mini|Blick vom namensgebenden Tempelhofer Oberland (Teltow) mit dem bereits vorhandenen Nationaldenkmal auf dem Kreuzberg auf das Unterland (Urstromtal). Ölgemälde von Johann Heinrich Hintze, 1829

Die Oberlandstraße ist eine Straße im Berliner Ortsteil Tempelhof des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. Sie setzt die Straße Alt-Tempelhof und die Germaniastraße nach Osten fort und verbindet Tempelhof mit dem Ortsteil Neukölln, dem ehemaligen Rixdorf.

Der Westteil der Straße gehört zum Industriegebiet Tempelhof-Ost. Industriedenkmäler wie die Fabrikgebäude von Gillette oder die UFA-Filmstudios charakterisieren diesen Straßenteil. Im Ostteil steht als Bau- und Gartendenkmal das Bauensemble der Bärensiedlung unter Schutz, das um den Oberlandgarten und Germaniagarten zwischen 1929 und 1931 entstand. Der Name ‚Oberlandstraße‘ erinnert an die historische Unterscheidung zwischen Tempelhofer Oberland und Unterland.

Das Tempelhofer Oberland mini|Vor der Stadtmauer Berlins (rote Linie oben rechts), 1842. In der Südhälfte des Kartenausschnitts das Oberland, die Nordhälfte liegt im Berliner Urstromtal. Der Teltowhang läuft etwa quer durch die Bildmitte. Der damalige Flughafen Tempelhof liegt südwestlich der Hasenheide und die Oberlandstraße am Südrand des Ausschnitts.

Namensgeber der Straße ist das Tempelhofer Oberland, das den Teil der Tempelhofer Feldmark bezeichnete, der auf dem Hochplateau Teltow lag. Das Oberland mit dem Tempelhofer Feld und dem Tempelhofer Berg, dem heutigen Kreuzberg im Viktoriapark, trug die Bezeichnung zur Unterscheidung vom Tempelhofer Unterland, das sich nördlich des Teltowhangs im rund 15 Meter tiefer gelegenen Berliner Urstromtal befand und sich bis zur Berliner Zoll- und Akzisemauer am Halleschen Tor erstreckte. 1846 differenzierten beispielsweise Einwohnerzählungen: Tempelhof, Dorf und Gut, mit Tempelhofer Berg und Tempelhofer Feld Tempelhofer Unterland (Etablissement Am Hallischen Tor).Ilja Mieck: Von der Reformzeit …. S. 486.

Das gesamte ehemalige Unterland (später auch Tempelhofer Vorstadt genannt) gehört seit 1861 zu Berlin und seit der Gründung Groß-Berlins 1920 zum neu gebildeten Ortsteil Kreuzberg. Die Namensänderung Tempelhofer Berg (auch: Runder Weinberg) in Kreuzberg vollzog sich bereits 1821 mit dem Bau des Nationaldenkmals von Karl Friedrich Schinkel auf der Bergspitze zur Erinnerung an die Schlachten der Befreiungskriege. Mit der Ausgliederung des Unterlandes war für Tempelhof die Unterscheidung ‚Ober-/Unterland‘ hinfällig. Während das Unterland keine Namensspuren im heutigen Berlin hinterließ, erinnern die Oberlandstraße und der kleine Oberlandpark an die ehemalige geografisch-politische Einteilung.

Zur verbliebenen Feldmark im Oberland zählten insbesondere das Tempelhofer Feld mit dem damaligen Flughafen Tempelhof südlich der Hasenheide und das Exerziergelände – U-Bahnhof Paradestraße – der Kasernen an der General-Pape-Straße im Westen, Das große Feld.Geschichtsparcours Papestraße. Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, 2006, , Booklet, S. 5. Im 18. Jahrhundert wurde die Feldmark zum großen Teil als Ackerfläche genutzt. Das Oberland wies vor seiner weitgehenden Einebnung die für den Teltow typische flachwellige Oberflächenstruktur auf, die heute noch in kleineren Grünbereichen wie dem Franckepark oder dem Alten Park am Rathaus Tempelhof sichtbar ist.

Verlauf und Bundesstraße R mini|Kartenausschnitt mit der Oberlandstraße

Die Oberlandstraße trägt ihren Namen seit 1909. Sie gehört zu der ehemals zentralen Berliner West-Ost-Verbindung vom Sachsendamm in Schöneberg über Tempelhof und Neukölln zur Grenzallee. Parallel zum ehemaligen Flughafen Tempelhof am Südrand des alten Tempelhofer Feldes und zur Trasse der Ringbahn verläuft die Oberlandstraße bis zur Grenze nach Neukölln an der Eschersheimer Straße, wo sie sich als Silbersteinstraße nach Osten in Richtung Hermannstraße fortsetzt. Ungefähr auf halber Strecke überbrückt die Oberlandstraße die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn.

Ab 1969 war sie Bestandteil der Bundesstraße R, die quasi als Ersatzautobahn von der Grenzübergangsstelle Bösebrücke im damaligen Bezirk Wedding bis zur Neuköllner Silbersteinstraße führte.

Mit der Fertigstellung des Tempelhofer Teilstücks der Stadtautobahn A 100 im Jahr 1981 wurde die neuerbaute Anschlussstelle 21 Oberlandstraße zum Endpunkt der Autobahn. Die Aufnahme des gesamten Verkehrs zwischen der Autobahn und dem östlich gelegenen Ortsteil Neukölln führte in der Oberlandstraße zu einem extrem hohen Verkehrsaufkommen. Lediglich das kurze Verbindungsstück zur Germaniastraße mit der ehemaligen Chemischen Fabrik Tempelhof lag westlich der Auffahrt.

Durch die Verlängerung der A 100 nach Neukölln im Jahr 2000 hat sich die Verkehrsdichte drastisch verringert und es gilt im Wohnteil der Straße eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h. Die Straße erhielt auf einem westlichen Abschnitt einen beidseitigen Fahrradweg.

Entwicklung zum Industriestandort

mini|Die Oberlandstraße im Stadtplan von 1925

Im Jahr 1913 entstanden mit zwei benachbarten Aufnahmeateliers für die noch junge Filmindustrie die ersten Gewerbebauten in der damals weitgehend unbebauten Oberlandstraße – weithin sichtbar über das Tempelhofer Feld. Lediglich auf der östlichen Seite der Straße, angrenzend an Neukölln, gab es sechs Mietwohnhäuser.

Nachdem bereits 1892 mit der Lokomotiv- und Waggonfabrik Stahlbahnwerke Freudenstein ein größerer Industriekomplex in der Germaniastraße am Ostrand von Tempelhof entstanden war, ließ die Optische Anstalt C. P. Goertz AG ab 1916 an der Oberlandstraße 36–64 eine Zweigniederlassung errichten. In den Fabrikbauten wurden während des Ersten Weltkriegs u. a. Periskope für U-Boote hergestellt. Von 1921 bis 1926 wurden in den Fabrikanlagen zuerst für die Dinos Automobilwerke AG, dann für die Aktiengesellschaft für Automobilbau AG (AGA) Kraftfahrzeuge hergestellt. Anschließend kam das Grundstück in den Besitz der Lux-Werke GmbH, die hier bis 1988, zum Schluss unter dem Firmennamen Elektrolux GmbH, hauptsächlich Staubsauger herstellten. Auf dem Grundstück der Anfang der 1990er Jahre abgerissenen Gebäude wurde 2007 das Autohaus Kroymanns eröffnet, das zwei Jahre später nach Insolvenz geschlossen wurde. Heute (Stand: 2023) befindet sich dort eine Verkaufsniederlassung der Volkswagen Automobile Berlin GmbH.

1918/1919 wurde für die Norddeutsche Kühlerfabrik AG (NKF) ein zweigeschossiger Fabrikbau an der Oberlandstraße 65 errichtet. Nach dem Konkurs der NKF erwarb im Jahr 1931 das pharmazeutische Unternehmen Albert Mendel AG das Grundstück. Seit der Betriebseinstellung (um 1996) der Chemischen Fabrik Tempelhof. Preuß und Temmler (Hersteller etwa des Medikaments NeuramagMarkenzeichen der Heilmittelindustrie. Marken-Arzneimittel. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. XXXVIII.), die das Fabrikgelände 1933 übernommen hatte, wird das Gebäude von verschiedenen Gewerbemietern genutzt.

1922 entstand für die Tempelhofer Rasierklingenfabrik Otto Roth AG ein Fabrikneubau an der Oberlandstraße 7–18. Nach der Übernahme durch die US-amerikanische Gillette Company im Jahr 1926 wurde 1936/1937 ein Fabrikneubau auf der Südseite der Oberlandstraße (Nr. 75–84) errichtet, in dem bis heute Gillette-Rasierapparate hergestellt werden. Die ehemalige Produktionsstätte Oberlandstraße 7–18 wurde um das Jahr 2000 weitgehend abgerissen. Heute befinden sich hier verschiedene Einzelhandelsgeschäfte.

Mit der Maschinenfabrik und Kesselschmiede von Eduard Linnhoff entstand um 1925 an der Oberlandstraße 19–21 ein weiterer Fabrikbau. Hier wurden bis in die 1950er Jahre Dampfkessel, Industrieanlagen und auch Straßenbaumaschinen hergestellt.

Eine große Fläche auf der Südseite der Oberlandstraße nimmt die Niederlassung der Keksfabrik Bahlsen ein. Ihre moderne Produktionsanlage entstand 1966 auf einer Teilfläche des ehemaligen Freigeländes der UFA-Ateliers.

Industriedenkmäler

Gillette mini|Pförtnergebäude von Gillette mini|Hauptgebäude mit Eingangsportal

Die Berliner Niederlassung von Gillette in der Oberlandstraße 75–84 wurde 1936/1937 nach Plänen des Architekten Paul Renner gebaut. Die zentrale Bauanlage ist ein zur Straßenseite 135 m langer und rückseitig 60 m tiefer Stockwerksbau, der die eine 90 m × 45 m große Shedhalle umschließt. Nordöstlich des Stockwerksbaus befindet sich ein kombiniertes Pförtner- und Umkleidegebäude. Eine separate Gemeinschaftshalle, die ein Fassungsvermögen von 1000 Personen hatte und als Kantine genutzt wurde, existiert nicht mehr.

Die Straßenfront des Hauptgebäudes wird durch einen mittigen Eingangsbau als repräsentative, über zwei Geschosse reichende Portalzone dominiert. Ihr ist zusätzlich ein wuchtiger Sandstein-Pfeilerportikus vorgelagert.

Aus der Anlage des zentralen Vorbaus mit Portal und repräsentativer Freitreppe spricht deutlich die Handschrift der nationalsozialistischen Bauideologie, mit vereinfachten, monumental übersteigerten klassizistischen Architekturformen die Fabrik als „Tempel der Arbeit“ erscheinen lassen.Michael Thiele: Vom „Schnutenschaber“…, S. 63. Im Gegensatz dazu war der ursprüngliche Firmenschriftzug der Roth-Büchner GmbH sachlich und äußerst modern in einer serifenlosen Futura-Schriftart als Leuchtbuchstabenzeile ausgeführt.Marion Hilliges: Der bewegte Blick – Die Roth-Büchner Rasierklingenfabrik in Fotografien von Max Krajewsky (1937). In: Kunsttexte.de, 1/2017, S. 4. Heute befindet sich an dieser Stelle der Schriftzug der Firma Gillette, die 1926 die Aktienmehrheit der Roth-Büchner GmbH – damals der größte deutsche Rasierklingenhersteller – übernommen hatte.

Das Hauptgebäude wurde 1984 und 1992 durch ein drittes Obergeschoss aufgestockt und dadurch merklich verändert. Statt einer Fensterreihe befindet sich dort nunmehr ein durchlaufendes Fensterband.

UFA-Filmstudios mini|Studio 1 der UFA von 1933 bis 1935, heute: Berliner Union-Film mini|Tonstudio 2

Die ehemaligen UFA-Filmstudios (heute: Berliner Union-Film) befinden sich in der Oberlandstraße 26–35. Das heutige Tonstudio 2 aus dem Jahr 1913 geht im Kern auf die Planung des Industriearchitekten Bruno Buch für die Projektions-Aktien-Gesellschaft Union (Pagu) zurück. Von Buch stammte auch der Entwurf für den nicht mehr erhaltenen zweiten Atelierbau für die damalige Literaria Film des Filmpioniers Alfred Duskes, ebenfalls aus dem Jahr 1913.

Die Zeitschrift Filmbühne verglich 1913 die gläsernen Atelierbauten von Buch mit zwei „riesenhaften Vogelkäfigen“ und schrieb:

Die gestiegenen Anforderungen an den Tonfilm führten ab 1931 zu aufwendigen Umbauten der gläsernen Atelierhäuser unter Leitung des Architekten Otto Kohtz. Das heutige Studio 1 stammt aus den Jahren 1933–1935 und ist ebenfalls von Kohtz entworfen.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Oberlandstraße befand sich ein großes Freigelände der Ufa, das für Kulissenbauten und Großproduktionen genutzt wurde. Filme wie Anna Boleyn und Der Golem, wie er in die Welt kam wurden dort gedreht. Von Anfang der 1960er Jahre bis Ende der 1990er Jahre betrieb das ZDF hier auch sein Berliner Landesstudio, bis ein gleichfalls hier angesiedeltes ZDF-Archiv am 22. August 1999 nach einer Brandstiftung fast vollständig den Flammen zum Opfer fiel. Dabei wurde viel historisches Filmmaterial von hohem dokumentarischem Wert unwiderruflich vernichtet.Verbrannte Zeit. In: Der Tagesspiegel, 21. Mai 2005.

Heute befinden sich auf dem Gelände die Nachnutzung Atelier Gardens sowie ein Café.Atelier Gardens

Chemische Fabrik Tempelhof mini|Chemische Fabrik Tempelhof, Gebäude von 1918 bis 1923