mini|Russland auf der politischen Weltkarte

Homosexualität ist in Russland gesellschaftlich überwiegend tabuisiert; homosexuelle Handlungen sind jedoch weitgehend (mit Ausnahme Tschetscheniens) legal. Mit dem Argument des Kinderschutzes war „homosexuelle Propaganda“ in der Öffentlichkeit in manchen Regionen Russlands schon von 2006 bis 2013 unter Verbot gestellt worden. Am 30. Juni 2013 unterzeichnete Präsident Wladimir Putin ein Gesetz auf föderaler Ebene, das jegliche positiven Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien wie das Internet unter Strafe stellt. Der Staat erkennt keine gleichgeschlechtlichen Partnerschaften an und verbietet seit dem 3. Juni 2013 auch die Adoption durch gleichgeschlechtliche Ehepaare im Ausland.

Der rechtliche Status homosexueller Handlungen mini|Mitglieder eines privaten „Gay-Clubs“ in Petrograd 1921

Zarenreich und Sowjetunion Im Zarenreich war Homosexualität zuletzt auf westlichen Einfluss hin strafbar: Das erste Verbot gleichgeschlechtlicher Beziehungen schrieb Heinrich von Huyssen zunächst 1706 nur für ausländische Soldaten (10 Jahre später für alle aber mit viel geringerer Strafe). Im Leben außerhalb des Militärs war man tolerant. 1832 wurde Sodomie für die ganze Bevölkerung kriminalisiert während dem Bündnis von Zar Nikolaus I mit den Deutschen. Eine Definition fehlte aber und es gab sowieso keine Bestrafung im ausschweifenden Adel. Gerichtlich verurteilt wurden von 1874 bis 1904 nur 440 von 1066 Angeklagten, meist von Tätern, die mit Gewalt vorgegangen waren. Nach der Revolution von 1905 stieg die Zahl und es gab in nur 8 Jahren 911 Verfahren mit 504 Verurteilungen, aber fast nur im Kaukasus. Dort sollte die Tradition des Bacha bazi bekämpft werden.https://theins.ru/obshetstvo/258265 Mit der Einführung des neuen Strafgesetzbuches in der Sowjetunion 1921 wurde die Homosexualität legalisiert. Dies wurde jedoch 1934 wieder geändert.

Das Strafrecht der Sowjetunion bestrafte ab 1934 nach Artikel 121 sexuelle Handlungen zwischen Männern (muscheloschstwo, ; wörtlich etwa „Beischlaf mit Männern“) mit bis zu fünf Jahren Gefängnis oder Zwangsarbeit. Zudem wurden homosexuelle Personen anstelle von Gefängnisstrafen oft und auf unbestimmte Zeit in psychiatrischen Kliniken untergebracht und zu einer „Behandlung“ gezwungen. Dieses Gesetz galt bis 1993. Oft wurde es auch gegen bloße Regimegegner eingesetzt. Von 1934 bis 1991 wurden 60.000 bis 250.000 Männer aufgrund von Artikel 121 verurteilt. Unter anderen wurden auch der bisexuelle Chef des NKWD Nikolai Jeschow, der Gelehrte Lew Klein und der Filmregisseur Sergei Paradschanow nach dem Artikel 121 verurteilt. Die sowjetische Bevölkerung konnte kaum Informationen über Homosexualität aus öffentlichen Quellen erfahren. Als gesellschaftliches Thema wurde Homosexualität „totgeschwiegen“.

Legalisierung im postsowjetischen Russland Am 27. Mai 1993 wurden homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen legalisiert, und seit 1999 steht Homosexualität auch in Russland nicht mehr auf der Liste der Geisteskrankheiten.

Staatlicherseits sind homosexuelle Paare nicht anerkannt. Es ist keine gleichgeschlechtliche Ehe vorgesehen, weswegen die Frage nach Adoption für homosexuelle Paare hinfällig ist. Unverheiratete Einzelpersonen dürfen aber Kinder adoptieren, dabei wird die sexuelle Orientierung nicht geprüft.

Schutzalter

In Russland gilt seit 2003 wieder das allgemeine Schutzalter von 16 Jahren (Artikel 134–135 russisches StGB). Von 1998 bis 2003 betrug das Schutzalter 14 Jahre. Das russische Strafgesetzbuch unterscheidet dabei zwischen sexuellem Missbrauch von Kindern unter 12 Jahren und sexuellem Missbrauch von Jugendlichen unter 14 bzw. 16 Jahren. Strafbar macht sich jede Person, die das 18. Lebensjahr vollendet hat; bei sexuellen Handlungen mit Kindern unter 12 Jahren jede strafmündige Person.

Im Sexualstrafrecht werden Homosexuelle durch härtere Strafen diskriminiert. Während die Höchststrafe für einen einvernehmlichen heterosexuellen Kontakt mit einem Jugendlichen von 14 bzw. 15 Jahren vier Jahre beträgt, werden die ebensolchen homosexuellen Kontakte mit Gefängnis von bis zu sechs Jahren bestraft (Artikel 134, Abs. 1–2). Außerdem können heterosexuelle Kontakte nicht mit Gefängnis bestraft werden, wenn der Altersunterschied zwischen dem Opfer und dem Täter weniger als vier Jahre beträgt, was für homosexuelle Kontakte nicht gilt.

Im Fall einvernehmlicher heterosexueller Kontakte kann das Gericht von der Strafe absehen, wenn der Täter gegen die Paragrafen 134–135 zum ersten Mal verstößt, das Opfer das 14. Lebensjahr vollendet hat und die beiden bereits eine Ehe eingegangen sind. Das russische Familiengesetzbuch erlaubt erst mit 18 Jahren zu heiraten, gleichzeitig wird erklärt, dass das Mindestheiratsalter auch gesenkt werden kann, wenn es regionale Gesetze erlauben. In manchen Regionen Russlands wurde das gesetzliche Mindestalter zum Heiraten auf 16, 15 bzw. 14 Jahre herabgesetzt oder gar aufgehoben. Jedenfalls braucht eine minderjährige Person eine Heiratsgenehmigung von Behörden. Da die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften in Russland keine Anerkennung haben, ist es nur einem heterosexuellen Täter möglich, durch Heirat des Opfers eine Strafe zu vermeiden. Somit ist Russland neben der Vatikanstadt der einzige Staat Europas, der Homosexuelle noch durch spätere Erreichbarkeit der Sexualmündigkeit diskriminiert, was sich auch auf die russisch besetzten Teile der Ukraine auswirkt.

Seit Juli 2013, als das föderale Gesetz gegen die so genannte „Homo-Propaganda“ in Kraft getreten ist, gibt es eine Rechtskollision, indem der homosexuelle Kontakt einer erwachsenen Person mit einem Jugendlichen von 16 bzw. 17 Jahren nicht strafbar ist, aber jegliche positive Äußerung über Homosexualität in Anwesenheit dieser minderjährigen Person unter Strafe steht.

Gesellschaftliche Situation heute mini|Rainbow-Flash in Sankt Petersburg mini|Moskva Pride 2008 mini|Im Mai 2009 versuchten zwei lesbische Frauen offiziell zu heiraten.

Homosexualität wird in der russischen Gesellschaft bisher tabuisiert. Homosexuelle werden im Russischen oft als „nicht traditionell sexuell Orientierte“ bezeichnet.

Am 16. Mai 2009 wurden bei einer Kundgebung von homosexuellen Menschen vor dem Eurovision Song Contest in Moskau etwa 40 Demonstranten durch die russische Polizei kurzzeitig festgenommen. Im Oktober 2009 fand ein Filmfestival für Schwule statt, bei dem aus Angst vor Repressalien seitens der Bevölkerung und des Staates die Vorführungszeiten und -orte nur eingeweihten Gästen bekannt gegeben wurden.

Umfragen Laut einer 2010 durchgeführten Meinungsumfrage des Lewada-Zentrums hielten 38 Prozent der befragten Russen die Homosexualität für moralisch verwerflich, weitere 36 Prozent für eine psychische Krankheit.Lewada-Zentrum: , 6. August 2010 (russisch)Life Sity News: ‘Moscow is not Sodom’: Orthodox Christians disrupt illegal ‘gay pride’ demo in front of city council, 30. Mai 2012 (englisch) Nur 15 Prozent gaben an, dass Homosexualität eine alternative Form der menschlichen Sexualität sei. 39 Prozent stimmten dem Vorschlag zu, Homosexuelle ohne deren Einwilligung einer Heilbehandlung zu unterziehen oder von der Gesellschaft zu isolieren. Vier Prozent meinten, dass alle Schwulen und Lesben liquidiert werden sollten. 84 Prozent waren gegen die Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe, gerade einmal 14 Prozent befürworten dies. Die nationale Umfrage von WZIOM zeigte im April 2012, dass 86 Prozent der Bevölkerung die Verbotsgesetze gegen „homosexuelle Propaganda“ befürworteten.

Eine im Februar 2013 durchgeführte Meinungsumfrage (1600 erwachsene Befragte aus 45 Regionen Russlands) des Lewada-Zentrums zeigte ähnliche Ergebnisse.Quarteera: , 12. März 2013 Etwa 34 Prozent der Befragten hielten Homosexualität für eine behandlungsbedürftige Krankheit. Etwa 23 Prozent denken, dass die Homosexualität das Ergebnis schlechter Erziehung oder eine schlechte Angewohnheit sei. Noch 17 Prozent der Russen sehen die gleichgeschlechtliche Neigung als Ergebnis einer Verführung. Nur 16 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Homosexualität eine ab der Geburt vorgegebene sexuelle Orientierung ist, die das gleiche Recht auf Existenz hat, wie Heterosexualität. Die Anzahl der Russen, die Homosexuelle physisch vernichten würden, ist seit 2010 von vier auf fünf Prozent gestiegen. Gegen die gleichgeschlechtliche Ehe äußerten sich 85 Prozent der Befragten (um ein Prozentpunkt mehr), dafür waren nur fünf Prozent (um neun Prozentpunkte weniger). 89 Prozent gaben an, dass sie keine Homosexuellen persönlich kennen.

Die Umfrage des Lewada-Zentrums zum 17. Mai 2013 zeigte, dass 51 Prozent der Befragten eine „Zwangsheilung“ und strafrechtliche Verfolgung von Lesben und Schwulen begrüßen würden. Etwa drei Viertel der Russen sind laut Umfrage für ein Verbot jeglicher öffentlicher Bekundung von Homosexualität. Nur acht Prozent der Bevölkerung äußern sich dafür, dass Homosexuellen geholfen werden sollte, sich in der Gesellschaft zu integrieren. Etwa 31 Prozent der Befragten würden die Schwulen und Lesben einfach in Ruhe lassen.

Noch eine Umfrage von 2013 hat sich auch damit beschäftigt, was die Bevölkerung als „Propaganda von Homosexualität“ bewerten würde. Dazu wurde eine Fernsehsendung oder ein Artikel über das Leben von LGBT (75 Prozent der Befragten), ein persönliches Gespräch mit Vertretern sexueller Minderheiten (50 Prozent), eine Fernsehsendung über die Ursachen von Homosexualität (65 Prozent), Demonstrationen und Aktionen zum Schutz der Rechte von sexuellen Minderheiten (81 Prozent), die gleichgeschlechtliche Beziehungen darstellende Belletristik und Kinofilme (74 Prozent), Gay-Prides (83 Prozent), das Aufwachsen mit gleichgeschlechtlichen Eltern (78 Prozent), das freie Zeigen homosexueller Gefühle (Küssen, Umarmen) (84 Prozent) gezählt. Circa 61 Prozent der Russen haben Angst um ihre Kinder oder Enkel, dass sie Opfer der „homosexuellen Propaganda“ werden könnten, 67 Prozent befürworten die Bestrebungen der russischen Regierung für das Verbot der „Propaganda von Homosexualität“ und nur 14 Prozent sind dagegen. Etwa 86 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich nicht für die Rechte Homosexueller interessieren. Etwa 14 Prozent interessieren die Gesetze zum Verbot der „Propaganda von Homosexualität“ auch nicht.

In einer Umfrage im Jahr 2019 unterstützten 47 Prozent der Befragten die Gewährung gleicher Rechte für Homosexuelle, aber fast 60 Prozent würden nicht neben Homosexuellen leben wollen.Fast die Hälfte der Russen befürwortete die Gleichberechtigung von Schwulen, RBK, 23. Mai 2019

Russische Homosexuellenbewegung mini|Equality March am 6. Mai 2012 in Moskau mini|Flashmob Kiss-In vor der russischen Duma am 19. Dezember 2012

Offene gesellschaftliche Gruppen und Vereine von sexuellen Minderheiten werden staatlich zumeist nicht anerkannt.Russland aktuell: Anerkennung von vier Schwulen-Organisationen verweigert, 26. September 2011

Im Jahr 2005 gründete Nikolai Alexejew das Projekt „GayRussia“, es wurde sehr schnell eine der Hauptinformationsquellen für die Situation von LGBT in Russland. Im Juli 2005 sprach Alexejew erstmals die Idee eines „Moscow Pride“ bei einer Pressekonferenz aus. Der Moscow Pride wurde bisher regelmäßig durch den Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow verboten, er bezeichnete diese Veranstaltung als „Satanshow“.