Some Words with a Mummy (wörtlich: Einige Worte mit einer Mumie) ist eine satirische Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe, erstveröffentlicht in The American Review im April 1845.
Inhalt Der namenlos bleibende Ich-Erzähler berichtet von einem schweren Kater, der ihn veranlasste, nach einem üppigen Abendessen, bestehend aus fünf Pfund Welsh rabbit und ebenso vielen Flaschen von braunem Stout frühzeitig das Bett aufzusuchen. Doch wird er wieder aufgeweckt durch eine Botschaft seines Freundes Dr. Ponnonner (= Upon honor). Diese Vorgeschichte und einige surrealistische Details der Handlung – eine der beteiligten Personen wird etwa plötzlich unsichtbar – deuten darauf hin, dass es sich bei dem folgenden Geschehen um einen Traum handeln könnte.Michael Williams: The Voice in the Text: Poe's “Some Words with a Mummy”. In: Poe Studies 16, Heft 1 (1983), S. 1–4 hier S. 3: „The narrative events could, then, be all a dream“.
Ponnonner hat die Erlaubnis erhalten, eine ägyptische Mumie zu untersuchen, der Ich-Erzähler solle sofort hinzukommen. Es zeigt sich nun, dass es sich um eine ganz besondere Mumie handelt: Sie wurde mumifiziert, ohne dass ihr vorher Eingeweide und Hirn entnommen wurden, ja, sie wurde in einem Zustand des Starrkrampfs lebend einbalsamiert. Versuchsweise wird die Mumie mit Stromschlägen behandelt – und erwacht zum Leben. Sie trägt den Namen Allamistakeo (=All a mistake, o!) und wird als Graf (Count) angeredet. Die versammelten Wissenschaftler – außer Dr. Ponnonner sind es Mr. Silk Buckingham, ein Archäologe, ein Mr. Gliddon sowie der Ich-Erzähler und einige ungenannt Bleibende – versuchen nun, die Fortgeschrittenheit ihrer Zeit gegenüber derjenigen, aus der die Mumie stammt, zur Geltung zu bringen, aber erfolglos, Allamistakeo widerlegt alle ihre Thesen: Auch vor 5000 Jahren konnte man schon Gestirnverfinsterungen vorausberechnen, die Dampfkraft nutzbar machen, baute größere und imposantere Gebäude als das Kapitol und belastbarere Straßen als die Eisenbahn, die Mode sei keineswegs rückständig gewesen, ja, selbst das politische System der Vereinigten Staaten wurde von Ägypten bereits vorweggenommen: Auch dort hätten sich 13 Provinzen zusammengeschlossen, hätten sich eine kluge Verfassung gegeben, aber alles habe geendet in furchtbarer Despotie, und der Name des Despoten sei Mob gewesen. Erst als Dr. Ponnonner die von ihm entwickelten Pastillen ins Feld führt, wird die Mumie schamrot und muss zugeben, dass es etwas so Tolles im alten Ägypten nicht gegeben habe. Der Ich-Erzähler kehrt ins Bett zurück und schreibt am nächsten Morgen auf, was er erlebt hat. Zugleich beschließt er, sich ebenso einbalsamieren zu lassen wie Allamistakeo, weil er wissen möchte, wer im Jahr 2045 (also genau 200 Jahre nach Abfassung der Geschichte) Präsident der Vereinigten Staaten wird.
Deutung In „Gespräch mit einer Mumie“ macht Poe sich über den Fortschrittsglauben seiner Zeit lustig. Die Erfindungen von Dampfmaschine und Eisenbahn hatten das Vertrauen in den technischen und gesellschaftlichen Fortschritt gestärkt; die Begegnung mit Allamistakeo stellt jedoch die Vorstellung infrage, dass die moderne Zivilisation den früheren Kulturen grundsätzlich überlegen sei. Insbesondere die zeitgenössischen Vorstellungen von wissenschaftlichem, technischem und politischem Fortschritt werden durch den Vergleich mit dem alten Ägypten satirisch gebrochen. Auch die amerikanische Demokratie wird dabei zum Gegenstand von Allamistakeos Spott.Vgl. zu dieser Interpretationslinie Daniel Hoffman: Poe Poe Poe Poe Poe Poe Poe, Doubleday, New York 1972, S. 195f. und 209f. (Online zugänglich auf . Abgerufen am 27. September 2026.) sowie Gary Richard Thompson: Poe's Fiction: Romantic Irony in the Gothic Tales. University of Wisconsin Press, Madison, Wisconsin, 1973, S. 141ff. (Online zugänglich auf . Abgerufen am 27. September 2026.) Siehe auch David Ketterer: The Rationale of Deception in Poe. Louisiana State University Press, Baton Rouge 1979, S. 20: „Poe intends attacking man’s misconception that the passing of time brings political, architectural, metaphysical, and scientific improvements by positing that historical knowledge of a bygone age is, if not totally inaccurate, at least severely limited.“ Online zugänglich auf . Abgerufen am 27. September 2026. Vgl. zusammenfassend Michael Williams: The Voice in the Text: Poe’s ‘Some Words with a Mummy.’ In: Poe Studies (1971–1985), Bd. 16, Heft 1, 1983, S. 1 und Anm. 1, S. 4.
Michael Williams sieht dagegen in Poes Erzählung vor allem eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie historische Wirklichkeit durch Sprache und Überlieferung vermittelbar ist. Ihm zufolge stellt die Stimme der wiederbelebten Mumie eine Art „Text“ dar, der über seine eigene Geschichte sprechen kann. Diese Stimme erreicht den Leser jedoch nicht unmittelbar: Allamistakeos Äußerungen müssen zunächst verstanden und übersetzt und danach durch den Erzähler schriftlich wiedergegeben werden. Damit bleibt auch die vermeintlich unmittelbare Stimme der Vergangenheit stets vermittelt. Die Erzählung thematisiert daher nach Williams die Problematik oder auch Unmöglichkeit, aus einem überlieferten Text eine ursprüngliche Bedeutung oder unverfälschte historische Stimme zu gewinnen. Auch Allamistakeos Erzählung von dem ägyptischen Geschichtsschreiber, dessen Werk im Lauf der Zeit durch Kommentare und Interpretationen überlagert wurde, erhält in diesem Zusammenhang ein besonderes Gewicht.Michael Williams: The Voice in the Text: Poe’s ‘Some Words with a Mummy.’ In: Poe Studies (1971–1985), Bd. 16, Heft 1, 1983, S. 2f.:„In sum, the tale identifies the revivification of the Mummy with the interpretive strategy of attempting to recover, to bring to "life"as it were, an originating, authenticating voice in a written text; its narrative frame, its punning texture, and the Mummy's own testimony mock the possibility of success.“
James Silk Buckingham war ein erfolgreicher britischer Reiseschriftsteller und Zeitgenosse Poes, ebenso der amerikanische Ägyptologe George Gliddon.
Deutsche Ausgaben (Auswahl) 1882: unbekannter Übersetzer: Die sprechende Mumie. Payne, Leipzig. 1896: unbekannter Übersetzer: Einige Worte mit einer Mumie. Hendel, Halle/Saale. um 1900: Johanna Möllenhoff: Eine kurze Unterredung mit einer Mumie. Reclams Universal-Bibliothek, Leipzig. 1901: Hedda Moeller: Gespräch mit einer Mumie. J.C.C. Bruns, Minden. 1918: Bernhard Bernson: Gespräch mit einer Mumie. Josef Singer, Straßburg. ca. 1920: Carl Wilhelm Neumann: Gespräch mit einer Mumie. Reclams Universal-Bibliothek, Leipzig 1922: Wolf Durian: Unterredung mit einer Mumie. Propyläen, München. 1922 1922: Hans Kauders: Kleines Gespräch mit einer Mumie. Rösl & Cie., München. ca. 1925: Bernhard Bernson: Gespräch mit einer Mumie. Josef Singer Verlag, Straßburg. ca. 1930: Fanny Fitting: Gespräch mit einer Mumie. Fikentscher, Leipzig. 1960: Christel und Helmut Wiemken: Kurzes Gespräch mit einer Mumie. Schünemann, Bremen. 1966: Arno Schmidt: Disput mit einer Mumie. Walter Verlag, Freiburg im Breisgau. 1989: Heide Steiner: Streitgespräch mit einer Mumie. Insel-Verlag, Leipzig, ISBN 3-7351-0115-1. 2020: Andreas Nohl: Streitgespräch mit einer Mumie. dtv, München, ISBN 978-3-423-28215-4.
Medien Gespräch mit einer Mumie heißt auch ein vom Lübbe Audio Verlag herausgebrachtes Hörspiel, das freilich mit Poes satirischer Kurzgeschichte praktisch nur noch den Titel gemein hat. Sprecher des Stückes sind u. a. Ulrich Pleitgen, Iris Berben und Gerald Schaale. Unter dem Titel Streit mit einer Mumie hat der Audiobuch-Verlag die Erzählung, von Andreas Fröhlich gelesen, als Hörbuch herausgebracht.
Sekundärliteratur (Auswahl) Zahra A. Hussein Ali: Toward Epistemic Competence: Poe’s Philosophical Discourse in ‘Some Words with a Mummy.’ In: The Edgar Allan Poe Review, Bd. 18, Heft 1, 2017, S. 15–38. David A. Long: Poe’s Political Identity: A Mummy Unswathed. In: Poe Studies/Dark Romanticism, Bd. 23, Heft 1, 1990, S. 1–22 Marcia D. Nichols: Poe’s ‘Some Words with a Mummy’ and Blackface Anatomy. In: Poe Studies, Bd. 48, 2015, S. 2–16. Michael Williams: The Voice in the Text: Poe’s ‘Some Words with a Mummy.’ In: Poe Studies (1971–1985), Bd. 16, Heft 1, 1983, S. 1–4.
Weblinks Übersetzung ins Deutsche von Hedda Eulenberg bei Haus Freiheit Englischer Originaltext https://www.der-hoerspiegel.de/magazin/Specials/poe_2007.html
Einzelnachweise
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:Werk von Edgar Allan Poe Kategorie:Satire Kategorie:Kurzgeschichte