mini|Porträt Rahel Varnhagen. Lithographie (1834) von Gottfried Küstner nach Moritz Daffingers Pastell von 1818 Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin (angenommener Familienname ab Mitte der 1790er Jahre Robert bzw. Robert-Tornow, Taufname ab 1814 Friedericke Antonie), (* 19. Mai 1771 in Berlin; † 7. März 1833 ebenda) war eine deutsche Schriftstellerin und Salonnière jüdischer Herkunft. Rahel Varnhagen gehörte der romantischen Epoche an und vertrat zugleich Positionen der europäischen Aufklärung. Sie trat für die jüdische Emanzipation und die Emanzipation der Frauen ein.

Leben und Wirken Rahel Varnhagen von Ense wurde 1771 als älteste Tochter des jüdischen Bankiers und Juwelenhändlers Levin Markus Cohen (auch Loeb Cohen, Markus Levin u. a.; 1723–1790) und seiner Frau Chaie, geb. Tobias (auch Heichen; verstorben 1809) im – heute nicht mehr existenten – Eckhaus der Spandauer Straße und der Königstraße in Berlin, gegenüber dem damaligen Rathaus, geboren.Karl August Varnhagen von Ense: Rahels Wohnungen in Berlin. Zitiert in: Irina Hundt: Zur Biographie von Rahel Levin Varnhagen. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Jg. 42 (1993), S. 243. Bereits 1795 ist der Gebrauch des Familiennamens Robert belegt,„Schreiben Sie mir: an Mlle. Robert“, an David Veit, 6. Juni 1795, in: Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. Hrsg. v. Ludmilla Assing. F. A. Brockhaus, Leipzig 1861, Band 2, S. 154 (bsb-muenchen.de); sie wird aber noch als Levin angeschrieben, vgl. David Veit an Rahel, 4. Dezember 1799, S. 240. den die Familie wohl nach dem Tod des Vaters angenommen hatte und der 1812 als Rahel Robert-Tornow (Zusatz zur Unterscheidung von einer hugenottischen Familie Robert in Berlin, wohl nach dem havelländischen Ortsnamen) in ihrer Staatsbürger-Urkunde stand.Verzeichniß der in den Städten und auf dem platten Lande des Kurmärkschen Regierungsdepartements wohnenden Juden, welche nach §. 4 und 5. des Edikts vom 11ten März 1812., die bürgerlichen Verhältnisse derselben im Preuß. Staat betreffend und nach der dazu gehörigen Instruktion v. 25sten Juni 1812. Staatsbürgerbriefe erhalten haben. In: Beilage zum 30sten Stück des Amtsblatts der Königl. Kurmärkschen Regierung, 7. Oktober 1814, Nr. 1345; vgl. die Brüder Marcus Theodor Nr. 1321; Moritz Nr. 1350; Louis (Ludwig) 1356 (bsb-muenchen.de). Ihre Geschwister, für die sie als älteste Tochter eine verantwortliche Rolle übernehmen musste, waren Markus Theodor (Mordechai, 1772–1826), Rose (1782–1853) und Moritz (Meyer, 1785–1846);Renata Buzzo Màrgari Barovero: Nachwort und Biographische Skizzen zu Rahel Levin Varnhagen: Familienbriefe. Hrsg. v. ders. C. H. Beck, München 2009 (ERLV III), S. 1415–1470. ihr jüngster Bruder war der Schriftsteller Ludwig Robert, genannt Louis (Liepmann, 1778–1832).Consolina Vigliero: Nachwort und Dank sowie Zeittafeln zu Rahel Levin Varnhagen: Briefwechsel mit Ludwig Robert. Hrsg. v. ders. C. H. Beck, München 2001 (ERLV II), S. 909–942.

mini|Liste der im Jahre 1822, zu Teplitz angekommenen Kur- und Badegäste Nr. 51, Anstrei­chung des Vorbesitzers bei „Varnhagen v. Ense“ (Archiv der Varnhagen Gesellschaft e. V.) Während ihre Brüder höhere Schulen besuchten (Ludwig Robert war Schüler des Französischen Gymnasiums) und eine kaufmännische Ausbildung absolvierten, wurde Rahel von Hauslehrern unterrichtet. Sie lernte Französisch, Englisch und Italienisch, erhielt Klavier- und Tanzunterricht und unternahm früh Reisen nach Breslau (1794), Teplitz (1796) und Paris (1800). Ihre Allgemeinbildung übertraf bei weitem die einer durchschnittlichen christlichen Mädchenerziehung. Im böhmischen Kurbad Karlsbad begegnete sie 1795 erstmals Goethe, den sie als Schriftsteller außerordentlich verehrte, und der von ihr urteilte, sie sei „ein Mädchen von außerordentlichem Verstand“, „stark in jeder ihrer Empfindungen und dabei leicht in ihren Äußerungen“, „kurz, was ich eine schöne Seele nennen möchte“.Ellen Key: Rahel. Eine biographische Skizze. Einzig autorisierte Übertragung aus dem schwedischen Manuskript von Marie Franzos. 2. Auflage. Edgar Thamm, Halle a. d. Saale 1907, Fußnote S. 145 (projekt-gutenberg.org).

Mit dem gleichaltrigen angehenden Mediziner David Veit (1771–1814), der Goethe in Weimar besuchte und ihr seine äußere Erscheinung genau schildern musste, führte die junge Levin eine ausgiebige Korrespondenz, die sich auf Fragen des jüdischen Selbstverständnisses ausdehnte. Ihre Außenseiterrolle als Frau und als Jüdin, die ihr weder eine akademische Bildung noch die intellektuelle Teilhabe am aufgeklärten Diskurs ermöglichte, erlebte sie als bedrückend. Ihrer eigenen Sensibilität sowie ihrem Ungenügen an dem Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit gab sie wie folgt Ausdruck: „Ich verstell’ mich, artig bin ich, daß man vernünftig sein muß, weiß ich; aber ich bin zu klein das auszuhalten, zu klein; ich will nicht rechnen, daß ich keinen empfindlichern reizbareren Menschen kenne, und der immer in Einer Unannehmlichkeit tausend empfindet, weil er die Karaktere kennt, die sie ihm spielen, und immer denkt und kombinirt, ich bin zu klein, denn nur ein solcher kleiner Körper hält das nicht aus.“ Sie litt damals unter der Vorstellung, es habe „ein außerirdisch Wesen, als ich in die Welt getrieben wurde, beim Eingang diese Worte mit einem Dolch in’s Herz gestoßen […]: ‚Ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie Wenige sehen, sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, Eins hat man aber vergessen: sei eine Jüdin!‘ und nun ist mein ganzes Leben eine einzige Verblutung […]“.An David Veit, 22. März 1795. In: Ludmilla Assing (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Rahel und David Veit. F. A. Brockhaus, Leipzig 1861, S, 77–80 (Web-Ressource). Zu den Jugendfreundinnen Rahel Varnhagens gehörten auch Nichtjuden wie die Tochter einer hugenottischen Einwandererfamilie Pauline Wiesel, geb. César, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte,Rahel Levin Varnhagen: Briefwechsel mit Pauline Wiesel. Hrsg. v. Barbara Hahn. C. H. Beck, München 1997 (ERLV I). oder der schwedische Gesandte Karl Gustav Brinckmann, der in ihrer Abwesenheit ihren Schreibtisch benutzen durfte.Hannah Lotte Lund: Der Berliner Jüdische Salon um 1800. Emanzipation in der Debatte. de Gruyter, Berlin/Boston 2012 (Europäisch-jüdische Studien. 1).

mini|Gedenktafel am Haus Jägerstraße 54–55, Berlin-Mitte, dem Ort ihres Salons.Gedenktafel: Initiative, Konzept, Text: Kunsthistoriker Ernst Siebel, Künstlerin Erika Klagge; Grafisches Layout: Kurt Blank Markard; Reliefportrait: nach Friedrich Tieck: Bronzeguss: Bildgießerei Noack, Berlin | gebaut 1997 Rahel Levins Schwester Rose heiratete am 8. Februar 1801 den niederländischen Juristen Carel Asser (1780–1836), der seit 1799 als Rechtsanwalt in Den Haag praktizierte. Da Rahel Levin eine für sie in Breslau arrangierte Ehe mit einem entfernten Verwandten ablehnte, blieb sie in ihrer ersten Lebenshälfte abhängig von ihrer Familie. Erst im Winter 1808/1809 verließ sie das Elternhaus und zog, was für eine unverheiratete und nicht verwitwete Frau damals äußerst ungewöhnlich war,Barbara Hahn: „Antworten Sie mir!“ Rahel Levin Varnhagens Briefwechsel. Stroemfeld/Roter Stern, Basel 1990, S. 62–67. in eine eigene Wohnung in der südlichen Friedrichstadt (im Trenck’schen Haus in der Charlottenstraße Nr. 32, zwei Treppen hoch). Auch in der Berliner Behrenstraße Nr. 48 wohnte sie ab 1810 zunächst allein; später zogen ihre Brüder Moritz und Ludwig Robert bei ihr ein. Der älteste der Brüder, Markus Theodor Robert, hatte die Bankgeschäfte des Vaters übernommenVgl. seine Annonce in Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen (Spenersche Zeitung) Nr. 156, 29. Dezember 1812, unpag. (Web-Ressource). und verwaltete ihr Vermögen, wobei er seine Geschwister (Ludwig Robert forderte vergebens eine detaillierte Rechnungslegung) nach Angaben von Rahels Witwer übervorteilt hat.

Salonnière, Verlöbnisse, Heirat Von 1793 bis zum Herbst 1808, „in ihrer glanzvollsten Zeit“ bewohnte die Familie Levin-Robert das Haus No. 54 in der Jägerstraße beim Gendarmenmarkt. Hier fanden vor allem in der Zeit um 1800 gesellige Zusammenkünfte der mit dem Haus befreundeten Zeitgenossen statt (siehe Artikel Salon der Rahel Varnhagen). Dominiert wurden diese Treffen von den (meist jüdischen) Gastgeberinnen wie Henriette Herz, Amalie Beer oder eben Rahel Robert-Tornow. Die „Salonnièren“ selbst nannten solche Abende „Thees“, „Geselligkeit“, oder sie setzten einen wiederkehrenden Wochentag (z. B. „Montage“) als Name für die Einladung fest. Von „Salon“ ist bei Rahel Varnhagen nur im Zusammenhang mit den sehr prächtigen Empfängen der Fanny von Arnstein in Wien die Rede; erst viele Jahrzehnte später sprach man in Berlin von „Salons“.

Ausschlaggebend war die Vereinigung von Menschen unterschiedlicher Stände und Berufe, religiöser oder politischer Orientierung zu Gesprächen: Dichter, Naturforscher, Politiker, Schauspieler/-innen, Aristokraten und Reisende kamen zusammen. Die Nähe des Theaters, der Börse und der Französischen Gemeinde sorgte für Vielfalt. Mitunter wurde, wie im Elternhaus der Henriette Solmar (einer Cousine Rahel Varnhagens), mit Rücksicht auf Besucher aus fremden Ländern französisch gesprochen. Berühmte Gäste in dieser ersten Phase waren Jean Paul, Ludwig Tieck, Friedrich von Gentz, Ernst von Pfuel, Friedrich Schlegel, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Friedrich de la Motte Fouqué, Prinz Louis Ferdinand und dessen Geliebte Pauline Wiesel. Allerdings gibt es nur wenige zeitgenössische Quellen und gar keine zeitgenössischen Bilder dieser Geselligkeiten. Es wurden nicht nur Prominente eingeladen, sondern auch viele Personen, die kaum Spuren hinterlassen haben.Eine Auflistung nachweisbarer Besucher Berliner Salons bietet Petra Wilhelmy-Dollinger: Die Berliner Salons. de Gruyter, Berlin 2000, ISBN 3-11-016414-0 (eingeschränkte Buchsuche bei (Google Books); früherer Titel: Der Berliner Salon im 19. Jahrhundert. 1780–1914; eingeschränkte Buchsuche bei Google Books). Fanny Lewald (die Rahel Varnhagen nicht mehr kennengelernt hat) gibt allerdings zu bedenken: „Man hört die Namen Humboldt, Rahel Levin, Schleiermacher, Varnhagen und Schlegel, und denkt an das, was sie geworden, und vergißt, daß die Humboldt’s ihrer Zeit nur zwei junge Edelleute, daß Rahel Levin ein lebhaftes Judenmädchen, Schleiermacher ein unbekannter Geistlicher, Varnhagen ein junger Praktikant der Medizin, die Schlegel ein paar ziemlich leichtsinnige junge Journalisten gewesen sind“.Fanny Lewald: Meine Lebensgeschichte. Dritte Abtheilung: Befreiung und Wanderleben. Band 1. Otto Janke, Berlin 1862, S. 155 f. Berlin 1871, S. 95–127;

mini|hochkant|Visitenkarten von Rahel Varn­hagens Besuchern (um 1825, Album in der Staatsbi­blio­thek zu Ber­lin – Preußischer Kultur­besitz) Im Frühjahr 1796 lernte die 25-jährige den Grafensohn und angehenden Diplomaten Karl Friedrich Albrecht Finck von Finckenstein (1772–1811) kennen, der mit ihrem Bekannten Wilhelm von Burgsdorff befreundet war, und sie wurden ein Liebespaar. Schon im folgenden Winter versuchte Rahel Robert, sich von ihm zu trennen. Finckenstein, der in Madlitz lebte, sofern er nicht als Legationsrat zu diplomatischen Missionen entsandt wurde, besuchte sie aber im März 1798 vierzehn Tage lang in Berlin. Am 4. September 1799 forderte Rahel Robert den bereits Verlobten auf, sich zu entscheiden. Im Schmerz über ihre endgültige Trennung schrieb sie am 19. Februar 1800 einen Abschiedsbrief und reiste mit der Gräfin Schlabrendorff nach Paris ab.Günter de Bruyn: Versuch einer Rekonstruktion. In: „Rahels erste Liebe“. Rahel Levin und Karl Graf von Finckenstein in ihren Briefen. Hrsg. v. dems. Buchverlag der Morgen, Berlin (DDR) 1985, S. 7–55.