mini|hochkant|Johann Gerhard Oncken
Johann Gerhard Oncken (* 26. Januar 1800 in Varel; † 2. Januar 1884 in Zürich) ist der Begründer der deutschen sowie der meisten kontinentaleuropäischen Baptistenbünde. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf und erlernte in England den Beruf eines Kaufmanns. Dort begegnete er der methodistischen Erweckungsbewegung. Als überzeugter Christ kehrte er noch als junger Mann nach Deutschland zurück. In Hamburg eröffnete er eine christliche Buchhandlung und begann mit einer Missionsarbeit unter Seeleuten. Gemeinsam mit einem evangelisch-lutherischen Pfarrer gründete er im Hamburger Stadtviertel St. Georg eine Sonntagsschularbeit. Diese wurde eine der Keimzellen der später von Johann Hinrich Wichern ins Leben gerufenen Inneren Mission. 1834 wandte Oncken sich dem Baptismus zu und wurde in der Folgezeit zu einem der bedeutenden Gründer evangelischer Freikirchen im Europa des 19. Jahrhunderts.
Anfänge mini|hochkant|Hotel Victoria in Varel Johann Gerhard Oncken wurde im Haus seines Großvaters, des Perückenmachers Johannes Vaubel, geboren. An der Stelle seines Geburtshauses in der Vareler Langen Straße 27 steht heute das Geschäftshaus Hruschka. Die Mutter Anna Elisabet Vaubel lebte bei ihren Eltern, weil der Vater ihres Sohnes sie verlassen hatte und aus politischen Gründen nach England ausgewandert war. In einem Schreiben, das an den Pastor der lutherischen Gemeinde Varels adressiert ist, erklärte sich Gerhard Oncken als Vater des Kindes.Günter Balders: Theurer Bruder Oncken. Das Leben Johann Gerhard Onckens in Bildern und Dokumenten. Wuppertal / Kassel 1978, S. 7. Oncken wuchs vaterlos auf. Da seine Mutter für den Lebensunterhalt zu sorgen hatte, wurde er unter der Obhut seiner Großeltern erzogen. Schon früh arbeitete er in der Gaststätte Zum weißen Roß (heute: Hotel Victoria) als Billardjunge und Kellner. Hier lernte er 1814 den englischen Kaufmann John Walker Anderson kennen. Dieser nahm den aufgeweckten Jungen als Auszubildenden mit – zunächst nach Hamburg und später nach Leith, einem Vorort von Edinburgh in Schottland. Während seiner kaufmännischen Lehre begleitete der junge Oncken seinen Lehrherrn auf vielen Reisen nach England, den Niederlanden und Frankreich.
In England kam Oncken um 1819 mit sogenannten „erweckten“ Kreisen in Berührung, empfing hier in Familienandachten und GottesdienstenNiko Derksen: Johann Gerhard Oncken – Ein Leben fürs Evangelium, Website voh-missionswerk.de, 29. April 2026, abgerufen am 26. September 2026 für seinen späteren Weg „entscheidende Eindrücke presbyterianischer sowie methodistischer Frömmigkeit“Otto Eggenberger: Artikel Oncken, Johann Gerhard (1800–1884). In: RGG³, IV. Band, S. 1631. und kehrte als überzeugter Christ nach Deutschland zurück. Oncken nahm seinen Wohnsitz in Hamburg und wirkte ab 1823 als Schriftenmissionar der britischen Bibelgesellschaft Continental Society for Promoting the Gospel.Henry Clay Vedder: Eine kurze Geschichte der Baptisten. Hamburg 1896, S. 137. Seine kirchliche Heimat fand er zunächst in der independenten englisch-deutschen Gemeinde, die sich bis zum Bau ihres Gotteshauses am Johannisbollwerk (1827) im Haus ihres Pastors Matthews versammelte.Günter Balders: Theurer Bruder Oncken. Das Leben Johann Gerhard Onckens in Bildern und Dokumenten. Wuppertal / Kassel 1978, S. 25.
Missionar in Hamburg und Nordwestdeutschland mini|hochkant|Hamburger Bürgereid, von Oncken geleistet
Oncken begann mit einer Missionstätigkeit unter Seeleuten und Kindern aus sozial schwachen Familien. Im Herbst 1824 gründete er mit dem evangelisch-lutherischen Pastor Rautenberg einen Sonntagsschulverein, der am 9. Januar 1825 im Hamburger Stadtteil St. Georg eine Sonntagsschule eröffnete, um die ärmsten Kinder sowohl im christlichen Glauben als auch im Lesen und Schreiben zu unterrichten.Regina Bohl: Die Sonntagsschule in der Hamburger Vorstadt St. Georg. In: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte, Nr. 67 (1981), S. 138. Die Sonntagsschularbeit hatte Oncken während seines Aufenthalts in England kennen gelernt. Die Hamburger Sonntagsschule wurde zur Keimzelle des Kindergottesdienstes und der von Johann Heinrich Wichern begründeten Inneren Mission. Auch in Bremen versuchte Oncken den Aufbau einer Sonntagsschule. Er beantragte deshalb beim Bremer Senat, „Sonntagsschule für arme Kinder nach der Weise derer einzurichten, wie sie unter der Leitung des Predigers Rautenberg zu St. Georg zu Hamburg […] bestehen“.Wittheits-Protocoll de 1826, Oct. 11. zitiert nach Gregor Helms, Karl Söhlke u. a.: 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) in Bremen und umzu, Bremen 1995, S. 28. Dieser Antrag führte in der Folgezeit zu Diskussionen in verschiedenen Gremien und löste auch einen Briefwechsel zwischen dem Bremer Bürgermeister Smidt und seinem Hamburger Kollegen Bartels aus. Ein abschlägiger Bescheid des Bremer Senats erfolgte am 20. Oktober 1826. Gleichzeitig wurde die „Polizeydirection“ beauftragt, „für die ungesäumte Fortschaffung des Genannten [Oncken] Sorge zu tragen“.Gregor Helms, Karl Söhlke u. a.: 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) in Bremen und umzu, Bremen 1995, S. 30. Dieser Anordnung wurde aber offensichtlich nicht Folge geleistet. Belegt ist, dass Oncken sowohl am 30. November als auch am 4. Dezember desselben Jahres „vor vielen Hundert Bremern“ predigte.Tagebuchnotizen Onckens vom 1. und 5. Dezember 1826; abgedruckt bei Gregor Helms, Karl Söhlke u. a.: 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) in Bremen und umzu, Bremen 1995, S. 30–32.
Ein weiterer Zweig seines frühen missionarischen Wirkens war die evangelistische Literaturarbeit, auch Schriftenmission genannt. Ausgangsbasis war dabei die bereits erwähnte britische Continental Society, in deren Dienst der junge Oncken stand und die „durch evangelistische Verkündigung und Schriftenmission dem in Europa vorherrschenden Rationalismus gegensteuern wollte“.Gregor Helms, Karl Söhlke u. a.: 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) in Bremen und umzu, Bremen 1995, S. 28. Sie kooperierte mit der 1820 in Hamburg durch englische Staatsbürger gegründeten Niedersächsischen Traktat-Gesellschaft, der Oncken sich nach 1823 anschloss und zu deren Sekretär er alsbald berufen wurde.Joseph Lehmann: Geschichte der deutschen Baptisten. Erster Teil, Hamburg 1896, S. 26. In dieser Eigenschaft unternahm er viele Missionsreisen innerhalb des nordwestdeutschen Raumes, darunter ins Amt Ottersberg, nach Bremen und Ostfriesland. Sowohl seine Kontakte, die er auf diesen Reisen knüpfte, als auch die von ihm unterwegs gehaltenen Predigten und dabei verteilten Schriften wurden zum Ausgangspunkt späterer baptistischer Gemeindegründungen, die nach 1834 in Nordwestdeutschland erfolgten.Siehe dazu Margarete Jelten: Unter Gottes Dachziegel. Anfänge des Baptismus in Nordwestdeutschland. Bremerhaven 1984, S. 17–38.
Bis 1828 wurde Johann Gerhard Oncken, der ja gebürtig aus dem zum Großherzogtum Oldenburg gehörenden Varel stammte, in der Hansestadt Hamburg als Ausländer geführt. Seine Arbeit als Schriftenmissionar einer zudem ausländischen Gesellschaft war deshalb permanent gefährdet. Die gottesdienstlichen Versammlungen, zu denen Oncken einlud und die er leitete, waren nach damaligem Gesetz ohnehin illegal. Durch die Vermittlung Hinrich Christoph Schröders, eines „Ältermannes des Schneiderhandwerks“, erhielt Oncken jedoch völlig überraschend und trotz einiger Aktenvermerke bei der Polizei das Hamburger Bürgerrecht. Am 25. April 1828 durfte er den Bürgereid leisten und erhielt damit größere berufliche und persönliche Freiheiten, die er für seine Missionsarbeit auch zu nutzen wusste.Günter Balders: Theurer Bruder Oncken. Das Leben Johann Gerhard Onckens in Bildern und Dokumenten. Wuppertal / Kassel 1978, S. 32 f.
Im Jahr 1828 gründete Oncken, nun mit dem Bürgerrecht ausgestattet, in Hamburg eine Versandbuchhandlung in der Nähe der St. Michaelis-Kirche.Die Buchhandlung, in deren Obergeschoss Oncken auch wohnte, befand sich an der Englischen Planke 7. Siehe dazu: Günter Balders: Theurer Bruder Oncken. Das Leben Johann Gerhard Onckens in Bildern und Dokumenten. Wuppertal / Kassel 1978, S. 37. Er betrieb sie in Zusammenarbeit mit der schottischen Edinburger Bibelgesellschaft, die auch als Namensgeberin des Geschäftes fungierte. Ziel des Unternehmens war es, die auf Onckens Missionsreisen gewonnenen Interessenten mit christlicher Literatur zu beliefern und gleichzeitig die Schriftenmission zu intensivieren. Die Versandbuchhandlung wurde zur Keimzelle des späteren Oncken-Verlages.Günter Balders: Kurze Geschichte der deutschen Baptisten. In: Günter Balders (Hrsg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland. 2. Auflage. Wuppertal / Kassel 1985, S. 21.
Die missionarischen Aktivitäten des jungen Oncken erweckten Aufsehen. In Hamburg wurde „der neue englische Glaube“ zum Stadtgespräch und rief die Behörden, darunter das Geistliche Ministerium, auf den Plan.Günter Balders: Kurze Geschichte der deutschen Baptisten. In: Günter Balders (Hrsg.): Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe. 150 Jahre Baptistengemeinden in Deutschland. 2. Auflage. Wuppertal / Kassel 1985, S. 20. Bereits 1824 wurde Oncken dort zum ersten Mal polizeilich vernommen. Es folgten „achtzehn bis 20 Citationen […], welche mich unablässig vor die Schranken der Polizei forderten“.Aus den Lebenserinnerung Johann Gerhard Onckens; zitiert nach Gregor Helms, Karl Söhlke u. a.: 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) in Bremen und umzu. Bremen 1995, S. 22. Auch im Königreich Hannover gab es eine Reihe von Anzeigen „betreffend das unbefugte Predigen eines Mißionairs“.So zum Beispiel durch den evangelisch-lutherischen Pastor Gebhardt (Grasberg); siehe dazu Gregor Helms, Karl Söhlke u. a.: 150 Jahre Evangelisch-Freikirchliche Gemeinden (Baptisten) in Bremen und umzu. Bremen 1995, S. 23.
Oncken wird Baptist mini|hochkant|Steinwärder – Taufort der ersten Hamburger Baptisten
Durch das intensive Studium der Bibel wuchs in Oncken die Einsicht, dass eine christliche Kirche nur aus solchen bestehen kann, die sich persönlich für ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi entschieden haben und sich aufgrund dieser Entscheidung taufen lassen. Eine Bindung der Kirche an den Staat hielt er fortan für unbiblisch. Mit seinen Fragen, die sich ihm aufgrund dieser Erkenntnisse stellten, wandte er sich 1829 an Robert Haldane (1764–1842), den Mitbegründer der Continental Society. Haldane riet ihm zur Selbsttaufe und verwies dabei auf John Smyth, den englischen Kongregationalisten und Mitbegründer der baptistischen Bewegung.Wayne Allan Detzler: Artikel Johann Gerhard Oncken’s Long Road to Toleration. In: JETS, 36/2 (Juni 1998), S. 229. (PDF; 2,0 MB); abgerufen am 29. November 2011. Da aber das Neue Testament kein Beispiel einer Selbsttaufe verzeichnet, lehnte Oncken Haldanes Ratschlag ab. Auch das Angebot eines englischen Baptistenpredigers, ihm eine Reise nach Großbritannien zu finanzieren und ihn dort zu taufen, nahm Oncken nicht an. Zwar gab es in Hamburg einen taufgesinnten Kreis, der sich um einen Herrn von Lücken gebildet hatte. Die Möglichkeit, dort die Gläubigentaufe zu empfangen, kam für Johann Gerhard Oncken aber nicht infrage. Der Lücken’sche Kreis vertrat im Gegensatz zu Oncken, der durch seine kirchlichen Kontakte in Schottland der calvinistischen Erwählungslehre zugeneigt war, die Lehre von der Allversöhnung.Günter Balders: Theurer Bruder Oncken. Das Leben Johann Gerhard Onckens in Bildern und Dokumenten. Wuppertal / Kassel 1978, S. 39.