitung der Landung Am 16. Juli 1940 erteilte Hitler die „Weisung Nr. 16 über die Vorbereitung einer Landungsoperation gegen England“.Volltext hier Darin heißt es:
Bewusst verkannt wurde dabei, dass in Großbritannien unmittelbar nach der Niederlage von Dünkirchen umfangreiche Vorbereitungen für die Abwehr einer Invasion eingeleitet wurden. (→ Britische Anti-Invasions-Vorbereitungen im Zweiten Weltkrieg)
Die Planungen von Heer und Kriegsmarine wichen bezüglich Ort und Zeitpunkt der Invasion und den jeweiligen Zuständigkeiten voneinander ab. Aufgabe der Luftwaffe – und Voraussetzung für die Invasion – war nach Ansicht der Marine in jedem Fall die Erringung der totalen Luftüberlegenheit über dem Invasionsraum sowie die operative Unterstützung von Heer und Marine.
Das deutsche Heer wollte an möglichst vielen Stellen landen und Großbritannien auf breiter Front angreifen. mini|Deutsche Truppen bei einer Verladeübung mit einem amphibisch modifizierten Panzerkampfwagen III mini|Verladen eines Tauchpanzers III mini|Für das „Unternehmen Seelöwe“ wurden Flusskähne provisorisch zu Landungsbooten umgerüstet und mit Bugklappen ausgestattet Die Kriegsmarine wollte hingegen nur auf einem schmalen Korridor in der Straße von Dover landen, da sie selbst bei totaler Luftüberlegenheit zu schwach war, mehrere Landungsoperationen vor der überlegenen Royal Navy zu schützen. Nach den Plänen der Marine sollte der Korridor links und rechts durch Minensperren und U-Boote geschützt werden.
Daraufhin griff Hitler ein und entschied sich für den folgenden Plan, der jedoch weder die Marine noch das Heer zufriedenstellte: die 9. Armee wird in den Häfen Le Havre und Boulogne eingeschifft und landet im Gebiet zwischen Bognor Regis und Eastbourne, die 16. Armee wird in den Häfen Calais, Dünkirchen, Ostende, Antwerpen und Rotterdam eingeschifft und landet im Gebiet zwischen Eastbourne und Dover. Beide Armeen stehen unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, Die 6. Armee wird in Cherbourg in Reserve gehalten und steht unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb.
Am 25. Juli berechnete die Marine den Bedarf an Seefahrzeugen wie folgt: 155 Frachter (etwa 700.000 BRT) 1.722 Kähne 471 Schlepper 1.161 Motorboote Diese Zahlenangaben beinhalteten bereits eine Reserve von 10 % für Verluste aller Art (Feindeinwirkung, Havarien etc.).Karl Klee: Das Unternehmen „Seelöwe“ – Die geplante deutsche Landung in England 1940. Verlag Musterschmidt, Göttingen 1958 (= Studien und Dokumente zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Bd. 4a) S. 113.
Zur Täuschung der britischen Verteidigung wurde darüber hinaus noch eine Scheinlandung im Norden Großbritanniens vorbereitet (Operation Herbstreise).
Als frühesten Landetermin meldete die Kriegsmarine am 22. Juli den Zeitraum Mitte August. Dieser Termin setzte aber die Erlangung der totalen Luftherrschaft voraus. Laut Kriegstagebuch des OKW vom 1. August 1940 teilte das Oberkommando der Kriegsmarine ferner mit, dass das Minenlegen und Minenräumen nicht vor dem 13. September beendet sein könnte.Eintrag vom 1. August 1940, S. 3
Die Vorbereitungen für die Landung in England konnten erst Mitte September 1940 abgeschlossen werden. Dies lag hauptsächlich am zeitaufwändigen Umbau von rund 2000 Kähnen zu Landungsbooten.
Anfang September begann die Verlegung der Landungsflotte in ihre vorgesehenen Landungshäfen. Obwohl in der Folge einige Schiffe durch Luftangriffe der Royal Air Force verloren gingen, waren immer noch genug für den Transport der Landungsflotte vorhanden.
Der Bestand betrug am 19. September 1940: 168 Frachter 1975 Kähne 100 Küstenmotorschiffe 420 Schlepper 1.600 MotorbooteEgbert Kieser: Unternehmen Seelöwe. Die geplante Invasion in England 1940. Bechtle Verlag, Esslingen/München 1987, ISBN 3-7628-0457-5, S. 136.
Politische Manöver Hitler zeigte keine große Begeisterung für eine Landung in England, was sich schon an der Formulierung in der Weisung Nr. 16 erkennen lässt, nämlich eine Landung nur „wenn nötig durchzuführen“. Zudem wies ihn der Chef der Kriegsmarine, Erich Raeder, beständig auf die Risiken und Schwierigkeiten einer Landung hin. Eine „Verständigungsbereitschaft“ Englands war Hitler offensichtlich lieber als eine Landung. So machte er England am 19. Juli während einer Rede vor dem Reichstag in Berlin ein Friedensangebot, auf das die Regierung in London jedoch nicht einging. Darauf reagierte Hitler am 2. August mit der „Weisung Nr. 17 für die Führung des Luft- und Seekrieges gegen England“. Anstatt nun alle Vorbereitungen auf die Invasion zu konzentrieren, beabsichtigte er mit dieser sowohl die Unterstützung der Landung im Vorfeld, indem er verlangte „die englische Luftwaffe möglichst bald niederzukämpfen“, als auch die Durchführung eines reinen Wirtschaftskriegs. So sollten die „Luftrüstungsindustrie“ und die „Lebensmittelbevorratung“ Englands angegriffen werden. Zugunsten der beiden vorgenannten Ziele sollten sogar Luftangriffe gegen feindliche Kriegsschiffe zurücktreten. Dieser Zusatz widersprach somit der ebenfalls in der Weisung Nr. 17 geäußerten Absicht der Vorbereitung der Landung in England.
Im letzten Punkt der Weisung Nr. 17 schrieb Hitler: „Terrorangriffe als Vergeltung behalte ich mir vor.“Walther Hubatsch (Hrsg.): Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1939–1945. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1965, S. 75–76. Hitler befahl am 5. September 1940, die Luftwaffe solle von nun an vor allem britische Städte bei Tag und Nacht angreifen – auch London. Der Tagangriff am 7. September gilt als Beginn des London Blitz. 300 Bomber mit 600 Begleitjägern warfen Bomben vorwiegend auf die Docks von London und auf das East End. Rund 180 Bomber flogen einen Nachtangriff. Insgesamt starben 436 Menschen und 1500 wurden verletzt.