Die 1348 von König Karl IV. gegründete Karls-Universität wurde 1882 aufgrund zunehmender nationaler Konflikte in eine deutsche und eine tschechische Universität geteilt. Die K.k. deutsche Karl-Ferdinands-Universität bestand als selbstverantwortliche Hochschule bis 1945, in der Tschechoslowakei von 1919 unter dem Namen Deutsche Universität Prag, von 1939 bis 1945 dann als Deutsche Karls-Universität in Prag.

Vorgeschichte

Die Universität in Prag, die älteste Universität nördlich der Alpen und östlich von Paris (Sorbonne), wurde 1348 von Karl IV. gegründetMilada Řihová: Der Unterricht an der Prager Medizinischen Fakultät im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 163–173, hier S. 163. und war bis zur Gründung der Universität Wien 1365 die einzige Universität des römisch-deutschen Reiches. Die Universität hatte, anhand erhaltener Hörerlisten, am Anfang des 15. Jahrhunderts bereits über 10.000 eingeschriebene Studenten, wobei 3/4 der Studenten Deutsche und 1/7 Tschechen waren. Entsprechend paritätisch waren die Stimmenverhältnisse im Senat.

Der Streit um die Lehre des John Wyclif und das Abendländische Schisma führten zu den ersten nachhaltigen Spannungen. Die vornehmlich deutschen Professoren überstimmten den Reformator Jan Hus. Sein Mitstreiter Hieronymus von Prag setzte daraufhin bei König Wenzel IV. 1409 das Kuttenberger Dekret durch. Es sicherte der „böhmischen Nation“ ebenso viele Stimmen zu wie zuvor den anderen drei Nationes zusammen. Die übrigen Nationes waren nur noch mit einer Stimme vertreten. Die Universität war nach den vier Nationes Bayern, Sachsen, Polen und Böhmen gegliedert. Die Tschechen (Böhmen) erklärten sich mit König Wenzel für neutral, während die anderen Nationen mit Erzbischof Sbinko an Gregor XII. festhielten. Diese Reform der Universitätsverfassung führte im Mai 1409 zum Auszug vieler Studenten und Professoren. Einige gingen in die Markgrafschaft Meißen und gründeten die Universität Leipzig. Infolge dieser Streitigkeiten büßte die Universität Einfluss in Europa ein.Michal Svatoš: Das Kuttenberger Dekret und das Wirken von Magister Jan Hus an der Prager Universität. In: Blanka Mouralová (Hrsg.): Die Prager Universität Karls IV. Von der europäischen Gründung bis zur nationalen Spaltung. Potsdam 2010, S. 45–70.

Kaiser Ferdinand III. vereinigte 1654 das von den Jesuiten gegründete Clementinum mit der alten Universität und belebte diese damit aufs Neue. Allerdings geriet damit das universitäre Leben unter den Einfluss des Jesuitenordens. Ab diesem Zeitpunkt benannte sich die Prager Universität Karl-Ferdinands-Universität bzw. lateinisch Universitas Carolo-Ferdinandea. Ab dem 17. Jahrhundert setzte sich dann das Deutsche mehr und mehr als Lehr- und Wissenschaftssprache durch und verwies das Latein auf den zweiten Rang. Mit dem Aufkommen der tschechischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert führte dies zu Spannungen mit den tschechischen Studenten, die hierin eine Benachteiligung ihrer Sprache sahen. Im Prager Pfingstaufstand von 1848 erstritten deutsche und tschechische Studenten die Einführung der tschechischen Sprache an der Karl-Ferdinands-Universität. Die Zweisprachigkeit wurde bis zur Universitätsspaltung 1882 erhalten.

Universitätsspaltung 1882 Um 1860 verlor Prag seine seit dem 18. Jahrhundert bestehende deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit. Dementsprechend verstärkten tschechische Politiker den Druck auf die kaiserlich-königliche Regierung in Wien mit der Forderung, an der Prager Universität eine konsequente Zweisprachigkeit einzuführen. In ihren Reihen wurde verlangt, die als Reichsanstalt gegründete Karlsuniversität in eine tschechische Landesuniversität umzuwandeln. Allerdings wurden 1863 von 187 Lehrveranstaltungen nur 22 in tschechischer Sprache abgehalten und der Rest auf Deutsch.

Der Vorschlag von 1864, eine eigene tschechische Universität zu gründen, wurde von den tschechischen Professoren zurückgewiesen, weil sie die Universitätstradition seit 1348 beanspruchten. Gleichzeitig wollten deutsche Hochschullehrer eine Tschechisierung der Prager Universität nicht hinnehmen. So kam man im Wiener Parlament 1881 zu der Übereinkunft, die Universität in eine tschechische und eine deutsche Hochschule aufzuteilen, was 1882 vollzogen wurde. Beiden Universitäten wurden die alten kaiserlichen Insignien und Archivalien zugesprochen und beide erhoben den Anspruch, in der Tradition der alten Universität zu stehen. Bei dieser, wie auch bei der nachfolgenden Sprachenverordnung, ging es um den österreichisch-tschechischen Ausgleich in Österreich-Ungarn.

Aufteilungsmodus 1890 umfassten

die k.k. deutsche Karl-Ferdinands-Universität vier Fakultäten mit 146 Lehrern und 1.483 Studenten und die k.k. böhmische Karl-Ferdinands-Universität drei Fakultäten mit 112 Lehrern und 2.191 Studenten.

Gemeinsam teilten sie sich das Klinikum, die wissenschaftlichen Institute, die Bibliothek und den Botanischen Garten. Die deutsche Karl-Ferdinands-Universität hatte zwar dem Gesetz nach den gleichen Status wie die tschechische Karl-Ferdinands-Universität, hatte aber in Wirklichkeit vor allem materiell die ungleich besseren Ausgangsbedingungen. Die Institute, Kabinette und Bibliotheken sowie die Kliniken an den medizinischen Fakultäten waren nämlich anhand dessen aufgeteilt worden, für welche Universität sich die einzelnen Professoren entschieden hatten. Aufgrund der ungleichen Entwicklung vor der Teilung waren die Professoren zumeist Deutsche, die selbstverständlich an der deutschen Universität weiter lehren wollten. Was nichts anderes bedeutete, als dass die tschechische Universität in vielerlei Hinsicht von Grund auf neu errichtet werden musste.

Blüte der deutschsprachigen Fakultäten mini|Promotionsurkunde (70 × 51 cm) für Friedrich Hopfner (13. Januar 1905) von der deutschen Karl-Ferdinands-Universität Ihre Blütezeit erlebten die deutschsprachigen Fakultäten der Karl-Ferdinands-Universität vor dem Ersten Weltkrieg. Weltbekannte Wissenschaftler gehörten zu ihrem Lehrkörper: etwa der Physiker und Philosoph Ernst Mach, der Indologe Moritz Winternitz, der Entdecker der Relativitätstheorie Albert Einstein. Aber auch unter den Studenten findet man prominente Persönlichkeiten, wie z. B. die späteren Schriftsteller Max Brod, Franz Kafka und Johannes Urzidil. 1908 wurde erstmals an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität eine Frau promoviert.Hans-Joachim Härtel: Die beiden philosophischen Fakultäten in Prag im Spiegel ihrer Dissertationen 1882-1939/45. In: Ferdinand Seibt (Hrsg.): Die Teilung der Prager Universität 1882 und die intellektuelle Desintegration in den böhmischen Ländern. (Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum) München 1984, S. 81–94, hier S. 86.

Hauskorporation war der Universitäts-Gesang-Verein „Liedertafel der deutschen Studenten in Prag“ (UGV, gegründet 1869), die heutige Prager Universitäts-Sängerschaft „Barden“ (seit 1948 in München ansässig). Etliche Professoren (z. B. Ernst Mach) und Rektoren gehörten zu ihren Mitgliedern. Der Chor der Sängerschaft konnte in den Räumen der Universität proben und im deutschen Studentenheim wurden Räume zur Verfügung gestellt.

Für die Studenten war die 1848 gegründete Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag ein wichtiger gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Mittelpunkt.Gregor Gatscher-Riedl: Lese- und Redehalle deutscher Studenten in Prag 1848–1938. Erste Formen studentischer Breitenorganisation und Bildungsarbeit. Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Bd. 66 (2021), S. 151–182. So verfügte die Bibliothek über 23.519 Bände aus allen Fachbereichen (Stand Februar 1885). Zur Benutzung durch die Vereinsmitglieder lagen aus: 248 wissenschaftliche Zeitschriften, 19 Tagesblätter politischen Inhalts, 49 periodische Blätter politischen Inhalts sowie 34 Unterhaltungsblätter, u. a. Fliegende Blätter (Stand 1885). Es wurden regelmäßig Vorträge wissenschaftlichen, aber auch politischen Inhalts gehalten, sowie Feste, Kommerse, Ausflüge und Bälle veranstaltet.Jahresbericht der Lese- und Redehalle der deutschen Studenten in Prag, Vereinsjahr 1885, Prag 1885.

Insignienstreit Schon im Herbst 1918, also noch vor dem Zerfall der Habsburgermonarchie und der Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik, forderten tschechische Politiker von der deutschen Hochschule die Herausgabe der Universitäts-Insignien an die tschechische Universität. Mit den Insignien der Prager Universität sind die Gründungsurkunde von 1348, die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Zepter der vier Fakultäten und des Rektors sowie dessen Amtskette gemeint. Der damalige Rektor der deutschen Universität, August Naegle, widersetzte sich diesen Forderungen jedoch energisch.

Gegen die folgende militärische Besetzung der deutschen Universitätsgebäude protestierte Naegle persönlich vor dem tschechischen Ministerpräsidenten Karel Kramář. 1909 hatte die tschechische Universität (Karlo-Ferdinandova univerzita) bereits 4.300 Studenten, während an der deutschen Universität (Karl-Ferdinands-Universität) nur noch 1.800 Studenten immatrikuliert waren. 1920 wurde die Lex Mareš erlassen, die nach ihrem Initiator, dem Professor der Physiologie František Mareš, benannt und bekannt wurde.Zákon č. 135/1920 Sb. z. a n. ve Sbírce zákonů a nařízení státu československého PDF. Darin wurde bestimmt, dass die tschechische Universität die einzige Nachfolgerin der Ur-Universität sei. Sie benannte sich ab 1920 um in Karls-Universität, während die deutsche Universität diesen Zusatz Karls- aus ihrem Namen streichen sollte. Begründet wurde der Anspruch der tschechischen Universität damit, dass die Universität 1348 von Karl I. als König von Böhmen und eben nicht von Karl IV. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gegründet worden war. Dass Karl die Hochschule als Reichsuniversität, d. h. in seiner Funktion als römisch-deutscher Kaiser, gegründet haben soll, wurde per Dekret als falsche Meinung ausgelegt.

Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk erkannte aber, dass August Naegle die Insignien der Universität bis zum äußersten verteidigen würde. Bei der tschechoslowakischen Volkszählung von 1930 gaben noch 42.000 Prager Deutsch als Muttersprache an, sie lebten vor allem im Stadtzentrum (Stadtteile Altstadt und Kleinseite). So setzte erst nach August Naegles Tod im Oktober 1932 der Streit um die Insignien erneut ein. Der Auftakt war 1934, als das Hauptgebäude der Universität, das Carolinum, im Grundbuch der tschechischen Universität eingetragen wurde. Die nationalen Spannungen verschärften sich, obwohl einige Professoren der Karl-Ferdinands-Universität Mitglieder der tschechoslowakischen Regierung waren, wie z. B. Franz Spina, oder Robert Mayr-Harting. Der Rektor der Karls-Universität, Karel Domin, erwirkte beim Unterrichtsministerium einen diesbezüglichen Erlass. Am 21. November 1934 wurde dem Rektor der Deutschen Universität Professor Grosser unterbreitet, dass er die Insignien an die tschechische Hochschule auszuliefern habe. Deren Senat entsandte darauf eine Abordnung zum Unterrichtsministerium, um zu protestieren.