mini|Die Parada Równości 2006. mini|hochkant|Der schwule, liberale Politiker, ehemaliger Bürgermeister von Słupsk und seit 2019 MdEP Robert Biedroń. mini|hochkant|Der LGBT-Aktivist, Warschauer Ratsherr und Politiker der grünen Partei Zieloni, Krystian Legierski. mini|Aufkleber mit homophobem Slogan der nationalistischen Organisation NOP.
Homosexualität wird in Polen seit Jahrzehnten in weiten Teilen der christlich-konservativ dominierten Gesellschaft mit Diskriminierung begegnet. Homosexualität ist fortwährend Gegenstand politischer Debatten. Zu Zeiten sozialdemokratischer Regierungen gab es gegenteilige Phasen. Im Kontext des Wahlkampfs der Parlamentswahl in Polen 2019 errangen die rechtskonservativen Parteien nach einem homophobem Wahlkampf die absolute Mehrheit.Wahlsieg für Kaczynski Polen: Rechtspopulisten nach homophobem Wahlkampf mit absoluter Mehrheit, Queer 14. Oktober 2019Kaczynski-Partei vor Wiederwahl Homophobie ist zentrales Thema im polnischen Wahlkampf, Queer 11. Oktober 2019Menschen Der Hass auf Homosexuelle in Polen wird immer schlimmer, von Paweł Mączewski Vice 15. Oktober 2019„Freiheit, Gleichheit, Akzeptanz“ fluter – Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung 11. Oktober 2019Meinung ParlamentswahlIn Polen eignen sich Homosexuelle noch als Feindbild, von Philipp Fritz, Die Welt 11. Oktober 2019 Von 2019 bis 2025 erklärten sich immer mehr Gebietskörperschaften Polens zu sogenannten „LGBT-freien“ Zonen. Dies führte zu Diskussionen im Europaparlament.LGBT-freie Zonen in Polen MDR vom 30. Juni 2019EU-Parlament debattiert über "LGBTI-freie Zonen" in PolenEntschließungsantrag Stellungnahme Europaparlament zu LGBT freien Zonen Die Nacht in der Nachrichtenredaktion mit Inga Gebauer Deutschlandfunk vom 18. Dezember 2019 Auch die vorgesehene Abschaffung des Sexualkundeunterrichts in Polen führte zu Protesten des Europaparlaments.EU-Parlament kritisiert Kriminalisierung von Sexualkundeunterricht in Polen Deutsche Welle 15. November 2019The Brief from Brussels: EU-Parlament verurteilt polnisches Aufklärungsgesetz Euronews 14. November 2019 Gleichzeitig gaben in einer Umfrage von 2021 56 % der polnischen Befragten an, dass eine Eheschließung für Homosexuelle erlaubt sein sollte. 58 % waren der Meinung, ein homosexuelles Paar könne auch ohne Kinder eine Familie sein. Die Analyse der Befragung kam zu dem Entschluss, dass die polnische Bevölkerung teils deutlich toleranter mit Homosexualität umgehe als es die rechtskonservativ-nationalistische PiS-Regierung vertrat.
Legalität Homosexuelle Handlungen wurden in Polen bereits 1932 legalisiert und das Schutzalter dem heterosexueller Personen angeglichen. 1969 wurde auch homosexuelle Prostitution legalisiert.
1985 ordnete der Innenminister der Volksrepublik Polen, General Czesław Kiszczak, die Aktion „Hiacynt“ (Hyazinthe) an, bei der die ihm unterstehende Geheimpolizei SB mehrere hundert Homosexuelle festnahm und registrierte. Ziel der Aktion war nach Meinung polnischer Historiker, durch Erpressung Informelle Mitarbeiter (polnisch abgekürzt TW) vor allem aus der Kulturszene zu gewinnen. Die Aktion stellte indes einen Gesetzesverstoß dar, da in der Volksrepublik Polen, im Gegensatz beispielsweise zur Sowjetunion, homosexuelle Praktiken und Lebensweisen keinen Straftatbestand darstellten.Kazimierz Sikorski, Generał Kiszczak poluje na gejów, in: Nasza Historia / The Polska Times, 1/2015, S. 60–62. Der polnische Regisseur Piotr Domalewski drehte darüber einen Spielfilm, den 2021 Netflix Deutschland unter dem Titel „Operation Hyakinthos“ im Programm hatte.Liebe im Geheimen sueddeutsche.de, 18. Oktober 2021.
Während des bis 1989 herrschenden Realsozialismus galt Homosexualität allerdings offiziell als eingetragene Krankheit und wurde nach dem politischen Systemwechsel im Zuge von Reformen 1991 als solche gestrichen.
Gesetzeslage 2003 wurde ein Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet, welches eine von der sexuellen Orientierung unabhängige Behandlung vor dem Gesetz garantiert. Ein bereits 1995 von der damaligen sozialdemokratischen Regierung erarbeiteter Vorschlag, ein Diskriminierungsverbot auf Grund sexueller Orientierung in die Verfassung aufzunehmen, wurde jedoch aufgrund von Einwänden der römisch-katholischen Kirche verworfen. 2007 bereitete die damalige liberal-konservative Regierungskoalition unter Ministerpräsident Donald Tusk einen neuen Gesetzesentwurf zum Schutz Homosexueller vor Diskriminierung vor.Der Standard: , 31. August 2007 Schwule waren bis zur Abschaffung der Wehrpflicht in Polen bis 2010 vom Militärdienst nicht gesetzlich ausgeschlossen.
Im März 2007 legte Roman Giertych, Polens damaliger Bildungsminister und Vorsitzender der nationalistisch, katholisch und klerikalen Partei LPR, dem Parlament einen Gesetzesentwurf vor, der „homosexuelle Propaganda“, wie Aufklärungsmaterialien über gleichgeschlechtliche Beziehungen an Schulen, unter Strafe stellen sollte. Lehrer, die im Sexualunterricht homosexuelle Lebensformen auch nur erwähnten, sollten dann mindestens mit Geldstrafen rechnen.Tagesschau: Polen will „homosexuelle Agitation“ verbieten (tagesschau.de-Archiv), 14. März 2007 Entlassungen sollten auch besonders dann Maßnahmen sein, wenn Lehrer sich offen zur Homosexualität bekennen würden.Der Standard: Polnischer Vizeminister will offen homosexuelle LehrerInnen entlassen, 15. März 2007 Aufgrund der im Oktober 2007 abgehaltenen, vorgezogenen Neuwahlen traten die Gesetzesentwürfe nicht in Kraft und die LPR scheiterte mit dem Versuch, erneut ins Parlament einzuziehen, an der Sperrklausel.
Das Oberste Gericht bestätigte 2016 die strafprozessrechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften.
Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften/Ehen Die gesetzliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften/Ehen ist in Polen derzeit in der Debatte.
Eingetragene Partnerschaft Ende 2003 schlug die Senatorin Maria Szyszkowska jedoch vor, gleichgeschlechtliche Verpartnerungen unter der Bezeichnung „Registrierte Partnerschaft“ einzuführen. Am 2. Dezember 2004 stimmte zwar der polnische Senat diesem Vorschlag zu, er fand im Sejm jedoch vor den Wahlen 2005 keine Mehrheit mehr.
2004 gestattete der städtische Verkehrsverbund in Warschau gleichgeschlechtlichen Partnern seiner Angestellten das Verkehrsnetz mit den gleichen Vergünstigungen zu nutzen, wie heterosexuelle Partner. Dieser Akt stellte die erste Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare in Polen dar. 2007 beschloss schließlich auch das städtische Amt für Sozialhilfe in Chorzów, gleichgeschlechtlichen Paaren Transferleistungen in Entsprechung zu denen heterosexueller Paare zu gewähren. 2011 brachte die sozialdemokratische Partei SLD als erste Fraktion einen Gesetzentwurf zur Einführung einer Lebenspartnerschaft im Sejm ein.Standard: Lebenspartnerschaft für Lesben und Schwule gefordert Auch die im Oktober 2011 neu in das polnische Parlament eingezogene liberale Partei Twój Ruch befürwortete die Einführung von eingetragenen Partnerschaften für homosexuelle Paare.Queer:Polens Parlament wird bunter Im Januar 2012 wurde von der liberal-konservativen Regierungskoalition ein Gesetzentwurf eingebracht, der Lebenspartnerschaften in Polen für gleichgeschlechtliche Paare ermöglichen sollte.Queer:Bald eingetragene Partnerschaften in Polen? Im November 2012 entschied der Verfassungsgerichtshof der Republik Polen erstmals, homosexuellen Paaren im Mietrecht Rechte zu gewähren.
Im Wahlkampf 2011 sagte Ministerpräsident Donald Tusk zu, über die Einführung von Lebenspartnerschaften zu diskutieren. Ein im Januar 2013 vorgelegter Gesetzentwurf sollte Hetero- wie Homosexuellen ermöglichen, solche Partnerschaften beim Notar oder auf dem Standesamt eintragen zu lassen. Damit waren ein Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht, ein Auskunftsrecht beim Arzt und eine Unterhaltspflicht nach der Trennung verbunden. Steuerliche Vergünstigungen waren darin jedoch nicht vorgesehen. Während die liberale Partei Twój Ruch und die sozialdemokratische Partei SLD in der Debatte weitergehende Regelungen forderten, bildete sich in der Regierungskoalition Widerstand gegen den Gesetzentwurf. Der ehemalige Justizminister Jarosław Gowin, damals führender Akteur des rechten Flügels der PO, bezeichnete derlei Vorstöße als verfassungswidrig. Zwei weitere Abstimmungen zur Legalisierung von eingetragenen Partnerschaften wurden im Mai 2015 und August 2015 im Parlament nicht angenommen. (PDF; 219 kB)Queer.de: Polen: Eingetragene Partnerschaften erneut abgelehntQueer.de: Kein Fortschritt in Polen, Sejm stimmt erneut gegen Lebenspartnerschaften
Um die Schließung von gleichgeschlechtlichen Ehen oder eingetragenen Partnerschaften durch polnische Staatsbürger im Ausland zu unterbinden, wurden von 2015 bis 2026 kraft einer Dienstanweisung die Personalien des künftigen Partners in das Ehefähigkeitszeugnis eingetragen. Bei etwaiger Gleichgeschlechtlichkeit wurde die Herausgabe des Ehefähigkeitszeugnisses regelmäßig verwehrt. Ausnahmen bestanden zumindest bei den künftigen Partnern, deren Vornamen für die Beamten nicht als gleichgeschlechtlich erkennbar waren. So war einem polnischen männlichen Homosexuellen die Verheiratung eines Mannes mit dem italienischen Vornamen Andrea möglich, da dieser der in Polen üblichen Morphologie der weiblichen Vornamen entspricht.Imię kończy się na „a“? To polski gej może zawrzeć małżeństwo za granicą In: onet.pl, 23. Juli 2012 (polnisch) Nach der Änderung der Gesetzeslage darf seit dem 1. März 2015 die Herausgabe des Ehefähigkeitszeugnisses auch ohne Angabe des Partnernamens nicht unterbunden werden.Kampania przeciwko homofobii: Związki osób tej samej płci w Europie. Przewodnik (polnisch)
Im Mai 2026 befürwortete das Polnische Parlament die landesweite Einführung von Eingetragenen Partnerschaften. Hiergegen kann der polnische Präsident Karol Nawrocki ein Veto einlegen, dann bedürfte es wiederum einer 2/3 Mehrheit im Parlament für die Annahme des Gesetzentwurfes.Polskieradio.pl: Aide says Polish president will veto civil partnerships , Mai 2026Queer.de: Polens Parlament macht Weg frei für eingetragene Partnerschaften Gleichgeschlechtliche Ehe Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte Polen hat weder die Schließung noch die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften eingeführt, obwohl es dazu durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte verpflichtet ist: Andersen gegen Polen (2025) in Bezug auf die Eintragung einer im Ausland geschlossenen Ehe und die praktischen Schwierigkeiten aufgrund der Nichtanerkennung (Notwendigkeit, nationale Gerichte anzurufen, um den Schutz der gewöhnlichen Bedürfnisse des Paares zu gewährleisten; Verbleib in einem rechtlichen Vakuum sowie Zwang zur Verhaltensänderung und zur Suche nach alternativen Wegen, um rechtlichen Schutz und Anerkennung für die Beziehung zu erhalten), die eine nicht in Polen lebende Person betreffen, Formela gegen Polen (2024) in Bezug auf die Verpflichtung des Staates, sicherzustellen, dass den Klägern ein spezifischer Rechtsrahmen zur Verfügung steht, der die Anerkennung und den Schutz ihrer Beziehungen gewährleistet, Przybyszewska und andere gegen Polen (2023) in Bezug auf die Anerkennung von Partnerschaften in Polen, ähnlich wie in Oliari gegen Italien und Fedotova gegen Russland, jedoch Polen betreffend, Szypuła und andere gegen Polen (2025) im Zusammenhang mit der Weigerung, den Klägern Bescheinigungen auszustellen, die das Nichtvorliegen von Ehehindernissen für eine Eheschließung im Ausland bestätigen (Ehefähigkeitszeugnis).