mini|hochkant=1.5|Kleinasien in der römischen Antike mini|hochkant=1.5|Ausdehnung des Herrschaftsgebietes Lydiens in der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. unter König Kroisos. Die rote Grenzlinie zeigt eine leicht abweichende Fassung des rekonstruierten Grenzverlaufs.

Lydien (; lateinisch Lydia; auch Mäonien) ist der Name einer Landschaft im Altertum. Sie befand sich an der Mittelmeerküste Kleinasiens in der heutigen Türkei gegenüber den der Küste vorgelagerten Inseln Lesbos, Chios und Samos. Das Gebiet erstreckte sich um das heutige Izmir bis etwa Alaşehir ins Landesinnere. In homerischer Zeit wurde das Gebiet von den Griechen Mäonien genannt. Es wurde vom Volk der Lyder (Mäonen) bewohnt.

Geografie Hinsichtlich der Grenzen bestand schon in der Antike Unklarheit.Strabon, Geographika 13, 1, 3. Das ist zum Teil auf die verschiedenen Bezugsobjekte zurückzuführen: Die Grenzen des lydischen Königreichs bzw. Kerngebiets, des lydischen Kulturraumes, des lydischen Großreichs, der persischen Satrapie und der späteren Provinz der Diokletianischen Reform können sich ganz erheblich voneinander unterscheiden. Andererseits ist man auf eine sehr dünne Belegdecke angewiesen (etwa bei den Grenzen des Kulturraumes) und ganz generell auf unklare Beschreibungen. Plinius der Ältere gibt eine knappe und gleichermaßen vage Beschreibung des Landes: Zentrum des Kernlandes waren der Berg Tmolos, an dem die Hauptstadt Sardes lag, der Gygische See (heute: Marmara Gölü) und die umgebende fruchtbare Ebene entlang des Hermos (heute: Gediz). Im Süden grenzte Lydien an Karien, im Osten an Phrygien, im Norden an Mysien und reichte im Westen über Ionien hinaus.Plinius der Ältere, Naturalis historia 5, 110. Sieht man von der westlichen Grenze zu Ionien ab, so gilt die Beschreibung als korrekt. Konkret gab es keine klaren Grenzlinien, sondern Grenzzonen. Als gesichert kann die Grenzzone im Süden gelten: Im Mäander-Tal siedelten gleichermaßen Lyder und Karier. Im Nordosten, quasi zwischen Lydien, Mysien und Phrygien lag der Berg Dindymos. Die Grenzzone zwischen Lydien und Phrygien wird vermutlich an den Flussläufen zwischen Dindymos und Mäander entlanggelaufen sein, die Grenzzone zwischen Lydien und Mysien vermutlich den Murat-Dağı-Zug entlang; wie weit ist unklar. Die Grenze zwischen Ionien und Lydien ist völlig unklar, doch der Sipylos scheint ein Grenzpunkt gewesen zu sein.Christopher H. Roosevelt: The Archaeology of Lydia, From Gyges to Alexander. Cambridge u. a. 2009, Chapter 3: Lydian Geography and Environment, S. 33–58. Ladislav Zgusta rechnet das Küstengebiet dagegen weitgehend zu Lydien statt zu Ionien; er ist allerdings auch an den kulturellen Ursprung von Orten und weniger der politisch-rechtlichen Situation interessiert.Ladislav Zgusta: Kleinasiatische Ortsnamen. Heidelberg 1984, S. ?.

Geschichte Periodisierung In der Vergangenheit wurden sehr unterschiedliche, in sich uneinheitliche Periodisierungsschemata verwendet, in denen sich archäologische und historische Kategorien abwechselten.Zum Beispiel George M. A. Hanfmann: Sardis und Lydien. Mainz/Wiesbaden 1960. Roosevelt hat in jüngerer Zeit ein einheitliches Schema entwickelt, um den methodischen Schwierigkeiten zu begegnen.Christopher H. Roosevelt: The Archaeology of Lydia, From Gyges to Alexander. Cambridge u. a. 2009, Chapter 2: The Cultural and Historical Framework, S. 11–13. Dieses Schema soll hier verwendet werden, leicht angepasst, um dem erweiterten Rahmen gerecht zu werden.

Prälydische Zeit (vor dem 12. Jahrhundert v. Chr.) Für das Hermos-Tal lässt sich bereits für die Altsteinzeit eine Bevölkerung nachweisen, deren Techniken auf Verbindungen zur Levante und Europa verweisen. Für die Kupfersteinzeit lässt sich eine hohe kulturelle Kontinuität feststellen, allerdings mit einer Ausrichtung nach Zentralanatolien. Die kulturelle Kontinuität besteht auch in der Bronzezeit, doch die Bevölkerung nahm erheblich zu, die materielle Kultur wurde niveauvoller und der Warenaustausch in West- und Zentralanatolien nahm ebenso wie der Fernhandel zu.Christopher Roosevelt: Lydia Before the Lydians. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 47–56. Spätestens für die Bronzezeit lässt sich eine Besiedelung des Gebiets mit einer luwisch sprechenden Bevölkerung nachweisen.Maciej Popko: Völker und Sprachen Altanatoliens. Wiesbaden 2008, S. 65–72 (3. Anatolische Völker und Sprachen, 3.1 Im 2. Jahrtausend v. u. Z., 3.1.3. Die Luwier), genauer und aktueller: H. Craig Melchert (Hrsg.), The Luwians. Brill, Leiden 2003. In der späten Bronzezeit wurde die luwische, politisch-kulturelle Entität Arzawa im westanatolischen Raum zur bedeutendsten Macht, bis sie im 14. Jahrhundert v. Chr. dem Hethiterreich endgültig unterlag. Nachfolgestaaten im späteren lydischen Gebiet wurden Mira und besonders das Seha-Flussland, die allerdings Vasallen der Hethiter waren. Das Machtzentrum von Seha lag in vier Zitadellen am Gygischen See.Christopher Roosevelt: Lydia Before the Lydians. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 52–53. Nach dem Zerfall des Hethiterreiches im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. werden die Informationen zu dem Gebiet für einige Jahrhunderte rar.

Frühlydische Periode (etwa 12. bis 7. Jahrhundert v. Chr.) Wann sich die Lyder als eigene Entität konsolidierten, bleibt Gegenstand der Forschungsdiskussion, denn die Quellen zeichnen nur ein sehr unklares, mythisch verbrämtes Bild. Es ist gerade hinsichtlich der historischen Quellen stets sehr schwierig zu entscheiden, ob ein Bericht reiner Mythos ist oder einen wahren Kern enthält.

Der historische Befund liefert die zentrale Unklarheit. Der Begriff Lydien selbst taucht zum ersten Mal um das Jahr 664 v. Chr. in den assyrischen Berichten des Rassamzylinders auf: Dort heißt es, dass König Gugu von Luddu (Gyges von Lydien) Kontakt zum König Assurbanipal aufnahm.Christopher H. Roosevelt: The Archaeology of Lydia, From Gyges to Alexander. Cambridge u. a. 2009, Chapter 2: The Cultural and Historical Framework, S. 23. Allerdings erwähnt Homer die Bewohner der Gegend in der Ilias – dort heißen sie Maionier.Homer, Ilias 2, 864–866; 5, 43–44. Schon in der Antike wurden die Maionier mit den Lydern identifiziert.Herodot 1, 7; Plinius der Ältere, Naturalis historia 5, 110. Herodot berichtet, dass vor der Machtübernahme durch Gyges und der Mermnaden-Dynastie die Herakliden-Dynastie für 505 Jahre die Lyder beherrschte;Herodot 1, 7. die Fragmente des Xanthos berichten ebenfalls von der Herakliden-Dynastie.Hans Diller: Zwei Erzählungen des Lyders Xanthos. In: Navicula Chiloniensis. Studia philologa Felici Jacoby professori Chiloniensi emerito octogenario oblata. Brill, Leiden 1956, S. 66–78. Auch die These der großen Emigration des später als Etrusker bekannten Teils der Bevölkerung wird mit diesem Zeitraum verknüpft,Herodot 1, 94. und schon in der Antike angezweifelt.Dionysios von Halikarnassos, Geschichte Roms 1, 30, 1. Der archäologische Befund ist uneindeutig. Einerseits zeichnet sich eine deutliche Kontinuität in der materiellen Kultur von der luwischen bis in die eindeutig lydische Zeit ab, andererseits finden sich im 12. Jahrhundert v. Chr. erhebliche Zerstörungen und ein Wechsel des Machtzentrums von den vier Zitadellen des Gygischen Sees hin zur Akropolis von Sardes am Tmolos. Die Reste dieser Stadt liegen etwa zehn Kilometer westlich vom heutigen Salihli in der westtürkischen Provinz Manisa. Der Befund deutet ebenfalls darauf hin, dass die dominante Sprache in der Zeit vor Gyges und nach dem Zusammenbruch des Hethiterreiches das Lydische war, die von Homer als Maionier bezeichneten Menschen also Träger der lydischen und nicht der luwischen Sprache waren.Christopher Roosevelt: Lydia Before the Lydians. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 57–60. Der linguistische Befund weist darauf hin, dass die lydische Sprache einerseits eng mit den indogermanischen Sprachen Luwisch und besonders Hethitisch verwandt ist, aber andererseits auch klar distinkt ist. Vor dem 12. Jahrhundert waren die Träger dieser Sprache anscheinend im nordwestlichen Raum Anatoliens ansässig.Onofrio Carruba: Lydisch und Lyder. In: Mitteilungen des Instituts für Orientforschung. 8 (1963), S. 381–408 und H. Craig Melchert: Lydian Language and Inscriptions. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 269–270. Hinsichtlich der Herrschernamen spricht einiges für eine Nähe zu den Hethitern: Sadyattes, Alyattes u. a. nutzen denselben Stamm wie Madduwatta, der Hethitervasall.John Griffiths Pedley: Sardis in the Age of Croesus. Norman 1968 (The Centers of Civilization Series), I. Sardis and Lydia, S. 27 und Dolores Hegyi: Wandlungen der lydischen Politik und Religion zu Gyges' Zeit. In: Acta Academiae. Scientiarum Hungaricae. 43 (2003), S. 4. Allerdings gibt es eine gewisse Kontinuität luwischer Namen hinsichtlich der Bezeichnung der Landmarken.Christopher Roosevelt: Lydia Before the Lydians. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 58. Beekes setzt sich plausibel dafür ein, dass das Wort für „lydisch“ vom Wort für „luwisch“ abgeleitet ist.Robert Beekes: Luwians and Lydians. In: Kadmos. 42 (2003), S. 47–49. Der genetische Befund weist darauf hin, dass die Bewohner des Seha-Flusslands des 3. Jahrtausends v. Chr. eng mit den späteren Lydern verwandt waren.Christopher H. Roosevelt: The Archaeology of Lydia, From Gyges to Alexander. Cambridge u. a. 2009, Chapter 2: The Cultural and Historical Framework, S. 13–14. Daraus lässt sich folgende Hypothese ableiten: Zur Zeit der Hethiterherrschaft lebten die Träger der lydischen Sprache (Prälyder) im Nordwesten Anatoliens, während im Hermos-Tal, am Gygischen See und dem Tmolos Träger der luwischen Sprache (Luwier) lebten. Etwa zeitgleich mit dem Zerfall der Hethiterherrschaft wanderten die Phryger in Kleinasien ein und drängten die Prälyder in den Süden ab, wo sie sich besonders am Tmolos festsetzten.Robert Beekes: Luwians and Lydians. In: Kadmos. 42 (2003), S. 47–49 und H. Craig Melchert: Lydian Language and Inscriptions. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 266–272. Die im griechischen Raum als Maionier bekannten Prälyder errichteten vermutlich im 12. Jahrhundert eine Herrschaft über die epichoren Luwier,John Griffiths Pedley: Sardis in the Age of Croesus. (The Centers of Civilization Series). Norman 1968, I. Sardis and Lydia, S. 34, erneuert bei Dolores Hegyi: Wandlungen der lydischen Politik und Religion zu Gyges' Zeit. In: Acta Academiae. Scientiarum Hungaricae. 43 (2003), S. 1–14. die jedoch nicht besonders fest war.Christopher H. Roosevelt: The Archaeology of Lydia, From Gyges to Alexander. Cambridge u. a. 2009, Chapter 7: Conclusions: Continuity and Change at Sardis and Beyond, S. 191–194. Üblicherweise wird hier der Beginn der frühlydischen Periode angesetzt.Christopher H. Roosevelt: The Archaeology of Lydia, From Gyges to Alexander. Cambridge u. a. 2009, Chapter 2: The Cultural and Historical Framework, S. 13–22, und Bis zum Auftreten des Gyges waren die Luwier und Maionier dann weitgehend zu Lydern verschmolzen.H. Craig Melchert: Lydian Language and Inscriptions. In: Nicholas D. Cahill (Hrsg.): The Lydians and their World. Istanbul 2010, S. 266–272.Indes ist die von Josef Keil für unentscheidbar gehaltene Frage, ob die Lyder ein Stamm der Phryger waren, wohl entschieden: Schon Pedley war hinsichtlich dieser These sehr skeptisch,John Griffiths Pedley: Sardis in the Age of Croesus. (The Centers of Civilization Series). Norman 1968, I. Sardis and Lydia, S. 21–37. in der aktuellen Forschung spielt sie keine Rolle mehr.

Mittellydische Periode (etwa 7. Jahrhundert bis 547 oder 545 v. Chr.)