Maultier steht für eine Fahrzeugklasse von Gleisketten-Lastkraftwagen mit einem Halbkettenlaufwerk im Zweiten Weltkrieg, die für die Bedürfnisse der deutschen Wehrmacht an der Ostfront entwickelt wurde. Zumeist wird die Bezeichnung Sonderkraftfahrzeug 3 (Sd.Kfz. 3) als Synonym verwendet, gehört demnach zur Gruppe der Sonderkraftfahrzeuge. Die 4,5-t-Variante wurde teils als Sd.Kfz. 4 z. B. KStN 461 vom 26. Juni 1944, teils als Sd.Kfz. 3/5 z. B. KStN 198 vom 1. April 1944 bezeichnet. Sonderkraftfahrzeug 4/1 hieß eine gepanzerte Ausführung des Zweitonnen-Maultier mit aufmontiertem Nebelwerfer.
Hintergrund Im Sommer 1941 begann die Wehrmacht mit dem „Unternehmen Barbarossa“ und griff mit der Masse ihrer Kräfte und gemeinsam mit einigen Verbündeten die Sowjetunion an. Nachdem bisherige Feldzüge durch die neuen Taktiken und die Organisation der deutschen Streitkräfte schnell abgeschlossen werden konnten, rechnete man für diese Operation ebenfalls mit einem schnellen Sieg, da im Verhältnis zu den ca. 180 angreifenden deutschen Divisionen nach deutscher Auffassung nur mit 50 bis 75 guten sowjetischen Divisionen zu rechnen war. Die Widerstandskraft der sowjetischen Verbände, ihre Ausrüstung und die Weite des sowjetischen Raumes waren unterschätzt worden und als im Herbst 1941 die Schlammperiode begann, war ein Sieg in weite Ferne gerückt. Die motorisierten Verbände steckten buchstäblich fest. Nur noch Kettenschlepper und Halbketten waren in der Lage, unter diesen Bedingungen die Versorgung der Wehrmacht im Osten zu bewerkstelligen, doch davon gab es viel zu wenige und die anfänglich erbeuteten russischen Schlepper fielen nach und nach durch Ersatzteilmangel aus. Festgefahrene Fahrzeuge wurden zudem zu einem leichten Ziel für den Gegner und gingen dadurch vollständig verloren. Um dies zu vermeiden, wurden Panzer, Schützenpanzer und schwere Halbkettenfahrzeuge der Artillerie zum Schleppdienst im Hinterland eingesetzt.
Die deutschen Schützenpanzer vom Typ Sd.Kfz. 250 und Sd.Kfz. 251 basierten auf den gleichen Fahrwerksbauteilen wie die leichten Zugmaschinen vom Typ Sd.Kfz. 10 und Sd.Kfz. 11, daher schränkte die Fertigung des einen Fahrzeugs die Produktion des anderen Typs ein. Auch dies war ein Grund dafür, Lastkraftwagen mit Halbkettenlaufwerken zu versehen.Nuts&Bolts Vol. 28 S. 2–3.
Die einzelnen Fahrzeugarten und Herstellertypen sind oft nur an Details zu unterscheiden. Nachfolgend ein Überblick dazu.
Entwicklung 2-t-Gleisketten-Lkw Unter der Führung von Dr. Hähnlein wurde 1942 ein Sonderausschuss „Maultier“ gebildet, der sich mit der Entwicklung und Produktion eines Halbketten-Lastkraftwagens befassen sollte. Die deutsche Rüstungsindustrie griff auf Erfahrungen aus verschiedenen Projekten zurück. So hatte beispielsweise Daimler-Benz in den Jahren 1937 bis 1938 ein Fahrzeug mit der Typenbezeichnung LR 75 entwickelt, das für den zivilen Einsatz gedacht war. Doch wurden nur 25 Fahrzeuge dieses Typs gebaut. Relativ schnell war klar, dass die Standard-Lkw der 3-Tonnen-Klasse, die am häufigsten in den aktuellen Kriegsstärkenachweisen des Jahres 1942 zu finden waren, der Ausgangspunkt des Projektes sein sollten. Außerdem war das Problem bei den 4×4-Fahrzeugen geringer als bei den 4×2-Fahrzeugen, so dass die S-Varianten zugrunde gelegt wurden. Also wurden die Fahrwerkskonzepte mit dem Magirus S 3000, dem Ford V 3000 Svgl. Frank, Reinhard: Ford im Kriege, Waffenarsenal, Band 123, Podzun-Pallas-Verlag, Friedberg (1990), ISBN 3-7909-0394-9, dem Opel Blitz 3,6-36 S und dann auch mit dem Mercedes L 4500 S erarbeitet.Nuts&Bolts Vol. 28 S. 3 Basierend auf den Forderungen entwickelte die Firma Opel ein eigenständiges Gleisketten-System, mit dem die Hinterachse des S-Typ-Lkw auch bei existierenden Fahrzeugen im Baukastenprinzip ersetzt werden konnte. Mit einer verkürzten Antriebswelle wurden über eine Achse mit Differential die vorne liegenden Antriebsräder angetrieben. Zwei mit Blattfedern versehene bewegliche Räderpaare bildeten die Laufräder und die Umlenkrolle saß verhältnismäßig tief. Oben liefen die vom Panzerkampfwagen I stammenden Ketten über zwei Stützlaufrollen.
Doch auch die Waffen-SS hatte schon im Winter 1941/42 nach einer Lösung für das Transportproblem gesucht und einige Ford-Lkw mit einem Laufwerk versehen, das teils von erbeuteten britischen Universal Carriern stammte, und präsentierte nun diese Lösung. Die von der Waffen-SS umgebauten Fahrzeuge gingen genauso wie die Opel-Fahrgestelle in eine umfassende Erprobung. Die Erprobung in Berka durch das Heeres-Waffenamt verlief tendenziell zugunsten des Opel-Entwurfs, der einige Vorteile mit sich brachte. Schwierigkeiten zeigten sich beim SS-Laufwerk im Hinblick auf das Getriebe, diese waren jedoch lösbar.
Produziert wurde schließlich nur das Fahrwerk entsprechend der Waffen-SS-Ausführung. Aus welchem Grund letztlich der Entwurf der Waffen-SS umgesetzt wurde, konnte anhand vorliegender Unterlagen noch nicht geklärt werden.
Die Fahrzeuge erhielten eine Ergänzung in der Typenbezeichnung /SSM (z. B. Ford V 3000 S/SSM), um die Abweichung in der Fahrwerkskonstruktion ersichtlich zu machen.
Daimler-Benz L 4500 R mini|Mercedes-Benz L 4500 R, Maultier 4,5 t als amerikanisches Beutefahrzeug in Erprobung
Ab 1939 hatte Daimler-Benz für die Wehrmacht den Typen L 4500 S gefertigt. Hinzu kam 1941 die Allrad-Variante L 4500 A.
Das Auftreten der neuen sowjetischen Panzertypen an der Ostfront hatte die Forderung einer Panzerabwehrkanone im Kaliber 8,8 cm zur Folge. Diese sollte möglichst an viele Panzerjägerabteilungen ausgegeben werden. Doch fehlte es an Zugfahrzeugen, da der geplante schwere Wehrmachtsschlepper, der die 5-t-Zugmaschine Sd.Kfz. 6 ablösen sollte, noch nicht verfügbar war. Man fragte bei Daimler-Benz und Büssing-NAG an, ob diese die Lastkraftwagen der 4,5-t-Reihe mit einer Gleiskette versehen könnten.
Beide Unternehmen legten Entwürfe vor und Daimler erhielt letztlich einen Erstauftrag über 600 Fahrzeuge. Der Daimler-Entwurf basiert im Wesentlichen auf einer Anpassung von Teilen des Panzerkampfwagen-II-Laufwerks an das Fahrgestell des L 4500 S. Die ersten Fahrzeuge wurden im August 1940 ausgeliefert und bis ins Jahr 1944 wurden letztlich 1480 Fahrzeuge des Typs produziert.
Das Nachfolgefahrzeug Schwerer Wehrmachtschlepper wurde ab Dezember 1943 bis Kriegsende von Büssing-NAG und der Ringhoffer-Tatra Werke AG produziert.
Varianten Um ausreichende Produktionszahlen bei den Gleiskettenschleppern zu erreichen, wurden wie zuvor beschrieben verschiedene Hersteller in die Produktion eingebunden:
Typen Sd.Kfz. 3a - Opel im Werk Brandenburg Sd.Kfz. 3b - Ford in Köln Sd.Kfz. 3c - Magirus (Klöckner-Humboldt-Deutz) Sd.Kfz. 3/4 - Sanitätskraftwagen (herstellerunabhängig) / auf Ford- und Opel-Fahrgestell - enthalten in der Gesamtproduktionszahl Sd.Kfz. 3/5 oder Sd.Kfz. 4 Mercedes 4,5 t - Maultier
Sd.Kfz. 4 mini|Sd.Kfz. 4/1, Panzerwerfer 42, auf Opel Fahrgestell
Die Bezeichnung Sonderkraftfahrzeug 4 findet sich nur - in der Typenbezeichnung für das 4,5-Tonnen-Maultier von Daimler-Benz Seifert S. 101 m.w.N., dieses Fahrzeug wird aber auch als Sd.Kfz. 3/5 bezeichnet Nuts&Bolts Vol. 28 S. 20 u. a. - in der Form „Sd.Kfz.4/1“ für den 15-cm-Panzerwerfer 42 auf Selbstfahrlafette, der nach der offiziellen Einführung als 15-cm-Panzerwerfer 42 geführt wird. Von diesem Fahrzeug gab es eine Variante als Munitionsschlepper, die die gleiche Sonderkraftfahrzeugnummer (Sd.Kfz. 4/1) trug und bei Bedarf jederzeit zum Werfer umgebaut werden konnte.
Einsatz Der Grundgedanke bei der Entwicklung der Maultier-Fahrzeuge war es, ein Fahrzeug zu schaffen, das den spezifischen Gelände- und Straßenverhältnissen der Ostfront in den feuchten Jahreszeiten standhält. So sollten Zuweisungen nur an Einheiten im Osteinsatz erfolgen.
mini|Getarntes „Maultier“ in Nordfrankreich 1944 Die Maultiere sollten hierbei in der Pritschenversion die Aufgabe der regulären Lastkraftwagen übernehmen, also Versorgung mit Nachschubgütern wie Munition und Lebensmitteln, als Zugfahrzeug für leichte Geschütze der Infanterie-Verbände, Truppentransport, Transport von Pioniergerät (z. B. Minen, Stacheldraht) und nicht zuletzt für den Transport von Verwundeten dienen. Betrachtet man die Zuteilungen, wurde die Munitionsversorgung als wichtigste Aufgabe gesehen. Motorisierte Verbände, wie Panzer-Divisionen, Panzerjäger und Sturmgeschütz-Einheiten, erhielten häufig eine Staffel von sechs Maultieren.
Häufig wurden die Fahrzeuge als Ersatz für die Halbkettenschlepper Sd.Kfz. 10 und Sd.Kfz. 11 an Einheiten mit Geschützen ausgegeben. So waren Verbände mit 7,5-cm-Pak 40, 7,62-cm-Pak 36, 10,5-cm-leichter Feldhaubitze 18 und auch 12-cm-Granatwerfern ab 1943 häufiger mit Maultieren ausgerüstet. Sollte eine schwere 8,8-cm-Pak gezogen werden, griff man auf die 4,5-t-Maultiere zurück.
Auch die Luftwaffe erhielt für mobile Einheiten mit 2-cm-Flak und 3,7-cm-Flak diese Fahrzeuge. Sehr häufig wurden die Geschütze dann auf der Ladefläche montiert, um sofortige Feuerbereitschaft auf dem Marsch und beim Halt der Kolonne zu haben. Während dies mit der einzelnen 2-cm-Flak auf dem 2-t-Maultier sicher unproblematischer war, stellten die 1,5-t einer 3,7-cm-Flak zuzüglich Ausrüstung und Munition schon eine vollständige Ausnutzung der Nutzlast dar. Kamen dann noch drei bis vier Mann hinzu, war das Fahrzeug vermutlich deutlich überladen, was zu Lasten des Fahrwerks ging.
Auf zahlreichen Bildern ist die Verwendung mit geschlossenen Aufbauten belegt. Hierbei wurden sowohl Einheitskoffer als auch individuelle Holzaufbauten verwendet. Typische Verwendungen der Einheitskoffer waren die Sanitätskraftwagen (Sd.Kfz. 3/4), Funkwagen und Werkstattwagen. Bei den genormten Einheitskoffern wurde die Pritsche wie beim normalen Lastkraftwagen entfernt und der genormte Kofferaufbau an deren Stelle gesetzt.
Produktion und Stückzahlen Bisheriger Quellenstand Über die Stückzahlen der gefertigten Zweitonner-Maultier-LKW gehen die Quellen stark auseinander:
Oswald nennt ca. 4.000 Opel Blitz, 13.952 Ford und 1.740 KHDOswald, Wehrmacht S. 275, also zusammen 19.692 Stück. Davon sollen 1.635 Stück 1942, rund 13.000 im Jahr 1943 und 7.310 Stück 1944 gebaut worden seinOswald, Wehrmacht S. 437, was zusammen 21.945 Stück ergäbe (also 2253 Stück mehr als bei Addition der Typen bei den einzelnen Firmen). Letztere Zahlen dürften aus Boelcke abgeschrieben seinWilli A.Boelcke (Hrsg.), Deutschlands Rüstung im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1969, S. 24. Spielberger nennt 4.000 Opel, ca. 14.000 Ford und ca. 2.500 KHD,Spielberger, Halbkettenfahrzeuge S. 56 also zusammen etwa 20.500 Stück und scheint sich damit (mit der Ausnahme von KHD) an Oswald zu orientieren. Im Band „Beute-Kraftfahrzeuge“ beziffert Spielberger die in den niederländischen Ford-Werken (bei Amsterdam) gebauten Maultiere wie folgt: 97 Stück 1942, 2703 Stück 1943 und 1617 Stück bis 31. August 1944Spielberger, Beutefahrzeuge S. 32. Baschin nennt rund 4.000 Opel, 14.000 bis 15.000 Ford (davon 1.000 im französischen Ford-Werk Poissy) und 1.747 bis 2.500 KHDNuts & Bolts S. 15, fasst also die bei Oswald bzw. Spielberger publizierten Zahlen zusammen. Pat Ware nennt über 20.000 Maultiere, davon 13.952 Stück bei den Ford-Werken in Köln und Amsterdam, von diesen 13.952 Stück wiederum 1.000 in AsnièresWare S. 185, scheint sich also ebenfalls an Oswald zu orientieren. Hahn gliedert nicht nach Herstellern und nennt 635 Stück für 1942, 14.691 Stück für 1943 (zuzüglich 244 Panzerwerfern und 183 Munitionsfahrzeugen) und 6.634 Stück zuzüglich 52 Panzerwerfern und 68 Munitionsfahrzeugen für 1944Hahn Bd. 2 S. 106, also zusammen 21.960 Stück zuzüglich 547 Panzerwerfer und Munitionsfahrzeuge. Augustin beziffert in seiner Werksgeschichte zu Magirus-Deutz die Zahl der KHD-Maultiere mit 1741 StückAugustin S. 84