rahmenlos|rechts mini|„Was ist koscher?“, Plakat in der Zwi-Perez-Chajes-Schule der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien mini|Ein Automat für koschere Gummibärchen aus Fisch- statt Schweinegelatine im Jüdischen Museum Berlin
Als koscher (aschkenasische Aussprache von , wörtlich „tauglich“) wird im kulinarischen Bereich alles bezeichnet, was nach den jüdischen Speisegesetzen ( Kaschrut bzw. in aschkenasischer Aussprache Kaschrus) erlaubt ist. Kaschern bezeichnet den Vorgang, Speisen oder Getränke entsprechend diesen Gesetzen für diejenigen, die sich daran halten, koscher und damit zum Verzehr fähig zu machen. Was koscher ist, ergibt sich aus den entsprechenden Vorschriften der Halacha. Sie basieren auf den Speisegeboten der Tora, den fünf Büchern Moses, und wurden im rabbinischen Judentum weiterentwickelt. Die Halacha erhielt Auslegungen im Talmud sowie Ergänzungen um Bräuche und Traditionen, die im Schulchan Aruch zusammengefasst wurden. Nach diesen Vorschriften werden Lebensmittel in solche eingeteilt, die für den Verzehr erlaubt (koscher) und Lebensmittel, die für den Verzehr nicht erlaubt () sind. Weitere Begriffe dafür sind oder , beide für „Gräuel“.
Geschichte Die Bibelwissenschaft geht meist davon aus, dass der priesterliche Kodex einschließlich des Großteils der Bücher Levitikus und Numeri aus der Zeit nach dem Babylonischen Exil (6. oder 5. Jahrhundert v. Chr.) stammt. Andere haben für eine frühere Datierung des Priesterkodex argumentiert und meinen, dass diese Gesetze älter sind als diejenigen des Deuteronomiums, deren Entstehung gemeinhin als im 7. Jahrhundert v. d. Z. datiert gesehen werden. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Speisevorschriften kontinuierlich kommentiert und erweitert.David C. Kraemer, Jewish Eating and Identity Through the Ages, Routledge, 21. November 2007, ISBN 978-1-135-90582-8, S. 9 (eingeschränkte Vorschau bei Google Books).
Jüdisches Essen in der Antike mini|Die sieben Arten
Seit der Zeit des Zweiten Tempels (ab dem 6. Jahrhundert v. d. Z.) basierte das Essen der Israeliten auf mehreren Produkten, die heute immer noch eine wichtige Rolle in der modernen israelischen Küche spielen. Diese sind als die Sieben Arten () bekannt: Oliven, Feigen, Datteln, Granatäpfel, Weizen, Gerste und Weintrauben.What are the seven species, reformjudaism. Abgerufen am 4. Juli 2021. Das Familienoberhaupt hatte das Recht zu bestimmen, wie das Essen unter den Familienmitgliedern verteilt wurde ( ).
Im alten Israel waren Lebensmittel saisonabhängig. Dies galt nicht nur für Obst und Gemüse, sondern auch für tierische Produkte. Die Hauptmilchquelle der Israeliten war nicht die Kuh, sondern die Ziege. Diese Milch war nur fünf Monate im Jahr verfügbar. Schafsmilch war nur drei Monate im Jahr verfügbar. In erster Linie bildet die mediterrane Triade aus Brot, Öl und Wein, neben Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Fleisch, Milch, Geflügel, Fisch und Gewürzen, die Grundlage der frühen israelitischen Ernährung,Nathan MacDonald, The Israelite Diet: What Did the Ancient Israelites Eat?, Grand Rapids, MI: Eerdmans, 2008, ISBN 978-0-8028-6298-3, S. 19. wobei „Brot“ nicht wörtlich genommen werden darf. Das hebräische Wort für Brot () bedeutet auch „Nahrung“. Öl aus Oliven hatte viele Verwendungszwecke, unter anderem war es ein fester Bestandteil der Ernährung, während neben Wasser und Milch vergorener Traubensaft, also Wein, das Hauptgetränk der frühen Israeliten war.
Siehe auch: Biblische Speisegebote im antiken Judentum
Bluttabu Alle Abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum, Islam, beachteten das Verbot des Blutgenusses und das Gebot des Schächtens. Trotz der Wiederholung des Bluttabus im Neuen Testament selbst gelangten westliche Christen letztendlich dazu, dieses Verbot als nicht mehr bindend zu betrachten. Dieser Sinneswandel erfolgte im späten 4. Jahrhundert durch Augustinus von Hippo, der behauptete, dass das Apostolische Dekret (Apostelgeschichte ) den Konsum von Blut und bluthaltigem Fleisch nur als vorübergehende Maßnahme verbot, um die Kluft zwischen jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern der jungen Generation in der christlichen Gemeinschaft zu überbrücken.David M. Freidenreich, The Oxford Handbook of the Abrahamic Religions, 2015, doi:10.1093/oxfordhb/9780199697762.013.12.
Grundlagen in der Tora Die Tora beschreibt das erste Menschenpaar als Vegetarier. Gott übergibt Adam und Eva nur die samentragenden Pflanzen und fruchttragenden Bäume zur Speise . Ein schöpfungsgemäßes Leben ist ein Leben ohne den Verzehr getöteter Tiere.Kathrin Gies, Speisegebote (AT), Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Abschnitt 2.1.1. Vegetarischer Urzustand (Gen 1)
Aus der Sintflut rettet Noah reine und unreine Tiere (, ). Gott bestimmt nach der Sintflut alles Lebendige als Nahrung der Menschen . Jedoch enthält die Regelung eine Einschränkung: „Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.“ (; vgl. ).
Im Rahmen der Gesetzgebung des Buches Leviticus, dem 3. Buch Mose, wird im Wochenabschnitt Zaw () die genannte Bestimmung von ausgebaut. Zum einen wird ergänzt, dass jedes Rind, Schaf oder Ziege, das geschlachtet wird, unter priesterlicher Beteiligung JHWH zu opfern ist. Das Blut soll auf den Altar gegossen und das Fett, als göttliche Opfermaterie, darf ebenfalls nicht gegessen, sondern muss stattdessen als Opfer verbrannt werden . „Die Lebenskraft des Fleisches sitzt im Blut.“ (; vgl. ). Deswegen muss das Tier ausgeblutet werden . Das Friedensopfer als Dankopfer steht in Verbindung mit ungesäuerten und gesäuerten Broten. Später wurde die rituelle Schlachtung auch unabhängig vom Tempel freigegeben . Es enthält das Verbot, von diesen Opfern das Fleisch später als am zweiten Tag und in Unreinheit zu genießen .
Ebenso heißt es in der Parascha (Wochenabschnitt) Re’eh (, 5. Buch Mose 11:26 – 16:17) hinsichtlich der Speisegesetze, dass kein Blut genossen werden darf. Beim Schlachten soll das Blut mit Sand bedeckt, somit „begraben“ werden. Die Parascha enthält erlaubte und verbotene Tiere im Sinne der Speisegesetze und legt das siebte Jahr als das „Schmitta-Jahr“ fest.
Der Hauptunterschied zwischen Deut 14 und Lev 11 besteht darin, dass Letzteres seine Bestimmungen erweitert, um die Auswirkungen verbotener Diäten auf die Gesamtreinheit infolge verbotenen Kontakts zu behandeln, wie etwa die mögliche Befleckung von Koch- und Lagergefäßen. Daher müssen alle Lebensmittel, die in Gefäßen aufbewahrt werden, trocken aufbewahrt werden .Alan J. Avery-Peck, Friedrich Horn et al., Dietary Laws, De Gruyter, 2012, 4. Leviticus 11. doi:10.1515/ebr.dietarylaws
Unterschiedliche Beachtung der Speisegesetze Der heutige Umgang von Juden mit den Kaschrut ist sehr unterschiedlich und umfasst ein weites Spektrum von extremer Einhaltung durch ultraorthodoxe Juden über die strikte Einhaltung durch orthodoxe Juden, über eine weitgehende Beachtung durch konservative Juden – wobei einige Regelungen etwas milder als in der Orthodoxie ausgelegt werden – über eine teilweise Beachtung durch Reformjuden, bis hin zur völligen Nichtbeachtung durch säkulare Juden, die zwar die speziellen jüdischen Werte achten, das Judentum als Religion mit all ihren Vorschriften jedoch nicht praktizieren, allenfalls gelegentlich die eine oder andere Tradition beibehalten. Es entstand der Begriff des „Drei-Tage-Juden“, der nur Rosch ha-Schana (Neujahrsfest), Jom Kippur und den Seder an Pessach einhält, ob aus Pflichtgefühl, Traditionsverbundenheit oder dem Wunsch nach Dazugehörigkeit.Besser drei Tage als nie, Jüdische Allgemeine, 10. September 2013. Abgerufen am 17. April 2022. Ferner gibt es Unterschiede in der Beachtung der Speisegesetze zwischen den Aschkenasim und den Wahrern der sephardischen Glaubensausprägung.
Seit Gründung der orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland im Jahre 2003 hat die Kaschrut-Kommission (s. u.) durch ihre Tätigkeit den Einkauf von Lebensmitteln für Menschen, die sich an die Kaschrutgesetze halten, vereinfacht. Unter der Federführung von Rabbiner Tuvia Hod-HochwaldTuvia Hod-Hochwald, Orthodoxe Rabbinerkonferenz. Abgerufen am 30. Juni 2021. wurde der (Supervisor) geschaffen, der darlegt, welche in Deutschland erhältlichen Lebensmittel koscher sind. Insbesondere sind nicht nur Produkte und ihre Hersteller aufgelistet, sondern auch mögliche Bezugsquellen. Die Kaschrut-Kommission plant außerdem Gespräche mit Herstellern, um eine einheitliche Kennzeichnung von koscheren Lebensmitteln einzuführen. Das Judentum kennt jedoch keine oberste Autorität (vergleichbar mit dem Papst). In jeder Gemeinde ist der zuständige Rabbiner (oder Oberrabbiner) derjenige, der entscheidet, welcher Auslegung der Toragebote er sich anschließt und diese seinen Gemeindemitgliedern vorgibt.
Grundlegende Aspekte Folgende Aspekte sind für die Kaschrut maßgeblich: Die Unterscheidung von erlaubten und nicht erlaubten Tieren. Das Verbot des Blutgenusses. Die Aufteilung in „fleischige“ (), „milchige“ () und „neutrale“ () Lebensmittel. Spezielle Vorschriften für den Herstellungsprozess Spezielle Vorschriften für die Zubereitung Spezielle Vorschriften für Pessach Spezielle Vorschriften für Schabbat und weitere Feiertage
Erklärungen der Kaschrut Tahara () bezeichnet den Status der rituellen Reinheit. Die Speisegesetze waren aus der Tora abgeleitete religiöse Vorschriften und nicht etwa Maßnahmen zur Krankheitsprävention, obwohl sie eine entsprechende Wirkung hatten. Die Speisegesetze werden also in einen sakralen Bereich gehoben und mit einer spirituellen Dimension versehen. Sie haben somit nicht die Heilung des Körpers, sondern die der Seele zum Ziel. In biblischen Zeiten waren Bakterien, Viren und andere Schadstoffe unbekannt. Erst in der Neuzeit wurde der gesundheitliche „Nebeneffekt“ der religiösen Vorschriften erkannt. Auch das Gebot (), des rituellen Händewaschens vor dem Kochen und vor dem Essen, leistete ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Hygiene, obwohl das Gebot eine rituelle Reinheit bewirken soll.Rituelles Händewaschen, chabad.org. Abgerufen am 9. November 2020.
In orthodoxen Kreisen reicht die Befolgung der Kaschrutvorschriften bis ins allerkleinste Detail, wobei auch da oft keine einheitliche Meinung vorherrscht, weil durch anerkannte Gelehrte, etwa Raschi, Maimonides, Rema, Tur, Rosch, Mechaber und viele andere, verschiedene Auslegungen bestehen. Es werden beispielsweise Details besprochen, die auf Geschmack, Temperatur und Zeit beruhen, wann und wie koscheres Essen durch einen Nichtjuden zubereitet werden darf oder wie etwa eine Fleischspeise behandelt wird, wenn ein Tropfen Milch versehentlich auf die Außenseite des Kochtopfes gelangt ist. Es soll selbst der Eindruck vermieden werden, dass Kaschrutvorschriften nicht eingehalten werden. So werden beispielsweise beim Essen eines fleischigen Gerichts Mandeln neben ein Glas Mandelmilch gelegt, damit ein anderer Jude nicht auf die Idee käme, dass Kuh- oder Ziegenmilch verbotenerweise zum Fleischgericht genossen wird.Kaschrut. Abgerufen am 16. Februar 2022.
Chukkim Die Kaschrutvorschriften gelten als (Satzungen). Maimonides bezeichnet in seinem Führer der Unschlüssigen Chukkim als Vorschriften Gottes, die nicht zu hinterfragen oder zu kritisieren seien, im Gegensatz zu Mischpatim (), die Maimonides als leicht verständlich und infolgedessen logisch erklärbar interpretiert, wie zum Beispiel die Gebote, nicht zu töten, zu stehlen oder die Ehe zu brechen. Demgegenüber sind unter anderem die Kaschrutvorschriften wesentlich komplizierter.In Stein gemeisselt, Jüdische Allgemeine, 24. Juni 2014. Abgerufen am 24. März 2022.
Reinhaltung des Körpers