mini|hochkant|Porträt des Ali (vom armenischen Hofmaler Hakob Hovnatanyan) Aleviten ( bzw. , zazaisch und ; aus ) sind Mitglieder einer vorwiegend in der Türkei beheimateten Glaubensrichtung, die sich im 13./14. Jahrhundert unter den zugewanderten oghusisch-turkmenischen Stämmen in Anatolien und Aserbaidschan verbreitete. Ob das Alevitentum in seiner heutigen Form ein Teil des schiitischen Islams ist, es sich hier um eine separate islamische Konfession handelt oder man von einer eigenständigen Religion sprechen kann, wird sowohl in der religionswissenschaftlichen Forschung als auch von den Anhängern selbst unterschiedlich gesehen (siehe Strömungen im Alevitentum und Lehre und Brauchtum).Lutz Berger: Islamische Theologie. Facultas wuv / UTB, Wien 2010, S. 120. Eine Beziehung zum schiitischen Islam lässt sich über den persischen Schah Ismail I. herstellen. Eine besondere Nähe besteht zum sufischen Bektaschi-Orden.

Die Religion an sich wird als Alevitentum oder seltener Alevismus bezeichnet und stellt die zweitgrößte Religionsgruppe der Türkei (mit schätzungsweise 15 % der Bevölkerung) dar. Aleviten wurden früher, insbesondere im historischen Kontext der Geschichte des 15. und 16. Jahrhunderts, als Kizilbasch () bezeichnet. Diese Bezeichnung ist heute eher außer Gebrauch gekommen.

Ziel eines Aleviten ist die Erleuchtung/Vollkommenheit durch Werte wie Nächstenliebe, Bescheidenheit und Geduld. Humanismus und Universalismus prägen den alevitischen Glauben. Die Mehrheit der für Sunniten geltenden Verbote und Gebote aus dem Koran werden von Aleviten nicht anerkannt bzw. befolgt. Die grundlegenden Unterschiede zwischen Aleviten und Sunniten sind seit der osmanischen Zeit der (Haupt-)Grund für die Unterdrückung und Verfolgung der Aleviten.

Die türkischen Aleviten sind nicht identisch mit den gleichnamigen Alawiten im Westen Syriens und der türkischen Provinz Hatay, die in der Türkei auch „arabische Aleviten“ genannt werden und früher als Nusairier bezeichnet wurden. Das Wort kann im Türkischen als Synonym zu Schiit angesehen werden, bezeichnet meist aber, und im nichttürkischen Schrifttum so gut wie ausschließlich, die in den vorstehenden Absätzen dargestellte Gruppe.

Historische Entwicklung mini|hochkant|Kalligrafische Darstellung des Namens Ali ibn Abi Talib in arabischer Sprache, im Alevitentum der erste von zwölf Imamen als Nachfolger Mohammeds

Ursprünge Die Bezeichnung Aleviten kam erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Damit war zum einen der Versuch verbunden, eine Gemeinsamkeit zwischen den unter verschiedenen Namen bekannten Gruppen herzustellen, zum anderen das Bestreben, den als pejorativ empfundenen traditionellen Namen zu ersetzen.Markus Dressler, “Alevīs”, in: Encyclopaedia of Islam, THREE (Dritte Auflage), herausgegeben von: Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Everett Rowson. 2008, ISBN 978-90-04-16165-8.

Über Ursprung und Charakter des Alevitentums gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die vorherrschende Meinung tendiert dahin, dass es sich um eine Glaubensrichtung innerhalb der Schia handele: Aleviten werden dann als eine Denomination der schiitischen Muslime klassifiziert, da sie wesentliche Glaubensinhalte der Zwölferschia über Ali und die sogenannten Vierzehn Unfehlbaren akzeptieren. Von orthodoxen Sunniten werden die Aleviten meist zu Gruppen der eingeordnet.

Der Tod des Propheten Mohammed gilt als der Entstehungspunkt der Schia (siehe Ghadīr Chumm): Diejenigen, die Ali (den Schwiegersohn und Cousin des Propheten) als rechtmäßigen Nachfolger betrachteten, wurden zu den Schiiten, wodurch man sich von den Sunniten abspaltete und zur Zielscheibe einer bis zum heutigen Tage andauernden Verfolgung wurde.

Ab dem 9. Jahrhundert begann sich im Iran ausgehend von zwei Zentren in Chorasan und Fars der Sufismus zu verbreiten. Mit der mongolischen Eroberung im 13. Jahrhundert änderten sich die Bedingungen für das religiöse Leben im Iran von Grund auf. Mit dem Ende des Abbasiden-Kalifats hatten die sunnitischen Institutionen ihr legitimierendes Oberhaupt verloren. Unter den frühen mongolischen Ilkhanen war der Islam auch nicht mehr die Religion der Herrschenden. Dies hatte die tiefgreifende Erschütterung der islamischen Institutionen zufolge. Unter den meist nur oberflächlich islamisierten Turkmenenstämmen des iranisch-irakisch-syrisch-türkischen Grenzgebietes gewannen die Scheichs einer Sufi-Tarīqa aus dem nordwestiranischen Ardabil (Safawiyya) eine zunehmende Gefolgschaft. Unter dem Scheich Dschunaid begannen die Scheichs von einer ursprünglich eher sunnitischen Doktrin zu einer schiitischen Auffassung zu wechseln und behaupteten eine Abkunft vom Propheten Mohammed und von Ali. Zugleich begannen sie auch nach politischer Macht zu streben. Wegen ihres Machtanspruchs gerieten sie mit den turkmenischen Herrschern der Akkoyunlu und Karakoyunlu in Konflikt und konnten diese letztlich überwinden. Mit Schah Ismail I. wurden die Safawiden Herrscher des Iran und machten diesen zu einem schiitisch geprägten Land.

Auch unter den turkmenischen Stämmen Anatoliens hatten die Safawiden Anhänger gefunden, besonders unter den Bevölkerungsteilen, die in Opposition zu den Osmanen standen, die ihrerseits ihr Reich nach Osten auszudehnen versuchten. Da Ismail von seinen Anhängern göttliche Ehren beanspruchte, die ihm von jenen auch zugebilligt wurden, wurde zu Propagandazwecken die machtpolitische Auseinandersetzung auch als religiöser Krieg geführt. Nach der Niederwerfung verschiedener Aufstände im 16. Jahrhundert zogen sich die Anhänger der Safawiden in unzugängliche Gebiete zurück und kapselten sich von ihrer Umgebung ab. In dieser Isolation brach die Verbindung zu den Safawiden ab, und die heutige Glaubens- und Sozialstruktur begann sich zu entwickeln. Gleichzeitig begann eine Verbindung mit der Bektaşi-Tarīqa.Krisztina Kehl-Bodrogi: Die Kızılbaş/Aleviten. Untersuchungen über eine esoterische Glaubensgemeinschaft in Anatolien. Klaus Schwarz, Berlin 1988, ISBN 978-3-922968-70-2, S. 27–47.

Alevitische Gruppen waren z. B. die Tahtacı, Çepni, Amucalı, Koçgirili, Zaza, Abdal, Bedreddinī und Bābāʾī.

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts begann die türkische Staatsideologie sich dem Alevismus anzunähern und diesen für sich zu gewinnen. Der Soziologe Mehmet Eröz bezeichnet das Alevitentum als die Religion der „ursprünglichen Türken“ und weist auf die enge Verbundenheit mit dem Türkentum hin. Auch der Historiker Yusuf Halaçoğlu ist dieser Auffassung und meint, dass Aleviten bis zum heutigen Tage die türkischen Lebensweisen und Traditionen ausleben.

Der iranische Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini bestimmte die Aleviten in den 1970er Jahren als Teil der schiitischen Gemeinde. Mitunter wird auch eine Beziehung zum Zoroastrismus behauptet, die sich historisch aber kaum belegen lässt. Überdies sind unter den Aleviten mehrere Richtungen zu erkennen, die der Schia unterschiedlich nahestehen.

Unterdrückung

Unter den Osmanen wurden die Aleviten als Häretiker verfolgt, insbesondere, weil sie sich 1514 mit den iranisch-safawidischen Schahs gegen die Osmanen verbündeten.

Im 16. Jahrhundert führte der aus Sivas stammende Dichter Pir Sultan Abdal alevitische Aufstände gegen die Osmanen an. Diese schlugen die Aufstände nieder und hängten Pir Sultan Abdal, der bis heute hohes Ansehen unter den Aleviten genießt.

Wegen der Unterdrückung und der bedrohten Lage der Aleviten unter der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft kam es im Laufe der Zeit immer wieder zu blutigen Aufständen. Erst seit der Gründung der modernen Türkei genießen sie in Teilen Glaubensfreiheit. Die Mehrheit der türkischen Aleviten unterstützte den von Kemal Atatürk verordneten Laizismus, weltlichen Rechtsstaat und die Demokratie. Die alevitische Bevölkerungsgruppe war eine der tragenden Kräfte bei der Gründung der türkischen Republik, weil sie sich insbesondere durch die Abschaffung der sunnitischen Rechtsordnung und die Einführung des Laizismus mit der Trennung von staatlichen und religiösen Angelegenheiten eine Gleichberechtigung mit der sunnitischen Glaubensrichtung erhoffte.

Aleviten sind bis zum heutigen Tag Zielscheibe zahlreicher Pogrome, Anschläge und Diskriminierungen durch die sunnitische Mehrheitsgesellschaft der Türkei. Im Zuge dessen sind die Pogrome von Çorum und Kahramanmaraş sowie der Brandanschlag von Sivas zu nennen. Die Diskriminierung gegen das Alevitentum findet auch von Seiten des türkischen Staates statt (zusammenhängend mit der Reislamisierung der Türkei). Im Zuge der Gezi-Park-Proteste wurden mehrheitlich (ca. 80 %) Aleviten verhaftet.

Verbreitung mini|Siedlungsgebiete der Aleviten und anderer schiitischer Gruppen in Türkei, Syrien und Libanon Die Anzahl der Aleviten ist nicht exakt feststellbar, da keine verlässlichen Zahlenangaben vorliegen und viele Aleviten sich nicht öffentlich zu ihrem Glauben bekennen. Zudem wurden einige Aleviten assimiliert. Trotz der universalistischen Rhetorik (und im Gegensatz zum allgemeinen Islam oder dem Bektaschi-Orden) kennen alevitische Gemeinschaften nicht die Möglichkeit der Konversion zum Alevitentum. Um als Alevit zu gelten, muss man als Kind einer alevitischen Mutter oder eines alevitischen Vaters geboren sein.

Die ungefähre Anzahl reicht von 10 bis 12 Millionen bis zu mehr als 20 Millionen weltweit.Vgl. Siehe auch Alevitische Gemeinden sind in Zentralanatolien sowie in Thrakien konzentriert, speziell in einem Gürtel von Çorum im Westen bis Muş im Osten. Die einzige Provinz innerhalb der Türkei mit einer alevitischen Mehrheit ist Tunceli (früher als Dersim bekannt). Insgesamt gibt es 4382 türkische Orte, in denen Aleviten mehr als 50 % der Bevölkerung stellen: Davon sind 3929 Dörfer, 334 konfessionell gemischte Dörfer, 92 Städte, 16 konfessionell gemischte Städte, 9 alevitische Kreishauptstädte und 2 alevitische Provinzhauptstädte. Von den geschätzt 12,5 Millionen Aleviten wurden 2,9 Millionen assimiliert.Akkiraz’dan Kılıçdaroğlu’na Alevi raporu, Hürriyet Fotoanaliz

Beginnend in den 1960er Jahren sind viele ländliche Aleviten in die großen Städte der westlichen und südlichen Türkei – sowie nach Westeuropa – ausgewandert und sind daher stark urbanisiert. Die Federation of Alevite Unions in Europe bildet eine alevitische Interessenvertretung in Europa.

Die meisten Aleviten sind Türken und Turkmenen, eine Minderheit sind Kurden oder Zaza, andere wiederum sind Aserbaidschaner.David Zeidan: The Alevi of Anatolia. 1995. Außerhalb dieser gibt es auch Gemeinschaften in einigen Regionen Iranisch-Aserbaidschans. Die Stadt Ilchitschi (İlxıçı), welche sich 87 km südwestlich von Täbris befindet, ist fast gänzlich von Aleviten bewohnt.

In Syrien gibt es unter den Turkmenen in Aleppo alevitische Gemeinschaften.m.sabah.com.trm.milliyet.com.tr In Aleppo befindet sich auch das Grab von Nasīmī, welcher für die Aleviten einer ihrer sieben großen Dichter ist. Die Kleinstadt Maabatli unweit der nordsyrischen Stadt Afrin wird mehrheitlich von kurdischsprachigen Aleviten bewohnt.mobil.derstandard.at Der alevitische Politiker Nuri Dersimi floh 1937 nach dem Dersim-Aufstand nach Syrien. Er liegt bei Afrin begraben.

Im Irak gibt es unter den Turkmenen und unter den Kurden alevitische Gemeinschaften (siehe hierzu auch Schabak (Ethnie)).

Auch in Griechenland gibt es eine etwa 3000 Personen umfassende alevitische Gemeinschaft in Westthrakien.Αλεβίτες, οι άγνωστοι «συγγενείς» μας In Bulgarien gibt es mehrere Zehntausend Bektaschi-Aleviten, die dort Aliani und Kizilbaschi genannt werden. Weiterhin leben auf Zypern ebenfalls alevitische Minderheiten., abgerufen am 24. August 2012.

Allgemeine Glaubensinhalte