Ein Ereignis (aus althochdeutsch , neuhochdeutsch eräugen („vor Augen stellen, zeigen“))Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage. De Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-016392-6. Eintrag: „ereignen“, S. 229. ist im allgemeinen Sinn eine Situation, die durch Dynamik oder Veränderung gekennzeichnet ist. Das Gegenteil eines Ereignisses ist ein „Zustand“: eine Situation ohne Veränderung oder Dynamik. Eine klassische Definition ist, dass ein Ereignis (minimal) darin besteht, dass ein Übergang von einem Zustand in einen anderen Zustand stattfindet.Lawrence Lombard: Events. A Metaphysical Study. Routledge, London 1986. Siehe v. a. Kapitel 4.
Fachgebiete Je nach Zweck eines Fachgebiets unterscheiden sich die Definitionen des Ereignisses in Begriffsinhalt und Begriffsumfang. Dabei wird manchmal unterschieden zwischen positiven und negativen Ereignissen.
Ästhetik Harry Lehmann bestimmt in seiner Kunstphilosophie das ästhetische Ereignis als einen von vier ästhetischen Eigenwerten neben Schönheit, Erhabenheit und Ambivalenz. Schönheit und Erhabenheit sind nach dieser Theorie Eigenwerte der Gestaltbildung; Ereignis und Ambivalenz solche der Aufmerksamkeitsbindung. Während es für bewegliche Lebewesen evolutionär notwendig ist, Gestalten bilden zu können, ist es für sie von großem Vorteil, die Aufmerksamkeit von manchen Gestalten abziehen und sie auf andere richten zu können.
Ein Ereignis (beispielsweise ein Blitz oder ein Donnerschlag) bindet Lehmann zufolge die Aufmerksamkeit unmittelbar. Damit es zustande kommt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Einerseits muss es eine hohe Intensität besitzen, ansonsten wird es nicht registriert. Andererseits muss es plötzlich eintreten, sonst kann man sich darauf einstellen.
Frühmenschliche Kunstobjekte, die auf Ereignishaftigkeit beruhen, sind für Lehmann in der Chauvet-Höhle zu finden, deren Erscheinungsweise durch das flackernde Fackellicht auf dem Relief der Höhlenwand bewegt und sprunghaft wirkt. Der Zugang zu solchen Kunstwerken, so die Vermutung, wurde begrenzt, damit sich der Ereignischarakter des Werkes nicht abnutzte. Dasselbe gilt noch viel später für bestimmte Reliquien und Fetischobjekte.
In Lehmanns Geschichtsmodell der Entwicklung der ästhetischen Moderne ist der Eigenwert des Ereignisses vor allem im Expressionismus (aber auch im Futurismus) zu finden.
Astronomie Ein astronomisches Ereignis ist beispielsweise die Sonnen- oder Mondfinsternis, die wegen der Periodizität der Umlaufbahnen präzise vorhersehbar sind. Mit der Sonnenfinsternis wurde oft der Tod von Herrschern in Verbindung gebracht so wie bei Kaiserin Theophanu, die am 15. Juni 991 verstarb und deren Tod am 21. Oktober 990 eine Sonnenfinsternis vorausging.Thomas Wozniak, Naturereignisse im frühen Mittelalter, 2020, S. 228 In Deutschland wird eine totale Sonnenfinsternis erst am 3. September 2081 stattfinden. Manche Ereignisse wie der Impakt von Meteoriten sind dagegen nicht oder nur bedingt vorhersehbar.
Am 24. Februar 1987 konnten Astronomen ein Ereignis beobachten, bei dem der Stern Sanduleak -69.202 – ein Blauer Überriese – in der Großen Magellanschen Wolke explodierte.Michael Wächter, Entdeckungsgeschichte(n) der Astronomie, 2020, S. 168
Eisenbahnverkehr
Als gefährliches Ereignis im Sinne des Abs. 21 AEG gelten Eisenbahnunfälle und Betriebsstörungen im Eisenbahnbetrieb.
Geschichtswissenschaft Die Geschichtswissenschaft spricht von einem Ereignis als „einer Begebenheit, die eine geschichtliche Veränderung herbeiführt […] und sinnbildend an der Entstehung einer Geschichte mitwirkt“.Stefan Jordan (Hrsg.), Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft, 2002, S. 72 f.; ISBN 978-3-15-019609-0 „Jedes Ereignis ist eine Tatsache, aber nicht jede Tatsache ist ein Ereignis“.Alexander Demandt, Was ist ein historisches Ereignis?, in: Nikolaus Müller-Schöll (Hrsg.), Ereignis: Eine fundamentale Kategorie der Zeiterfahrung, 2003, S. 68; ISBN 978-3-89942-169-9
Informatik
Unter einem Ereignis versteht man in der ereignisorientierten Programmierung eine Begebenheit, die – über ein Event-Handler-Programm – eine Aktion und (in deren Folge) ggf. eine Zustandsveränderung auslöst. Diese Ereignisse können Benutzereingaben (Mausklick, Tastatur, Spracheingabe, Geräteanschluss usw.) oder Systemereignisse (Zeitpunkt, Fehler, Datenveränderung, Sensor usw.) sein. Ein Ereignis kann ein einzelnes Element der Benutzeroberfläche oder sogar ein HTML-Dokument sein. Ein Ereignis ist ein Element von Anwendungsinformationen aus einer zugrunde liegenden Programmbibliothek.TechTarget: What is an event handler? Aktionen oder Zustandsänderungen sind Ereignisse, die bestimmte Folgen auslösen. Das kann ein Mausklick sein oder die Statusmeldung eines Geräts wie etwa ein empfangsbereites Modem.Walter Greulich (Red.), Der Brockhaus: Computer- und Informationstechnologie, 2003, S. 320; ISBN 978-3-7653-0251-0
Medienwissenschaft In der Medienwissenschaft wird das Ereignis als ein „zeitlich und räumlich begrenzter Realitätsausschnitt“ definiert.Günter Bentele (Hrsg.), Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft, 2006, S. 54 f.; ISBN 978-3-531-93431-0 Dabei wird unterschieden zwischen genuinen Ereignissen (entweder ein Naturereignis wie ein Erdbeben oder soziale Ereignisse wie eine Veranstaltung) und medialen Ereignissen (wie Olympische Spiele oder eine Pressekonferenz). Beide binden Aufmerksamkeit und wecken Emotionen.
Medizin Ein kritisches Ereignis () ist in der Medizin ein Ereignis, das zu einem unerwünschten Ereignis führen könnte oder dessen Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht.Josefa Schreiner-Hecheltjen, Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung in der Medizin, 2015, S. 166 f. Das unerwünschte Ereignis (UE; ) beruht auf einer Behandlung, kann zu einer Schädigung der Gesundheit führen und kann vermeidbar oder auch nicht vermeidbar sein.
Unerwünschte Ereignisse werden in der Regel entsprechend Medical Dictionary for Regulatory Activities (MedDRA) klassifiziert. Insbesondere bei onkologischen Studien wird der Schweregrad unerwünschter Ereignisse oft nach den Common Terminology Criteria for Adverse Events (CTCAE) eingeteilt. Der Begriff des unerwünschten Ereignisses wird in zwei Bereichen der Medizin, der Qualitätssicherung in der Medizin und der Arzneimittelforschung, unterschiedlich definiert: In der Qualitätssicherung ist ein UE ein schädliches Geschehen, das eher auf der Behandlung als auf der Erkrankung beruht.Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin: 2006, abgerufen am 27. September 2008 Es kann vermeidbar oder unvermeidbar sein. Die Vermeidung und Verringerung von vermeidbaren unerwünschten Ereignissen (VUE) ist zentraler Bestandteil der Verbesserung der Patientensicherheit. UEs in der Qualitätssicherung können sowohl Patienten als auch Beschäftigte im Gesundheitswesen betreffen.Europarat (Hrsg.), Recommendation on management of patient safety and prevention of adverse events in health care, 2006, abgerufen am 27. September 2008 Ein kritisches Ereignis ist in der Qualitätssicherung in der Medizin als ein Ereignis definiert, das zu einem unerwünschten Ereignis führen könnte oder dessen Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht. In der Arzneimittelforschung werden alle UE während der Teilnahme an einer klinischen Studie, unabhängig von ihrem möglichen ursächlichen Zusammenhang oder dem Ausmaß ihres Schadens, aufgezeichnet. UEs werden nur für Probanden oder Patienten erfasst. Der Erfassungszeitraum beschränkt sich nicht auf die Dauer der eigentlichen Behandlung; er umfasst auch eventuelle Vorbereitungs- und Nachbeobachtungsperioden. Die Aufzeichnung enthält u. a. eine Einschätzung des behandelnden Arztes zum Zusammenhang mit der Behandlung sowie zur Ausprägung des UE. Abs. 8 GCP-V legt fest, was ein schwerwiegendes UE ist (siehe auch: schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis (SUE)). Die rechtliche Definition eines schwerwiegenden Ereignisses im Zusammenhang mit einem Medizinprodukt wurde in der Medizinprodukte-Sicherheitsplanverordnung (MPSV) aufgenommen.
Netzplantechnik In der Netzplantechnik ist nach DIN 69900 ein Ereignis der Eintritt eines definierten Zustandes im Arbeitsablauf.Verlag Th. Gabler (Hrsg.), Gablers Wirtschafts-Lexikon, Band 2, 1984, Sp. 1331; ISBN 3-409-30333-2
Ontologie In der modernen Philosophie wird zumeist in zwei verschiedenen Kontexten von „Ereignis“ gesprochen: Im Kontext der Kontinentalphilosophie bei Existentialisten und Phänomenologen, darunter z. B. Martin Heidegger und diverse französische Philosophen, ebenso im Poststrukturalismus. In dieser Verwendung meint Ereignis, Ereignishaftigkeit u. ä. einen singulären und instantanen Akt, der für Sein, Handeln, Moral oder Erkennen konstitutiv ist. In Alain Badious Werk ist Ereignis der Schlüsselbegriff.Alain Badiou/Heinz Jatho, Das Sein und das Ereignis, 2010, ISBN 978-3-03734-023-3 Ereignis wird hier begriffen als das Unberechenbare, Unvorhersehbare, dasjenige, was sich in keiner Weise einer bereits bestehenden Ordnung einfügen oder sich aus ihr ableiten lässt. Es ist kein Element der Menge von Elementen, die eine gegebene Situation ausmachen; es ist nicht benennbar, nicht präsentierbar. Es ist eine Singularität, die die jeweilige Situation und alle darauf folgenden in ihrer Bedeutung grundsätzlich ändert.Peter Zeillinger, Badiou und Paulus. Das Ereignis als Norm?, in: IWK-Mitteilungen 3-4, 2006, S. 6 ff. In einem zweiten Kontext der systematischen Ontologie, wie sie vor allem im Anschluss an Klassiker der analytischen Ontologie betrieben wird, ist damit ein Objekt gemeint, das sich nicht wie ein Gegenstand, sondern wie ein Prozess verhält. Ereignisse in diesem Sinne werden meist nicht als instantan, sondern als zeitlich ausgedehnt verstanden. Von einigen Theoretikern wird dabei vertreten, dass im Grunde die gesamte Ontologie nicht auf Gegenständen, sondern auf Ereignissen fußen sollte. Beispielsweise indem argumentiert wird, dass eine wechselseitige Reduzierbarkeit besteht, man aber Ereignisse ohnehin für eine funktionierende Ontologie benötigt und also ohne Gegenstände auskommt, oder, indem argumentiert wird, dass damit ontologische Probleme des qualitativen Wandels bei Objektpersistenz besser zu behandeln sind. Ein klassischer Vertreter einer solchen Ereignisontologie ist beispielsweise Alfred North Whitehead, ein jüngerer Klassiker Donald Davidson.
Die philosophische Konzeption von Ereignissen als eigener Sorte von Entitäten in der Welt, insbesondere nach Donald Davidson, hat einen starken Einfluss auf linguistische Darstellungen der Semantik von Verben genommen und führte zum Entstehen der so genannten Ereignissemantik.
Psychologie In der Psychologie wird das Ereignis als „ein herausragendes, das Erleben tief berührendes Vorkommnis“ beschrieben, das „Gedenken stiftet“ und damit einen Gegensatz zu Struktur und Prozess ausbildet.Ulrich Birner, Lexikon der Psychologie, 1995, S. 90; ISBN 978-3-577-10579-8 Das Ereignis ist zwar der Gegensatz zu Struktur und Prozess, wird aber nur deshalb beobachtbar und zum Ereignis, weil es sich von einem Prozess als einem kontrastierenden Hintergrund abheben kann.
Das psychologische Ereignis ist die Erfahrung als das im Gedächtnis registrierte und fortan verfügbare Geschehen einer Situation, in der ein Individuum lebt. Die Speicherung des Ereignisses ist subjektiv und damit im Gedächtnis die Grundlage für Lernprozesse, wie überhaupt für die menschliche Entwicklung grundlegend. Diese Entwicklung (siehe Entwicklungspsychologie) ist ohne Erfahrung(en) (bzw. Ereignisse) nicht denkbar bzw. nicht möglich. Ein menschlicher Organismus ist davon abhängig, Erfahrungen zu machen, insbesondere in der frühen Kindheit; andernfalls erleidet er (Existenz gefährdende) Schädigungen (siehe dazu René A. Spitz).
Recht