mini|hochkant=1.5|Lawine im Pamir-Gebirge

Als Lawinen werden in der Meteorologie Massen von Schnee, Eis oder Schlamm bezeichnet, die sich von Berghängen ablösen und zu Tal gleiten oder stürzen. Abgänge von Steinen oder ganzen Hängen werden demgegenüber als Muren bezeichnet. Lawinen, die große Sach-, Personen- oder Umweltschäden verursachen, werden zu den Naturkatastrophen gezählt.

Wortherkunft Das Wort «Lawine» geht auf alpinromanisch lavīna beziehungsweise lateinisch labīna ‚Erdrutsch‘ zurück; diesem zugrunde liegt das lateinische Verb lābi ‚gleiten‘.Walther von Wartburg: Französisches Etymologisches Wörterbuch. Eine darstellung des galloromanischen sprachschatzes. 5. Band. Zbinden, Basel 1978, S. 101 ff. Im Altoberdeutschen des 8./9. Jahrhunderts diente lewina, lewin oder louwin als Übersetzung für lateinisch torrēns ‚Wildbach‘;Rosemarie Lühr (Leitung): Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen. Band V. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 1215 f. in den hoch- und höchstalemannischen Mundarten, wo aus alpinromanisch lavīna Laut- und Formvarianten wie Lauwene, Laubene, Lauene und ähnlich wurden (mit Betonung je auf der ersten Silbe), erlangte das Wort im Laufe des Mittelalters in erster Linie die Bedeutung ‚Schneerutsch‘.Schweizerisches Idiotikon. Band III. Huber, Frauenfeld 1895, Sp. 1539 ff., Artikel Lauwelen (Digitalisat). Die Schweizer Humanisten versuchten das für sie nicht mehr durchsichtige Wort hingegen an „Löwin“ anzuschließen.

Im 18. Jahrhundert wurde das schweizerdeutsche Lauwene, Laubene, Lauene durch die Reiseliteratur im ganzen deutschen Sprachraum bekannt. Dass sich dabei die relatinisierte Form Lawine (mit Betonung auf der mittleren Silbe) durchsetzte, ist im Wesentlichen auf Friedrich Schillers 1804 uraufgeführtes Drama Wilhelm Tell zurückzuführen.Wolfgang Pfeifer (Leitung): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Akademie, Berlin 1989 und weitere Ausgaben, je s. v.

Die Herkunft des ähnlich klingenden, ebenfalls ‚Schneerutsch, Lawine‘ bedeutetenden bairisch-österreichischen Lahn, Lähn und ähnlich ist umstritten. Gemäß einer Herleitung stammt es wie Lawine aus dem Alpinromanischen,Wolfgang Pfeifer (Leitung): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Band 1. Akademie, Berlin 1993, S. 776 (Stichwort Lawine); Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 10. Auflage, bearbeitet von Walther Mitzka. Walter de Gruyter, Berlin 1960, S. 427 f. (Stichwort Lawine). gemäß einer anderen ist es mit Lawine zwar urverwandt, aber nicht wie dieses ein Lehnwort aus dem Romanischen, sondern ein deutsches Erbwort, das germanisch *lanō(n)- fortsetzt. Der Grund für letztere Annahme ist, dass bairisch Lahn Parallelen mit der Bedeutung ‚Reihe, Gang, Weg‘ in mitteldeutschen und niederdeutschen Mundarten sowie im Englischen, Schwedischen, Norwegischen und Isländischen hat.

Historische Berichte mini|P. J. Loutherbourg d. J.: Avalanche dans les Alpes, 1803 – tatsächlich ist ein Eissturz dargestellt.

Spätestens seit der Mensch den alpinen Lebensraum erschlossen hat, ist er von Lawinenabgängen bedroht. Aus der Literatur sind vor allem Heerzüge, die die Alpen überquerten, als betroffen bekannt. So verlor Hannibal auf seiner Alpenüberquerung im Jahre 218 v. Chr. angeblich rund die Hälfte seiner Soldaten (etwa 20.000 Mann) und eine unbekannte Anzahl von Elefanten durch Lawinen.

Lawinenarten Abhängig von der Art ihres Abgangs unterscheidet man zwei grundsätzliche Arten von Schneelawinen, und zwar nach der Art ihres Anrisses Schneebretter und Lockerschneelawinen, daneben teilt man sie auch nach ihrem Umfang und Ausmaß ein. Eine Dachlawine ist eine Schneelawine im Kleinen, die von Gebäuden abgeht.

Zu unterscheiden sind Lawinen vom Eissturz.

Schneebrettlawinen mini|Abrissbereich eines Schneebretts Kennzeichen für Schneebrettlawinen ist ein linienförmiger Anriss quer zum Hang. Ausgedehnte Schichten der Schneedecke – oft aus Triebschnee – rutschen auf einer Gleitschicht zunächst zusammenhängend ab. Im Verlauf des Abgangs kann sich eine Schneebrettlawine zu einer Staublawine entwickeln. Eine solche Gleitschicht kann beispielsweise durch den Nigg-Effekt entstehen.

Sie stellen die klassische Gefahrenlawine für Schneesportler und Bergsteiger dar. Ein sogenanntes Schneebrett kann sich spontan lösen oder durch die zusätzliche Belastung im Gelände ausgelöst werden. Dabei können auch bergseitig über dem Geländegänger ausgedehnte Schneeschichten abreißen und abfahren. Gefahren für Opfer einer Schneebrettlawine sind Ersticken, Verletzungen durch Aufprall an Felsen, Absturz oder der Druck der oft tonnenschweren Schneemassen.

Schneebrettlawinen treten in der Regel bei Hangneigungen zwischen 30° und 50° auf. Sie sind aber auch schon bei geringeren Hangneigungen möglich, ab etwa 25°. Bei Hangneigungen über 50° sind Schneebrettlawinen selten, bei diesen Hangneigungen treten in der Regel vorher Lockerschneelawinen auf.

Der Ausdruck Schneebrett lässt zunächst an eine harte Beschaffenheit denken. In der Realität kommen jedoch auch in sehr weichem, schwer erkennbarem Triebschnee flächige Lawinenauslösungen vor: Der Begriff beschreibt lediglich, dass eine ganze Schneemasse auf einmal losfährt, auch ohne dabei zwingend einen festen Körper zu bilden. In wissenschaftlichen Studien wird untersucht, wie sich in Schwachschichten Brüche ausbreiten, sodass ein ganzer Hang auf einmal abbricht. Mit der Bewegung zerbricht das Brett dann in kleinere Teile, die sich im Auslauf übereinander schieben, verdichten und als eine verfestigte Ablagerung (oder ein Lawinenkegel) liegen bleiben.

Es wird zwischen trockenen und nassen Schneebrettlawinen unterschieden.

Lockerschneelawinen mini|Lockerschneelawinen in felsdurchsetztem Hang Eine Lockerschneelawine ist durch einen punktförmigen Anriss gekennzeichnet. Durch eine Kettenreaktion wächst die Lawine. Solche Lawinen kommen vor allem in unverfestigtem Schnee vor. Es wird weiter in trockene Lockerschneelawinen und in nasse Lockerschneelawinen (oberflächliche Nässung) unterteilt. Lockerschneelawinen verlangen – wegen der zur Fortpflanzung der Bewegung notwendigen Energie – eine etwas höhere Hangneigung als Schneebrettlawinen. Ein häufiges Auftreten wird bei etwa 40–60° Hangneigung beobachtet.

Staublawinen mini|Staublawine Staublawinen entstehen, wenn eine große Schneemasse einen steilen Hang hinabstürzt und dabei weiteren Schnee aufnimmt. Der Schnee wird aufgewirbelt, sodass ein Schnee-Luft-Gemisch (Aerosol) entsteht. Eine Staublawine kann eine Geschwindigkeit von über 300 km/h erreichen.Werner Munter: 3×3 Lawinen – Risikomanagement im Wintersport. 4., völlig neu bearbeitete Auflage. Verlag Pohl & Schellhammer, Garmisch-Partenkirchen 2009, S. 37.

Einher mit der Staublawine gehen gewaltige Luftdruckschwankungen (Druck vor der Front, dahinter Sog), die sehr gefährlich sind. Durch diese Druckschwankungen, die den Bedingungen in einem Wirbelsturm gleichen können, kommt es zu den großen Zerstörungen. Bäume werden abgeknickt, Hausdächer weggerissen und Fenster eingedrückt, wodurch Schnee in das Haus eindringt. Gelangt das Schnee-Luft-Gemisch in die Lunge von Menschen oder Tieren, so kann dies nach kurzer Zeit zum Tode durch Ersticken führen. Zudem ist der Fließanteil von Staublawinen gefährlich, da er zu Verschüttungen führen kann.

Eislawinen Eislawinen, auch Gletscherlawinen genannt, können eine Folge langsamer Gletscherbewegungen sein. Das Gletschereis bewegt sich bis zum Rand eines Abbruchs und stürzt in einzelnen Brocken darüber hinaus. Dies gleicht zunächst mehr einer Steinlawine als den bekannten Schneelawinen, doch dann werden die herabstürzenden Eisbrocken beim Aufprall in feine Schneepartikel zerschlagen und sind kaum mehr von einer Fließlawine zu unterscheiden. Von Eislawinen spricht man auch, wenn in einem Gletschersturz große Eismassen an einer Abbruchkante oder einem Steilhang plötzlich abgehen.

Fließlawinen Diese sind berechenbare Grundlawinen, die vor allem im Frühjahr bei Tauwetter losbrechen. Der weiche Schnee verliert schneller an Haftung und rutscht den Berg herunter.

Ober- und Grundlawinen mini|Grundlawine an der Auerspitz

Die oben genannte Einteilung kann noch verfeinert werden: Von einer Oberlawine spricht man, wenn die obere Schneeschicht auf der darunter liegenden abrutscht. Gleitet dagegen die gesamte Schneedecke talwärts, sodass freigelegter Boden sichtbar wird, bezeichnet man die Lawine als Grundlawine (seltener als Bodenlawine).

Hang- und Tallawinen Hanglawinen erreichen im Gegensatz zu Tallawinen nicht den Fuß des Hangs (bzw. das Tal), sondern kommen im Hang zum Stillstand.

Entstehung mini|Lawinenkegel auf dem Simplonpass (2019) An der Entstehung einer Lawine sind viele Faktoren beteiligt, die sich gegenseitig verstärken oder abschwächen können. Man kann die Entstehung einer Lawine nicht unabhängig von der Art der Lawine betrachten, da es sich z. B. bei Schneebrettern und Nassschneelawinen um ziemlich unterschiedliche Prozesse handelt. Auch die Gefahrenbeurteilung erfolgt darum je nach Lawinenart unterschiedlich. Das Verständnis dieser Entstehungsfaktoren ist die notwendige Grundlage für die Risikobeurteilung und für die Erstellung eines Lawinenbulletins.

Neuschneemenge Eine große Menge Neuschnee innerhalb kurzer Zeit erhöht die Lawinengefahr. Während bei sehr günstigen Verhältnissen bis zu 50 cm Neuschnee fallen können, bevor die Lawinengefahr ansteigt, können bei ungünstigen Verhältnissen schon 10 cm Neuschnee gefährlich werden. Unter ungünstigen Verhältnissen versteht man sehr tiefe Temperaturen, starken Wind und eine bestehende instabile Schneedecke.

Neigung des Geländes mini|Ein Lawinenkegel nach dem Abschmelzen Die Gefahr eines Lawinenabgangs besteht vor allem bei Hangneigungen zwischen 30° und 50°, wobei eine stärkere Hangneigung einen Lawinenabgang im Allgemeinen begünstigt – vergleiche hierzu die Kräfte an der Schiefen Ebene. Maßgeblich ist die steilste – ungefähr 10 m × 10 m große – Stelle im Hang. Unter 25° Hangneigung entstehen Lawinen nur sehr selten, beziehungsweise nur unter besonderen Umständen. Bei 60° Hangneigung oder mehr sind Lawinen fast unmöglich, da der Schnee schon früh und spontan abrutscht; bedeutende Schneemengen können sich daher gar nicht ansammeln.

Die Neigung des Geländes ist auch bezüglich der Sonneneinstrahlung relevant: Fällt das Licht mehr oder weniger rechtwinklig auf den Boden, dann nimmt der Schnee mehr Wärme auf, als wenn die Sonne in flachem Winkel auf den Schnee scheint. Dies spielt zum Beispiel bei Nassschneelawinen eine Rolle.

Hanglage Eine wesentliche Rolle spielt die Hanglage. Nord-Hänge sind (in nördlichen Breiten) der Sonneneinstrahlung am wenigsten ausgesetzt, wodurch sich die Stabilisierung der Schneedecke verlangsamt und Gefahrenstellen länger konserviert werden. Umgekehrt sind Südhänge im späten Winter heikler, da größere Wärme Nassschneelawinen begünstigt.

Je nach Windsituation sammelt sich Triebschnee auch an spezifischen Hanglagen.

Bodenbedeckung Die Bodenbedeckung ist ein weiterer Faktor, der die Entstehung von Lawinen beeinflusst. Dichter Wald kann den Abgang von Schneebrettern erschweren, umgekehrt begünstigt Altgras u. ä. den Abgang von Grundlawinen, eingeschneiter Reif oder Eisschichten begünstigen Oberlawinen. Der Wald kann das Anreißen von Lawinen verhindern, aber große Staublawinen nicht stoppen.

Triebschnee