Die Nordbahn ist eine zweigleisige, elektrifizierte Hauptbahn in Österreich, die Wien vom Bahnhof Wien Praterstern ausgehend in Richtung Mähren (Tschechien) verlässt. Sie wurde von den 1830er Jahren an als erste Dampfeisenbahn im Kaisertum Österreich von der Aktiengesellschaft der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn (KFNB) als Teil der Verbindung Wien–Krakau erbaut und betrieben und wurde 1906 verstaatlicht. Heute ist die Strecke Teil des transeuropäischen Verkehrskorridors „Ostsee–Adria“ (ehemals PAN-Korridor IV und PP 22) und wird von Fernzügen Richtung Tschechien, Polen und Deutschland benutzt.

Geschichte Bis 1906

1906 bis heute

Verstaatlichung

Um die Jahrhundertwende war man nun auch ernsthaft bestrebt, die wichtigen Eisenbahnlinien der österreichischen Reichshälfte unter eine einheitliche Verwaltung zu bringen. … 1905 verdichteten sich diesbezüglich Gerüchte … (Heinersdorff). Über das Thema fand eine heftige Mediendebatte statt.Richard Heinersdorff: Die k.u.k. privilegierten Eisenbahnen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1828–1918, Verlag Fritz Molden, Wien 1975, ISBN 3-217-00571-6, S. 42 f.

mini|links|Der Wiener Nordbahnhof 1908

Die Nordbahn wurde mit einem vom Reichsrat, dem Parlament der österreichischen Reichshälfte, am 31. Oktober 1906 beschlossenen Gesetz rückwirkend per 1. Jänner 1906 verstaatlicht.RGBl. Nr. 212 / 1906 (= S. 1047 ff.) Das Gesetz hatte Eisenbahnminister Julius Derschatta von Standhalt eingebracht, der als Nachfolger Heinrich von Witteks (Minister bis 1. Mai 1905) und Ludwig Wrbas seit 2. Juni 1906 amtierte.Amtliche Tageszeitung Wiener Zeitung, Wien, Nr. 127, 3. Juni 1906, S. 1 Mit dem Betriebsübergang am 1. Jänner 1907 wurde die Nordbahn Teil der k.k. Staatsbahnen (siehe auch: Geschichte der Eisenbahn in Österreich, Verstaatlichung).

Von November 1918 an wurde die Nordbahn von den Österreichischen Staatsbahnen (ÖStB), ab 1923 von den Bundesbahnen Österreich (BBÖ), 1938–1945 von der Deutschen Reichsbahn und seit 1947 von den neu gegründeten staatseigenen Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) in deren jeweiliger Rechtsform betrieben.

Projekt Verschiebebahnhof Breitenlee

1912–1914 plante die Staatsbahngesellschaft, zwischen der Nordbahn und dem Marchegger Ast der Ostbahn einen großen Verschiebebahnhof Breitenlee zu errichten. Die Realisierung wurde durch den Beginn des Ersten Weltkriegs verzögert und schließlich unter Einsatz von Kriegsgefangenen begonnen. In der Zwischenkriegszeit wurde das Projekt nicht weiter verfolgt; die vorhandenen Gleise wurden, soweit sie nicht demontiert wurden, bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zum Abstellen von nicht mehr benötigten Schienenfahrzeugen verwendet. Heute ist nur mehr ein kleiner Rest der Gleisanlagen befahrbar; die 1922 dreigleisige Ausfahrt zur Ostbahn war um 1960 auf dem Stadtplan nicht mehr verzeichnet. Die verwilderte Industriebrache soll ab 2025 renaturiert werden.ORF.at (13.01.2025): Alter Verschubbahnhof wird renaturiert, abgerufen am 13. Januar 2025

Verkehr im Ersten Weltkrieg

Österreich-Ungarn stand 1914–1917 im Krieg mit Russland. In Galizien verlief eine stark umkämpfte Front. Die Nordbahn musste bis 1918 viele Militärtransporte an die Ostfront des Ersten Weltkriegs bewältigen.

Zerfall Altösterreichs

Mit dem Zerfall Altösterreichs (Gründung der Tschechoslowakischen Republik am 28. und des Staates Deutschösterreich am 30. Oktober 1918, definitive Festlegung der Nordgrenze der Republik Österreich im am 10. September 1919 unterzeichneten Friedensvertrag von St. Germain) ging auf der Nordbahn viel Verkehr verloren, war sie doch bis 1918 die Direktverbindung des altösterreichischen Zentralraums mit den Kronländern Galizien und Bukowina mit den Städten Krakau, Lemberg und Czernowitz gewesen. Galizien schloss sich 1918 dem neuen polnischen Staat an; die Bukowina wurde von Rumänien annektiert. Dadurch gingen der Güterverkehr und der Personenfernverkehr auf der Nordbahn zurück. Der Verkehr zwischen Österreich und der Tschechoslowakei blieb bestehen, da weiterhin starke wirtschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen bestanden.

Knotenpunkt Lundenburg wird Ausland

1918 verkürzte sich die von Österreich verwaltete Bahnstrecke auf den Abschnitt von Wien bis zur Staatsgrenze nördlich der Station Bernhardsthal. Der Bahnknotenpunkt Lundenburg (Břeclav), wo sich die Strecken nach Brünn bzw. Krakau gabelten, diverse Heizhäuser und Drehscheiben vorhanden waren und nun die Passkontrollen stattfanden, befand sich nun in der Tschechoslowakei (tschechischer Landesteil).

Projekt Güterbahnhof Strasshof

In der NS-Zeit sollte der Bahnhof Strasshof zwischen Deutsch-Wagram und Gänserndorf wegen des stark gestiegenen Verkehrs ausgebaut werden. Der Bau wurde aber erst 1944 begonnen, sodass die geplante Anlage dem kriegsbedingten Verkehr nicht mehr dienen konnte. Heute befindet sich hier das Eisenbahnmuseum Strasshof.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

1945 ging vor dem neuen Ostblock der Eiserne Vorhang nieder. Niederösterreich wurde bis 1955 sowjetische Besatzungszone. Der Verkehr auf der österreichischen Nordbahn wurde dadurch stark reduziert. Wie stark die Bahn in ihrer Bedeutung im Verständnis der damaligen Österreicher reduziert war, zeigte sich daran, dass an die Wiederherstellung des 1945 im Krieg stark beschädigten Wiener Nordbahnhofs nicht gedacht wurde; die (wieder aufbaubare) Ruine des mächtigen Gebäudes wurde 1965 abgetragen.

Bahnhof Praterstern, S-Bahn-Verkehr

Vorerst konnten die Gleisanlagen beim Nordbahnhof nach dem Krieg nur erschwert benützt werden, weil die Nordbahnbrücke über die Donau im April 1945 zerstört worden war und erst ab 1957 wieder befahrbar war. Bis 1959 endeten die Nordbahnzüge (ausgenommen Fernzüge, die nach Wien Süd (Ostteil) geführt wurden) im nördlich der Donau gelegenen Bahnhof Floridsdorf.

Die Erneuerung der Zufahrt zur Brücke vom Nordbahnhof aus dauerte bis 1959, da praktisch auch alle anderen Brücken, vor allem über die Straßen in der Brigittenau, neu gebaut werden mussten. Im Zuge dieser Arbeiten wurde zwischen Praterstern und Floridsdorf die neue Haltestelle Wien Traisengasse errichtet, die in den ersten Planungen noch nicht vorhanden war, deren Bau sich aber als dringend erwies.

Die Entfernung kriegsbeschädigter Häuser in Floridsdorf ermöglichte die Schaffung des späteren Franz-Jonas-Platzes, der Bahnhof Wien Floridsdorf wurde etwa 400 Meter stadteinwärts dorthin verlegt. Die Straßenbahnlinien wurden schon ab 4. Juni 1961Krobot-Slezak-Sternhart, Straßenbahn in Wien, Verlag Slezak, Wien 1972, S. 322. von der Floridsdorfer Hauptstraße in die parallel verlaufende Schöpfleuthnergasse verlegt, damit sie vor das Bahnhofsgebäude führten. Der Platz entwickelte sich in der Folge zum Bezirkszentrum.

Für den geplanten Schnellbahnverkehr auf der Nordbahn bis Gänserndorf wurde bis 1959 auf dem neben dem Nordbahngelände gelegenen Praterstern, einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Wiens, der Bahnhof Wien Praterstern in der Mitte des durch einen Kreisverkehr stark erweiterten Platzes neu angelegt. Mit der Eröffnung dieses Bahnhofs, der den Nordbahnhof und die frühere Haltestelle Praterstern ersetzen sollte, am 1. Juni 1959 wurde hier auch der Schnellbahn-Teilbetrieb Floridsdorf–Hauptzollamt aufgenommen, am 17. Jänner 1962 folgte die Aufnahme des kompletten Betriebs der Schnellbahn-Stammstrecke Floridsdorf–Meidling, für den gebaut worden war.

Seit 1. Juni 1959 verkehren auch die Züge der Nordwestbahn vom Praterstern bis Floridsdorf über die Nordbahn, da der Wiener Nordwestbahnhof mit 31. Mai 1959 als Personenbahnhof stillgelegt und in der Folge die Nordwestbahnbrücke zur Nordbrücke umgebaut wurde.

Verknüpfung von Nordbahn und S-Bahn mit der U-Bahn

Am 28. Februar 1981 wurde, teilweise unter dem Bahnhof Wien Praterstern, die U-Bahn-Station Praterstern der Linie U1 eröffnet. 1996 wurde neben dem Bahnhof Wien Floridsdorf die U-Bahn-Station Floridsdorf als nördliche Endstation der Linie U6 eröffnet. Die zweite Verknüpfung der Nordbahn mit der U6 besteht seit 1996 in der Verkehrsstation Wien Handelskai, wo sich seit damals auch die nördliche Endstation der S-Bahn-Linie S45 befindet, die großteils über die Vorortelinie in den Westen Wiens führt. Am 2. September 2006 wurde neben dem Bahnhof Wien Leopoldau die U-Bahn-Station Leopoldau als neue nördliche Endstation der Linie U1 in Betrieb genommen. Seither sind die Nordbahn und die auf ihr verkehrenden S-Bahn-Linien auf Wiener Gebiet an vier Stationen mit dem U-Bahn-Netz verbunden.

Die Verknüpfungen von Regional- und Lokalverkehr haben zu beträchtlicher Frequenzerhöhung der Stationen geführt. Bis 1996 wurde daher der Bahnhof Floridsdorf komplett erneuert, 2004–2008 der Bahnhof Wien Praterstern, der jetzt auch für Züge des Fernverkehrs geeignet ist.

Anbindung des nördlichen Astes der Ostbahn

Der über Laa an der Thaya (Grenzstation) Richtung Brünn, Mähren, verlaufende nördliche Ast der österreichischen Ostbahn wurde traditionell vom Wiener Ostbahnhof, zuletzt vom Südbahnhof (Ostseite) aus, betrieben. Der Ostbahnast kreuzt die Nordbahn zwischen den Wiener Stationen Leopoldau und Süßenbrunn. Da die so genannte Wiener S-Bahn-Stammstrecke wesentlich besser an den öffentlichen Lokalverkehr angebunden war als der Südbahnhof, entschloss man sich dazu, den S-Bahn-Verkehr Richtung Laa an der Thaya über die Stammstrecke zu führen, von der ein Gleisbogen zwischen den genannten Stationen zur Laaer Ostbahn führt. Der Betrieb bis Mistelbach wurde am 25. September 1983 aufgenommen, bis Laa an der Thaya am 10. Dezember 2006. Hier verkehrt nun die S-Bahn-Linie S2.

Fernverkehr

Fernzüge der Nordbahn wurden nach 1945 (wie Fernzüge der Laaer Ostbahn) über die Stadlauer Brücke zum Südbahnhof (Ostseite) geführt und fahren seit 2013 stattdessen den neuen Hauptbahnhof an (siehe Abschnitt Betrieb), der beim Südtiroler Platz gebaut wurde.

Wegfall der Grenzkontrollen

Tschechien wurde am 1. Mai 2004 Mitglied der Europäischen Union. Damit fielen die Zollkontrollen an Österreichs Nordgrenze weg. Am 21. Dezember 2007 trat Tschechiens Beitritt zum Schengener Abkommen in Kraft; damit fielen in den grenzüberschreitenden Nordbahnzügen auch die Personenkontrollen (Passkontrollen) weg.

Wasserturm

Ein baulicher Rest des alten Nordbahnhofs ist der historische Wasserturm. Der etwa würfelförmige Ziegelbau mit Pyramidendach steht unter Denkmalschutz. Bei einer Besichtigung am 20. November 2013 war zu sehen, dass er keinen Wasserhochbehälter mehr aufweist. Er ist neben der Eisenbahnbrücke im Bereich Leystraße das älteste noch erhaltene Bauwerk des Nordbahnhofs und erhielt 2012 einen neuen Dachstuhl.Besuch im Wasserturm Lebenswerter Nordbahnhof : Bürgerbeteiligung – Vernetzung – Nachhaltigkeit, nordbahnhof.wordpress.com, 1. Dezember 2013, abgerufen am 10. November 2019.

Neben dem Wasserturm liegt eine ehemalige Lagerhalle aus den 1960er-Jahren, die Nordbahnhalle. Diese Halle wurde 2017–2019 als Zwischennutzung für Veranstaltungen adaptiert. Diskutiert wurden die dauerhafte Nutzung für Kulturveranstaltungen, es bildeten sich Initiativen gegen den geplanten Abriss. Am 10. November 2019 brach im Inneren ein Großfeuer aus, das die Halle deutlich beschädigte. Ein Übergreifen auf den Wasserturm konnte verhindert werden. Die alte Halle wurde in der Folge abgerissen.

Strecke

Die Strecke der österreichischen Nordbahn führt vom Wiener Nordbahnhof nordwärts, dann nordostwärts, und überquert die seit 1875 regulierte Donau und die 1988 fertiggestellte Neue Donau auf der Nordbahnbrücke. Am nördlichen Ende der Alten Donau mit der 2004 aufgelassenen Haltestelle Strandbäder vorbei, führt sie nun zum Bahnhof Wien Floridsdorf, von dessen Vorgängerbau aus 1837 die erste Dampfeisenbahn Österreichs nach Deutsch-Wagram fuhr. In Floridsdorf zweigt nach Nordnordwest die Nordwestbahn nach Stockerau, Hollabrunn, Retz und Znaim ab.