Merenre (Meri-en-Re, auch Merenre I., Nemtiemsaef I. oder Antiemsaef I.) war der vierte König (Pharao) der altägyptischen 6. Dynastie im Alten Reich. Er regierte etwa innerhalb des Zeitraums von 2250 bis 2245 v. Chr.Jahreszahlen nach T. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002. Er folgte seinem Vater Pepi I. auf den Thron und regierte wohl nur wenige Jahre. Felsinschriften und Schriftzeugnisse aus den Gräbern hoher Beamter stellen wichtige Quellen zu seiner Herrschaft dar. Aus ihnen lässt sich einerseits eine Fortsetzung der immer stärker werdenden Dezentralisierung der Landesverwaltung im späten Alten Reich feststellen. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Regierungszeit bildeten intensive Kontakte nach Nubien, wobei besonders die Steinbruch-Expeditionen des Weni und die Handels- und Entdeckungsreisen des Harchuf eine herausragende Stellung einnehmen, die in den Autobiografien der beiden Beamten ausführlich beschrieben werden. Das wichtigste Bauprojekt Merenres stellt seine Pyramidenanlage im Süden von Sakkara dar, die allerdings unvollendet blieb. In der Grabkammer der Pyramide wurde im 19. Jahrhundert eine relativ gut erhaltene Mumie gefunden, bei der aber unklar ist, ob es sich tatsächlich um den Leichnam Merenres handelt oder um eine Nachbestattung aus der 18. Dynastie.

Name und Nummerierung Der König trug den Eigennamen Nemtiemsaef bzw. in anderer Lesart Antiemsaef („(Der Gott) Nemti (bzw. Anti) ist sein Schutz“) und den Thronnamen Merenre („Der von Re geliebt wird“). Er wird in der Fachliteratur überwiegend unter seinem Thronnamen geführtT. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 77., gelegentlich aber auch unter seinem Eigennamen oder unter der von Manetho überlieferten gräzisierten Namensform Menthesuphis.Jürgen von Beckerath: Handbuch der ägyptischen Königsnamen. Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1984, S. 57, 185.

Häufig erhält er die Nummerierung Merenre I./Nemtiemsaef I., um ihn von Nemtiemsaef II. zu unterscheiden. Dies ist allerdings nur für den Eigennamen korrekt, da es keine zeitgenössischen Hinweise gibt, dass Nemtiemsaef II. ebenfalls den Thronnamen Merenre trug und es sich bei der Namensnennung in der unter Sethos I. entstandenen Königsliste von Abydos wohl um den Kopierfehler eines Schreibers handelt.T. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 79.

Herkunft und Familie Merenre war ein Sohn von Pharao Pepi I. und dessen Gemahlin Anchenespepi I. (auch Anchenesmerire I. genannt). Halbbrüder waren sein Thronnachfolger Pepi II., Tetianch und Hornetjerichet, eine Halbschwester war Neith, eine spätere Gemahlin von Pepi II. Merenres einzige bekannte Gemahlin ist Anchenespepi II. (Anchenesmerire II.), die Schwester seiner Mutter und Witwe seines Vaters Pepi I. Das einzige bekannte Kind Merenres ist eine Tochter namens Anchenespepi III., eine weitere spätere Gemahlin seines Halbbruders Pepi II.Aidan Dodson, Dyan Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. The American University in Cairo Press, London 2004, S. 70–78.

Herrschaft Regierungsdauer Obwohl Merenres Regierung nicht sehr lang gewesen sein kann, so herrscht doch über ihre genaue Dauer große Unsicherheit. Im Königspapyrus Turin aus dem Neuen Reich ist die Jahreszahl seines Eintrags sehr schlecht erhalten. Eindeutig zu erkennen sind nur vier Striche, die als „4“ zu lesen sind. Vor ihnen stehen noch mehrere Zeichen, die von unterschiedlichen Forschern als „10“, „40“ oder als Wortzeichen für „Monat“ gelesen wurden. Es ergeben sich also drei mögliche Lesungen: 44 Jahre, 14 Jahre und x Jahre und 4 Monate. Während die erste Möglichkeit einhellig als unrealistisch angesehen wird, werden die beiden anderen durchaus kontrovers diskutiert. Wolfgang Helck schlug eine Lesung als „ Jahre und 4 Monate“ vorWolfgang Helck: Untersuchungen zu Manetho und den ägyptischen Königslisten (= Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Ägyptens. Band 18). Akademie-Verlag, Berlin 1956, S. 58., was zu den Angaben des im 3. Jahrhundert v. Chr. lebenden ägyptischen Priesters Manetho passt, der für Merenre 7 Regierungsjahre angibt. Die zeitgenössischen Datumsangaben bringen hier keine Klarheit, da insgesamt nur vier erhalten sind. Die höchste Datumsangabe ist ein „Jahr nach dem 5. Mal der Zählung“. Hiermit ist die ursprünglich als Horusgeleit eingeführte landesweite Zählung des Viehs zum Zwecke der Steuererhebung gemeint. Diese Zählung fand ursprünglich alle zwei Jahre statt (das heißt auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte ein „Jahr nach dem x-ten Mal der Zählung“), später aber zum Teil auch jährlich (auf ein „x-tes Jahr der Zählung“ folgte das „y-te Jahr der Zählung“). Da insgesamt aus Merenres Regierung Angaben für zwei Jahre der Zählung und die darauf folgenden Jahre nach der Zählung vorliegen, ergibt sich daher eine minimale belegte Regierungsdauer von 7 Jahren und eine maximale von 11 oder 12 Jahren.Michel Baud: The Relative Chronology of Dynasties 6 and 8. Leiden / Boston 2006, S. 151–152, 156. Trotz dieser Unsicherheiten tendiert die Mehrzahl der Forscher zu einer kurzen Regierungszeit. So wird der Vorschlag Helcks etwa von Thomas SchneiderT. Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 78. oder Jürgen von BeckerathJürgen von Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1994, S. 150. akzeptiert. Die Möglichkeit einer 14-jährigen Regierung wird hingegen von William Stevenson Smith vertreten, der dafür allerdings einige problematische Zusatzannahmen machen muss: Da Pepi II. bereits als Kind den Thron bestieg, hätte Merenre mehrere Jahre gemeinsam mit seinem Vater Pepi I. regieren müssen. Dadurch würde zunächst Anchenespepi I. als Merenres Mutter ausscheiden. Zum anderen ist eine solche Ko-Regentschaft, die zwar in der 12. Dynastie recht üblich war, für das Alte Reich völlig unbelegt. Smith führt hierfür lediglich einen goldenen Anhänger an, auf dem die Namen von Pepi I. und Merenre gemeinsam erscheinen.William Stevenson Smith: The Old Kingdom in Egypt and the Beginning of the First Intermediate Period. In: I. E. S. Edwards, C. J. Gadd und N. G. L. Hammond (Hrsg.): The Cambridge Ancient History. Volume 1, Part 2: Early History of the Middle East. Cambridge University Press, Cambridge 1971, ISBN 978-0-521-07791-0, S. 195 (eingeschränkte Onlineversion).

Landesverwaltung Über das genaue Ausmaß der unter Merenre eingeleiteten Reformen der Landesverwaltung liegen nur wenige Quellen vor. Feststellbar ist aber, dass sich der bereits länger anhaltende Trend zur Dezentralisierung Ägyptens weiter fortsetzte. Dies wird dadurch deutlich, dass die Gaufürsten und die Vorsteher von Oberägypten nicht mehr in Memphis residierten, sondern in den Provinzen und sich letztere auch erstmals dort bestatten ließen. Ferner wurden in der königlichen Residenz neue Institutionen eingerichtet, die speziell für die Verwaltung Oberägyptens zuständig waren.Petra Andrassy: Untersuchungen zum ägyptischen Staat des Alten Reiches und seinen Institutionen (= Internetbeiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie. Band XI). Berlin/London 2008 (), S. 136.

Beziehungen zu Nubien mini|Felsinschrift zwischen Assuan und Philae, die König Merenre I. zeigt, der die Unterwerfung der unternubischen Fürsten entgegennimmt mini|Eine weitere Felsinschrift bei Assuan aus Merenres 5. Jahr der Zählung, die die Unterwerfung der unternubischen Fürsten zeigt Während Merenres Regierungszeit rückte Nubien in den Mittelpunkt der außenpolitischen Interessen Ägyptens. Hiervon zeugen zum einen zwei Felsinschriften bei Assuan, welche den König zeigen, der die Unterwerfung der unternubischen Fürsten entgegennimmt. Die erste befindet sich am alten Weg zwischen Assuan und Philae. Sie ist nicht datiert, stellt den König aber auf einem Vereinigungszeichen stehend dar, was auf sein erstes Regierungsjahr hindeuten könnte.Karl Richard Lepsius: Denkmaeler aus Aegypten und Aethiopien. 2. Abteilung, Band 3, Taf. 116b (Onlineversion). Die zweite Inschrift befindet sich gegenüber der Insel el-Hesseh und datiert in Merenres 5. Jahr der Zählung.Archibald Henry Sayce: Gleanings from the land of Egypt. In: Recueil de travaux relatifs à la philologie et à l’archéologie égyptiennes et assyriennes: pour servir de bulletin à la Mission Française du Caire. Band. 15, 1893, S. 147 (Onlineversion).Kurt Sethe (Hrsg.): Urkunden des ägyptischen Altertums. Band 1. Urkunden des alten Reiches. Hinrichs, Leipzig 1933, S. 111 (PDF; 10,6 MB). Eine weitere königliche Inschrift befindet sich in Tômas in Unternubien.

Weitere wichtige Zeugnisse sind die autobiografischen Inschriften zweier hoher Beamter. Bei dem ersten handelt es sich um den in Abydos bestatteten Weni. Er diente bereits unter Pepi I. und führte zu dieser Zeit fünf Mal mittels in Nubien rekrutierter Soldaten Krieg gegen Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Unter Merenre wurde er zum „Vorsteher von Oberägypten“ ernannt und führte im bereits fortgeschrittenen Alter zwei Expeditionen in nubische Steinbrüche durch. Die erste führte ihn nach Ibhat, von wo er den Sarkophag und das Pyramidion für die Pyramide des Königs mitbrachte und in die Granit-Steinbrüche von Elephantine, wo er unter anderem eine Scheintür und eine Opfertafel anfertigen ließ. Die zweite Expedition führte ihn an einen nicht näher bezeichneten Ort in Nubien. Von dort brachte er erneut Baumaterial für die königliche Pyramide. Um die Stromschnellen am ersten Nilkatarakt zu umgehen, ließ Weni fünf Kanäle ausheben und von einheimischen Nubiern Transportschiffe bauen.James Henry Breasted: Ancient records of Egypt. Historical documents from the earliest times to the Persian conquest. Band I: The first to seventeenth dynasties. University of Chicago Press, Chicago 1906, §§ 319–324, (PDF; 12,0 MB).

Ein weiterer wichtiger Beamter war Harchuf, der nach Weni ebenfalls zum „Vorsteher von Oberägypten“ aufstieg. Wie aus der Autobiografie in seinem Grab auf der Qubbet el-Hawa bei Assuan hervorgeht, unternahm er unter Merenre insgesamt drei Expeditionen, die ihn tief nach Nubien und in die libysche Wüste führten, um die dortigen Länder zu erkunden und Handel zu treiben. Die erste Reise führte Harchuf noch gemeinsam mit seinem Vater Iri durch. Sie dauerte sieben Monate und führte in das bislang nicht sicher lokalisierte Land Jam. Weitere Einzelheiten sind nicht überliefert. Die zweite, von Harchuf allein geleitete Reise dauerte acht Monate und führte ihn durch mehrere nubische Länder. Die dritte Reise wird am ausführlichsten beschrieben und fand unter schwierigen Bedingungen statt. Harchuf traf den Herrscher von Jam, während dieser einen Kriegszug gegen Libyer unternahm. Nach einem Tauschhandel stellte ihm der Herrscher von Jam Soldaten zur Verfügung, die Harchuf benötigte, um auf dem Rückweg die Länder Irtjet und Satju sicher passieren zu können, deren Herrscher in der Zwischenzeit auch das Nachbarland Wawat erobert hatte.James Henry Breasted: Ancient records of Egypt. Historical documents from the earliest times to the Persian conquest. Band I, Chicago 1906, §§ 325–336, (PDF; 12,0 MB).

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