Kamaishi (jap. , -shi) ist eine Stadt in der Präfektur Iwate auf Honshū, der Hauptinsel von Japan.
Geographie mini|links|Stadtzentrum Kamaishi (aus 7 Luftaufnahmen von 1977 zusammengesetztes Luftbild in Farbe), erstellt vom MLIT
Kamaishi liegt nördlich von Sendai, südöstlich von Morioka und östlich von Tōno.
Stadt und Gemeinde liegen am Pazifischen Ozean entlang der Sanriku-Küste, die als Ria-Küste viele tief einschneidende Buchten aufweist. Dadurch und aufgrund der nahe der Küste ansteigenden Berge werden die Auswirkungen von Tsunamis verstärkt.
Kamaishi verfügt über vier große Buchten: Die Bucht von Ōtsuchi, die Bucht von Ryōishi, die Bucht von Kamaishi und die südlich gelegene Bucht von Tōni. Die Bucht von Kamaishi und die sich nördlich anschließende Bucht von Ryōishi (両石町) werden in der Tsunamiforschung für berechnende Tsunamisimulationen teilweise zusammen behandelt, da die beiden Buchten zwar von einer kurzen Halbinsel voneinander getrennt, aber gemeinsam von zwei langen Halbinseln umgeben sind: Im Norden von der Bucht von Ryōishi und im Süden von der Bucht von Kamaishi.
Die Stadtsiedlung Kamaishi selbst befindet sich in der sich nach Osten öffnenden Bucht von Kamaishi. Die urban entwickelten Gebiete konzentrieren sich dabei entlang des 1,1 km breiten Tals des Flusses Kasshi (甲子川) am Hafen und werden von steil ansteigenden Hügeln im Norden und Süden begrenzt. (Online veröffentlicht am 27. März 2012).
In Tōni-Hongo wurde nach dem Chile-Tsunami von 1960 ein Tsunami-Seawall mit einer Höhe von etwa 11 m zum Schutz des Dorfes errichtet. Zusätzlich wurde zur Abschwächung von Tsunamiauswirkungen ein Tsunamiregulationswald zwischen dem Seawall und dem Dorf angelegt.
Die Wassertiefe in der Mitte der Kamaishi-Bucht ähnelt jener der sich nördlich an die Bucht von Ryōishi anschließenden und geometrisch ähnlich gestalteten Bucht von Ōtsuchi. Die Höhe von Tsunamis besitzt daher für beide Orte ähnliche Werte. Das gilt sowohl für den Tsunami, der vom Shōwa-Sanriku-Erdbeben 1933 ausgelöst worden war (die gemessene Überflutungshöhe hatte in der Kamaishi-Bucht 6,0 und in der Bucht von Ōtsuchi 5,4 Meter betragen), als auch für künftig erwartete Tsunamis. 1978 begann der Bau eines Tsunami-Wellenbrecherdamms, der 2,3 Kilometer vor der Küstenlinie und in 2,2 Kilometer Entfernung der Mündung der Bucht gelegen ist. Er wurde im Jahr 2006 (oder: 2009) mit Längen von 990 m (oder: 770 m) und 670 m, einer 300 m breiten Öffnung und in einer maximalen Wassertiefe von fast 63 Metern als weltweit tiefster Wellenbrecherdamm fertiggestellt und soll das dicht besiedelte Gebiet der in der Kamaishi-Bucht gelegenen Stadt Kamaishi schützen. (Online veröffentlicht am 21. September 2015). (Online veröffentlicht am 7. Juli 2012).
Während der Entwurfsphase des Wellenbrechers in der Bucht von Kamaishi waren Küsteningenieure an der Universität Tōhoku beauftragt worden zu klären, ob der Wellenbrecher Tsunamiwellen vom Zentrum von Kamaishi nach Norden ablenken würde. Nach vier Jahre währenden Experimenten kamen die Forscher in Berichten von 1974 und 1975 zu dem Ergebnis, dass der Wellenbrecher die Wellen in Richtung Ryōishi und Kariyado, einem Fischerdorf auf einer nach Osten ragenden Halbinsel, verstärken würde. Ryōishi, das bis dahin über keine Küstenschutzbauwerke verfügt hatte, wurde daraufhin mit einem 30 Fuß hohen Seawall entlang seiner Küste ausgestattet.
Geschichte Bei der Reorganisation des japanischen Gemeindewesens zum 1. April 1889 wurde das Dorf Kamaishi (, -mura) mit dem Dorf Heita (, -mura) zur kreisangehörigen Stadt Kamaishi (, -chō) im Landkreis Minamihei zusammengelegt. Zum 5. Mai 1937 erfolgte die Erhebung zur kreisfreien Stadt (shi).
Kamaishi gilt als Geburtsort der modernen Stahlindustrie Japans und erlebte über nahezu ein Jahrhundert hinweg einen wirtschaftlichen Aufschwung. Das Tsuami-gefährdete Kamaishi blieb somit lange Zeit ein bedeutendes Zentrum der Stahlproduktion, einer Schlüsselindustrie Japans, und die staatliche Regierung betrieb zum Schutz der Stadt den Bau des weltweit tiefsten Wellenbrechers am Eingang der Bucht, der sich 10 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Der große Wellenbrecher in der Bucht sollte die Stadt nicht nur vor Tsunamis schützen, sondern auch die Grundlage für einen modernen internationalen Hafen schaffen, der Containerschiffe beherbergen und neue Unternehmen anziehen würde. Doch Anfang der 1970er Jahre verlagerte der Hauptarbeitgeber der Stadt, Shinnittetsu Sumikin (Nippon Steel), seine Stahlproduktion nach Zentraljapan, wo sich die aufblühende Automobilindustrie konzentrierte. Als der 1978 begonnene Bau des Wellenbrechers 2008 oder 2009 abgeschlossen wurde, hatte Nippon Steel seine beiden Hochöfen bereits seit langer Zeit geschlossen. Containerschiffe fuhren Kamaishi nicht an. Der Hafen von Kamaishi blieb abhängig von umfangreichen Subventionen. Viele Unternehmen und Menschen verließen die Stadt. Seit etwa 1970 ging die Bevölkerung von Kamaishi innerhalb von vier Jahrzehnten sprunghaft von 100.000 Menschen auf 40.000 (vor dem Tsunami vom 11. März 2011) zurück., nytimes.com (Printausgabe: Japan Revives a Sea Barrier That Failed to Hold, New York edition, 3. November 2011, Seite A1), 2. November 2011, von Norimitsu Onishi.
Erdbeben- und Tsunamikatastrophen +Vergleich der Bilanzen von völlig zerstörten Häusern und Opfern in Kamaishi für die Katastrophen von 1896, 1933, 1960 und 2011 (Online veröffentlicht am 15. August 2017). Mit Verweis auf: Tadashi Nakasu, Yuichi Ono, Wiraporn Pothisiri: Forensic investigation of the 2011 Great East Japan Earthquake and Tsunami disaster: a case study of Rikuzentakata, Disaster Prevention and Management, 26 (3) (2017), S. 298–313, doi:10.1108/DPM-10-2016-0213. Katastrophenereignis Völlig zerstörte Häuser Zahl der Todesopfer Quelle Meiji 1896 (Erdbeben und Tsunami) 1192 6487 Shōwa 1933 (Erdbeben und Tsunami) 686 728 Chile 1960 (Erdbeben und Tsunami) 28 0 Tōhoku 2011 (Erdbeben und Tsunami) 3188 1039 Anmerkung: Die Zahl der Todesopfer für die Tōhoku-Katastrophe 2011 errechnet sich aus den Gesamtzahlen der Toten und Vermissten des 153. FDMA-Schadensberichts vom 8. März 2016 abzüglich der Zahlenangaben katastrophenbedingter Todesfälle,Mit dem Ausdruck „disaster-related deaths“ hat die Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency) offiziell eine Kategorie für solche Fälle definiert, in denen der Tod Folge indirekter Schäden war, die durch Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe verursacht waren. (Quelle: (Online veröffentlicht am 22. Dezember 2017); Lizenz: Creative Commons Attribution Non Commercial (CC BY-NC 4.0).) die von der Wiederaufbaubehörde (Reconstruction Agency, RA) ermittelt wurden. Historische Tsunami-Erfahrungen und Gegenmaßnahmen
Kamaishi ist in der Vergangenheit wiederholt durch Tsunamis verwüstet worden. Allein innerhalb der Stadtgrenzen weisen 34 Tsunamigedenksteine auf diese historischen Ereignisse hin. Der Meiji-Sanriku-Tsunami 1896 hatte 4.000 der damals 6.500 Einwohner Kamaishis getötet und nahezu die gesamte Stadt zerstört.
Das Dorf Tōni-Hongo wurde 1896 von einem 14,5 m hohen Tsunami getroffen, der 224 Häuser zerstörte. 1933 wurde es von einem 9,3 m hohen Tsunami getroffen, der 101 Häuser zerstörte. Nach dem Tsunami von 1933 wurde das Dorf auf höher gelegenem Terrain (20 m über dem MSL) wiederaufgebaut. Es überstand dort den etwa 5 m hohen Chile-Tsunami von 1960. Nach diesem Ereignis wurden viele Häuser in Tieflandgebieten erbaut, um die anwachsende Bevölkerung aufzunehmen. In dem zur Stadt Kamaishi gehörenden Dorf Tōni (唐丹) nahmen die Gemeindemitglieder alljährlich am 3. März zum Jahrestag des Meiji-Sanriku-Tsunami von 1896 an Tsunamiübungen der Jichikai (Nachbarschaftsverbände) teil, wobei die Teilnehmerrate in einigen Nachbarschaften wie dem stärker bevölkerten Kojirahama niedrig und in anderen wie dem geringer und alteingesessener bevölkerten Kerobe sehr hoch war. Einwohner von Tōni hatten Bücher über die Auswirkungen vergangener Tsunamis geschrieben, die von den Gemeinschaften als bewusstseinsbildendes Mittel verwendet wurden. Neben einer von der Stadtverwaltung Kamaishi herausgegebenen Tsunamigefährdungskarte mit voraussichtlichen Angaben über das Überflutungsgebiet, die Höhe und die Ankunftszeit eines erwarteten Tsunamis existierte noch eine von den Gemeindemitgliedern in Tōni selbst erstellte Tsunamigefährdungskarte, die auch lokale Informationen über die Überflutungsgebiete während des Meiji-Sanriku-Tsunamis 1896 und des Shōwa-Sanriku-Tsunamis 1933, über die Evakuierungsstätten, über die Fluchtrouten und über gefährdete Gebiete beinhaltete. Beide Tsunamigefährdungskarten waren an alle Familien in Tōni verteilt worden waren., Lizenz: Creative Commons Attribution CC BY 3.0 IGO Zudem wurde eine Reihe von Gemeinschaftsfestivals dazu genutzt, lokale Schulen in Aktivitäten zu Katastrophenbewußtsein und -vorbereitung einzubeziehen., Lizenz: Creative Commons Attribution CC BY 3.0 IGO.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die sich hinter dem Hafen von Kamaishi und dem zentralen Stadtteil erhebenden steilen Hügel, die in der hügeligen Stadt mit ihrem wenigen flachen Gelände seit langem einen natürlichen Tsunami-Schutz boten, mit einem ausgeklügelten Netzwerk von Evakuierungstreppen, Wegen und Rastplätzen ausgestattet worden, so dass die meisten Menschen in dem Tsunami-gefährdeten zentralen Stadtteil sich nur wenige hundert Meter von der nächsten Evakuierungstreppe entfernt aufhielten.
Tōhoku-Katastrophe von 2011 Ausmaß der Überflutung und Schäden mini|Auflaufhöhe, Inundationshöhe und Überflutungstiefe beim Tōhoku-Tsunami in Kamaishi国土交通省 港湾局 (Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism, MLIT), 独立行政法人 港湾空港技術研究所: , pari.go.jp (Port and Airport Research Institute, PARI), 1. April 2011, hier Anhang 別紙2, Abbildung "釜石港における津波防波堤の効果(シミュレーション結果)" ()., 総務省消防庁 (Fire and Disaster Management Agency) des 総務省 (Ministry of Internal Affairs and Communications), März 2013, hier in Kapitel 2 (第2章 地震・津波の概要 ) das Unterkapitel 2.2 (2.2 津波の概要(1)) (), S. 42, Abbildung 2.2-16 ("波による浸水深・浸水高・遡上高の関係")., jwa.or.jp (一般財団法人日本気象協会; Japan Weather Association), (Ohne Datum. An anderer Stelle wird das Datum mit dem 21. Januar 2013 zitiert), S. 8, Abbildung 9 (津波による浸水深・浸水高・遡上高と基準面の関係).1: Mittlerer Wasserspiegel2: Gezeitenpegel zur Zeit des Tsunamis3: an Höhe der lokalen Spuren (A) ausgerichtete und simulierte Inundationshöhe: 8,0 m4: simulierte Auflaufhöhe: 10,0 m5: Geländehöhe6: Überflutungstiefe7: Tsunamihöhe laut GPS-Ozeanwellen-Messung (B): 6,7 m8: simulierte Tsunamihöhe an dem 4 m hohen Gezeitenwellenbrecher (D) (C): Tsunamiwellenbrecher (63 m tief)
mini|Verwüstungen in Unosumai (鵜住居), Kamaishi, nach dem Tōhoku-Erdbeben und -Tsunami von 2011 Am 11. März 2011 ereignete sich das Tōhoku-Erdbeben von 2011, das einen Tsunami auslöste, der die Stadt verwüstete und Brücken zerstörte.Schweres Erdbeben in Japan, Wiener Zeitung (abgerufen am 14. November 2013) Die Zahl der völlig zerstörten Wohngebäude wird mit 2957 beziffert. Eines der fünf Krankenhäuser und sechs der dreizehn Kliniken der Stadt wurden vom Tsunami beschädigt.
Im Hafen von Kamaishi (釜石港) wurde das Containerschiff Asia Symphony auf den Kai gehoben und mit dem Bugkiel auf den Seawall (Kaimauer) gesetzt., dailymail.co.uk, 19. März 2011.
Der Seawall in Ryōishi (Kamaishi, Unozumai) wurde zerstört. Das Umsiedlungsgebiet, auf das beim Wiederaufbauprogramm nach der Katastrophe des Shōwa-Tsunamis von 1933 ausgewichen war, nahm schweren Schaden. (Online veröffentlicht am 23. September 2014). Der Tsunami erreichte Medienangaben zufolge mit 60 Fuß in Ryōishi und Kariyado doppelt so große Höhen wie im Zentrum von Kamaishi und zerstörte die beiden Orte. Demnach tötete der Tsunami in Ryōishi 45 der 600 Einwohner der Ortschaft und zerstörte 215 der 230 Häuser.