Die Genetik des Hauskaninchens im Sinne der Zucht von Rassekaninchen beschäftigt sich vor allem mit der Vererbung äußerer, rassetypischer Merkmale, besonders der Fellfarbe, der Haarlänge und Haarstruktur sowie der Körpergröße des Hauskaninchens.
Die Vererbung dieser Merkmale wurde vor der Entdeckung der Struktur der DNA durch Zuchtexperimente untersucht. Die entsprechende Nomenklatur stammt aus jener Zeit, wird aber, da praktisch gut handhabbar, von Züchtern und in der entsprechenden Fachliteratur noch immer in dieser Form benutzt.
Die Erbsymbole und Erbformeln Bedingt durch die Arbeiten von Nachtsheim, der entsprechende Untersuchungen in den dreißiger Jahren in Deutschland durchführte, wird in Deutschland eine vom internationalen Gebrauch abweichende Bezeichnung der so genannten Erbfaktoren verwendet. Die internationale (englische) Nomenklatur hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt, obwohl ihre Verwendung auch im Hinblick auf die Vergleichbarkeit mit anderen Tierarten von Vorteil wäre. In diesem Artikel wird ebenfalls die deutsche Nomenklatur benutzt, die internationale parallel dazu angegeben. Bei anderen Tierarten (Katzen, Hunde, Farbmaus etc.) werden homologe Mutationen beobachtet, dort wird in aller Regel die englische Nomenklatur verwendet. Die verschiedenen für die Fellfärbung verantwortlichen Gene werden mit Buchstaben gekennzeichnet, wobei dominante Allele mit Groß-, rezessive Allele mit Kleinbuchstaben gekennzeichnet werden (siehe dazu auch mendelsche Regeln). Der Genotyp des betreffenden Tieres wird in der Regel in Form eines Bruches angegeben, dabei stehen die von der Mutter vererbten Genvarianten im Zähler, die vom Vater vererbten im Nenner. Durch Vergleich der Dominanz der einzelnen Allele kann, bekannter Genotyp der Elterntiere vorausgesetzt, die Fellfarbe und Haarstruktur vorausgesagt werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird die Bruchschreibweise hier nur benutzt, wenn Spalterbigkeit angegeben werden soll, wenn nicht anders vermerkt, wird nach dem Schrägstrich das englische Symbol genannt.
Färbung des Wildkaninchens
mini|Wildkaninchen
Die Färbung des Kaninchenfells wird bestimmt durch drei Farbzonen, die beim Hineinblasen in ein entsprechend gefärbtes Kaninchenfell als Unter-, Zwischen- und Deckfarbe sichtbar werden. Die unterschiedliche Färbung der Hauskaninchen wird dadurch bestimmt, ob diese Zonierung überhaupt ausgebildet wird und welche Pigmente in den einzelnen Zonen vorhanden sind. Beim Wildkaninchen bzw. wildfarbigen Hauskaninchen findet man eine dunkelblaue Unterfarbe und eine gelbbräunliche Zwischenfarbe. Schwarze, braune und gelbe Haarspitzen bilden die Deckfarbe. Die Bauchunterseite und die Unterseite der Blume sind hell mit blauer Bauchunterfarbe, die Ohren sind durch einen dunklen Rand eingefasst (Wildfarbigkeitsabzeichen). Der Färbung des Wildkaninchens entsprechen die grauen Kaninchenrassen (z. B. Grauer Riese, Grauer Wiener im hasengrauen Farbenschlag).
Vererbung der Fellfarbe
+ Die Gensymbole für die Fellfärbung des Hauskaninchen (verändert nach Schlohlaut und Sandford) Merkmal Deutsches Symbol Internationales Symbol Ausbildung des Pigmentes (Vorhandensein von Tyrosinase) volle Ausbildung der Pigmentierung A C Dunkelchinchilla ad cch3 Chinchilla achi cch2 Marder am cch1 Russe an ch Albino a c Ausprägung von Schwarz dunkeleisengrau Bee Ed eisengrau Be Es schwarz (normale Ausprägung) B E Japaner bj ej gelb b e Schwarz (Pigmentierung) normale Ausprägung C B braun c b Verdünnungsfaktor normale Pigmentdichte D D verminderte Pigmentdichte d dWildfarbigkeitsfaktor (Agouti)wildfarbig (normale Farbzonenbildung im Haar) G Alohfarbig (Abzeichenerhaltung) go atnicht wildfarbig (einfarbig, Zonenbildung des Haares komplett aufgehoben) g aSilberungnicht gesilbert p Sigesilbert P1…3 siScheckungNichtscheckung (Punkt) k enenPunktscheckung K EnEn…EnenNichtscheckung (Plattenscheckung) S DuPlattenscheckung (Holländerkaninchen) s1…3 dud…duw Pigmentierung volle Pigmentierung X V…VvLeuzismus (weiß) x v Breite der Zwischenfarbe (Band) normales Band W W weites Band w w Gelb normales Gelb y kein Symbol vorhanden Gelbverstärker Y kein Symbol vorhanden Lutinofaktor (red eye dilution) Wildtyp Lu (?) P (?) Re verdünnt, rotes Auge lu p, re
Der Autor Dr. Gerhardt Hochstrasser, Würzburg, hat sich um die Weiterentwicklung dieser Symbolik (dem deutschen System folgend) verdient gemacht und konnte teilweise zeigen, dass die bisher vertretenen Auffassungen nicht unbedingt zutreffend sind. Im Folgenden werden seine Auffassungen und Anmerkungen parallel zum konventionellen Verständnis angegeben.
Albinoserie Die Albinoserie A (engl. C) ist der Grundfaktor für die Pigmentierung des Haares. Tiere mit diesem Gen im Wildtyp besitzen die volle Fähigkeit, Pigment auszubilden. Die einzelnen Mutationen dieses Gens führen zu einer abnehmenden Pigmentierung des Felles. Ursache dafür ist die Ausbildung des Enzyms Tyrosinase. Der zunehmende Farbverlust wird besonders deutlich, wenn man die Abstufung der Färbung bei wildfarbigen Tieren betrachtet, d. h. Wildkaninchenfärbung – Dunkelchinchilla – Chinchilla – chinchillafarbiger Marder – wildfarbiges Russenkaninchen (Abzeichen chinchillafarbig)-Albino. Die verschiedenen Mutationsstufen des Gens verkörpern unterschiedliche Verluststufen dieses Enzyms, vom teilweisen Verlust (Dunkelchinchilla, Chinchilla, Marder), über die hitzelabile Form (Russenzeichnung) bis zum vollständigen Verlust (Albino). Für eine detaillierte Darstellung siehe unter Albinismus. Demzufolge schlägt Hochstrasser vor, diesen Faktor „maximale Präsenz / maximales Fehlen von Tyrosinase“ zu nennen.
Die erste Mutationsstufe dieses Gens ist der Faktor für Dunkelchinchilla ad (cch3). In Deutschland ist keine Kaninchenrasse mit diesem Faktor bekannt, es handelt sich um aschgraue Tiere, die dunkler als die Standardchinchilla gefärbt sind. Der Dunkelchinchillafaktor ist rezessiv gegenüber dem Wildtyp A (C), aber dominant gegenüber den restlichen Varianten der Albinoserie.
mini|Großchinchilla
Der Chinchillafaktor achi (cch2) führt bei seinem Träger dazu, dass das gelbe Pigment (Phäomelanin) des Wildkaninchenfells nicht ausgebildet wird. Anstelle der gelben Zwischenfarbe tritt ein reinweißes Band, das Fell des Kaninchen erscheint dadurch bläulich-aschgrau. Die Krallen sind dunkel hornfarbig. Aufgrund der Ähnlichkeit dieser Fellfarbe mit der des südamerikanischen Chinchillas erfolgte die Namensgebung der Rasse. Typischer Vertreter dieses Mutationstyps sind die Groß- und Kleinchinchillakaninchen.
mini|Siamfarbenes Widderkaninchen Der Marderfaktor am (cch1) ist als alleiniger Faktor in Deutschland ebenfalls nicht als einzelne Rasse anerkannt. Standardgemäße Marderkaninchen (Typmarder) sind spalterbige Tiere, die durch Kreuzungen von Russenkaninchen mit den reinerbigen, so genannten Dunkelmardern erzielt werden. Damit wird deutlich, dass diese Mutation zusammen mit dem Russenfaktor und dem Albinofaktor einen intermediären Erbgang zeigt. Bei den Rassetieren ist zusätzlich durch die Aufhebung des Wildfarbigkeitsfaktor, g (a) statt G (A), keine Zonierung der Fellfarben mehr vorhanden. Der Marderfaktor zeigt sich in der Fellfarbe durch eine dunklere Färbung des Kopfes, der Ohren, der Extremitäten und des Schwanzes (Blume). Ein breiter Streifen des Rückens ist ebenfalls dunkler gefärbt. Die Unterfarbe des Fells ist bläulich. Ist der Marderfaktor mit dem Wildfarbigkeitsfaktore kombiniert, entstehen so genannte Chinchillamarder. Genetisch zu den Marderkaninchen gehören die Siamesenkaninchen. Die Zeichnung dieser Tiere entspricht der der bekannten Siamkatze, mit einer hellen, beim Gelbsiamesen hellgelblichen Deckfarbe. Schultern und Hinterpartie sind etwas dunkler. Die Siamkaninchen besitzen eine dunkle, die Augen umfassende Schnauzenzeichnung (Maske, dunkle Ohren und Läufe, die Blume ist ebenfalls dunkel).
mini|Kalifornierkaninchen mit der typischen Russenzeichnung
Der Russenfaktor an (ch), im englischen Sprachgebrauch als Himalayan bezeichnet, bewirkt teilalbinotische Tiere mit roten Augen. Lediglich die Schnauzenpartie, Ohren, Läufe und Blume sind gefärbt (Akromelanismus). Beim von der Wildfarbe abgeleiteten Mutationstyp ist die Blumenunterseite hell. Dem Standard entsprechende Tiere zeigen einfarbig schwarze, blaue oder braune Abzeichen. Die dunkle Färbung der Extremitäten wird hervorgerufen durch sogenannte Kälteschwärzung. Lediglich die Körperstellen, an denen eine Hauttemperatur von unter 35 °C (andere Angaben 28 °C) herrscht, bilden eine Farbe aus. Ursache dafür ist, dass bei den betroffenen Tieren eine hitzelabile Form der Tyrosinase ausgebildet wird. Aus diesem Grund zeigen Russen und Kalifornier auch bei Außenhaltung im Winter eine bessere Zeichnung als im Sommer, bei besonderer Kälte bildet sich besonders bei älteren Tiere auch eine dunkle Zone an den Augen, bei Häsinnen auch an der Wamme aus. Wird einem Tier mit Russenfaktor im Winter ein Teil des Felles geschoren, wächst dort dunkles Haar nach, der entstandene Fleck verschwindet beim nächsten Haarwechsel. Die Jungtiere der genannten Rassen werden reinweiß geboren, die Ausbildung der Zeichnung erfolgt erst nach Verlassen des Nestes. Sind die Jungtiere während der Säugeperiode Kälte ausgesetzt, entsteht häufig ein grauer Anflug des Felles, der beim Fellwechsel verschwindet.
mini|Albinotisches Hermelinkaninchen Die Endstufe der Albinoserie ist der Albinofaktor a (c). Tiere, die diesen Erbfaktor besitzen, bilden keine Pigmente aus, da ihnen die Tyrosinase vollständig fehlt. Das Fell erscheint dadurch reinweiß. Da auch die Iris des Auges nicht gefärbt ist, erscheint durch das Durchscheinen der Blutgefäße des Augenhintergrundes das Auge rot. Typische Vertreter dieses Mutationstyp sind der Weiße Neuseeländer und das Hermelin Rotauge.
Schwarzserie
Das in der deutschen mit B (in der internationalen Literatur mit E (für Extension-Locus)) bezeichnete Gen steuert die Ausprägung des schwarzen Pigmentes Eumelanin im Kaninchenhaar. Mutationen dieses Gens führen entsprechend zur Verstärkung oder Verdünnung von Schwarz im Erscheinungsbild.
Dunkeleisengrau Bee (engl. Ed) und Eisengrau Be (Es) sind Mutationen, die gegenüber dem Wildtyp B (E) einen dominanten Erbgang zeigen. Die Tiere zeigen die Wildfarbigkeitsabzeichen, sind jedoch deutlich dunkler gefärbt. Dunkeleisengraue Tiere sind fast schwarz. Eisengraue Tiere besitzen am ganzen Körper eine dunkle Deckfarbe, die Bauchfarbe ist nur geringfügig heller. Die Zwischenfarbe und der Genickkeil sind nur angedeutet. Während dunkeleisengrau in Deutschland bei keiner Rasse als Farbenschlag zugelassen ist, sind eisengraue Tiere als Farbschläge zum Beispiel beim Deutschen Riesen, dem Grauen Wiener und den grauen Farbenzwergen zugelassen. Dunkeleisengrau ist dominant gegenüber eisengrau, beide sind intermediär gegenüber dem Wildtyp (siehe hierzu auch den von Hochstrasser vermuteten Schwarzverstärkerfaktor).
Der Wildtyp B (E) ist verantwortlich für die normale Ausprägung des schwarzen Pigmentes im Fell. In Kombination mit dem Wildtyp der übrigen Farballele ergibt sich das wildgraue Kaninchenfell. Diese Fellfarbe findet sich bei allen wildgrauen Farbschlägen. Es muss an dieser Stelle bemerkt werden, dass in der Züchterpraxis die grauen Farbschläge nicht im notwendigen Maß getrennt gehalten werden, sodass Unklarheiten und Übergänge möglich sind (s. auch Gelb- und Schwarzverstärkerreihe).
mini|Burgunderkaninchen mini|Sachsengold