mini|Yukio Mishima, 1956 mini|80px|Signatur

Mishima Yukio (; im Deutschen Yukio Mishima; * 14. Januar 1925 in Tokio als Hiraoka Kimitake (); † 25. November 1970 ebenda) war ein japanischer Schriftsteller, Poet, Bühnenautor, Regisseur, Schauspieler, Model, Ultranationalist, Ikone der extremen Rechten und Anführer eines gescheiterten Putschversuches, der letztendlich in seinem Suizid endete. Mishima schrieb Romane, Drehbücher, Schauspiele, Erzählungen, Gedichte sowie ein Libretto und gilt als einer der repräsentativsten Schriftsteller der japanischen Nachkriegsliteratur. Er wurde mehrfach für den Literaturnobelpreis nominiert.

Seine avantgardistischen Werke sind durch ein weitgefächertes Vokabular, vielschichtige Metaphern, die Fusion traditionaler japanischer mit moderner westlicher Literatur und seine Obsession hinsichtlich der Einheit von Schönheit, Erotik und Tod charakterisiert.Mishima Yukio EssayAndrew Rankin: Mishima, Aesthetic Terrorist: An Intellectual Portrait. University of Hawaii Press., S. 119.

Mishimas politische Tätigkeiten machen ihn bis heute zu einer kontroversen Figur. In seinen späteren Jahren verstärkten sich seine politischen Tendenzen und er gründete die Tatenokai (盾の会, wörtlich: „Schildgesellschaft“, nach der englischen Übersetzung Shield Society von Mishima selbst auch mit SS abgekürzt), eine paramilitärische Organisation, die die Macht des Kaisers wiederherstellen wollte.Yukio Mishima (1969). 自衛隊二分論 (dt. Eine Zweiteilung der Selbstverteidigung) S. 434–446 Er war gegen die Verwestlichung Japans, da er das Gefühl hatte, dass der Einfluss des Westens mit Ideen wie dem Materialismus das Land korrumpierte und seines wesentlichen „Geistes“ (kokutai) beraubte. Er war ebenfalls ein erklärter Feind sowohl der Ordnung der Nachkriegsdemokratie als auch des Kommunismus und der japanischen Linken. Er bekannte sich offen zu den Werten des Shintō.Yukio Mishima: 問題提起(一)(二)(dt. Darlegung eines Problems). Constitutional Amendment Draft Study Group. 1970 S. 118–132.Yukio Mishima: 自衛隊二分論 (dt. Eine Zweiteilung der Selbstverteidigung). 1969. S. 434–446Yukio Mishima: 栄誉の絆でつなげ菊と刀 (dt. Verbindet Sie durch Fesseln der Ehre, Chrysanthemen und das Schwert). 1968. S. 188–199Yukio Mishima: 我が国の自主防衛について (dt. Über Selbstverteidigung in unserem Land). Vorlesung auf dem dritten Shinsei Doshikai jugendpolitischem Workshop. 1970. S. 319–347 Sein politisches Weltbild fasste er in seinem Essay Verteidigung einer Kultur zusammen.

Am 25. November 1970 besuchten vier Mitglieder der Tatenokai die Ichigaya-Garnison der Selbstverteidigungsstreitkräfte (heute das Hauptquartier des Verteidigungsministeriums), nahmen den Kommandanten als Geisel, hielten auf dem Balkon eine Rede, in der sie zum Umsturz aufriefen, und begingen unter Umständen rituellen Selbstmord. Der Vorfall hatte einen großen Einfluss sowohl auf die Gesellschaft als auch auf die literarische Welt und trug maßgeblich zur Geburt der Neuen Rechten bei. Der Putschversuch wurde nachher als „Mishima-Vorfall“ weltweit bekannt.

Sein Werk umfasst die Romane Bekenntnisse einer Maske, Der Klang der Wellen, Der Tempelbrand, Nach dem Bankett, Der Seemann, der die See verriet, die Kurzgeschichte Patriotismus sowie seinen autobiografischen Essay Sonne und Stahl. Auch in der Theaterszene konnte er sich durch international gepriesene Werke wie Rokumeikan, Madame de Sade und Mein Freund Hitler etablieren; seine Theatersammlung Fünf moderne Nō-Spiele gilt allgemeinhin als das Werk, das traditionelles japanisches Theater auch im Ausland salonfähig gemacht hat.

Sein Opus magnum entstand zwischen 1965 und 1970 in Form der Roman-Tetralogie Das Meer der Fruchtbarkeit, bestehend aus Schnee im Frühling, Unter dem Sturmgott, Der Tempel der Morgendämmerung und Die Todesmale des Engels. Mishima sollte 1968 als erster japanischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet werden. Der Preis wurde jedoch aus politischen Gründen noch vor der Verleihung zurückgezogen. Zur Ehrung seines Lebenswerkes wurde 1988 der Mishima-Preis eingeführt, der seither jährlich vergeben wird.

Leben Frühe Jahre mini|Mishima Yukio bei der Einschulung, 1931 Mishima wurde unter dem Namen Hiraoka Kimitake als Sohn von Hiraoka Azusa, einem Beamten der japanischen Fischereibehörde, und Hiraoka Shizue (geborene Hara) im heutigen Tokioter Bezirk Shinjuku geboren. Er hatte einen Bruder namens Chiyuki sowie eine Schwester namens Mitsuko, die 1945 im Alter von 17 Jahren an Typhus starb.Naoki Inose, Hiroaki Sato: Persona: A Biography of Yukio Mishima. Stone Bridge Press, Berkeley 2012. Seinen Rufnamen Kimitake (公威, in Kanji auch als Kōi ausgesprochen) erhielt er zu Ehren des japanischen Naturwissenschaftlers Furuichi Kōi, der seinem Großvater väterlicherseits, Sadataro Hiraoka, als Mentor gedient hatte.Azusa Hiraoka: 伜・三島由紀夫 (deutsch Mein Sohn Yukio Mishima). Bungeishunjū, 1998, S. 98.Tōru Matsumoto: 三島由紀夫 年表作家読本 (englisch Yukio Mishima: Author’s Chronological Reader). Kawadeshoboshinsha, 1990.

Seine Familie gehörte der japanischen Oberschicht an. Sein Großvater mütterlicherseits, Kenzō Hashi, war Lehrer für chinesische Literatur an einer Privatschule in Arakawa und diente mit seiner Familie seit Generationen dem Samurai-Klan der Maeda. Seine frühe Kindheit wurde jedoch stark von seiner Großmutter väterlicherseits, Hiraoka Natsuko, geprägt, die Mishima für mehrere Jahre von seinen Eltern trennte und eigenständig aufzog. Natsuko war die Tochter von Matsudaira Yoritaka, einem Daimyō der Provinz Hitachi, und wurde unter Arisugawa Taruhito im japanischen Kaiserhaus aufgezogen. Auch nachdem sie aus dem Kaiserhaus ausgezogen war und Sadatarō Hiraoka, einen früheren General und Beamten der Präfektur Karafuto, geheiratet hatte, behielt sie ihre aristokratischen Ansprüche aus der Erziehung, welche einen großen Einfluss auf Mishimas spätere Literatur hatten.Naoki Inose: ペルソナ―三島由紀夫伝 (englisch Persona: A Biography of Yukio Mishima). Bungeishunjū, 1999. Natsuko neigte gelegentlich zu gewalttätigen Wutausbrüchen und verbot Mishima ausdrücklich den Umgang mit anderen Jungen seines Alters, so dass er viel Zeit alleine oder mit seinen Cousinen verbrachte.Shizue Hiraoka: 暴流のごとく―三島由紀夫七回忌に (englisch Like as Turbulent water runs: On the sixth anniversary of Yukio Mishima’s death). Shincho (Shinchosha), 1996. Vor allem ersteres wird von zeitgenössischen Biografen oft als Quelle für Mishimas sonderbare Faszination mit dem Tod spekuliert.

Mit zwölf Jahren kam Mishima wieder zu seinen Eltern zurück und entwickelte eine enge Beziehung zu seiner Mutter. Sein Vater Azusa hingegen drillte ihn mit militärischer Disziplin und verspottete seine Hingabe für Literatur als „weibisch“. Azusa legte großen Wert darauf, dass sein Sohn möglichst „maskulin“ wird und wandte dementsprechende Erziehungsmethoden an. Zum Beispiel hielt er Mishima als Säugling an einen vorbeifahrenden Zug oder untersuchte in seiner Jugend dessen Zimmer auf Manuskripte, um diese zu zerreißen und Mishima daraufhin zu malträtieren.Azusa Hiraoka: 伜・三島由紀夫 (deutsch Mein Sohn Yukio Mishima). Bungeishunjū, 1998, S. 119–121. Obwohl Azusa seinem Sohn verbot, weiter an Geschichten zu schreiben, schrieb dieser heimlich weiter. Seine Mutter unterstützte ihn bei seinem Vorhaben, indem sie seine Manuskripte vor ihrem Ehemann versteckte und ihrem Sohn Kritik zu seinen Geschichten gab.Azusa Hiraoka: 伜・三島由紀夫 (deutsch Mein Sohn Yukio Mishima). Bungeishunjū, 1998, S. 124–125.

Als Mishima 13 war, nahm ihn seine Großmutter Natsuko zu seinem ersten Kabuki-Schauspiel Kanadehon Chūshingura, einer Allegorie der historischen 47 Rōnin, mit. Seine Großmutter mütterlicherseits, Tomi Hashi, besuchte mit ihm wenig später sein erstes Nō-Schauspiel Miwa. Mishima benannte beide Veranstaltungen später als den Ursprung seiner Affinität für Kabuki und Nō. Als Jugendlicher besuchte er monatlich Schauspiele derart und recherchierte die Geschichte traditioneller japanischer darstellender Kunst.Yukio Mishima: 私の遍歴時代 (deutsch Meine Selbstfindungsphase). Tōkyō Shimbun, 1963, S. 271–323.

Schulzeit und erste Werke mini|Selbstporträt Mishimas aus der Mittelschule Mit sechs Jahren besuchte Mishima dank Natsukos Initiative und gegen den Willen seiner Eltern das Gakushūin, eine staatliche Eliteschule, die in der Meiji-Zeit gegründet worden war, ursprünglich zu dem Zweck, Nachfahren des feudalistischen Adels auszubilden. Inspiriert von Oscar Wilde, Rainer Maria Rilke, Raymond Radiguet sowie einer Vielzahl japanischer Autoren, schrieb er mit zwölf Jahren seine ersten eigenen Texte nicht nur in japanischer, sondern auch in französischer, deutscher und englischer Sprache, die er sich autodidaktisch beigebracht hatte. Im selben Jahr wurde er jüngstes Mitglied der Redaktion der Schülerzeitung. Dort wurde er erstmals auf die Werke des japanischen Autors Michizō Tachihara aufmerksam, zu dem er eine große Affinität entwickelte und dessen Waka-Schreibstil er in Folge adaptierte. Seine ersten Beiträge in der Gakushūin-Literaturzeitschrift Hojinkai-zasshi waren ausschließlich als Haiku und Waka verfasst, ehe er sich der Prosa zuwandte.Satō Hideaki, Inoue Takashi, Yamanaka Takeshi: 決定版 三島由紀夫全集・第42巻・年譜・書誌 (Definitive Edition-Yukio Mishima complete works No. 42-Biographical sketch and Bibliography). Shinchosha, 2005.Satō Hideaki, Inoue Takashi, Matsumoto Tōru: 三島由紀夫事典 (en. Encyclopedia of Yukio Mishima). Benseishuppan, 2000.

1941, mit 16 Jahren, sollte Mishima eine Kurzgeschichte für Hojinkai-zasshi verfassen. Sein Beitrag wurde letztlich Hanazakari no Mori (dt. Der Wald in voller Blüte), eine Erzählung über einen Jungen, der das Gefühl hat, dass seine Vorfahren in seinem Körper weiterleben und der dies als Ursache seiner inneren Unruhe ansieht. Die Geschichte bedient sich diverser Metaphern und Aphorismen, die später Mishimas Markenzeichen werden sollten.Takeo Okanu: 三島由紀夫伝説 (en Legend of Yukio Mishima). Shincho, 2000. Die erste Kopie seines Manuskripts sandte er zwecks konstruktiver Kritik an seinen Japanischlehrer Fumio Shimizu. Shimizu war so beeindruckt, dass er die Kopie zu einem Treffen der renommierten Literatur-Zeitschrift Bungei Bunka mitnahm, deren Mitherausgeber er war. Dort wurde die Kurzgeschichte mit Wohlwollen aufgenommen und schließlich publiziert. 1944 wurde sie als Buch veröffentlicht. Dessen ursprünglich höher geplante Auflage musste wegen der Papierknappheit im Krieg auf 4000 Exemplare limitiert werden.Azusa Hiraoka: 伜・三島由紀夫 (dt. Mein Sohn Yukio Mishima). Bungeishunjū, 1998.

Um ihn vor möglichen Auseinandersetzungen mit seinem Vater Azusa und vor dem Mobbing seiner Klassenkameraden zu beschützen, erfand die Redaktion von Bungei Bunka das Pseudonym Yukio Mishima.Fumio Shimizu: 花ざかりの森」をめぐって. (Appendix of “Yukio Mishima Complete Works No. 1” (Shinchosha)). 1975, S. 22–24. Der Name Mishima rührt vom Bahnhof Mishima her, durch den Shimizu und sein Redaktions-Kollege Zenmei Hasuda auf dem Weg zum Redaktionstreffen fuhren. Der Name Yukio kommt von yuki (), dem japanischen Wort für Schnee, ein Bezug auf den Schnee auf dem Fuji-Vulkan, an dem der Zug vorbeifuhr. Im Magazin schrieb Hasuda über Mishima:

mini|Zenmei Hasuda, vor 1940 Hasuda, den Mishima später als seinen Mentor bezeichnete, war ein leidenschaftlicher Nationalist und Bewunderer Motoori Norinagas (1730–1801), einer der Schlüsselfiguren der Kokugaku-Bewegung aus der Edo-Zeit, der für die Wichtigkeit japanischer Traditionen und die Treue zum Kaiser warb. Hasuda war 1938 als Soldat der kaiserlich-japanischen Armee in China stationiert und wurde 1943 erneut eingezogen. Auf seiner Abschiedsfeier verabschiedete er Mishima mit den Worten:

Mishima bezeichnete diese Worte später als außerordentlich wichtig für ihn und seinen weiteren Werdegang.Takeshi Muramatsu: 三島由紀夫の世界 (The world of Yukio Mishima). Shinchosha, 1990.Takeshi Andō: 三島由紀夫「日録」 (“Daily record” of Yukio Mishima). Michitani, 1996.Yukio Mishima: 序. Jiro Odakane: Einleitungsworte zu Zenmei Hasuda and His Death. S. 60–63.