Marxistische Philosophie beruht auf den philosophischen Annahmen in den Werken von Karl Marx und Friedrich Engels. Außerdem werden auch alle späteren philosophischen Konzeptionen dazugezählt, die sich auf Marx und Engels berufen.
Die Frage, ob eine marxistische Philosophie überhaupt existiert, wird kontrovers diskutiert. Während z. B. Benedetto Croce erklärt, Marx sei es letztlich um die Ersetzung des Philosophierens durch die praktische Tätigkeit gegangen, und man könne daher nicht von einem Philosophen Marx und folglich nicht von einer marxistischen Philosophie sprechen, verteidigt Antonio Gramsci die Legitimität der Bezeichnung „Marxistische Philosophie“, da selbst die Negation der Philosophie nicht anders als philosophierend möglich sei.Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Marxismus und Philosophie. In: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. Band 1, Meiner, Hamburg 1999, ISBN 3-7873-1452-0 Leszek Kołakowski hingegen vertritt die These, dass der Marxismus primär als ein „philosophisches Projekt“ zu betrachten sei, „das in den ökonomischen Analysen und der politischen Lehre seine Präzisierung erfuhr“.Leszek Kołakowski: Die Hauptströmungen des Marxismus. Band 1, Piper, München 1979, ISBN 3-492-02310-X, S. 15.
Friedrich Engels hat die wissenschaftlichen Leistungen von Karl Marx in seiner Grabrede in zwei wesentliche Entdeckungen zusammengefasst:
Marxistisches Denken verbreitete sich auf vielfältigste Weise. Es entfaltete seine Wirkung zunächst in der Arbeiterbewegung. Von Lenin und Stalin wurde es zur Doktrin der Kommunistischen Partei ausgearbeitet. Aber auch in China und in der Dritten Welt wurde es auf je eigene Weise adaptiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg griffen die Neomarxisten die Ideen von Marx und Engels in neuer Form auf und verbanden sie mit denen anderer Denker wie z. B. Edmund Husserl, Martin Heidegger und Sigmund Freud. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelte sich vornehmlich in Russland ein postsowjetischer Marxismus.
Gegenstandsbestimmung Aufgrund unterschiedlichster Interpretationen, was die Existenz, den Inhalt und Zweck einer marxistischen Philosophie anbelangt, lassen sich keine allgemeinen Charakteristika einer marxistischen Philosophie festmachen. Das Verhältnis von marxistischer Theorie und Philosophie zu bestimmen, ist ebenfalls durch unterschiedlichste Verständnisse von marxistischer Theorie erschwert. Als paradigmatische Konflikte seien die Rolle Engels, das theoretische Verhältnis von Marx und späteren Marxismen und die Frage nach einem marxschen Früh- und Spätwerk, wie seiner Bedeutung, genannt. Karl Korsch fasst das Verhältnis von marxistischer Theorie und Philosophie in drei grundsätzliche Positionen: Es wird kritisiert, dass marxistische Theorien keinen (entscheidenden) philosophischen Gehalt hätten Es wird positiv hervorgehoben, dass marxistische Theorien keinen philosophischen Gehalt hätten Es wird der Mangel betont, dass marxistische Theorien keinen philosophischen Gehalt hätten Er formuliert einen vierten Standpunkt: Marxistische Philosophie ist Kritik der bürgerlichen Philosophie auf Basis der materialistischen Dialektik zum Zweck des Klassenkampfes
Der Artikel fasst das marxsche Denken als eine im Kern philosophische Sicht des Menschen und der Welt, Geschichts- und Wirtschaftstheorie und politisches Programm. Diese Elemente sind eng miteinander verwoben. Karl Marx hat seine philosophischen Ansätze kaum systematisch entwickelt. Sein Hauptinteresse galt der Kritik der politischen Ökonomie und der Analyse einer „gegebenen Gesellschaftsperiode“.Marx: Randglossen zu A. Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie“. 1880. In: MEW Bd. 19, S. 371 Marx verwandte nicht rein deskriptive Methoden, sondern stellte die von ihm kritisierten politisch-ökonomischen Zustände immer wieder als Ausdruck materialistisch-dialektischer Entwicklungsgesetze und Notwendigkeiten dar.
Philosophiebegriff
Philosophiegeschichtliche Einflüsse
Hegel
Marx’ Denken ist wesentlich von der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels beeinflusst, von der er zentrale Grundbegriffe und Konzepte übernimmt und auf eigene, materialistische Weise weiterentwickelt. Dazu gehören u. a. die Methode der Dialektik, der Entfremdungsgedanke, die Auffassung von der Arbeit und die Annahme, dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist.
Marx unterstreicht, dass Hegel die Methode der Dialektik in ihren „allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt“ hat.beispielsweise in Das Kapital. 1867. In: MEW Bd. 23, S. 27 Als Träger der Dialektik habe Hegel jedoch einen „absoluten, d.i. übermenschlichen abstrakten Geiste“Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: MEW Bd. 40, S. 571 am Werk gesehen. Marx will dagegen Mensch und Natur als die eigentlichen Subjekte der Geschichte setzen.
Auch den Gedanken der Entfremdung findet Marx bereits bei Hegel vor – allerdings ebenfalls als eine „Entfremdung des Geistes“: „Das ‚unglückliche Bewußtsein’, das ‚ehrliche Bewußtsein’, der Kampf des ‚edelmütigen und niederträchtigen Bewußtseins’ etc. etc., diese einzelnen Abschnitte enthalten die kritischen Elemente – aber noch in einer entfremdeten Form – ganzer Sphären, wie der Religion, des Staats“.Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: MEW Bd. 40, S. 573
Marx übernimmt außerdem Hegels Einsicht von der entscheidenden Bedeutung der Arbeit für die Entwicklung des menschlichen Selbstbewusstseins. Das „Große“ an der „Phänomenologie“ sei, „dass Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozess fasst“ und „den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift“. Allerdings sei die „Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, […] die abstrakt geistige“.Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: MEW Bd. 40, S. 574
Der Gedanke vom gesellschaftlichen Wesen des Menschen stellt einen weiteren Anknüpfungspunkt an Hegel dar. Marx kritisiert allerdings, dass bei Hegel „Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat etc. Bestimmungen der Idee“ seien.Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. 1843. In: MEW Bd. 1, S. 241 Die realen gesellschaftlichen Gebilde werden so nicht in ihrer Wirklichkeit, sondern „als Erscheinung, als Phänomen ausgesprochen“.
Feuerbach
Von Ludwig Feuerbach übernimmt Marx dessen Religions- und Philosophiekritik, wonach Philosophie „nichts andres ist als die in Gedanken gebrachte und denkend ausgeführte Religion“; die Religion bezeichnet er als eine „Form und Daseinsweise der Entfremdung des menschlichen Wesens“. Wie Feuerbach macht auch Marx den Menschen zum Ausgangspunkt all seines Denkens. Er kritisiert allerdings an Feuerbach, dass er den Menschen einseitig als Individuum verstehe. Feuerbach kenne „keine andern ‚menschlichen Verhältnisse’ ‚des Menschen zum Menschen‘, als Liebe und Freundschaft, und zwar idealisiert“;Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. 1846. In: MEW Bd. 3, S. 44 er sehe nicht, „daß das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört“.Marx: Thesen über Feuerbach. 1845. In: MEW Bd. 3, S. 7
Demgegenüber sieht Marx die sozialen Beziehungen als konstitutiv für den Menschen an. Denn „der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät“.
Philosophie und Praxis
mini|Für Marx „findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen“; „ihre Verwirklichung [ist] zugleich ihr Verlust“.
Marx hält in der elften Feuerbachthese „den Philosophen“ vor, die Welt nur verschieden interpretiert zu haben, während es darauf ankomme, sie zu verändern.Marx: Thesen über Feuerbach. 1845. In: MEW Bd. 3, S. 535 Er betont, dass es nicht darum gehe, „nur ein richtiges Bewußtsein über ein bestehendes Faktum“ hervorzubringen, sondern „dies Bestehende umzustürzen“.Marx/Engels: Die deutsche Ideologie. 1846. In: MEW Bd. 3, S. 42
Marx’ Kritik gilt v. a. dem spekulativen Idealismus Hegels. Sein Ziel ist dabei nicht, der Theorie und Philosophie überhaupt eine Absage zu erteilen, sondern die „Negation der seitherigen Philosophie, der Philosophie als [bloßer] Philosophie“. Wie Hegel geht es zwar auch Marx um das „Wirklichwerden des Vernünftigen“, doch kann dies für ihn nur durch praktisch-revolutionäre Aktion geschehen. Die bloße Erkenntnis der Wirklichkeit reicht dazu nicht aus; denn, dass „das Vernünftige wirklich ist, beweist sich eben im Widerspruch der unvernünftigen Wirklichkeit, die an allen Ecken das Gegenteil von dem ist, was sie aussagt, und das Gegenteil von dem aussagt, was sie ist“.Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. 1843. In: MEW Bd. 1, S. 266
Philosophie ist für Marx eine Waffe im Kampf um die Neugestaltung der menschlichen Lebensverhältnisse. Es ist „der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt“. Deshalb „findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen“.Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. 1844. In: MEW Bd. 1, S. 391 Die Verwirklichung der Philosophie bedeutet aber letzten Endes, dass sie ihr jetziges Wesen verliert, reine Theorie zu sein und sich in Praxis verwandelt: „ihre Verwirklichung [ist] zugleich ihr Verlust“.Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie. 1841. In: MEW Bd. 40, S. 328 Marx geht es um ein „Umschlagen in ein praktisches Verhältnis zur Wirklichkeit“.Marx: Hefte zur epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie – Sechstes Heft. 1839. In: MEW Bd. 40 Mit dem „Weltlich-Werden“ der Philosophie ist dann schließlich das „Ende der Spekulation“ erreicht. Es bleiben lediglich die empirischen Wissenschaften übrig: „Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen. […] Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammenfassung der allgemeinsten Resultate treten, die sich aus der Betrachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen“.
Religionskritik
Die Kritik der Religion ist für Marx „die Voraussetzung aller Kritik“. Die Aufgabe der Philosophie muss die Emanzipation „von allen himmlischen und irdischen Göttern“ sein.Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie. 1841. In: MEW Bd. 40, S. 262
Marx übernimmt den Ansatz der Religionskritik Feuerbachs – insbesondere dessen Entfremdungsthese und Sensualismus. Feuerbach hatte die Ansicht vertreten, dass die Religion zu einer „Entzweiung des Menschen mit sich selbst“ führe; der Mensch setze sich Gott „als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber“, ohne die „Schranken des individuellen (wirklichen, leiblichen) Menschen“.Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums. 1841. In: Gesammelte Werke. Hrsg. v. W. Bolin, Stuttgart 1960, Bd. 6, S. 17 Diesem bringe er im Gebet und im Opfer seine Aufmerksamkeit entgegen und entziehe damit seine Kräfte der realen menschlichen Gattung.