Deinonychus (altgriechisch δεινός ‚schrecklich‘ und ὄνυξ, Genitiv ὄνυχος ‚Klaue/Kralle‘) ist eine Gattung fleischfressender Dinosaurier aus der Gruppe Dromaeosauridae. Die einzige beschriebene Art ist Deinonychus antirrhopus.
Dieser bis zu 3,4 Meter lange Theropode lebte während der frühen Kreidezeit vor etwa 123 bis 110 Millionen Jahren (vom Mittleren Aptium bis zum Unteren Albium). Fossilien wurden in den US-Bundesstaaten Montana, Wyoming und Oklahoma in Gesteinen der Cloverly-Formation und der Antlers-Formation entdeckt. Zähne, die möglicherweise zu Deinonychus gehören, stammen aus dem viel weiter östlich gelegenen Maryland.
Studien des Paläontologen John Ostrom über Deinonychus revolutionierten in den späten 1960er-Jahren die Vorstellungen der Wissenschaftler über Dinosaurier, was zur „Dinosaurier-Renaissance“ führte und die Debatte entzündete, ob Dinosaurier gleichwarme (warmblütige) Tiere waren. Zuvor galten Dinosaurier als schwerfällige Giganten, die heutigen Reptilien glichen. Der kleine Körper, die elegante, horizontale Körperhaltung und insbesondere die großen sichelartigen Fußkrallen zeigten, dass es sich bei Deinonychus um einen aktiven, agilen Prädator handelte.John H. Ostrom: Stratigraphy and paleontology of the Cloverly Formation (Lower Cretaceous) of the Bighorn Basin area, Wyoming and Montana (= Peabody Museum of Natural History. Bulletin. Bd. 35). Peabody Museum of Natural History – Yale University, New Haven CT 1970.
Merkmale miniatur|links|Deinonychus im Größenvergleich mit einem Menschen Wie die größten bekannten Exemplare zeigen, konnte Deinonychus eine Länge von 3,4 Metern erreichen. Ein Individuum dieser Größe besaß eine Schädellänge von 41 Zentimeter, eine Hüfthöhe von 87 Zentimeter und eine Masse von etwa 73 Kilogramm.Gregory S. Paul: Predatory Dinosaurs of the World. A Complete Illustrated Guide. Simon & Schuster, New York NY 1988, ISBN 0-671-61946-2, S. 366–369. Der Schädel war mit kräftigen Kiefern ausgestattet, die etwa 70 gebogene, klingenartige Zähne trugen. Alle Zähne waren auf der Vorder- sowie auf der Rückseite gesägt, wobei die Zähnchen (Dentikel) auf der Rückseite der Zähne fast doppelt so groß waren wie die auf der Vorderseite.John H. Ostrom: Osteology of Deinonychus antirrhopus, an unusual theropod from the Lower Cretaceous of Montana (= Peabody Museum of Natural History. Bulletin. Bd. 30, ). Peabody Museum of Natural History – Yale University, New Haven CT 1969. John Ostroms erste, noch auf sehr fragmentarischen Überresten beruhende Schädelrekonstruktion zeigt einen relativ kompakten, breiten Schädel, der dem des Allosaurus ähnelt. Neuere Schädelfunde von Deinonychus und nahe verwandten Gattungen mit guter dreidimensionaler Erhaltung zeigen jedoch, dass der Gaumen gewölbter war, als John Ostrom vermutet hatte,William D. Maxwell, Lawrence M. Witmer: New Material of Deinonychus (Dinosauria, Theropoda). In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 16, Supplement to Nr. 3 = Abstracts of Papers Fifty-Sixth Annual Meeting. Society of Vertebrate Paleontology. American Museum of Natural History, New York, New York October 16–19, 1996, 1996, , S. 51A. was zur Rekonstruktion einer weit schmaleren und längeren Schnauze führte. Gleichzeitig verbreiterte das paarige Jochbein (Jugale) den Schädel in der Augenregion, was ein gutes stereoskopisches Sehen ermöglichte. Der Schädel von Deinonychus unterschied sich von dem des Velociraptor unter anderem durch die tieferen, robusteren UnterkieferMark A. Norell, Peter J. Makovicky: Dromaeosauridae. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2nd edition. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 196–209. und durch die robustere Schädeldecke, die der von Dromaeosaurus ähnlich war. Des Weiteren war das Nasenbein nicht abgeflacht wie das des Velociraptor.Lawrence M. Witmer, William D. Maxwell: The skull of Deinonychus (Dinosauria: Theropoda): New insights and implications. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 16, Supplement to Nr. 3 = Abstracts of Papers Fifty-Sixth Annual Meeting. Society of Vertebrate Paleontology. American Museum of Natural History, New York, New York October 16–19, 1996, 1996, S. 73A. Sowohl der Schädel als auch der Unterkiefer zeigten Schädelfenster, welche das Gewicht des Schädels reduzierten. Bei Deinonychus war das vor den Augen gelegene Antorbitalfenster besonders groß.
miniatur |rechts|Deinonychus-Schädel im Field Museum of Natural History Wie bei allen Dromaeosauriden waren die Vordergliedmaßen sehr lang und erreichten bei Deinonychus 70 Prozent der Länge der Hinterbeine. Die große Hand machte dabei 40 Prozent der Gesamtlänge der Vordergliedmaßen aus. Der erste der drei Finger war der kürzeste, während der zweite der längste war. Jedes Hinterbein trug eine sichelförmige, ungewöhnlich große Kralle am zweiten Zeh. Im Leben des Tieres waren die Krallen größer, als sie fossil überliefert sind, da Dinosaurier ebenso wie heute lebende Archosaurier einen Überzug aus Horn über ihre Krallen besaßen. John Ostrom verglich eine Sichelkralle von Deinonychus (Exemplarnummer YPM 5205) mit Krallen heutiger Krokodile und Vögel und kam zu dem Ergebnis, dass die Kralle beim lebenden Tier über 120 Millimeter Länge maß. Sowohl anatomische Nachweise als auch Nachweise aus fossilen FußspurenRihui Li, Martin G. Lockley, Peter J. Makovicky, Masaki Matsukawa, Mark A. Norell, Jerald D. Harris, Mingwei Liu: Behavioral and faunal implications of Early Cretaceous deinonychosaur trackways from China. In: Die Naturwissenschaften. Bd. 95, Nr. 3, 2008, S. 185–191, . zeigen, dass bei der Fortbewegung lediglich die dritte und die vierte Zehe den Boden berührten, während die die Sichelkralle tragende zweite Zehe bei der Fortbewegung über dem Boden gehalten wurde. Das Sitzbein (Ischium) war im Verhältnis zum Schambein (Pubis) kürzer als bei anderen Dromaeosauriden. Die Schwanzwirbel waren mit einer Serie von verknöcherten Sehnen und stark verlängerten Wirbelfortsätzen ausgestattet – den Präzygapophysen an der Oberseite und den Chevron-Knochen an der Unterseite der Wirbelkörper. John Ostrom vermutete, dass diese Vorrichtung den Schwanz zu einem steifen Gegengewicht gemacht hat. Ein Fossil des eng verwandten Velociraptor mongoliensis (IGM 100/986) hat jedoch einen Schwanz im anatomischen Verbund, der horizontal S-förmig gebogen war. Dies deutet auf eine beträchtliche seitliche Beweglichkeit des Schwanzes hin.Mark A. Norell, Peter J. Makovicky: Important features of the dromaeosaurid skeleton. 2, Information from newly collected specimens of Velociraptor mongoliensis (= American Museum Novitates. Nr. 3282, ). American Museum of Natural History, New York NY 1999, online.
Obwohl bisher keine Federn in Verbindung mit Deinonychus-Fossilien entdeckt wurden, spricht der Nachweis von Federn in einer Vielzahl anderer Dromaeosauriden dafür, dass alle Vertreter der Gruppe einschließlich Deinonychus gefiedert waren (Prinzip der phylogenetischen Umklammerung).Xing Xu, Zhonghe Zhou, Xiaolin Wang, Xuewen Kuang, Fucheng Zhang, Xiangke Du: Four-winged dinosaurs from China. In: Nature. Bd. 421, Nr. 6921, 2003, S. 335–340, . So ist die gefiederte Dromaeoauriden-Gattung Microraptor sowohl geologisch älter als auch phylogenetisch ursprünglicher als Deinonychus.Sunny H. Hwang, Mark A. Norell, Ji Qiang, Gao Keqin: New specimens of Microraptor zhaoianus (Theropoda: Dromaeosauridae) from northeastern China (= American Museum Novitates. Nr. 3381). American Museum of Natural History, New York NY 2002, online. Mehrere Fossilien von Microraptor zeigen Konturfedern an Armen, Beinen und Schwanz, die denen heutiger Vögel entsprechen. Eine Elle (Ulna) des mit Deinonychus eng verwandten Velociraptor zeigt Ansatzstellen für Federn (englisch quill knobs), was auf lange Armfedern bei Velociraptor schließen lässt.Alan H. Turner, Peter J. Makovicky, Mark A. Norell: Feather Quill Knobs in the Dinosaur Velociraptor. In: Science. Bd. 317, Nr. 5845, 2007, S. 1721, .
Systematik Deinonychus ist einer der am besten bekannten Dromaeosauriden und ein enger Verwandter des kleineren Velociraptor, der aus jüngeren Schichten der Oberkreide Nordchinas und der Mongolei stammt.Mark A. Norell, James M. Clark, Alan H. Turner, Peter J. Makovicky, Rinchen Barsbold, Timothy Rowe: A new dromaeosaurid theropod from Ukhaa Tolgod (Ömnögov, Mongolia) (= American Museum Novitates. Nr. 3545). American Museum of Natural History, New York NY 2006, online.Alan H. Turner, Sunny H. Hwang, Mark A. Norell: A small derived theropod from Öösh, Early Cretaceous, Baykhangor Mongolia (= American Museum Novitates. Nr. 3557). American Museum of Natural History, New York NY 2007, online. Zwei weitere Gattungen der Oberkreide, Tsaagan aus der Mongolei und der wenig bekannte Saurornitholestes aus Nordamerika, könnten ebenfalls enge Verwandte von Deinonychus gewesen sein.
Velociraptor und Deinonychus bilden zusammen die Gruppe Velociraptorinae, die 1983 von Rinchen Barsbold aufgestellt wurde und ursprünglich Velociraptor als einzige Gattung enthielt.Ринченгийн Барсболд: Хищные динозавры мела Монголии. Совместная Советско-Монгольская палеонтологическая экспедиция (= Труды. 19). Наука, Москва 1983 (In englischer Sprache: Rinchen Barsbold: Carnivorous dinosaurs from the Cretaceous of Mongolia. The Joint Soviet-Mongolian Paleontological Expedition (= Transaction. Bd. 19). Selbstverlag des Verfassers, Berkeley CA 1983, online). Die langschnauzigen Velociraptorinen benutzten wahrscheinlich mehr ihre Klauen und weniger ihre Schädel zum Überwältigen von Beutetieren, im Unterschied zu anderen Dromaeosauriden wie den Dromaeosaurinen, die gedrungenere Schädel besaßen.Gregory S. Paul: Predatory Dinosaurs of the World. A Complete Illustrated Guide. Simon & Schuster, New York NY 1988, ISBN 0-671-61946-2, S. 358. 1995 schrieb Philip Currie Deinonychus sowie eine Reihe weiterer Dromaeosauriden den Velociraptorinae zu, was allgemeine Akzeptanz fand.Philip J. Currie: New information on the anatomy and relationships of Dromaeosaurus albertensis (Dinosauria: Theropoda). In: Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 15, Nr. 3, 1995, S. 576–591, .
Eine neuere Studie von Nicholas Longrich und Philip Currie aus dem Jahr 2009 klassifiziert Deinonychus jedoch außerhalb der Velociraptorinae und stellt eine Eudromaeosauria genannte Gruppe auf, die Deinonychus, die Velociraptorinae und die Dromaeosaurinae enthalten soll.Nicholas R. Longrich, Philip J. Currie: A microraptorine (Dinosauria–Dromaeosauridae) from the Late Cretaceous of North America. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Bd. 106, Nr. 13, 2009, , Digitalisat (PDF;763,02 kB). Zusammen mit den Troodontiden bilden die Dromaeosauriden die Deinonychosauria, die nach Ansicht vieler Forscher die Schwestergruppe der Vögel und damit die mit den Vögeln am engsten verwandte Dinosauriergruppe ist.Michael J. Benton: Vertebrate Palaeontology. 3. Auflage. Blackwell, Malden MA 2005, ISBN 0-632-05637-1, S. 472, .
Entdeckungsgeschichte und Namensgebung Frühe Entdeckungen und Erstbeschreibung