Scheich Bedreddin (; ;) (* 3. Dezember 1358, Simavna, Edirne; † 18. Dezember 1420 in Serez), war ein bedeutender osmanischer Rechtsgelehrter, Sufi und Rebell.Hans Joachim Kißling: Badr al-Dīn b. Ḳāḍı Samawna. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Er ist eine umstrittene Figur der osmanischen Geschichte. Er wurde 1420 zum Tode verurteilt und gehängt.

Seine Familie Bedreddin wurde um 1359 als Sohn des Qādī von Simavna, Ghâzi Isra’il, geboren. Seiner Menâkibnâme zufolge, einer von seinem Enkel Halil verfassten und zur Gattung der oftmals religiös übersteigerten Hagiographien gehörenden Schrift, war der Großvater Bedreddins, ‘Abd al’Aziz, ein Neffe des ‘Alâ-eddin Kaiqobad III. (gest. 1307), des letzten regierenden Seldschukensultans in Konya. Auch der Chronist Taşköprülüzâde spricht von der Zugehörigkeit des Vaters Bedreddins zur seldschukischen Herrscherfamilie von Konya. Die Angaben über die Zugehörigkeit zur seldschukischen Herrscherfamilie dürften sich aus Taşköprülüzâdes Geschichtswerk Sakaik-i Nu‘maniye ableiten, das in dem Vater Bedreddins einen Bruder Alaâddin Seldschukis sieht. Diese Angaben lassen sich jedoch nach Aussage S. Yaltkayas in den Stammverzeichnissen der Herrscherfamilien nicht nachweisen.

Die sehr frühe Anwesenheit des Großvaters und Vaters Bedreddins in Rumelien und ihre Bezeichnung als Ghāzī macht ihre Zugehörigkeit zu den ersten Ghâzitruppen sehr wahrscheinlich, die 1354 unter der Leitung des osmanischen Thronfolgers Süleyman Paschas (gest. 1360) nach Europa übersetzten und zu Plünderungen und Eroberungen aufbrachen. In der Zeit der Plünderungs- und Eroberungszüge der Osmanen auf dem europäischen Kontinent diente der Vater Bedreddins als Krieger, Festungskommandant und Richter von Simavne in Rumelien (westlich von Adrianopel). Bedreddin benutzte selbst den Titel „Sohn des Richters von Simavne“ als Namenszusatz.

Wie später der Sohn, scheint auch der Vater zunächst den Berufsweg des Gelehrten eingeschlagen zu haben, bevor er mit seinem Großvater an den Eroberungszügen in Europa teilnahm. Seine Studien des Rechts, die er in der Stadt Konya begonnen haben soll, sollen ihn nach Angaben des Chronisten Ibn Arabschâh nach Turkestan und in die Stadt Samarqand geführt haben. Nach der Rückkehr ins Land Rum, fand sich der Vater in den Reihen der osmanischen Truppen, die im Hinterland von Byzanz operierten. Mit seinen Truppen eroberte Ghâzi Isra’il die Festung Simavne. Die Familie des byzantinischen Festungskommandanten (Tekfur) wurde dabei gefangen genommen. Ghâzi Isra’il fiel der Besitz der Burg zu. Er verteilte alle Beute an seine Leute und nahm sich die Tochter des Festungskommandanten zur Frau. Sie erhielt den Namen Melek (Engel). Die christliche Kirche der Burg richtete er sich als Wohnung ein. Hier wurde dann auch 1358 Mahmûd (Bedreddin) geboren (Mânakibnâme: S. 9–13).

Ghâzi Isra´il übernahm in Simavne das Amt eines Befehlshabers, Landvogts und Richters (Qādī). Es ist unklar, ob er wirklich Qādī wurde oder, wie es R. Çamuroğlu vertrat, es sich hierbei nur um eine Falschdeutung aufgrund der Ähnlichkeiten in der Schreibweise von „Ghâzi“ und „Qādī“ handelt. Ghâzi Isra’il war weiterhin an Eroberungs- und Plünderungszügen beteiligt. Mit 300 Mann nahm er an der Eroberung Adrianopels (heute Edirne, Türkei) teil und siedelte anschließend mit seiner Familie dorthin über.

Leben Erste Lebensjahre Nach den Angaben der osmanischen Chronisten wurde Bedreddin zunächst vom Vater unterrichtet, bis er Schüler eines gewissen Sahidi wurde. Von seinem späteren Lehrer Mevlana Yusuf lernte er vor allem Sprachen. Zu den Lehrern Bedreddins gehörte Mahmud Efendi, ein angesehener islamischer Theologe, der Qādī von Bursa und Leiter der dortigen islamischen Lehranstalt (Madrasa). Dieser hielt sich nach einer Pilgerfahrt mit seinem Sohn Musa Tschelebi für kurze Zeit in Edirne auf. Er unterrichtete Bedreddin in den Fächern Mathematik, Astronomie und Buchstabenkunde (-deutung).

Musa (st. 1414/1415), der Sohn Mahmud Efendis, wurde zu einem engen Studienfreund Bedreddins. Musa sollte später von Schāh Ruch, einem Sohn des Mongolenherrschers Timur, nach Samarqand gerufen werden. Er machte sich dort als Kaadizâde-i Rumî einen Namen als Astronom. Musa war später auch Lehrer des an Astrologie interessierten Fürsten Ulugh Beg und arbeitete mit Giyâseddin Cemsid (Ġīyāṯ ad-Din Ǧamšīd ibn Masʿūd al-Kāšī) zusammen. Da Bedreddin seine Studien unbedingt fortsetzen wollte, folgte er Mahmud Efendi nach Bursa, begleitet von Müeyyid, dem Sohn seines Onkels Abdülmümin. Bedreddin, Müeyyid und Musa studierten hier gemeinsam an der Madrasa von Kapicilar hauptsächlich Theologie (kelâm) und Methodik.

Nach ungesicherten Quellen verließ Bedreddin 1382 die Stadt Bursa. Er ging nach Konya zur Lehranstalt eines gewissen Feyzullah. Nach den Angaben des Chronisten Taşköprülüzâde handelte es sich bei diesem um einen Schüler des berühmten Fadlullah, dem Gründervater der Hurufîbewegung. Bei Feyzullah studierte er insbesondere die Fachrichtungen Logik und Astronomie. Da Feyzullah jedoch sehr bald verstarb, musste das Studium unterbrochen werden.

Studium in Kairo Bedreddin und sein Cousin Müeyyid bin Abdülmümin studierten in Jerusalem bei hohen Rechtsgelehrten und lebten in den Räumen der al-Aqsa-Moschee. Sie lernten den Händler Ali Kasmiri kennen, der ihnen eine Wohnung und ausreichend Essen bereitstellte und sie mit bekannten Gelehrten zusammenbrachte. Mit Unterstützung von Ali Kasmiri kamen sie um 1395 über Jerusalem nach Kairo. In Kairo lebten Bedreddin und Müeyyid mit finanzieller Unterstützung von Kasmiri und konnten ihre Studien fortführen. Als folgenreich für seinen späteren Lebensweg erwies sich die Bekanntschaft mit dem Lehrer für Logik Mübarek Schah, zu dessen Schülern auch der bekannte ʿAlī ibn Muhammad al-Dschurdschānī (Mīr as-Sayyid aš-Šarīf Zain ad-Dīn ʿAlī ibn Muḥammad al-Ḥusainī al-Ǧurǧānī) gehörte. Er lernte auch Dschelaleddin Hizir kennen, der sich später als Aydinli Hadschi Pascha einen Namen machen sollte und auch eine Zeit lang als Chefarzt der Kairoer Klinik tätig war. Unter seinen Studienfreunden befanden sich auch der Dichter Ahmedî und Semseddin Fenarî (Šams ad-Dīn Muḥammad al-Fanārī). Bedreddin, Seyyit Serif Dschurdschanî und Dschelaleddin Hizir studierten eine Zeit lang gemeinsam beim Gelehrten Scheich Ekmeleddin (Akmal ad-Dīn Muḥammad ibn Muḥammad ibn Maḥmud al-Bābartī).

Bedreddin hatte sich in Kairo als Gelehrter bald einen Namen gemacht und wurde ca. 1389–1390 vom ägyptischen Mamelucken-Sultan Barquq als Erzieher für den Prinzen Faradsch an den Hof gerufen. Diese Tätigkeit übte er zwei oder drei Jahre lang aus. Die Bekanntschaft mit Scheich Husain al-Achlātī, dem Scheich einer Tekke, brachte ihn zum Sufismus. Al-Achlātī und Bedreddin wurden vom ägyptischen Sultan mit Sklavinnen beschenkt. Es waren zwei abessinischen Schwestern namens Maria und Gâzîbe. Aus der Verbindung Bedreddins mit Gâzîbe wurde 1390 Ismail (der Vater des Verfassers des Mânakibnâme) geboren (Mânakibnâme: S. 30–33) geboren.

Aufgrund einer Lebenskrise wurde Bedreddin ein Murīd Scheich al-Achlātīs. Die Gründe, die Bedreddin in die Krise führten, sind nicht mehr nachvollziehbar. Das prunkvolle Gewand jedenfalls, das er sonst immer trug, legte er ab und zog sich härene Kleidung an. Alles, was er besaß, verteilte er unter den Armen. Dann packte er seine Bücher, brachte sie an den Nil, wo er sie versenkte. Die Trennung von Büchern ist wohl eher symbolisch zu verstehen, als ein Zeichen für den Beginn des Lebens als Sufi. Nach dem Tod Scheich al-Achlātīs wurde Bedreddin zu seinem Nachfolger, zum Scheich des Ordens, gewählt. Auf dieses Amt geht sein Titel Scheich zurück.

Rückkehr ins Osmanische Reich und Verwicklung in Aufstand

Gerade sechs Monate im Amt begab sich Bedreddin, der während seines Aufenthalts im Nahen Osten den Titel Bedreddin-i Rumî trug, auf die Rückreise nach seiner Heimatstadt Edirne. Die osmanische Armee hatte in der Schlacht bei Ankara gegen den Mongolenführer Timur eine schwere Niederlage erlitten, der Sultan Yıldırım Beyazid war in Gefangenschaft geraten, das Reich der Osmanen wieder zerstückelt. Auf der Rückreise soll Bedreddin auch Timur, dem Mongolenherrscher, begegnet sein. In der Stadt Kütahya lernte er wohl auch Torlak Hû Kemal kennen, einen Aufständischen. Im Jahre 1407 oder 1408 starb seine Frau Gâzîbe in Edirne. 1411 wurde er zum Kadiasker (Heeresrichter) unter dem Sultanssohn Musa Çelebi, der während des osmanischen Interregnums im europäischen Teil die Macht erobert und sich zum Sultan der Osmanen ausgerufen hatte.

Als infolge der Thronkämpfe Musa von seinem Bruder Mehmed Çelebi geschlagen und getötet wurde, begann 1413 für Bedreddin eine Zeit der Verbannung. Ungeklärt ist, ob er sich im Hausarrest befand, gefangengesetzt oder aber mit einer Rente befriedigt und aus der Politik gedrängt wurde. 1416 floh Bedreddin aus dem Ort seiner Verbannung in Richtung Walachei, gelangte nach Silistre und tauchte, während die Aufstände unter der Führung seines SchülersErnst Werner, Walter Markov: Geschichte der Türken. Akademie Verlag, Berlin 1978, S. 43. Börklüce Mustafas in Westanatolien tobten, in Deliorman auf, vermutlich um den Aufstand neue Kräfte zuzuführen und ihn auf den Balkan auszuweiten. Als Mehmed Çelebi, nach der Erringung der Alleinherrschaft Sultan Mehmed I., merkte, dass sich viele seiner Gegner um Bedreddin scharten, ließ er ihn bald festnehmen und 1420 in Serez auf dem Marktplatz nackt ausgezogen öffentlich hinrichten. Bedreddin hatte bereits das Alter von 60 Jahren überschritten.

Hinrichtung Nach Angaben des Mânakibnâme wurde Bedreddin, weil für ein Todesurteil nach islamischem Recht keine Handhabe gefunden werden konnte, nach dem „örf“-Verfahren (arab. ʿurf: juristische Beurteilung basierend auf dem Gewohnheitsrecht), also nach der Tradition abgeurteilt. „Es ist beachtenswert, dass überhaupt eine Verhandlung stattgefunden, ein Fatwa eingeholt, aber auch, dass sein Eigentum unberührt blieb“, kommentiert A. Mumcu in seinem Buch Osmanlı Devletinde Siyasetten Katl (Hinrichtungen aus politischen Gründen bei den Osmanen) die Aburteilung Bedreddins. Sicher überliefert ist das Todesurteil: „Sein Blut ist legitim, sein Besitz ist unrein.“, sprich: Sein Leben darf ihm genommen, sein Besitz aber nicht angerührt werden. Sein mystisch-philosophisches Hauptwerk Vâridat blieb jahrhundertelang verboten, der Besitz dieses Werkes wurde vielfach mit dem Tode geahndet.

Bei der Verurteilung Bedreddins treffen wohl zwei Gründe zusammen. Zum einen war er in die Erhebungen gegen die osmanische Krone involviert. Zumindest stellte er eine Gefahr für den Sultan dar. Andererseits handelte es sich bei ihm um einen hohen Gelehrten seiner Zeit, zugleich um einen geistlichen Würdenträger, der eines der diesbezüglichen höchsten Ämter bekleidet hatte. Er war jedoch auch weiterhin ein einflussreicher und im Volke sehr beliebter Mystiker und Ordensführer, dessen unorthodoxe Vorstellungen bekannt waren. Daher erscheinen die Versuche, aus dem Fatwa alleine abzuleiten, er sei an den Aufständen selbst nicht beteiligt, weit hergeholt. Angesichts der Tatsache, dass seine rechtswissenschaftlichen Werke eine sehr lange Zeit noch Verwendung fanden, können es nicht diese gewesen sein, die die orthodoxen Kräfte zum Handeln veranlassten, sondern eher seine in Vâridat dargelegten Vorstellungen, die die Grundannahmen der islamischen Religion betreffen.

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