mini|hochkant|Darstellung aus Jean-Jacques Boissards Bibliotheca chalcographica (1597) Johann Dryander (Johann Eichmann oder Eychmann, gräzisiert Johannes Dryander,* 27. Juni 1500 in Wetter; † 20. Dezember 1560Abraham Saur: Diarium historicum, Das ist: Ein besondere tägliche Hauß vnd Kirchen Chronica. Nicolaus Basseus, Frankfurt am Main 1582, Bl. XII (Google-Books). in Marburg) war ein deutscher Anatom, Arzt, Mathematiker und Astronom sowie Lehrstuhlinhaber für Medizin in Marburg. Bekannt wurde er in der Medizingeschichte durch seine frühen Sektionen im deutschsprachigen Raum. Er führte 1535 die erste wissenschaftliche Leichenöffnung in Hessen durch.
Leben Dryander studierte seit 1518 an der Universität Erfurt und wurde Famulus des Mediziners Euricius Cordus. Anschließend setzte er seine Studien in Bourges und von 1528 bis 1533 in Paris fort. In Paris hielt er Vorlesungen über Mathematik und Astronomie. Er nahm an mehreren Öffnungen von Leichen teil. Nach der medizinischen Promotion 1533 in MainzJosef Benzing (Bearb.): Verzeichnis der Studierenden der alten Universität Mainz, Lfg. 2, hrsg. von Präsident und Senat der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Steiner, Wiesbaden 1979, S. 272. oder Paris wurde er Leibarzt des Erzbischofs Johann von Metzenhausen in Koblenz und Trier.
Erzbischof Hermann V. von Wied,Wolf-Dieter Müller-Jahncke: Magie als Wissenschaft im frühen 16. Jahrhundert. Die Beziehungen zwischen Magie, Medizin und Pharmazie im Werk des Agrippa von Nettesheim (1486–1535). (diss. rer. nat.), Marburg 1973, S. 28; Wilhelm Kühlmann, Joachim Telle (Hrsg.): Frühparacelsismus, Teil 2. De Gruyter, Berlin, Boston 2013, S. 541 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). der beeindruckt davon war, dass sein Bruder Johann III. von Wied-Runkel-Isenburg bei einem Aufenthalt im Bad Ems (in thermis Emseranis) erfolgreich durch einen Arzt aus Koblenz – dort praktizierten Sigismund Admiratus und Johann DryanderVerfasser von: Vom Eymsser Bade, was natur es in jm hab. Wie man sich darin halten soll. Auch zu was kranckheit es gebraucht sol werdenn […]. Peter Iordan, Mainz 1535 (Nachdruck hrsg. von Irmgard Müller. Basilisken, Marburg; Ausgabe Jakob Cammerlander, Straßburg 1541: digitale-sammlungen.de). – behandelt worden war,Briefe vom 12. und 20. Juni 1533 aus Bertrich (ex thermis Vertrigiis) und vom 14. Juni 1533 aus Koblenz. In: Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim: Opera In Duos Tomos Concinne Digesta, Bd. II. „Bering“ [= Zetzner], „Lugdunum / Leiden“ [=Straßburg]1553, Nr. XLIV–XLVI, S. 1058–1060 (archive.org), (Google-Books); (auszugsweise deutsche Übersetzung in:) Rudolf Schmitz, Herbert Schnitzler: Der Hofapotheker Cornelius Rasener (1474–1543) und der Humanistenkreis der Residenzstadt Koblenz. In: August Buck: Höfischer Humanismus. (Mitteilung der Kommission für Humanismusforschung 16). Wiley-VCH (Verlag Chemie). Acta Humaniora, Weinheim 1989, S. 119–132, bes. S. 126f. ließ 1533 durch Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim einen der beiden Koblenzer Ärzte bitten, zu ihm nach Bertrich zu kommen; letztlich kam Dryander der Bitte nach.Brief des Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim im Namen des Fürsterzbischofs vom 20. Juni 1533 aus Koblenz. In: Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim: Opera In Duos Tomos Concinne Digesta, Bd. II. Beringer, Leiden 1553, Nr. XLVI, S. 1059f (archive.org), (Google-Books).
Der Koblenzer Stadtarzt Konrad Nyder († nach 1546)Aus Eppingen, auch Kunz Neider u. ä., studierte wahrscheinlich in Ferrara, am 23. November 1523 immatrikuliert in Heidelberg, ohne Abschlussdiplom; Leonhard Keil: Humanisten in den Trierer Landen im Anfang des 16. Jahrhunderts. In: Trierische Chronik NF 16 (1919/20), S. 186–189, bes. S. 188f (dilibri.de). behauptete 1534 in einem Brief an Erasmus von Rotterdam, „Johannes Eychman alias Driander“ führe die Bezeichnung doctor unberechtigterweise (falso utitur nomine doctoris).Brief von Conrad Nyder an Erasmus vom 20. Dezember 1534 aus Koblenz. In: Joseph Heinrich Gustav Ernst Förstemann, Otto Günther (Hrsg.): Briefe an Desiderius Erasmus von Rotterdam. (Zentralblatt für Bibliothekswesen. Beiheft 27). Harrassowitz, Leipzig 1904 (Kraus Reprint, 1968), Nr. 215, S. 256 (464)(archive.org). 1535 wurde Johann Dryander zum Professor für Mathematik und Medizin an der Universität Marburg ernannt, wo er (1536?) den Lehrstuhl für Mathematik und später den medizinischen erhielt. Dort wurde er auch mehrmals zum Rektor der Hochschule bestellt.
Johann Dryander trat für die Medizinalreform der Landgrafschaft Hessen-Kassel ein und führte 1539 die Leprosenschau ein. In Marburg hielt er insgesamt vier Lehrsektionen (1. Juni 1535, 1. März 1536, erstes Halbjahr 1539 und im Jahr 1558) ab, die zu den frühesten in Deutschland gehören.Rolf Heyers: Dr. Georg Marius, genannt Mayer von Würzburg (1533–1606). (Zahn-)Medizinische Dissertation Würzburg 1957, S. 33 f. Er praktizierte als Arzt 1539 an den Landesspitälern Kloster Haina und Kloster Merxhausen. Seine dabei ermittelten Kenntnisse veröffentlichte Johann Dryander darüber hinaus als einer der ersten Fachbuchautoren in mit Holzschnitten illustrierten Lehrbüchern. Einige der in seinen Büchern enthaltenen Holzschnitte stammen von dem Kupferstecher und Maler Hans Brosamer.Ralf Kern: Wissenschaftliche Instrumente in ihrer Zeit. Band 1: Vom Astrolab zum mathematischen Besteck. König, Köln 2010, S. 316. 1536 und 1537 veröffentlichte er anatomische Lehrwerke, die auf den in Marburg durchgeführten Sektionen beruhende Abbildungen enthalten und noch vor den berühmten Tabulae anatomicae sex (1538) des Andreas Vesalius erschienen sind (In einer Publikation von 1541 benutzten Dryander und sein Herausgeber Egenolff jedoch auch Abbildungen Vesals).Rolf Heyers: Dr. Georg Marius, genannt Mayer von Würzburg (1533–1606). (Zahn-)Medizinische Dissertation Würzburg 1957, S. 34. Als Astronom tat sich Johann Dryander als Verfasser viel benutzter Lehrbücher mit Beschreibungen und Verwendung von astronomischen Instrumenten hervor. 1538 erschien sein bedeutendes astronomisches Werk Astrolabii canones brevissimi. 1553 trug sich „Io. Dryander, medicinae professor Marpurgi“ in das Stammbuch von Abraham Ulrich ein.online-Abfrage der Datenbank Repertorium Alborum Amicorum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
1554 floh er vor der in Marburg grassierenden Pest nach Frankenberg (Eder). Dabei nahm der als Sommelier bekannte Professor zwölf Zentner in Fässern gelagerten Weins für den eigenen Gebrauch mit.
Johann Dryander veranlasste 1557 den Druck der allgemein als erste deutschsprachige Reisebeschreibung Brasiliens geltenden „Warhaftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der wilden, nacketen, grimmigen Menschfresser Leuthen in der Newenwelt America gelegen“ des Landsknechts Hans Staden. Graf Philipp II. von Nassau-Saarbrücken verkaufte 1557 dem Marburger Professor der Medizin Dr. Johann Dryander genannt Eichmann und dessen Ehefrau Susanna für 1000 Gulden eine ablösbare Rente von 50 Gulden auf die Kellerei Gleiberg, die nach Dryanders Tod an seine Witwe weiter gezahlt wurde.
Nach seinem Tod 1560 blieb Marburgs einziger medizinischer Lehrstuhl trotz der Bemühungen der Universität um einen Nachfolger für fünf Jahre unbesetzt.Rolf Heyers: Dr. Georg Marius, genannt Mayer von Würzburg (1533–1606). (Zahn-)Medizinische Dissertation Würzburg 1957, S. 25 f.
Familie Johann Dryander war (vor 1538) verheiratet mit Susanna Reichwin († nach 1569)Urkunden „Ehefrau Susanna“ (1557) ,„Susanna Richwins, Witwe des Dr. Johann Eichmann / Dryanders“ zwischen 3. Mai 1557 und 30. Juni 1569; Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Bestand 166 Amt Gleiberg, Nr. U 260, U 338, U 387, U 431, U 441, U 462 und U 474); Hessisches Staatsarchiv Marburg (Bestand 17 d Landgräflich Hessische Regierung Kassel: Familienrepositur, von Nordeck, Nr. 5; Bestand 257 Samtgerichthof, Nr. E 27). von „Mundbaurn“ (Montabaur)Oskar Hütteroth: Die althessischen Pfarrer der Reformationszeit. N. G. Elwert, Marburg 1966, S. 99 und 263 f. – einer Verwandten (Schwester oder Cousine) des Arztes Simon Reichwein von Montabaur, der um 1535 Dryanders Nachfolger als Leibarzt des Trierer Kurfürsten wurde. Der hessische Vizekanzler Valentin Breul d. Ä. (* um 1500/05; † 1547), der aus einer Lichtenauer Familie stammte und in Allendorf geboren wurde,Neffe von Johann Feige, 1520 immatrikuliert in Erfurt, zunächst Kleriker, als Sekretär des Hofgerichts 1531 immatrikuliert in Marburg, später hessischer Rat, verheiratet mit Alheid (Eyla) Jeude, verw. Orth; Adolf Stölzel: Die Entwicklung des gelehrten Richterthums in deutschen Territorien, Band I. Cotta, Stuttgart 1872, S. 413; Anja Freckmann: Die Bibliothek des Klosters Bursfelde im Spätmittelalter. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 66f Anm. 22 (books.google.de; eingeschränkte Vorschau). schrieb am 20. August 1537 ein Vorwort, in dem er Dryander als seinen „freuntlichen lieben Schwager“ bezeichnete.Johann Dryander: Ein new Artzney vnnd Practicir Büchlin von allerley kranckheiten. Schumann, Leipzig 1538 (). Aus dieser Notiz ist in Unkenntnis der anders lautenden urkundlichen Belege in älterer Literatur fälschlich geschlossen worden, dass Dryanders Ehefrau und Witwe Susanna aus Montabaur mit Nachnamen „Breul“ geheißen habe.So u. a. Marburger Sippenbuch, Bd. 9, S. 89; noch Möglicherweise hat Johann Dryander eine erste Ehe mit einer Schwester von Valentin Breul geschlossen,Gerhard Aumüller: Professor in Marburg und Leibarzt in Kassel?. In: Irmtraut Sahmland, Kornelia Grundmann (Hrsg.): Perspektiven der Medizingeschichte Marburgs. Historische Kommission für Hessen, Marburg 2011, S. 11–46, bes. S. 28; etwas ungenau: Die Tochter von Gerhard Geldenhauer war die Schwiegertochter, nicht die zweite Ehefrau von Johann Dryander. ein Sohn Valentin Dryander wurde um 1530 geboren. Der Vizekanzler Breul war seit 1536 mit Eulalia (Adelheid) Geude († 1552) verheiratet.Karl Ernst Demandt: Amt und Familie. Eine Soziologisch-genealogisch Studie zur hessischen Verwaltungsgeschichte des 16. Jahrhunderts. In: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 2 (1952), S. 79–133, bes. S. 92 und 114.
Der Sohn Caspar Dryander (1538–1612) heiratete 1580 Felicitas Geltenhauer, eine Tochter von Gerhard Geldenhauer und Schwester von Gerhard Eobanus Geldenhauer. Er war landgräflich-hessischer Zollschreiber (oberster Leiter der Zollverwaltung in Hessen-Rheinfels bzw. Hessen-Kassel). Katharina Dryander (1530–1594), eine Tochter (Schwester?) Johann Dryanders, heiratete um 1544 den Pfarrer Johannes Pincier (1521–1591) in Wetter; sie waren die Schwiegereltern des Gräzisten Friedrich Sylburg. Johannes Pinciers Schwester war mit Eucharius Dryander, einem Bruder Johann Dryanders verheiratet.Suzanne Stelling-Michaud (Hrsg.): Le livre du Recteur de l’Académie de Genève (1559–1878) (= Travaux d’humanisme et Renaissance. 33/6), Band VI, Droz, Genf 1980, S. 368.
Ein vermutlicher Sohn oder eher Neffe „Henricus Dryander, Wetteranus Hessus“ immatrikuliert sich 1558/59 in Basel, erwarb das Basler Bürgerrecht und wurde Mitarbeiter von Johannes Oporinus.Gerhard Krause (Bearb.): Andreas Gerhard Hyperius Briefe 1530-1563. Mohr Siebeck, Tübingen 1981, S. 143 und 253.