Das Pearl and Hermes Atoll, früher auch Pearl and Hermes Reef oder Pearl and Hermes Group, (hawaiisch: Holoikauaua) ist ein unbewohntes Atoll im Pazifischen Ozean das geographisch zu den nordwestlichen Hawaii-Inseln und politisch zum US-Bundesstaat Hawaii gehört.
Geographie Pearl and Hermes ist ein geologisch weit fortgeschrittenes Atoll, das zum Archipel der nordwestlichen Hawaii-Inseln zählt und zwischen Lisianski im Südosten und Midway im Nordwesten liegt. Das Atoll misst einschließlich der Lagune 32 × 18 Kilometer und hat eine Fläche von 447 km².NCCOS National Center for Oceanic Science, Data Collection, abgerufen am 20. November 2024 Der zentrale Vulkan, der einst die Atollbildung auslöste, ist vollständig unter dem Meeresspiegel versunken und es ist nur noch der – im Westen und Nordwesten unterbrochene – Kranz von Korallenriffen verblieben, dem mehrere Motus und Sandbänke aufsitzen. Deren Anzahl wechselt, da sie dynamische Landformen sind, die in erdgeschichtlich sehr kurzen Zeiträumen entstehen und wieder verschwinden. Kapitän Brooks von der Gambia zählte im Juli 1856 noch 12 Inseln bzw. Sandbänke.N. C. Brooks: Islands and Reefs West-North-West of the Sandwich Islands, Pacific. In: The Nautical Magazine and Naval Chronicle vom September 1860 Im Jahr 1915 beschrieb Carl Elschner, der mit dem Revenue-Kutter Thetis zum Pearl and Hermes Atoll kam, lediglich 6 InselnCarl Elschner: The Leeward Islands of the Hawaiian Group: Contributions to the Knowledge of the Islands of Oceania. Reprinted from the Sunday Advertiser, Honolulu 1915, und die Kartenskizze der Tanager-Expedition von 1924 zeigt nur 4 Inseln.Edwin H. Bryan: American Polynesia and the Hawaiian Chain. Tongg Publishing, Honolulu 1942 Heute umfasst das Atoll 5 Motus: North Island, Little North Island (eigentlich nur eine Sandbank), South East Island, Green oder Grass Island und Seal-Kittery Island.NOAA Nautical Chart 19461OG Pearl and Hermes Atoll vom 30. November 2024bathymetrische Karte bei: Timothy A Kearns, Joe Breman: Bathymetry – the art and science of seafloor modeling for modern applications. ESRI Press, Redlands (CA) 2010 Da alle Inseln aus Korallensand oder -trümmern aufgehäuft sind und sich nur wenige Meter über den Meeresspiegel erheben, kann sich ihre Anzahl nach dem nächsten Tsunami oder Hurrikan durchaus verändern.
North Island North Island liegt innerhalb des Riffkranzes in der Nordost-Ecke des Atolls. Die Insel ist ungefähr ellipsenförmig, ca. 270 m lang und 200 m breitMaße abgegriffen aus Google Earth, mit einem nach Südwesten weisenden Anhängsel, einer veränderlichen Sandbank, deren distaler Teil bei Flut unter Wasser liegt. Die dichte Vegetationsdecke, die sich in den letzten einhundert Jahren kaum verändert hat, besteht hauptsächlich aus robusten, salztoleranten Gräsern.
Little North Island Südlich von North Island befand sich bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Insel, Paul Simon Galtsoff vom US Fish and Wildlife Service vermerkte 1930 lediglich zwei kleine Sandbänke. Die POBSP-Expedition (Pacific Ocean Biological Survey Program) der Smithsonian Institution fand dort 1963 eine 1,5 m über dem Meeresspiegel liegende, sandige Insel vor, rund 330 m lang und 60 m breit. Sie trug eine lückenhafte, niedrige Vegetationsdecke aus vier Pflanzenarten.A. Binion Amerson, Roger C. Clapp, William 0. Wirtz: The Natural History of Pearl and Hermes Reef. Northwestern Hawaiian Islands. Atoll Research Bulletin No. 174, Smithsonian Institution, Washington 1974 Heute ist Little North Island erodiert und nur noch ein schmaler, vegetationsloser Sandstreifen.
links|mini|Schrägluftbild von Southeast Island Southeast Island Southeast Island ist mit 18,4 ha die größte Insel des Atolls und liegt, wie bereits der Name sagt, im Südosten des Riffkranzes. Eine flacher Meeresarm schneidet sie fast in zwei Teile, die nur mit einer schmalen Sandbank verbunden sind. Southeast Island misst von Ost nach West 680 m, von Nord nach Süd 340 m und ragt 3 bis 5 m über den Meeresspiegel. Vergleiche mit älteren Berichten zeigen, dass sich Form und Größe kaum verändert haben. Oberhalb der Strandbereiche sind beide Inselteile mit robusten Gräsern sowie niedrig und kriechend wachsenden Pflanzen dicht bedeckt.
Grass oder Green Island Grass oder Green Island – beide Namen sind gebräuchlich – liegt im Süden des Riffes. Sie gleicht einem rechtwinkligen Dreieck mit den Maßen 300 × 110 m. Die Inselmitte trägt eine niedrige und lückenhafte Pflanzendecke, hauptsächlich aus Gräsern.
links|mini|Südseite des Riffs; im Vordergrund Seal-Kittery Island, im Hintergrund Grass Island Seal-Kittery Island Seal-Kittery Island ist mit 13,7 ha die zweitgrößte des Atolls. Ursprünglich waren es zwei getrennte kleine Inseln, Seal Island und Kittery Island, die heute mit einer schmalen Sandbank verbunden sind, wie neuere Satellitenaufnahmen belegen. Der südwestliche Inselteil trägt eine spärliche Vegetation, vorwiegend aus salzresistenten Gräsern.
Weitere Inseln Ältere Berichte erwähnen noch weitere flache Sandinseln am südlichen Riff zwischen Southeast Island und Grass Island: Bird Island, Plaintree Island, Humphrey Island und Sand Island, die aber mittlerweile unter dem Meeresspiegel verschwunden sind. Auf neueren Karten und Satellitenaufnahmen (2023) sind sie nicht mehr erkennbar. Fast jede Karte dieser Region unterscheidet sich von den vorherigen und es ist schwierig, anhand der Größe und Form zu erkennen, welche die permanenten und welche die temporären Inselchen sind.Robert S. Standen: An explanatory description of Kure, Midway, and Pearl and Hermes Atolls: Hawaiian Islands. Master Thesis, California State College, Los Angeles 1967
Der fortschreitende Klimawandel wird zu einem erheblichen Verlust der ohnehin geringen Landmasse – und damit wichtiger Habitate – führen. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels von zwei Metern verbleiben von den niedrigen Inseln des Pearl and Hermes Atolls nur noch kleine Sandbänke.
Lagune Die ausgedehnte, bis zu 31 m tiefe Lagune ist mit zahllosen Riffen gesprenkelt, die bis dicht unter die Wasseroberfläche reichen. Den Boden bedeckt ein feinkörniger Korallensand. Drei Gattungen von Steinkorallen (Scleractinia) – Porites, Montipora und Pocillopora – machen 97 % der Korallenpopulation des Riffs aus.Kimberly N. Page-Albins et al.: Patterns in benthic coral reef communities at Pearl and Hermes Atoll along a wave exposure gradient. In: Pacific Science, Bd. 66, Nr. 4 vom März 2012, S. 1 Im Südwesten des Riffkranzes gibt es zwei schiffbare Passagen.
Geologie In der langgestreckten Gruppe der Hawaii-Inseln liegen die erdgeschichtlich jüngsten im Südosten, deren Alter nimmt nach Nordwesten zu. Das Pearl and Hermes-Atoll im äußersten Nordwesten entstand vor 20,6 Millionen Jahren und gehört damit zu den ältesten Inseln der Hawaii-Archipels.Valérie Clouard, Alain Bonneville: Ages of seamounts, islands, and plateaus on the Pacific plate. Geological Society of America Special Paper 388, 2005, S. 79
Flora links|mini|Solanum nelsonii auf North Island links|mini| Verbesina encelioides auf Southeast Island Die erste Anmerkung zur Vegetation stammt von dem Schiffsarzt der Brigg Rudolph, Albert G. Osbun (1787–1862), der Pearl and Hermes am 11. August 1850 aufsuchte. Er beschrieb eine der Riffinseln – welche ist nicht bekannt – als „mit grobem Gras und einer Rebe mit stacheligen Hülsen bedeckt“ (covered with coarse grass & a vine bearing prickly pod)John Haskell Kemble (Hrsg.): To California and the South Seas: The Diary of Albert G. Osbun, 1849–1851. Huntington Library, San Marino (CA) 1966, S. 155 Kapitän Brooks von der Gambia bemerkte 1859: „Die größten Inseln sind mit grobem Gras und Bäumen bedeckt“ (The largest islands are covered with coarse grass and trees). Hugo Schauinsland identifizierte 1899 anhand eines Fotos Solanum laysanense (syn. Solanum nelsonii) als eine auf Pearl and Hermes häufig vorkommende Pflanze: „. . . aus einer Photographie ersehe ich, dass diese Pflanze [Solanum laysanense Bitter nov. spec.] auf Pearl and Hermes Reef in Mengen und in grosser Ueppigkeit vorzukommen scheint; sie bedeckt dort den Boden stellenweise mit einem dichten, niedrigen Gebüsch“.Hugo Schauinsland: Drei Monate auf einer Koralleninsel (Laysan). Max Lössner, Bremen 1899, S. 96
Detaillierte Informationen der Flora des Pearl and Hermes Atolls lieferte erst die Forschungstätigkeit des 20. Jahrhunderts. An der Tanager-Expedition von 1923 nahmen auch die Botaniker Erling Christophersen und Edward Leonard Caum teil, die North Island, Southeast Island und Seal Island erforschten. Sie stellten insgesamt 11 Pflanzenarten fest. Am häufigsten waren die Gräser Eragrostis variabilis und Lepturus repens.Erling Christophersen, Edward L. Caum: Vascular Plants of the Leeward Islands, Hawaii. Bishop Museum Bulletin 81, Honolulu 1931, S. 15–16 Die Botaniker identifizierten auch das Nachtschattengewächs Solanum nelsonii.Storrs L. Olson: History and Ornithological Journals of the Tanager Expedition of 1923 [...]. Atoll Research Bulletin 433, Smithsonian Institution, Washington D.C. 1996
Eine ausführliche Dokumentation der ursprünglichen Flora und Fauna der Riffinseln stammt von dem Ökologen A. Binion Amerson. Sie fußt auf den Ergebnissen von Wissenschaftlern, die zwischen 1963 und 1968 das Pearl and Hermes Atoll im Auftrag der Smithsonian Institution als Teil des biologischen Forschungsprogramms tropischer pazifischer Inseln (Pacific Ocean Biological Survey Program) mehrmals besuchten.
Amerson beschreibt insgesamt 25 Gefäßpflanzen aus 17 Familien, die auf den Riffinseln vorkommen. Eine rankende Art, Sicyos caumii (syn. Sicyos maximowiczii) aus der Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), ist endemisch. Es gibt allerdings nahe Verwandte auf anderen Hawaii-Inseln.Harold St. John: The Genus Sicyos (Cucurbitaceae) on the Hawaiian Leeward Islands. In: Hawaiian Plant Studies Nr. 35, 1970, S. 448–451 Wahrscheinlich ist es die Pflanze, die Albert G. Osbun hundert Jahre zuvor als „Rebe“ bezeichnete. Weitere, häufig vorkommende Arten sind:
Ziegenfuß-Prunkwinde (Ipomoea pes-caprae) Tribulus cistoides Boerhavia repens Lepidium bidentatum Sesuvium portulacastrum und mehrere Potulaca-ArtenDieter Mueller-Dombois, Raymond Fosberg: Vegetation of the Tropical Pacific Islands. Springer, New York 1998, ISBN 0-387-98313-9, S. 570–571
Ein Versuch im Jahr 1928 mit der Anpflanzung von Kasuarinen auf den baumlosen Motus schlug fehl, die Bäume wuchsen nicht an.
Mittlerweile ist die ursprüngliche Vegetation der Inseln stark von invasiven Arten bedroht. Insbesondere die zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) zählende Verbesina encelioides ist hoch aggressiv. Sie erzeugt allelopathische chemische Verbindungen, die das Wachstum anderer Pflanzenarten stören.Asakawa Inderjit, K.M.M. Dakshini: Allelopathic potential of Verbesina encelioides root leachate in soil. Canadian Journal of Botany, Jg. 77 (2000), Nr. 10, S. 1419–1424 Noch Ende des 20. Jahrhunderts war sie auf den Riffinseln unbekannt, mittlerweile droht sie die altheimische Flora des Pearl and Hermes Atolls zu verdrängen.Kathleen R. Feenstra et al.: Biology and Impacts of Pacific Island Invasive Species, Verbesina encelioides, Golden Crownbeard (Magnoliopsida: Asteraceae). In: Pacific Science (2012), Jg. 66, Nr. 2, 2012 S. 173–212 Auf Southeast Island ist sie bereits die dominierende Pflanzenart.Michelle H. Reynolds et al.: Predicting Sea-Level Rise Vulnerability of Terrestrial Habitat and Wildlife of the Northwestern Hawaiian Islands. U.S. Department of the Interior, Geological Survey, Report 2012–1182 Eine ebenfalls relativ neue, invasive Art ist die Quirlige Borstenhirse (Setaria verticillata).Christen Mitchell et al.: Hawaii’s Comprehensive Wildlife Conservation Strategy. Hawaii Department of Land and Natural Resources, Honolulu 2005
Fauna Meeresfauna