Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Marokko wird in der marokkanischen Gesellschaft abgelehnt. Abweichungen von Hetero- und Cisnormativität sind tabuisiert. Homosexuelle Handlungen sowohl zwischen Frauen als auch zwischen Männern stehen unter Strafe; auch andere queere Lebensweisen werden staatlicherseits verfolgt.
miniatur|Geografische Lage von Marokko
Geschichte Während der Kolonialzeit war Marokko Gegenstand orientalistisch geprägter Fantasien vieler Menschen aus dem Westen. Sie betrachteten das Land als einen Ort sexueller Freiheit, und damit auch als Zufluchtsort vor den gesellschaftlichen und familiären Skandalen, die Homosexualität damals in ihren Herkunftsländern auslösen konnte. So sind eine Reihe westlicher Persönlichkeiten des Kulturlebens eng mit Marokko verbunden.Whitaker, S. 58f.
Das Strafgesetzbuch von Marokko (Code pénal), das 1962 erlassen wurde, war das erste mit landesweiter Geltung. Zuvor bestanden – historisch aus der Kolonialgeschichte bedingt – drei unterschiedliche Rechtsgebiete innerhalb des heutigen Marokko: In Französisch-Marokko, dem größten Teil Marokkos, galt ein Strafgesetz von 1953 (Code pénal marocain). Dieses Strafgesetzbuch trat an die Stelle älterer Vorschriften. Bereits dieses enthielt eine Bestimmung gegen homosexuelle Handlungen, nahezu wortgleich mit dem heute geltenden Artikel 489 des Strafgesetzbuches von 1962. Der Gesetzgeber von 1962 übernahm diese Vorschrift im Wesentlichen unverändert. Artikel 489 des Strafgesetzbuches von 1962 stellt so eine Kontinuität des kolonialen Strafrechts dar und ist keine originäre Neuschöpfung des marokkanischen Gesetzgebers nach der Unabhängigkeit des Landes. In Spanisch-Marokko (Nordmarokko) galt seit 1914 der Código penal de la ex Zona Norte del Marruecos der mehrfach geändert wurde. Dieser beruhte weitgehend auf dem spanischen Strafrecht. In der Internationalen Zone von Tanger galt ein eigener Code pénal, eingeführt 1925.
Bislang gibt es keine Gesetzgebungsgeschichte zu Artikel 489 des marokkanischen Strafgesetzes von 1962. Die Autoren beschränken sich auf die Feststellung, dass die Vorschrift aus dem Strafgesetz des französischen Protektorats von 1953 übernommen wurde. Ob eine solche Vorschrift bereits im Strafgesetz der spanischen Zone oder des der Internationalen Zone von Tanger enthalten war und wie die Bestimmungen gegebenenfalls lauteten scheint bisher nicht untersucht.
Der aus wirtschaftlichen Gründen bedeutende Tourismus ging mit einer zunehmenden Akzeptanz sich offen zeigender homosexueller westlicher Paare einher. In den 2010er-Jahren konnten sie sich rund um den Platz Djemaa el Fna in Marrakesch frei bewegen, und zahlreiche Hotels der Stadt machten – mehr oder weniger verschlüsselt – deutlich, dass sie schwulenfreundlich seien.Whitaker, S. 58f.
Rechtliche Lage Das Strafgesetzbuch von Marokko (Code pénal) von 1962 (in Kraft getreten 1963) stellt in Artikel 489 un acte impudique ou contre nature avec un individu de son sexe (eine unsittliche oder widernatürliche Handlung mit einer Person desselben Geschlechts) in der Öffentlichkeit unter Strafe. Dieser unbestimmte Rechtsbegriff wird einheitlich dahingehend interpretiert, dass damit alle homosexuellen Handlungen, sowohl zwischen Frauen als auch zwischen Männern, unter Strafe stehen. Der Strafrahmen beträgt Haft von sechs Monaten bis zu drei Jahren und eine Geldstrafe von 120 bis 1200 Dirham.Code pénal von 1962. Als Verstoß gegen die Sittlichkeit gilt öffentliche Nacktheit oder als „obszön“ angesehene Handlungen oder Gesten – etwa der Kuss zweier gleichgeschlechtlicher Personen. Handlungen gelten als „öffentlich“, wenn sie in Anwesenheit einer oder mehrerer unfreiwilliger Zeugen oder Minderjähriger oder an einem der Öffentlichkeit zugänglichen Ort stattfinden.ILGA database Morocco (Weblinks).
Die Toleranz gegenüber homosexuellen Touristen führt in der Praxis aber zu einer Situation, in der mit zweierlei Maß gemessen wird: Sanktionen, die das marokkanische Recht gegen homosexuelle Handlungen vorsieht, werden nur selten gegenüber ausländischen Touristen angewandt, ist mindestens ein marokkanischer Staatsangehörige beteiligt, allerdings schon.Whitaker, S. 58f. so kommt es auch vor, dass Ausländer entsprechend verfolgt werden.Darauf weist das Auswärtige Amt ausdrücklich hin (Marokko: Reise- und Sicherheitshinweise; abgerufen am 12. Juli 2026). „Vermeiden Sie Zeichen der Zuneigung in der Öffentlichkeit“ rät das Auswärtige Amt queeren Menschen.Auswärtiges Amt: Marokko: Reise- und Sicherheitshinweise; abgerufen am 12. Juli 2026 Auf Druck von muslimischer Seite wird das Strafgesetz seit Anfang der 2000er Jahre wieder verstärkt angewandt.
Aufgrund der rechtlichen und gesellschaftlichen Lage existiert in Marokko kein Antidiskriminierungsgesetz, es fehlt die staatliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare und es besteht keine Möglichkeit der Adoption.ILGA database Morocco (Weblinks).
Soziale Lage mini|Marokkanisches Boot auf der Pride Amsterdam, 2017
Gesellschaftlich werden homosexuelle Handlungen als unmoralisch betrachtet und als Tabu behandelt. Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren werden in Marokko aufgrund der staatlichen und gesellschaftlichen Verfolgung normalerweise nicht öffentlich gelebt.Die Zeit: Schwuler Tabubruch in einer homophoben Welt Homosexualität wird als etwas angesehen, das nicht zur marokkanischen Identität gehört, sondern als westlicher Import konstruiert. Eine homosexuelle Beziehung zwischen einer westlichen und einer marokkanischen Person wird so häufig als eine Form der Prostitution gewertet. Diese Vorstellung hat ihren Ursprung teilweise in den historischen Gegebenheiten des Sextourismus.Whitaker, S. 58f.
Im Januar 2022 ordnete das Ministerium für Stiftungen und Islamische Angelegenheiten die Streichung des Satzes „Gleichheit bedeutet, dass Menschen unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung ohne Diskriminierung gleich behandelt werden.“ aus den Unterrichtsmaterialien für Moscheen an, der in einem Alphabetisierungslehrbuch für die zweite Klasse stand. Der Minister entließ deshalb den Leiter der Alphabetisierungsabteilung seines Ministeriums.ILGA database Morocco (Weblinks).
Nach einem Bericht vom April 2023 entließ eine französische Schule in Kenitra eine Lehrerin, nachdem eine Gruppe von Eltern im Februar 2023 Anzeige wegen „Verteidigung von Homosexualität“ erstattet hatte. Die Lehrerin hatte Schülerinnen und Schüler ermutigt, gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen zu akzeptieren.Amnesty International: Report Marokko / Westsahara 2023 vom 24. April 2024.
Aufgrund der strafrechtlichen Verfolgung von Homosexualität ist das Nutzen von Datingplattformen und Cruising mit erheblichen Risiken verbunden. Daher entscheiden sich Marokkaner, um gleichgeschlechtliche Beziehungen eingehen zu können, dafür, das im Ausland zu tun.Whitaker, S. 58f.
Queere Selbsthilfe-Organisationen mini|
Artikel 3 des Gesetzes zur Regelung des Vereinigungsrechts von 1958 untersagt Vereinigungen unter anderem Tätigkeiten auszuüben, die gegen geltendes Recht oder die öffentliche Moral verstoßen oder den Islam beleidigen. Durch ein Gesetz von 2005 (Dahir Nr. 2-04-969) wurde das weiter verschärft. Angesichts der rechtlichen und gesellschaftlichen Lage in Marokko gilt jeder Versuch, queere Interessen in Vereinsform zu vertreten, deshalb als aussichtslos. 2016 versuchte eine marokkanische LGBT-Organisation, sich offiziell registrieren zu lassen. Die zuständigen Behörden weigerten sich, den Registrierungsantrag überhaupt entgegenzunehmen und verwiesen die Antragsteller aus dem Registrierungsbüro.ILGA database Morocco (Weblinks).
Kifkif gilt als die erste dauerhaft organisierte LGBT-Organisation Marokkos. Kifkif setzt sich für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Marokkanern ein. Die Anfänge reichen in das Jahr 2004 zurück. Auslöser war die Festnahme von 43 Männern in Tétouan wegen angeblich homosexueller Handlungen. Daraufhin entstand zunächst ein Internetforum zur Vernetzung und Unterstützung homosexueller Marokkaner. 2005 wurde daraus die Organisation Kifkif. „Kifkif“ (كيف كيف) bedeutet in marokkanischem Arabisch „gleich“, „dasselbe“ oder „genauso“ und soll auf die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, hinweisen. Mehrere Versuche, Kifkif in Marokko als Verein zu registrieren, scheiterten. Seit 2008 ist die Organisation deshalb als Verein in Spanien registriert, arbeitet aber weiterhin überwiegend zu den Lebensbedingungen queerer Personen in Marokko und queerer, marokkanischer Migranten in Spanien. Im Mai 2010 gründeten LGBT-Aktivistinnen von Kifkif die Gruppe Menna w Fena („Von uns und für uns“). Sie ist eine Gruppe innerhalb von Kifkif und richtet sich speziell an lesbische, bisexuelle, transgeschlechtliche und andere queere Frauen.
Intersexuelle 2021 wurde mit dem Gesetz Nr. 36.21 (2021) das Personenstandsgesetz geändert. Eingeführt wurde bei der Eintragung des Geschlechts von intergeschlechtlichen Säuglingen die Möglichkeit, das Geschlechtsmerkmal in den amtlichen Personenstandsdokumenten vorläufig bis zur Pubertät der betroffenen Person offen zu lassen.ILGA database Morocco (Weblinks).
Kultur Im April 2010 startete die queere Selbsthilfe-Organisation Kifkif den Versuch, ein schwul-lesbisches Magazin an der staatlichen Pressezensur vorbei erscheinen zu lassen. Mithly (der Titel ist ein Wortspiel und bedeutet sowohl „schwul“ als auch „wie ich“) war das erste LGBT-Magazin Marokkos und erschien sowohl in gedruckter Form als auch im Internet. Die gedruckte Auflage betrug 200 Exemplare. 14 Ausgaben sollen erschienen sein.Immigration and Refugee Board of Canada: MAR104621.FE – (Morocco). Slate.fr: Une revue gay distribuée sous le manteau au Maroc. Auf Slate.fr vom 23. April 2010.Habibou Bangré: « Mithly », le premier magazine gay arabe. Vom 20. April 2021.
Der Film „Das Blau des Kaftans“ (Le Bleu du caftan) von 2022 erzählt die Dreiecks-Geschichte eines auf Kaftane spezialisierten schwulen Schneiders in Salé, dessen Frau und einem Lehrling. Im Juni 2023 übte der Vorsitzende der islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) scharfe Kritik an dem Film und forderte die Behörden auf, den Film zu verbieten.ILGA database Morocco (Weblinks).
Zu den westlichen Persönlichkeiten, die sowohl mit homosexueller als auch marokkanischer Kultur eng verbunden sind, zählen Paul Bowles, Francis Bacon, Jean Genet, Tennessee Williams, Jack Kerouac, Allen Ginsberg oder Joe Orton.Whitaker, S. 58f.
Siehe auch Gesetze zur Homosexualität Gleichstellung (Homosexuelle)
Literatur Brian Whitaker: Unspeakable love. Gay and lesbian life in the Middle East. Saqi, London 2011. ISBN 978-0-86356-483-3
Weblinks Marc Dugge: , tagesschau.de, 12. April 2009. GlobalGayz.com: Morocco (englisch) ILGA database Morocco
Anmerkungen
Einzelnachweise
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