Selbstverletzendes Verhalten (SVV) wird definiert als freiwillige, direkte Zerstörung oder Veränderung des Körpergewebes ohne suizidale Absicht. Dieses Verhalten ist sozial nicht akzeptiert, direkt und repetitiv; es führt meist zu kleinen oder moderaten Schädigungen. Der medizinischen Definition zufolge liegt selbstverletzendes Verhalten dann vor, wenn sich die Betroffenen innerhalb eines Jahres an fünf oder mehr Tagen bewusst oder unbewusst selbst eine Schädigung von Körpergewebe zugefügt haben.Selbstverletzendes Verhalten MedLexi, aufgerufen am 31. August 2022Leitlinie Nicht-Suizidales Selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Kindes- und Jugendalter S2k-Leitlinie 028/029, Stand: 02/2015, S. 4 Andere Bezeichnungen sind autoaggressives Verhalten oder Artefakthandlung. Selbstverletzendes Verhalten ist gegen Selbstverstümmelung (einschließlich fremdmotivierter Taten, wie dem Abtrennen von Fingergliedern bei der Yakuza) abzugrenzen.
Handlungen in Selbsttötungsabsicht, stereotypes Verhalten bei einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung oder Psychose, sog. body modification durch Piercings oder Tätowierungen sowie Selbstschädigungen zum Zwecke einer medizinischen Untersuchung im Rahmen des Münchhausen-Syndroms werden vom selbstverletzenden Verhalten abgegrenzt.Leitlinie Nicht-Suizidales Selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Kindes- und Jugendalter S2k-Leitlinie 028/029, Stand: 02/2015, S. 10
Obgleich SVV definitorisch keinen suizidalen Aspekt hat (gilt nicht zwangsläufig für ICD-10-Klassifizierungen von vorsätzlicher Selbstbeschädigung), sondern meist der Regulation von (negativen) Gefühlen dient, kann SVV bei bis zu einem Drittel der Betroffenen mit Suizidalität einhergehen. In solchen Fällen kann davon ausgegangen werden, dass die Selbstverletzungen auch der Regulation der Suizidgedanken dienen. Etwa 10 % der Betroffenen begehen früher oder später tatsächlich Suizid.
Eine mögliche psychologische Erklärung für solche Verhaltensweisen besagt, dass eine Störung des Körperschemas vorliegt, bei der der eigene Körper nicht als dem Selbst zugehörig erlebt wird. SVV kann auch der Selbstbestrafung dienen. Dieses Verhalten geht über andere Formen der Selbstschädigung hinaus, wie der Verkürzung der eigenen Lebenserwartung durch intensives Rauchen.
Komorbidität
Selbstverletzendes Verhalten kann unter anderem auftreten bei:
Tic-Störungen wie dem Tourette-Syndrom Autismus-Spektrum-Störung Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung Zwangsstörungen und Depressionen Missbrauchserfahrungen, Deprivationen (Entzug von Zuwendung und „Nestwärme“) und Traumatisierungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung (siehe auch Parasuizid),
während der Pubertät in Situationen des Kontrollverlusts Körperschema-Störungen (u. a. Körperdysmorphe Störung oder Körperintegritätsdysphorie), fetalem Alkoholsyndrom oder Lesch-Nyhan-Syndrom, Wut auf die eigene PersonVolker Faust: Selbstverletzendes Verhalten. Psychische Gesundheit 151. Stiftung Liebenau, Mensch – Medizin – Wirtschaft, Meckenbeuren-Liebenau, 2019. (Methode, betroffene Körperteile, psychosoziale Ursachen).
Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimie schweren Zurücksetzungen und Demütigungen, psychotischen oder schizophrenen Schüben und ähnlichen seelischen Störungen. Dissoziationen wie z. B. Dissoziativen Identitätsstörung
Stereotype Verhaltensweisen mit Selbstschädigung werden nicht im eigentlichen Sinne zu selbstverletzendem Verhalten gezählt.
Methoden und Ursachen mini|Selbstverletzung als Liebesbeweis mini|Unterarm eines Borderline-Patienten mit Schnitten in verschiedenen Stadien der Wundheilung
Autogenes Selbstverletzendes Verhalten Häufig praktizieren Betroffene verschiedene Arten der Selbstverletzung. Zu den häufigsten Typen zählen: das Aufschneiden, Aufkratzen oder Aufritzen (sogenanntes Ritzen) der Haut an den Armen und Beinen mit spitzen und scharfen Gegenständen wie Rasierklingen, Messern, Scheren oder Scherben; eine Häufung der Narben ist am nicht-dominanten (Unter-)Arm zu finden, aber auch beide Arme können von Narben übersät sein, wie auch zum Beispiel Bauch, Beine, Brust, Genitalien oder das Gesicht wiederholtes „Kopfschlagen“ (mit den Händen gegen den Kopf, ins Gesicht oder mit dem Kopf an Gegenstände) Faustschläge gegen harte Gegenstände, bis Hämatome oder Blutungen auftreten das Schlagen des Körpers (zum Beispiel Arme und Beine) mit Gegenständen das Ausreißen von Haaren (Trichotillomanie) In-die-Augen-Bohren bis hin zur Auto-Enukleation das Stechen mit Nadeln (z. B. Sicherheitsnadeln) das Beißen in erreichbare Körperpartien, auch Abbeißen von Fingerkuppen und „Zerkauen“ der Innenseite von Wangen oder Lippen Verbrennungen und Verbrühungen (Zigarettenausdrücken auf dem eigenen Körper, Hand über eine Kerze halten) Einnahme schädlicher Substanzen (wie zum Beispiel Reinigungsmittel) Intravenöse, subkutane oder intramuskuläre Injektion schädlicher Substanzen Verätzung des Körpers durch Chemikalien langanhaltendes Aufsprühen von Deodorants oder Körpersprays, bis Erfrierungen auftreten Fingernägelkauen (Onychophagie); leichtere, auf Nervosität beruhende Formen werden nicht unbedingt zu den Selbstverletzungen gezählt; schmerzende Nagelverletzungen und Ausreißen der Nägel stellen jedoch Selbstverletzungen dar das Abschnüren von Körperteilen.
Häufig findet eine Gewöhnung statt, die stärkere Selbstverletzungen nach sich zieht (tiefere Schnitte, großflächigere Verbrennungen), um die gesuchte Befriedigung zu erreichen. Die Betroffenen entwickeln eine Sucht.
Es ist therapeutisch nicht erwiesen, ob es sich bei autoaggressivem Verhalten um einen Selbstbelohnungs- oder Selbstbestrafungstrieb handelt.
Induziertes selbstverletzendes Verhalten
Selbstverletzendes Verhalten wird auch bei Opfern von sadistischem Onlinemobbing beobachtet. Hierbei werden die Opfer des Mobbings in der Regel durch Sextortion oder anderen Formen der Erpressung gezwungen, sich Symbole, Namen oder Onlinealiasse in die Haut zu ritzen oder zu tätowieren. Der Öffentlichkeit bekannt wurde das Phänomen vor allem im Zuge der Berichterstattung über das 764-Netzwerk.
Zahlen und Daten Deutschland gehört mit 25–35 % Lebenszeitprävalenz von zumindest einmaligem nichtsuizidalen selbstverletzenden Verhalten (NSSV) unter Jugendlichen innerhalb Europas zu den Ländern mit den höchsten Prävalenzraten.Paul L. Plener, Michael Kaess, Christian Schmahl, Stefan Pollak, Jörg M. Fegert, Rebecca C. Brown: Nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten im Jugendalter Deutsches Ärzteblatt 2018, S. 23–30 Zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren sind nach den tödlichen Straßenverkehrsunfällen die tödlichen Selbstverletzungen.Gabriele Ellsäßer: Unfälle, Gewalt, Selbstverletzung bei Kindern und Jugendlichen 2017. Ergebnisse der amtlichen Statistik zum Verletzungsgeschehen herausgegeben vom Statistischen Bundesamt, 7. April 2017, S. 7 In Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung nimmt der Anteil der Personen mit NSSV mit zunehmendem Alter ab.Muyang Du: Langzeitkatamnese von Patienten mit selbstverletzendem Verhalten. Open Access Repositorium der Universität Ulm. Dissertation, 2018 Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert im Zeitraum 2017–2021 mehrere Projekte, die Verlauf und mögliche beeinflussende Faktoren des selbstverletzenden Verhaltens im Kindes- und Jugendalter untersuchen.STAR - Selbstverletzendes Verhalten: Mechanismen, Intervention, Beendigung Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, abgerufen am 27. August 2018
Altersstruktur Mehrheitlich liegt der Beginn der Erkrankung zwischen dem 12. und dem 15. Lebensjahr, das am häufigsten genannte Alter ist 13. Während die Auslöser in der emotional volatilen Phase der Pubertät (Liebeskummer, Aggression gegen die Eltern etc.) liegen können, werden Ursachen und Gründe oft in der Kindheit gesucht. Demnach können Konflikte, die dort nicht aufgelöst werden konnten, nun zu SVV führen.
In Deutschland sind bis zu 5,6 Mio. Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren betroffen. Oberflächliche Schnittverletzungen (Ritzen) sind mit ca. 65 % die häufigste Form im Jugendalter. Etwa zwei Drittel der betroffenen Jugendlichen sind weiblich.Thomas Lempp: Kinder- und Jugendpsychiatrie BASICS. 3. Auflage. Elsevier Verlag, ISBN 978-3-437-42548-6.
In Österreich haben sich ca. 20 Prozent der Minderjährigen schon einmal selbst Verletzungen zugefügt.Eigene Sprechstunde für Selbstverletzungen. Gemeinsame Aussendung der Tirol Kliniken und der Medizinischen Universität Innsbruck, 26. Januar 2016.
Umgang mit Betroffenen Selbstverletzendes Verhalten kann von psychischen Erkrankungen ausgelöst werden, die unabhängig von anderen Symptomen vorkommen.
Während nur Fachpersonal eine Therapie durchführen kann, sollte das familiäre und soziale Umfeld durch emotionale Nähe und Sozialisierung in Krisensituationen zur Besserung der Symptomatik beitragen.
Der Versuch, einzelne Symptome zum Gegenstand der Diskussion zu machen, wirkt aufgrund des Krankheitsgewinns oft eher kontraproduktiv. Vorhaltungen wie „anderen geht es noch viel schlimmer“ nehmen den Betroffenen nicht ernst.
Eine Behandlung ist kaum gegen den Willen des Betroffenen möglich. Das Bundesverfassungsgericht stellte fest: „Der Staat als Inhaber des Gewaltmonopols hat von Verfassungs wegen nicht das Recht, seine erwachsenen und zur freien Willensbestimmung fähigen Bürger zu ‚bessern‘ oder zu hindern, sich selbst gesundheitlich zu schädigen.“BVerfGE 22, 180/219 f. Diese Zurückhaltung gründet sich auf dem Recht des Einzelnen auf Selbstschädigung, dessen Grenzen allerdings umstritten sind.Kai Fischer: Die Zulässigkeit aufgedrängten staatlichen Schutzes vor Selbstschädigung. Peter Lang / Europäischer Verlag der Wissenschaften. Frankfurt/Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1997, ISBN 3-631-32569-X. Eine zwangsweise Behandlung ist in Deutschland rechtlich nur bei Minderjährigen oder bei Menschen zulässig, deren Fähigkeit zur freien Willensbildung stark beeinträchtigt ist.
Therapie Autoaggressive Personen haben die Möglichkeit einer Psychotherapie. Je früher mit der Therapie begonnen wird, desto größer sind die Chancen einer Heilung. Zur Behandlung stehen unterschiedliche Therapiekonzepte zur Verfügung; sowohl tiefenpsychologisch-psychoanalytische als auch verhaltenstherapeutische.
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) hat eine Behandlungsleitlinie herausgegeben, die eine Begleitbehandlung mit Psychopharmaka einschließt.Leitlinie Nicht-Suizidales Selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Kindes- und Jugendalter S2k-Leitlinie 028/029, Stand: 02/2015, S. 25
Tiefenpsychologie Die Transference-Focused-Psychotherapy (TFP) nach Otto F. Kernberg konzentriert sich hierbei auf die Übertragung und Gegenübertragung, wobei hier ein besonderes Augenmerk auf die aktuelle Situation und die aktuellen Konflikte eines Patienten gelegt wird. Auch ist die TFP in Abgrenzung zu anderen Formen der psychoanalytisch begründeten Psychotherapie, etwa der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, nicht ausschließlich auf stützende Techniken angewiesen, auch wenn diese je nach psychosozialer Situation und Verfassung des Patienten auch eingesetzt werden.W. Mertens: Einführung in die psychoanalytische Therapie. Kohlhammer, Stuttgart 2000.
Verhaltenstherapie