Niuserre (Ni-user-Re, auch Niuserre Ini) war der sechste König (Pharao) der altägyptischen 5. Dynastie im Alten Reich. Er regierte etwa innerhalb des Zeitraums von 2455 bis 2420 v. Chr.Jahreszahlen nach Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002. Die genaue Länge seiner Regierungszeit ist unklar, in der Forschung wird aber mehrheitlich von etwa 30 Jahren oder mehr ausgegangen. Die königliche Nekropole von Abusir ist stark durch seine umfangreichen Bauprojekte geprägt. Hierzu zählen die Errichtung seiner Pyramidenanlage und eines Sonnenheiligtums, aber auch die Vollendung der Grabanlagen seines Vaters, seines Bruders und seiner Mutter. Konkrete Ereignisse aus Niuserres Regierungszeit sind kaum überliefert. Reformen in der Verwaltung führten zu einer Bündelung verschiedener Ressorts in den Händen des Wesirs, des obersten Beamten Ägyptens. Durch Inschriften sind Expeditionen ins Wadi Maghara auf dem Sinai und nach Nubien bezeugt, durch archäologische Funde außerdem Handelsbeziehungen nach Byblos. Der für Niuserre eingerichtete Totenkult und die damit verknüpfte Verehrung dauerten bis ins Mittlere Reich an.

Herkunft und Familie Niuserre war ein Sohn von König Neferirkare und dessen Gemahlin Chentkaus II. Sein Bruder trug den Geburtsnamen Ranefer und bestieg nach dem Tod des Vaters unter dem Namen Raneferef den Thron, starb jedoch bereits nach nur wenigen Jahren. Die Königliche Gemahlin Niuserres war Reputnebu. Das einzige bekannte Kind aus dieser Ehe war die Tochter Chamerernebti, die mit dem Wesir Ptahschepses verheiratet war und mit ihm fünf Kinder hatte. Bislang völlig unklar ist das familiäre Verhältnis des Herrschers zu Schepseskare, der kurzzeitig nach dem Tod Raneferefs regierte, sowie zu Menkauhor, dem unmittelbaren Nachfolger Niuserres.Aidan Dodson, Dyan Hilton: The Complete Royal Families of Ancient Egypt. London 2004, S. 64–69.

Herrschaft

Regierungsdauer Eine zuverlässige Abschätzung der Dauer von Niuserres Regierung gestaltet sich schwierig. In dem aus der 19. Dynastie stammenden Königspapyrus Turin ist der Namenseintrag des Herrschers verloren und die Nennung seiner Regierungsjahre stark beschädigt. Der Eintrag lautete wohl „11 (+x?) Jahre“. Der im 3. Jahrhundert v. Chr. lebende ägyptische Priester Manetho nennt 44 Jahre, was in der Forschung aber allgemein als zu hoch angesetzt gilt. Die zeitgenössischen Quellen liefern kein eindeutiges Bild. Einerseits scheinen die inschriftlich überlieferten Datumsangaben für eine eher kurze Herrschaft zu sprechen. Das höchste überlieferte Datum ist ein „Siebentes Mal der Zählung“. Hiermit ist eine ursprünglich in zweijährlichem Abstand stattfindende Viehzählung gemeint, die jedoch spätestens seit Beginn der 4. Dynastie auch häufig jährlich durchgeführt wurde. Da sich die bekannten Datumsinschriften aus Niuserres Regierungszeit auf vier „Jahre der Zählung“, aber nur auf ein „Jahr nach der Zählung“ beziehen, ist somit durchaus eine Regierungsdauer plausibel, die sich in etwa mit den vermuteten elf Jahren des Turiner Papyrus deckt. Dem gegenüber stehen aber bildliche Darstellungen im Sonnenheiligtum des Niuserre, die den König beim Sed-Fest zeigen. Dieses Fest fand idealerweise erst nach 30 Jahren Regierung statt, konnte prinzipiell aber auch eher abgehalten werden. Auch einige Inschriften aus der Mastaba des Ptahschepses in Abusir reichen lediglich zur Bestimmung einer ungefähren Mindestdauer von Niuserres Herrschaft, nicht aber einer Höchstdauer. Die Mastaba wurde in drei Bauphasen errichtet, wobei der Baubeginn in etwa auf das fünfte „Jahr der Zählung“ fiel. Ab der zweiten Bauphase wurde Niuserres Tochter Chamerernebti in den Inschriften als Ptahschepses’ Gemahlin genannt. In die gleiche Bauphase datieren auch zwei Bauinschriften eines Raneferefanch, der aufgrund seines Namens frühestens in der Regierungszeit von Raneferef geboren wurde und beim Anbringen der Inschriften bereits ein erwachsener Mann gewesen sein muss. Da die Regierungszeiten des jung verstorbenen Raneferef und seines Nachfolgers Schepseskare zusammengerechnet drei bis vier Jahre nicht überschritten haben dürften, ergibt sich somit eine Mindestdauer von deutlich über zehn Jahren für Niuserres Herrschaft.Miroslav Verner: Archaeological Remarks on the 4th and 5th Dynasty Chronology. Prag 2001, S. 401–404.

Umstände der Machtübernahme Bislang ungeklärt ist die Frage, warum Niuserre nicht unmittelbar nach dem Tod seines Bruders Raneferef den Thron bestieg, sondern zwischen beiden noch kurzzeitig ein Herrscher namens Schepseskare regierte. Miroslav Verner stellte hierfür mehrere hypothetische Szenarien auf, die von Thronstreitigkeiten innerhalb der königlichen Familie ausgehen. Demnach könnte Schepseskare ein Sohn von Sahure und damit ein Onkel von Niuserre gewesen sein, der seine Machtansprüche kurzzeitig gegen den noch jungen Kronprinzen durchsetzen konnte (für eine ausführliche Darstellung siehe Schepseskare).Miroslav Verner: Who was Shepseskara, and when did he reign? In: Miroslav Bárta, Jaromír Krejčí (Hrsg.): Abusir and Saqqara in the Year 2000. Academy of Sciences of the Czech Republic, Oriental Institute, Prag 2000, ISBN 80-85425-39-4, S. 581–602, doi:10.2307/40001162.

Landesverwaltung mini|links|hochkant=0.7|Ptahschepses bekleidete unter Niuserre das Wesirsamt; Relief aus seiner Mastaba in Abusir

Unter Niuserre erfolgte eine starke Zentralisierung verschiedener Verwaltungsressorts in den Händen des obersten Beamten, des Wesirs, dessen Amt dadurch erheblich gestärkt wurde. Die Ämter des „Vorstehers der Beiden Schatzhäuser“, des „Vorstehers der Beiden Scheunen“ und des „Vorstehers der Beiden Kammer der Kostbarkeiten des Königs“ (d. h. der Vorsteher des königlichen Schmucks) wurden nun feste Bestandteile der Wesirstitulatur. Somit war nun die Verantwortung für alle materiellen Belange der Residenz in einem Amt gebündelt. Die Verknüpfung zweier weiterer, neu geschaffener Ämter mit dem Wesirat lässt sich aus der Titulatur eines Beamten namens Kai ablesen. Dieser hatte zunächst als „Vorsteher des großen Hauses“, einer juristischen Institution, gewirkt und wurde nach seiner Berufung zum Wesir als „Vorsteher der 6 großen Häuser“ auch Oberaufseher aller juristischen Angelegenheiten des Landes. Als „Vorsteher von Oberägypten“ wurde ihm schließlich noch die Verantwortung für die Provinzverwaltung übertragen.Petra Andrassy: Untersuchungen zum ägyptischen Staat des Alten Reiches und seinen Institutionen (= Internetbeiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie. Band XI). Berlin / London 2008 (), S. 36–37.

Neben Kai waren MinneferPetra Andrassy: Zur Organisation und Finanzierung von Tempelbauten im Alten Ägypten. In: Martin Fitzenreiter (Hrsg.): Das Heilige und die Ware. Zum Spannungsfeld von Religion und Ökonomie (= Internet-Beiträge zur Ägyptologie und Sudanarchäologie. Band 7). Golden House, London 2007, S. 147–148 (). und Ptahschepses mit Sicherheit unter Niuserre amtierende Wesire. Sechemanchptah ist eventuell auch unter seiner Herrschaft einzuordnen.Bertha Porter, Rosalind L. B. Moss: Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs and Paintings. III. Memphis. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 1974 (PDF 30,5 MB), S. 191. Andere sicher in seine Regierungszeit zu datierende Beamte sind die beiden „Vorsteher aller Arbeiten des Königs“ AnchuserkafEva Bayer-Niemeier et al.: Liebieghaus – Museum alter Plastik. Ägyptische Bildwerke/3. Skulpturen, Malerei, Papyri und Särge. Gutenberg, Melsungen 1993, ISBN 3-87280-080-9, S. 80–90, Kat.-Nr. 22. und Seschemnefer II.Bertha Porter, Rosalind L. B. Moss: Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs and Paintings. III. Memphis. 2. Auflage. Oxford University Press, Oxford 1974 (PDF 30,5 MB), S. 146. Ptahschepses nimmt unter allen Beamten die herausragendste Stellung ein, was durch seine Heirat mit der Prinzessin Chamerernebti und den Bau des größten Privatgrabes des Alten Reiches deutlich wird.Miroslav Verner: Verlorene Pyramiden, vergessene Pharaonen. Abusr. Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Philosophische Fakultät der Karlsuniversität, Tschechisches Ägyptologisches Institut, Prag 1994, S. 173–192.

Handelsbeziehungen und Expeditionswesen mini|Felsrelief aus dem Wadi Maghara (Sinai), das Niuserre beim Unterwerfen der Beduinen zeigt

Aus der Zeit Niuserres stammen zwei Felsreliefs, die im Wadi Maghara auf dem Sinai entdeckt wurden. Eines davon befindet sich im Ägyptischen Museum in Kairo. Die Beischrift nennt das Schlagen der Mentiu und aller fremden Länder.Alan Henderson Gardiner, Thomas Eric Peet, Jaroslav Černý: The Inscriptions of Sinai Band 2: Translations and commentary (= Memoir of the Egypt Exploration Fund. Band 45, ). 2nd edition, revised and augmented by Jaroslav Černý, Egypt Exploration Society, London 1955, Nr. 10–11. Die Reliefs legen zwar eine königliche Expedition in die Kupfer- und Türkis-Minen des Wadis nahe, jedoch nicht zwangsläufig eine reale militärische Auseinandersetzung.Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen. Düsseldorf 2002, S. 183. Durch gefundene Siegelabdrücke und eine Felsinschrift ist belegt, dass der Ausgangspunkt für Niuserres Unternehmungen auf der Sinai-Halbinsel die Hafenanlage von Ain Suchna am Golf von Suez war.Pierre Tallet: Les « ports intermittents » de la mer Rouge à l'époque pharaonique: caractéristiques et chronologie. In: Bruno Argémi und Pierre Tallet (Hrsg.): Entre Nil et mers. La navigation en Égypte ancienne (= Nehet. Revue numérique d’Égyptologie. Band 3). Université de Paris-Sorbonne / Université libre de Bruxelles, Paris / Brüssel 2015, S. 60, Tabelle 1 (Online).

Handelsbeziehungen mit der Levante sind belegt durch eine in Byblos gefundene Statue Niuserres (siehe unten) und durch ein Gefäßfragment aus Travertin mit seinem Namen, das am gleichen Ort gefunden wurde.Maurice Dunand: Foulles de Byblos. Band 1, P. Geuthner, Paris 1939, S. 280.Karin N. Sowada: Egypt in the Eastern Mediterranean during the Old Kingdom. An Archaeological Perspective (=Orbis Biblicus et Orientalis. Band 237). Academic Press, Fribourg 2009 / Vandenhoeck & Ruprecht, Fribourg / Göttingen 2009, ISBN 978-3-7278-1649-9, S. 131, Nr. 152. Aktivitäten in Nubien bezeugen ein Siegel, das in der Festung Buhen am 2. Nilkatarakt gefunden wurdePeter Kaplony: Die Rollsiegel des Alten Reiches. Band 2. Katalog der Siegel (= Monumenta Aegyptiaca. Band 3A). Fondation Ègyptologique Reine Élisabeth, Brüssel 1981, S. 251–252, Tafel 74., sowie Fragmente einer Stele mit Niuserres Namen, die aus dem unternubischen Gneis-Steinbruch bei Gebel el-Asr stammt.Ian Shaw, Elisabeth Bloxam: Survey and Excavation at the Ancient Pharaonic Gneiss Quarrying Site of Gebel el-Asr, Lower Nubia. In: Sudan and Nubia. Band 3, 1999, S. 13–20.

Sonstige Belege aus Niuserres Regierungszeit Im Tempel der Satis auf Elephantine wurde eine Fayencetafel mit Niuserres Namen gefunden. Da aber weder diese noch vergleichbare Stücke in ihrem originalen Kontext aufgefunden wurden, sondern in Deponierungen, ist ihr genauer Verwendungszweck unklar. Denkbar wäre eine Verwendung als Einlage zwischen Wandkacheln, aber auch als Gründungsbeigabe.Günter Dreyer: Elephantine VIII. Der Tempel der Satet. 1. Die Funde der Frühzeit und des Alten Reiches. (=Archäologische Veröffentlichungen. Band 39). von Zabern, Mainz 1986, S. 93, 148–149, Nr. 426.

Bautätigkeit mini|Übersichtsplan der Nekropole von Abusir