mini|Fahret Ishaq an ihrem Hochzeitstag mit Mitgiftkopfschmuck in der Stadt Ramallah im osmanischen Palästina. Ihre Kleidung ist mit Tatreez, der traditionellen palästinensische Stickkunst verziert (entstanden zwischen 1898 und 1914).Mia Gröndahl: The Dream of Jerusalem – Lewis Larsson and the American Colony Photographers, S. 134.
Als Palästinenser (seltener Palästiner, , von Philistaioi – Philister und oder Filasṭīn – Palästina) werden heute zumeist Arabisch sprechende Bewohner Palästinas bezeichnet, insbesondere die Bevölkerung des Westjordanlands und des Gazastreifens sowie die Nachkommen der 1948 im Palästinakrieg Geflohenen und Vertriebenen, die heute in der Diaspora leben. Nicht hinzugerechnet werden arabischsprachige Juden, die oder deren Vorfahren aus Palästina oder anderen Regionen der arabischen Welt stammen und in Palästina ansässig waren; sie werden in der Regel als palästinensische Juden, irakische Juden, marokkanische Juden etc. bezeichnet. Araber mit israelischer Staatsbürgerschaft werden oft als israelische Palästinenser, arabische Israelis oder israelische Araber bezeichnet. Im allgemeinen Sprachgebrauch in Israel wird Letzteres bevorzugt und Palästinenser vorwiegend zur Bezeichnung der Bürger der Palästinensischen Autonomiegebiete verwendet. Von 1920 bis 1948 galten alle Bewohner des britischen Mandatsgebiets Palästina unabhängig von ihrer Sprache und Religion in rechtlicher Hinsicht als Palästinenser. Ihre Selbst- und Fremdbezeichnungen jedoch variierten, meist wurde in der Bezeichnung von Gruppen und Individuen nach Konfession und Ethnie unterschieden in Briten, Juden und Araber oder Briten, Juden und arabische Christen und Muslime.
In der Selbstsicht der Araber der gesamten arabischsprachigen Welt unterscheidet man traditionell zwischen den einzelnen arabischen Regionen oder Nationen, etwa Marokkanern, Ägyptern und Jeminiten, und der arabischen Nation, die alle Araber zusammen bilden (siehe auch Umma). Zwischen diesen beiden Polen schwankt die Selbstwahrnehmung des Individuums. Traditionell wurde Palästina ebenso wie der Libanon als Teil eines größeren Syrien begriffen, mit dem die Bewohner Palästinas und des Libanons in vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bezügen standen, sodass keine klare Abgrenzung zu Syrien und einer syrischen Nation bestand (siehe auch „Bilad al-Scham“, Großsyrien).
Das Entstehen einer palästinensischen Identität wurde gefördert durch die politisch-rechtliche Abtrennung Palästinas (1920/1922) von Syrien im Zuge der Aufteilung der Region in eine britische und eine französische Einflusszone, die als Palästina bzw. Syrien bezeichnet wurden und aus denen in der Folge außerdem die gesonderten Territorien Jordaniens und Libanons hervorgingen. In welcher Ausprägung sich seither eine palästinensische Nationalidentität herausgebildet hat, ist in der Forschungsliteratur nicht eindeutig beschrieben. Im politischen und medialen Diskurs bezeichnen sich die Araber Palästinas heute durchweg als Araber und Palästinenser; mit Einschränkung trifft dies auf die israelischen Araber zu. In rechtlicher Hinsicht spielt außerdem die Staatsbürgerschaft eine Rolle; erhebliche Teile der palästinensischen Bevölkerung sind staatenlos oder Bürger Libanons, Jordaniens, Israels etc. und werden damit – zusammen mit den zuvor genannten Fremd- und Selbstbezeichnungen – auch als Libanesen, Jordanier, Israelis etc. wahrgenommen.
Begriffsgeschichte Der Begriff Palästina, von dem die Volksbezeichnung Palästinenser abgeleitet wurde, geht auf den Namen des Volkes der Philister zurück, die wahrscheinlich aus dem ägäischen Raum kamen und ein Teil der sogenannten Seevölker waren, die sich in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. teils im Nildelta, teils an der Mittelmeerküste des späteren Palästina (hier etwa zwischen Gaza und Jaffa) ansiedelten (siehe Pentapolis (Palästina)). In altägyptischen Quellen begegnet Pršt = Plst. Der Landschafts- oder Landesname „Philistäa“ in der Hebräischen Bibel erhielt durch die Masoreten (6.–10. Jahrhundert) die Lautung Peleschet.Peleschet gehört in der hebräischen Wortkunde formal zu den Segolata, vergleichbar mit sefer oder beged, die auf das ältere sipr(u) bzw. bigd(u) zurückgehen. Möglicherweise war die althebräische Aussprache vor und in der Königszeit (also der Zeit der Königreiche Israel und Juda) noch P(h)(i)lis(ch)t(u), was der griechischen Form nahekommt. Das von den Masoreten festgeschriebene Vokalisationssysstem, das Peleschet als Aussprache vorsieht, entstand im Mittelalter (6.–10. Jahrhundert) und bildet einen Lautstand des Hebräischen ab, der erst im Laufe der Antike in dieser Form entstanden ist, nicht jedoch für die Frühzeit Israels und des Hebräischen gegolten haben dürfte. Tatsächlich steht im Konsonantentext nur p(h)–l–s(ch)-t ohne Hinweis auf die im Wort enthaltenen Vokale. Auch die ägyptische Schrift bildet die Vokale nicht ab. Er wurde von den antiken Bibelübersetzungen ins Griechische (Septuaginta) und Lateinische (Vulgata) nicht verwendet, sondern durch „Philister“ (, Philistaei) ersetzt.Art. פְּלֶשֶׁת, in: Gesenius, 18. Aufl. 2013, S. 1058; die Ausnahme ist Philistea Jes 14,29.31 und Palestina in Hieronymus’ Übersetzung des psalters aus dem Hebräischen. Bereits der griechische Historiker und Geograf Herodot verwendete im 5. Jahrhundert v. Chr. die Bezeichnung Syríē he Palaistínē () für den ganzen Küstenstreifen zwischen Phönizien und der Gegend um Gaza.Herodot, Historien 1,105; 2,106: ; 3,91; 4,39: ; zudem als Ortsbezeichnung : 7,89; die Bewohner nennt er 3,5 , 2,104 und 7,89 . Dabei zog Herodot die Südgrenze Phöniziens vermutlich am Karmelgebirge, etwa bei der heutigen Stadt Haifa. Nach Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstands 135 n. Chr. und der Vertreibung der Juden benannten die Römer die Provinz Judäa in Syria Palaestina um.Dieter Vieweger: Streit um das Heilige Land. Was jeder vom israelisch-palästinensischen Konflikt wissen sollte. Gütersloher Verlagshaus, 5. Auflage, Gütersloh 2015, ISBN 978-3-579-06757-5, S. 28. Davon ausgehend taucht im christlich-europäischen Schrifttum Palästina in zahlreichen lateinischen Quellen des Mittelalters und in der Folge auch in den europäischen Volkssprachen als gängiger Landschaftsname auf, jedoch ohne einen ethnischen Bezug.
Nach der arabischen Eroberung der Levante im 7. Jahrhundert n. Chr. war der Dschund Filasṭīn (, „Militärbezirk Palästina“) ein Militärbezirk der Umayyaden und später der Abbasiden in der Provinz Bilad asch-Scham (Großsyrien). Er entsprach etwa dem Gebiet, das bis dahin den wichtigsten Teil der byzantinischen (oströmischen) Provinz Palästina Prima gebildet hatte. Der Dschund Filasṭīn bestand aus elf Verwaltungsbezirken, sogenannten Kura, die jeweils von einer zentralen Stadt aus regiert wurden. Der Begriff des Militärbezirks Palästina wurde 630 n. Chr. eingeführt und bestand bis zum 11. Jahrhundert. Auch er implizierte keine ethnische Definition.
Im Zionismus wurde das Land, das man seit dem Zionistenkongress von 1897 als eine mögliche jüdische Heimstätte anstrebte, zunächst noch unbefangen Palästina genannt, bis man sich Mitte des 20. Jahrhunderts des ursprünglich antijüdischen Tenors der römischen Bezeichnung stärker bewusst wurde und zudem seit den 1970er Jahren Propagandisten eines Großisrael, d. h. einer Annexion aller Gebiete Palästinas an den jüdischen Staat, im innerisraelischen Diskurs in den Vordergrund traten und geografische Benennungen im biblischen oder rabbinischen Duktus durchgesetzt wurden. Seitdem sprechen Zionisten vermehrt von Eretz Israel (Land Israel),Israel ist im Hebräischen zunächst kein Land, sondern das Volk Israel, d. h. das jüdische Volk; Israel ist hier in grammatischer Hinsicht ein Genitiv, und Eretz Israel bedeutet wörtlich: Land Israels, im Sinne von: Land des Volkes Israel. das jedoch als geografischer Begriff ebenso unscharf bleibt wie der traditionelle Palästinabegriff und rabbinisch, teilweise biblisch aufgeladen ist. Die biblische Bezeichnung Palästinas war ursprünglich Kanaan, während sich territoriale Ansprüche im Sinne eines Großisrael auf die nach biblischer Quellenlage weitest belegte Ausdehnung des Königreiches Israel (unter König David, 10. Jahrhundert v. Chr.) sowie auf talmudische Definitionen vom Heiligen Land stützen.
Die erstmalige Bezeichnung der in der Region Palästina lebenden Menschen als Filasṭīnī stammt offenbar von dem in Nazareth geborenen Übersetzer Khalil Beidas (1874–1949), der das Wort 1898 in seiner Übertragung einer Geschichte des Heiligen Landes vom Russischen ins Arabische benutzte. 1902 findet sich die Bezeichnung in den Artikeln zweier ägyptischer Journalisten. Nach der Revolution der Jungtürken 1908 verbreitete sie sich im arabischen Sprachraum.Zachary J. Foster, Emanuel Beška: The Origins of the term “Palestinian” (“Filasṭīnī”) in late Ottoman Palestine, 1898–1914. In: Academia Letters, Article 1884, (2021), https://doi.org/10.20935/AL1884, S. 1–22, hier S. ff.
Vom Völkerbund wurde der in der europäischen und arabischen Geschichtsschreibung eingebürgerte Begriff als Bezeichnung für das Mandatsgebiet gewählt, das nach dem Ersten Weltkrieg britischer Verwaltung unterstellt wurde. Alle Einwohner dieses Gebiets waren dem offiziellen Sprachgebrauch nach Palästinenser und als solche Untertanen der britischen Krone, auch wenn dieser Begriff sich auf anderen Ebenen (im innenpolitischen und gesellschaftlichen Diskurs) als allgemeinverbindlich nicht durchsetzte. Auch die britischen Mandatsbeamten nahmen die arabischen und jüdischen Untertanen unterschiedlich wahr: Die palästinensischen Stadtbewohner, deren Elite zumeist kein Englisch, sondern eher Französisch sprach, betrachteten sie als „Levantiner“ und belegten sie mit den dazugehörigen negativen Stereotypen. Sie waren in jedem Fall Kolonisierte und damit nicht Teil der herrschenden Klasse. Die jüdischen Einwanderer dagegen waren Europäer und konnten teilweise Englisch. Da sie, obwohl sie genauso Kolonisierte waren, gleichzeitig als Kolonisatoren auftraten und eine ähnliche zivilisatorische Mission wie die Briten zu vertreten beanspruchten, empfanden sie sich mit den Briten auf Augenhöhe oder ihnen überlegen.Gudrun Krämer: Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel. C.H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-47601-5, S. 201 ff.
Erste nationale Unabhängigkeitsbestrebungen in Palästina gab es von jüdischer Seite seit Ende des 19., von arabischer Seite spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts, wobei Palästina wie der Libanon oft noch als Teil Syriens betrachtet wurde. (Das Mandatsgebiet Palästina schloss anfangs Transjordanien ein; 1923 wurde es geteilt.) Im Faisal-Weizmann-Abkommen von 1919 wurden diese nationalen Bestrebungen formuliert. Die Einwohner Palästinas wurden in der Regel in Juden und Araber oder nach ihrer religiösen Zuordnung in Muslime, Christen und Juden eingeteilt, aber auch der Begriff „Palästinenser“ wurde für die Bewohner des Landes verwendet, oft mit dem Zusatz der Religion (jüdische Palästinenser usw.). „Palästinenser“ in seiner heutigen Bedeutung, also als Bezeichnung für die autochthone arabische Bevölkerung Palästinas und ihre Nachfahren, wurde in der Palästinensischen Nationalcharta der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) 1964 festgeschrieben.Ulrich W. Sahm nach E. Hausen: , Israelnetz.com, Nachrichten vom 16. Januar 2009. In UNO-Resolutionen war nur von „Palästinaflüchtlingen“ die Rede. Die diesbezüglichen Bestimmungen des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) beeinflussten die nachfolgende Neudefinition des Begriffs „Palästinenser“, unter dem man vor allem die aus Palästina Geflohenen verstand, während von den Arabern in Israel und in den 1948 von Jordanien und Ägypten besetzten Gebieten Palästinas in internationalen Darstellungen zunächst kaum die Rede war.