Der Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung wurde 1812 in Wiesbaden gegründet und gilt als ältester aktiver Geschichtsverein Deutschlands.Bürger-Völlmecke, S. 37. Er widmet sich der landesgeschichtlichen Erforschung der Territorien des Hauses Nassau und angrenzender Gebiete und hat ungefähr 1500 Mitglieder.
Geschichte
mini|Das Erbprinzenpalais war ursprünglicher Vereinssitz
Gründung Der Verein wurde 1812 auf Initiative des Pfarrers Johann Christian Reinhard Luja, des Hofkammerrates Christian Friedrich Habel aus Wiesbaden und Johann Isaak von Gernings aus Frankfurt am Main gegründet. Ursprüngliches Ziel der Vereinsgründung war, den Limes im Bereich des Herzogtums Nassau zu erforschen. Schon in der Gründungsphase wurden die Vereinsziele um die Erforschung der regionalen Geschichte erweitert.
Als Gründungsdatum gilt der 2. November 1812, an dem Habel und von Gerning mit dem Grundgesetze der Altertums-Gesellschaft für das Herzogtum Nassau und die angrenzenden Länder eine erste Satzung vorlegten. Diese Satzung wurde durch Herzog Friedrich August und Fürst Friedrich Wilhelm 1812/1813 genehmigt. Habel oblag als dem inländischen Direktor die Organisation des Vereins. Zu den frühen Unterstützern des Vereins zählte Staatsminister Ernst Franz Ludwig Marschall von Bieberstein, der sich von der Vereinstätigkeit eine zusätzliche Legitimation für das erst durch Napoleon Bonaparte geschaffene Herzogtum erhoffte. Neben Marschall von Bieberstein gehörten auch Regierungspräsident Carl Friedrich Emil von Ibell und Regierungsdirektor Georg Möller sowie weitere hohe Beamte zu den frühen Vereinsmitgliedern. Nach Aussage von Gerning zählte auch Johann Wolfgang von Goethe zu den Mitgliedern der Anfangszeit. Ab 1827 wurde Goethe offiziell als ausländisches Ehrenmitglied geführt.
Aufnahme der Tätigkeit Durch die Wirren der Koalitionskriege und die anschließende staatliche Neuordnung durch den Wiener Kongress, aber auch durch den Tod Habels 1814 kam es zu einem vorübergehenden Erliegen der Vereinstätigkeit. Erst auf Initiative Lujas trieb Staatsdirektor Möller ab 1820 die Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit voran. Für die Gesellschaft für Nassauische Altertumskunde wurden neue Statuen beschlossen, die neben der Forschung auch die Gründung eines Museums vorsahen. Die formale Neugründung des Vereins erfolgte 1821.
Der wieder begründete Verein war eine staatsnahe Einrichtung des Herzogtums Nassau. Erhielt das Monopol für archäologische Grabungen auf staatseigenem Gelände und dem, das dem herzoglichen Haus gehörteBürger-Völlmecke, S. 38., und ihm wurden die Aufgaben der Landesarchäologie (bis 1869) und der Denkmalpflege (bis 1902) übertragen. Damit verbunden errichtete der Verein im Staatsauftrag die Sammlung Nassauischer Altertümer. Grundlage der Sammlung war die in den 1820er Jahren gegen eine Leibrente von 2000 Gulden jährlich vom Staat erworbene Sammlung des Johann Isaak von Gerning. Schon diese Sammlung umfasste die drei Sparten Altertümer, Kunst und Naturkunde – was die Struktur der Sammlung dauerhaft prägen sollte. Durch den Verein wurde sie ständig weiter ergänzt. Der Zugang an Bodenfunden stammte zum Teil aus archäologischen Grabungen, die der Verein initiierte oder durchführte.Bürger-Völlmecke, S. 39. Aufgrund der im Verein versammelten Kompetenz wurde er auch bei Grabungen außerhalb von Nassau zu Rate gezogen und Funde aus solchen Grabungen gelangten dann oft auch nach Wiesbaden in das Museum.Bürger-Völlmecke, S. 40. Weiter kaufte der Verein bodendenkmalpflegerisch bedeutende Grundstücke auf, so etwa das römische Kastell Kleiner Feldberg, um es besser schützen zu können.Bürger-Völlmecke, S. 38. Dieses bürgerschaftliche Engagement und das von Anfang an auf Forschung zielende Sammeln unterschied die Aktivitäten des Vereins von den damals üblichen, aus fürstlichen Schatzkammern hervorgegangenen Museen.Bürger-Völlmecke, S. 39.
Der Verein und die Sammlung Nassauischer Altertümer waren ab 1824 zunächst gemeinsam mit der Nassauischen Landesbibliothek im Erbprinzenpalais in Wiesbaden untergebracht. Es war das erste öffentliche Museum in weitem Umkreis.Bürger-Völlmecke, S. 40.
Urkundenarchiv
Eine prägende Person für den Verein war in dieser Phase der Archäologe und Archivar Friedrich Gustav Habel, ein Sohn des Vereinsgründers. Er führte im Auftrag des Vereins mehrere archäologische Grabungen durch, begründete die Redaktion der Nassauischen Annalen (1827) und war 30 Jahre Mitglied des Vorstands. Ebenso baute er bei der Landesbibliothek ein Urkundenarchiv auf. Das Archiv war Grundlage einer historischen Kommission zur Erforschung der Geschichte des Landes Nassau und seines Regentenhauses. Neben Habel gehörten Christian Daniel Vogel und Johannes Weizel der Kommission an. Nachdem die Kommission ohne offizielles Ergebnis die Arbeit eingestellt hatte, wurde das Urkundenarchiv wieder aufgelöst.
Umbrüche mini|Carl Braun
Die Konzentration auf archäologische Fragestellungen, die Habel vorantrieb, führte häufiger zu Konflikten innerhalb des Vereins. Für die beiden Sammlungsbereiche Kunst und Naturkunde entwickelten sich eigene Vereine: der Nassauische Verein für Naturkunde (1829) und der Nassauische Kunstverein (1847).Bürger-Völlmecke, S. 40.
In einer Stichwahl zum Vereinsvorstand 1851 unterlag Habel dem Lehrer Karl Rossel. Habel kündigte daraufhin seine Mitgliedschaft im Verein. Rossel war während der Märzrevolution als radikaler Liberaler aufgefallen und 1850 aus dem Schuldienst entlassen worden. In der Folge kam es zur inhaltlichen Neuausrichtung und einer stärkeren Demokratisierung des Vereins. Die Zahl der Vereinsmitglieder stieg von 175 (1851) auf 570 (1860). Die neuen Mitglieder stammten zu einem großen Teil aus dem Bildungsbürgertum.
Der Verein war 1852 Gründungsmitglied des Gesamtvereins der Deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Mainz. 1861 erfolgte in Limburg an der Lahn die erste Generalversammlung des Nassauischen Vereins außerhalb Wiesbadens. Im selben Jahr übernahm der Oppositionspolitiker Carl Braun das Vereinsdirektorium. Das Herzogtum Nassau reagierte darauf, indem es dem Verein übertragene Aufgaben vermehrt selbst wahrnahm.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beteiligte sich der Verein an zahlreichen archäologischen Ausgrabungen, vor allem am Limes, insbesondere am Kastell Saalburg. Daneben wurden Fundstellen der Vor- und Frühgeschichte, etwa Hügelgräber, erforscht. Leiter der Ausgrabungen war der Konservator Karl August von Cohausen, der auch einer der produktivsten Autoren in den Nassauischen Annalen war. 1866 umfasste die Sammlung Nassauischer Altertümer 18.000 Objekte.Bürger-Völlmecke, S. 40. Die Grabungen von Karl August von Cohausen in den Steedener Höhlen 1874 und deren Ergebnisse brachten erstmals den stratigrafischen Nachweis der Gleichzeitigkeit von Mammut und Menschen und waren Teil der damals heftigen Diskussion um die historische Wahrheit der biblischen Schöpfungsgeschichte (Kreationismus).Bürger-Völlmecke, S. 42.
Neben den Ausgrabungen rückte zunehmend die VolkskundeBürger-Völlmecke, S. 41. und die Landesgeschichte in den Fokus der Vereinsarbeit. Letzteres führte auch wieder zu einer stärkeren Beziehung zum Archivwesen.
Preußen mini|Landesmuseum Wiesbaden
Mit der Annexion des Herzogtums Nassau durch das Königreich Preußen als Folge des Krieges gegen Österreich 1866 wurde der Verein aus den öffentlichen Aufgaben verdrängt. Von 1867 bis 1872 leitete der Wiesbadener Gymnasialdirektor Karl Schwartz den Verein.Fr. Otto: Nekrolog des am 3. Juli 1885 verstorbenen Gymnasialdirektors a. D. Oberschulrats Dr. K. Schwartz. Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Neunzehnter Band. S. 221. Wiesbaden, 1885/86. Das Museum und die Sammlung Nassauischer Altertümer gingen vollständig auf die Stadt Wiesbaden über, die für die wissenschaftlichen Sammlungen das Museum Wiesbaden einrichtete. Die Landesarchäologie wurde einem staatlichen Konservator übertragen und die Vereinsbibliothek der heutigen Landesbibliothek Wiesbaden übergeben.
Der Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung wandelte sich zu einem Verein der Pflege des Heimatgedankens und der Breitenbildung. Hierzu wurden zunehmend öffentliche Vorträge und Exkursionen organisiert. 1897 wurde die bis heute bestehende Historische Kommission für Nassau gegründet, die zahlreiche Schriften zur Landesgeschichte herausgibt. Mit der wachsenden Bedeutung der Heimatbewegung am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert verschob sich die Perspektive der Vereinsarbeit weiter in Richtung Volkskunde und Heimatforschung. Organisatorisch setzte der Verein auf Regionalisierung durch Gründung von Ortsgruppen. Nach dem Vorbild der Ortsgruppe Idstein (1902) wurden bis zum Ersten Weltkrieg zehn Ortsgruppen, zumeist in ehemaligen Residenzstädten des Hauses Nassau, gegründet. Eine Folge der stärkeren Regionalisierung war das deutliche Ansteigen der Mitgliederzahlen. Hatte der Verein 1899 noch 441 Mitglieder waren es 1914 schon 817. Aus der Vereinszeitschrift Mitteilungen, die nur über die Vereinstätigkeit informieren sollte, entwickelten sich die Nassauischen Heimatblätter, eine bebilderte volkstümliche Zeitschrift. In ihrem Nationalismus und der anfänglichen Kriegsbegeisterung war sie ein Spiegel der wilhelminischen Kaiserzeit.
Mit der 100-Jahr-Feier 1921 bezog der Verein sich auf seine Neugründung 1821.
In den frühen 1920er Jahren hatte der Verein unter den Kriegsfolgen zu leiden. Die Nassauischen Annalen waren über mehrere Jahre nicht erschienen. Durch Kriegsanleihen und Inflation war das Vereinsvermögen verloren und nicht alle Ortsgruppen nahmen ihre Arbeit im vollen Umfang wieder auf. In den späten 1920er normalisierte sich die Situation. Es konnten neue Ortsgruppen gegründet werden und die Zahl der Mitglieder stieg 1928 auf 1.072, wobei nun auch verstärkt um Frauen als Mitglieder geworben wurde.
Nationalsozialismus Im Nationalsozialismus wurde der Verein „gleichgeschaltet“, indem im Vorstand vier der sieben Mitglieder der NSDAP angehören mussten, der Verein als solcher aber blieb bestehen. Vereinsvorsitzender von 1932 bis 1962 war der Archäologe Ferdinand Kutsch. Während des Zweiten Weltkriegs kam die Vereinsarbeit zum Erliegen. Bereits im November 1945 nahm der Verein seine Arbeit jedoch wieder auf. Am 8. Juni 1946 wurde von der Besatzungsbehörde die Lizenz erteilt. Einige ehemalige Ortsgruppen wurden aber nicht mehr aktiv.
miniatur|Der Wilhelmsbau des Stadtschlosses Wiesbaden war ein vorübergehender Vereinssitz
Hessen Der wieder zugelassene Verein war während der ersten Jahre im Wilhelmsbau des Stadtschlosses Wiesbaden untergebracht, bevor er in das Museum Wiesbaden zurückkehrte. Seit 1950 erscheinen die Nassauischen Annalen wieder jährlich. Die Nassauischen Heimatblätter erschienen erneut seit 1951 mit dem Schwerpunktthema Archäologie. Die Heimatblätter wurden mit Erscheinen der Fundberichte aus Hessen des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen 1961 eingestellt. Die Historische Kommission für Nassau löste sich 1948 einvernehmlich vom Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung und konstituierte sich als eigenständiger Verein. Dem Verein gelang die Gründung weitere Ortsgruppen. Einige der Ortsgruppen des Vereins entwickelten sich zu selbständigen Zweigvereinen.
miniatur|Das Hessische Hauptstaatsarchiv
Nach der Errichtung des neuen Gebäudes des Hessischen Hauptstaatsarchivs verlegte der Verein 1985 seinen Sitz dorthin. Es bestehen enge Verbindungen zum Landesamt für Denkmalpflege Hessen und der Landesbibliothek Wiesbaden als Regionalbibliothek für das Vereinsgebiet.